[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Friedemann Schulz von Thun

"Bleiben Se Mensch, Herr Psychologe!"

Ach, wie bin ich froh, durch Selbsterfahrung, Encounter-Groups und themenzentrierte Interaktion, durch Kommunikationstrainings, Meditation und - gottlob - auch Gestalttherapie einen besseren Zugang zu mir selbst und zu meinen Mitmenschen gefunden zu haben! Früher habe ich einfach so dahingelebt, anderen nur mit halbem Ohr zugehört, eine normale Fassade von mir gezeigt - und bin einer wirklichen Begegnung mit mir selbst und anderen aus dem Weg gegangen!

Ich will aber auch folgendes nicht verschweigen: Seit ich auf dem Wege bin, kommt es zuweilen vor, daß mich mein persönliches Wachstum, mein Persönlichkeitsfortschritt von all jenen Mitmenschen entfernt, die noch nicht soweit sind.

So hatte ich neulich ein Rendezvous mit Maria, einem an sich wirklich netten Mädchen, das auf seine Art überaus natürlich ist. Wir saßen in einer Kneipe beim Bier, und sie plauderte fröhlich über dies und das. Allerdings waren die Inhalte etwas external und ich-fern. Ich horchte in mich hinein und merkte, daß ich mich von ihrer lebendigen Art mehr angerührt fühlte als von den Inhalten ihrer Erzählungen - und beschloß, ihr ein Feedback zu spenden.

Wie jeder weiß, bedarf es einiger Qualifikation, um ein Feedback richtig zu geben. Früher hätte ich wahrscheinlich gar nichts gesagt und ein anderes Thema angefangen - oder ich hätte ihr durch eine Du-Botschaft irgendeinen Stempel aufgedrückt und mich selbst herausgehalten mit meinen Gefühlen. Jetzt aber hatte ich die einschlägigen Feedback-Regeln im Kopf (es soll beschreibend und nicht wertend, ferner möglichst konkret sein, unmittelbar erfolgen und vor allem in der Ich-Form gegeben werden).

Natürlich habe ich diese Regeln weitgehend in meine Persönlichkeit integriert, so daß ich sie mir nicht einzeln aufsagen muß, bevor ich ein Feedback gebe. Dies nämlich würde meine Spontaneität um einiges behindern. So hatte ich denn auch ziemlich schnell die Formulierung auf der Zunge:

"Mich berührt sehr deine lebendige Art, aber Segelclubs und das alles interessieren mich weniger."

Fast wäre mir der Satz in dieser Uniform herausgerutscht, gottlob merkte ich im letzten Moment, daß die beiden Feedback-Teile durch das Spaltwort "aber" verbunden waren, wodurch bekanntlich der erste Teil entwertet wird. Getreu der Gestaltregel von Fritz Perls ersetzte ich im letzten Moment das "aber" durch ein "und". So fuhr es aus mir heraus:

"Mich berührt sehr deine lebendige Art, und Segelclubs und das alles interessieren mich weniger."

Wobei ich während des ersten Teils ("mich berührt sehr deine lebendige Art") gefühlte Nähe nonverbal durch leichte Aufnahme von Körperkontakt unterstrich.

Natürlich schaute sie etwas verwirrt - ich kenne und erwarte dies schon bei Menschen, die noch keine Selbsterfahrung und kein Training erlebt haben. So ist es mehr als verständlich, daß sie nicht vorbereitet sind, Dinge so direkt anzusprechen; auch Körperkontakt ist bei solchen Menschen noch ein großes Tabu. Es ist deswegen außerordentlich wichtig, sie nicht zu überfordern.

Ich konnte also nicht davon ausgehen, daß sie von sich aus nun ebenfalls ein Feedback nach den Regeln der Kunst zurückgeben würde. Um eine wirkliche Begegnung zu fördern, erlaubte ich mir daher eine kleine Intervention und fragte:

"Was macht das jetzt mit dir?" Etwas irritiert sagte sie: "Ja, was interessiert dich denn - ich mein, man kann doch nicht dauernd nur Tiefschürfendes reden!"

Da haben wir es! - durchfuhr es mich, da haben wir es, dieses anonyme "man", hinter dem sich doch wohl ganz persönliche Erfahrungen und Gefühle verbergen. Wie schon bei ihren externalen Gesprächsinhalten finden wir hier dieselbe Tendenz vor, nämlich die eigene Person herauszuhalten. Ich beschloß, ihr durch aktives Zuhören einen kleinen Dienst zu erweisen, ihr zu helfen, die hinter dem "man" verborgene Ich-Botschaft nach und nach ans Licht zu heben - steckt doch schließlich hinter einem "man kann nicht" in der Regel ein stark gefühlsbeladenes "ich will nicht"!

Erst wollte ich sagen: "Es fällt dir schwer, über Dinge zu sprechen, die dich persönlich berühren und die etwas tiefer gehen?" - doch dann, während ich schon ansetzte zu sprechen, folgte ich einer Eingebung und suchte, die Sache nicht ganz so drastisch auszudrücken, und benutzte einige Abschwächungen, um ihr eine nicht-defensive Auseinandersetzung zu erleichtern:

"Ist es ein bißchen so, daß es dir manchmal etwas leichter fällt, über Dinge zu reden, die ein klein wenig weiter wegliegen und dich persönlich nicht ganz so berühren?"

Sie runzelte die Stirn und fragte: "Sag mal, was meinste denn damit?"

Diesmal antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: "Du überlegst, was das sein könnte, und es fällt dir auf Anhieb nicht so recht was ein?"

Maria rückte mit ihrem Körper ab und nahm dabei ihre Hand unter der meinen heraus, so daß der von mir im Zusammenhang mit "Mich berührt sehr deine lebendige Art" herbeigeführte Körperkontakt wieder gelöst wurde. Ich selbst hatte die Stellung unserer Hände schon eine Zeitlang etwas versteift und "eingefroren" erlebt, als nicht mehr ganz so stimmig wie zum Zeitpunkt des Zustandekommens, hatte aber keine Möglichkeit gesehen, meine Hand wieder zu entfernen, ohne womöglich den fälschlichen Eindruck der Ablehnung ihrer Person zu hinterlassen.

Sie sagte: "Also manchmal spinnst du ein bißchen!"

Das war nun reine Abwehr, noch dazu in Form einer Du-Botschaft. Aber man muß sich immer vor Augen halten, daß Maria nicht darin geübt ist, über persönliche emotionale, vielleicht unliebsame Erfahrungsinhalte zu sprechen. So ist dieses Verhalten als Verteidigung in einer vermeintlichen Notlage nur allzu verständlich. Auch kam mir zum Bewußtsein, daß ich durch mein einfühlendes Verstehen in den letzten Äußerungen vielleicht eine Spur zu "therapeutisch" gewirkt habe - so daß sie sich auf der Beziehungsebene womöglich wie ein Patient behandelt gefühlt haben mag.

Nun stand ich am Scheidewege: Sollte ich durch Metakommunikation die Störung ansprechen und eine Beziehungsklärung anstreben? Oder sollte ich ein Stück Selbsteinbringung realisieren, also ganz als Mensch von mir selbst sprechen und so ein Modell sein für Selbstöffnung, um es ihr zu erleichtern, sich ebenfalls ein wenig zu offenbaren?

Ich entschied mich für letzteres. Schon aus dem Grunde, weil ich mich am wohlsten fühle, wenn ich ganz ich selbst sein kann.

Also sagte ich: "Weißt du, mir geht es selber manchmal so, daß ich so alles mögliche rede, so oberflächliches Zeug, was mit mir selbst gar nichts zu tun hat - vielleicht weil ich irgendwie Angst habe, wenn ich zuviel von mir persönlich erzähle, dann werde ich vielleicht abgelehnt."

Da sie nichts sagte, fuhr ich fort und setzte gleichsam noch einen I-Punkt auf das Vorherige: "... oder daß ich mich vielleicht sogar selbst ablehne!"

Obwohl ich unwillkürlich ein ganz ernstes Gesicht und einen bedeutungsvollen Ausdruck bekam, zuckte Maria nur mit den Schultern und sagte: "Das ist doch normal - noch ein Bier? Ich muß auch bald gehen."

Irgendwie fühlte ich mich nicht ganz angenommen, fand ihre Reaktion etwas undankbar angesichts meiner Selbstoffenbarungsleistung. Immerhin hatte ich doch ziemlich viel von mir preisgegeben.

Wegen dieses Gefühls und weil es mir schien, daß sie etwas von der Lebendigkeit verloren hatte, die ich anfangs an ihr schätzte, hielt ich es jetzt an der Zeit, die Ebene zu wechseln und durch Metakommunikation an der Störung zu arbeiten:

"Weißt du - mir fällt es nicht ganz leicht, das jetzt auszusprechen, und ich merk, wie ich mir einen kleinen Ruck dazu geben muß -, also ich möchte mal ansprechen, wie wir hier miteinander reden, also wie ich das erlebe: Ich fühle irgendwie eine unsichtbare Wand zwischen uns und daß ich immer dagegen anrenne und dich nicht wirklich erreiche - verstehst du? Ich höre zwar mit den Ohren, was du sagst, aber ich spüre nicht richtig etwas von dir ..."

An dieser Stelle passierte etwas Unglaubliches. Ohne jede Vorankündigung griff Maria plötzlich zu ihrem Glas - und goß mir mit Schwung ihr ganzes Bier aufs Hemd. Und lachte etwas albern und sagte: "Damit du mal was von mir spürst, haha!"

Und stand auf, um zu gehen.

Es gab in meinem neuen Leben kaum einen Augenblick, wo ich so sehr wie jetzt in Versuchung war, in mein altes Verhalten zurückzufallen. Früher hätte ich wohl gebrüllt und mit "Du widerliche Sau!" eine rüde Du-Botschaft ausgestoßen. Natürlich weiß ich heute, daß ich durch ein derartiges Verhalten nur etwas Herabsetzendes über sie sagen würde und dabei ganz im unklaren ließe, was denn überhaupt in mir vorgeht.

Da mir nach Metakommunikation und Verständnis im Augenblick überhaupt nicht zumute war - man bedenke das widerwärtig nasse Hemd auf der Haut - und da ich auch und gerade als Psychologe zu meinen Gefühlen im Hier und Jetzt stehen möchte, entschloß ich mich zur sofortigen Echtheit und sagte ganz spontan mit lauter Stimme, ohne dabei im mindesten zu lächeln: "Ich bin jetzt sehr wütend, Maria!"

Da Maria wortlos ging (Aggressions- und Fluchttendenzen sind typische Reaktionen auf Situationen, in denen man sich unzulänglich fühlt), war es mir nicht mehr möglich, meine Störung anzumelden und hilfreich auf sie einzugehen. Ich fühle, daß noch etwas Unerledigtes zwischen uns ist, und wir werden daran beim nächstenmal wohl arbeiten müssen. Auch nahm ich mir vor, die Sache in meiner Supervisionsgruppe vorzutragen, um meinen eigenen Anteil an dem Geschehen zu klären (hatte sie mich nicht doch an der einen Stelle an meine Mutter erinnert?).

Jedenfalls zeigt die Geschichte sehr deutlich, wie schwierig sich die Kommunikation mit jemandem gestaltet, der noch nicht so weit ist, dem das seelische Rüstzeug für eine wirkliche Begegnung noch fehlt.

Friedemann Schulz von Thun ist am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg Professor für Beratung und Training sowie dem eigenen Schwerpunkt Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation. Der Lehrstuhl wird 2009 nach seiner Emeritierung aufgegeben. Schulz von Thun hingegen wird weiter an seinem 2007 gegründeten Schulz von Thun Institut für Kommunikation lehren. Seit Beginn der 70er Jahre leitete der Hamburger Kurse für Lehrer und Führungskräfte. Die von ihm entwickelten Modelle zur Kommunikation und Hilfen für die Praxis sind in den Büchern der Reihe "Miteinander reden" zusammengefasst.

 

Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 1
Copyright (c) 1981 by Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek.
Mit Erlaubnis des Autors und des Verlages.

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