Angst bei Kindern

Die verschiedenen Formen der Angst differenzieren sich im Laufe des Lebens, wobei Ängste den Menschen seit der Geburt begleiten, möglicherweise sogar schon vorgeburtliche Wurzeln bzw. Entwicklungen haben. Fünf entwicklungsbedingte Angstformen begleiten Menschen ein Leben lang: die Körperkontaktverlustangst, die Achtmonatsangst und die Trennungsangst sind die Ängste, die bis zum dritten Lebensjahr maßgeblich sind. Um das dritte Lebensjahr kommt es zur Ausbildung der Vernichtungsangst. Zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr dann außerdem zur Entwicklung des Todesangst. Als Eltern kann man die Ausbildung dieser Ängste nicht verhindern, man kann aber das Kind bei der Angstverarbeitung unterstützen und ihm Sicherheit geben.

Im ersten Lebensjahr sind plötzliche, laute Geräusche, Schmerz, das Gefühl zu fallen, Blitze und Schatten angeborene Reize für Angstreaktionen. Als "lebenserhaltende" Reaktion schreit das Kind, wendet sein Gesicht ab und klammert sich an die Mutter.

In der beobachtbaren kindlichen Entwicklung treten am frühesten Separationsängste (Trennungsängste und Verlustängste) bei Kindern auf. Mit der Vergrößerung des Wahrnehmungsbereiches ergeben sich auch zusätzliche Angstreize. Die ersten sichtbaren Furchtreaktionen zeigen sich im 4. bis 6. Monat, das bekannte Fremdeln tritt etwa im 8. Monat auf ("Acht-Monats-Angst"), nachdem nun vom Kind erst zwischen "fremd" und "vertraut" unterschieden werden kann. Das Kind weint, wenn es etwa die Bezugsperson nicht mehr sieht. Die Trennungsangst wird besonders stark im Dunkeln und beim Alleinsein (Einschlafschwierigkeiten, Schlafstörungen, nächtliche Angstattacken). Nach Freud ist die Trennungsangst der Schlüssel für alle neurotischen Ängste. Nach Bolwby ist die Trennung von der geliebten Person oder deren Verlust der möglicher Schlüssel für alltägliche Ängste des Kindes.

Im zweiten Lebensjahr kommen die Angst vor der Dunkelheit, die Angst vor Alpträumen, Räubern und Tod, die Angst vor Tieren und die Angst vor unbekannten Objekten, Situationen und Personen hinzu. Die Reaktionen sind auch hier Schreien, Anklammern an Bezugspersonen, Abwenden, Weglaufen, Suchen nach Sicherheit und sprachliche Mitteilung. Das Kind zeigt nun ein gezieltes Vermeiden der Angstreize und Unterdrücken der Angstreaktion; es gibt vor, keine Angst zu haben, obwohl sein mimischer Ausdruck seine Gefühle verrät. Im vierten bis fünften Lebensjahr zeigen Kinder Angst bei Anzeichen der Furcht bei anderen, bei Bedrohung, Verletzung, Unfall und Feuer. Im Vorschulalter kommt es manchmal zu einem plötzlichen Auftreten von Gefühlen, die jedoch nur eine kurze Dauer haben, aber dafür äußern sie sich mit voller Intensität und die Gefühle wechseln innerhalb von Minuten.

Hat das Kind schon einen gewissen Grad an Autonomie erlangt, dominiert die Angst davor, die Zuneigung der Eltern verlieren zu können. Nach und nach kommt die Angst vor Strafe dazu. Darüber hinaus verinnerlicht das Kind im Laufe der Entwicklung die Forderungen der Eltern und die sozialen Regeln. So entsteht das Über-Ich als innere Kontrollinstanz, die eine weitere Quelle der Angst darstellt und zwar der "Gewissensangst".

Aus der inzwischen entwickelten Fähigkeit des Kindes, Zeitlichkeit und Begrenztheit zu erfassen, entsteht die vielzitierte "Kastrationsangst", die die Erkenntnis ausdrückt, daß man das was man hat, auch wieder verlieren kann. Darüber hinaus ist der Körper schon in Ansätzen sexualisiert, und diese Tatsache macht die Angst vor Beschädigung des Körpers verständlich.

Bei Krankenhausaufenthalt stellt sich die Angst vor einer Trennung von der Familie ein.

Angst vor Liebesverlust tritt häufig auf, wenn das Kind eine Schwester oder einen Bruder bekommt.

Kindergarten- und Schulangst beruht teilweise auf wiederbelebter Trennungsangst von geliebten Personen und vertrauter Umgebung.

Umweltangst: Kleinkinder können Umwelt nur entsprechend ihrer allmählich sich entwickelnden Fähigkeiten begreifen; vieles bleibt unverständlich und erregt dadurch Angst, z.B. unbekannte Geräusche, Donner, Wasserspülung, Wasser, dunkle Farben; Veränderungen der gewohnten Raumordnung (z.B. umgestellte Möbel); Umzug in eine andere Wohnung, Stadt, Angst auf Reisen

Magisches Alter: Ab 3 Jahren haben Kinder oft Angst vor unbekannten Menschen, auch vor Tieren, bösen Menschen, Einbrechern, etc. Sie fürchten sich aber auch vor den Figuren aus Filmen oder Büchern; vor Gespenstern, Geistern, Hexen. Oft werden sie von bösen Träumen und Phantasien verfolgt (auch im Schulalter noch Furcht vor dem Keller, dem Dachboden, daß jemand unter dem Bett oder im Kasten versteckt ist, vor Schatten).

Sozialisationsangst tritt im Kindergarten- und Schulalter auf. Angst vor dem Zusammensein mit vielen fremden Personen, mit Gleichaltrigen, vor Kindergärtnerin oder Lehrern. Kinder haben Angst davor, gerügt zu werden, bzw. davor ausgelacht oder verspottet zu werden.

Scheidung: Das Kleinkind hat große Angst, weil es noch völlig abhängig von den Eltern ist und die Welt aus egozentrischer Perspektive sieht. Führt oft zu Alpträumen, Aggressionen, schweren Schuldgefühlen, Trotzreaktionen, Regressionen. Erst im Volksschulalter gibt es ein erstes Verständnis für Motive der Eltern; trotzdem große Trauer und großer Wunsch nach Wiedervereinigung der Eltern. Schwere Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls der Kinder, weil sie der Scheidung machtlos gegenüberstehen. Depressionen können auftreten. Es wächst aber auch die Fähigkeit, sich der eigenen Gefühle bewußt zu werden und die Probleme sachlicher zu betrachten.

Realangst wird von vielen Autoren erst mit 9./10. Lebensjahr angesetzt; Voraussetzung ist,daß die kognitive Entwicklung ist so weit fortgeschritten, daß Kind sich mit den Tatsachen auseinandersetzen kann, die ihm vorher verschwiegen wurden, z.B. Sexualität, Gewalt, Tod; Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, Hunger, Atomkrieg, u.a. Die meisten Kinder werden aber schon viel früher durch die Medien mit diesen Problembereichen konfrontiert.

Entwicklungspsychologisch typische Ängste

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß Kinder schon immer Alpträume gehabt haben. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich jedoch die Traumbilder verändert. So war in den 20er Jahren der "schwarze Mann" die häufigste bedrohliche Traumfigur. Heute werden zu 25% Monster, wie beispielsweise Horrorfilmgestalten, und zu 18% Dinosaurier und Tiere als bedrohliche Figuren angesehen. Die Angst vor anderen Menschen wird in 57% der Fälle genannt.
Quelle:
Fliegel, Steffen (1998). Alpträume bei Kindern.
WWW: http://www.wdr.de/ (02-11-15)

 

Siehe dazu auch
Depressionen und Suizidalität im Kindes- und Jugendalter

 

Kinder durchlaufen verschiedene Entwicklungsphasen, in denen sie besonders labil und anfällig für Nachtängste sind. Alpträume und Nachtängste können bereits im zweiten Lebensjahr auftreten, wobei sich Kinder mit starken Nachtängsten gegebenenfalls gegen das Einschlafen wehren, auch wenn große Müdigkeit vorhanden ist. Sie verzögern mit vielen Fragen das Entfernen der Eltern oder anderer Personen, bitten um etwas zu Trinken, möchten die Tür offenhalten oder bei Licht schlafen. Das in den Schlaf Fallen kann für das Kind die Aufgabe des Sicherheitsgefühls und das Eintauchen in eine unbekannte Welt mit Bedrohungen oder Einsamkeit darstellen. Dies ist vermehrt bei Kindern der Fall, die

  • Angst haben müssen, verlassen zu werden (real oder weil Mutter/Vater selbst diese Angst hat, darüber spricht, oder weil die Phantasie darüber besteht),
  • Angst haben, sich selbst überlassen zu werden (real oder weil Eltern diesbezüglich Schuldgefühle äußern).
  • häufig am Tag mit Gewalt und Bedrohungen konfrontiert werden (real oder z. B. im Fernsehen).

Die Ängste werden stärker, wenn das Kind für sie bestraft oder verspottet wird, oder wenn es dafür übermäßig viel Zuwendung erfährt. Die häufigste Form von Alpträumen resultiert aus ängstigenden Erlebnissen des Tages. In der Regel nehmen Alpträume im Schulalter hinsichtlich der Häufigkeit ab. Es treten dann eher Einschlafstörungen bzw. Durchschlafstörungen in den Vordergrund. Häufige Alpträume können wie auch sonstige Schlafstörungen aus Beziehungsproblemen innerhalb der Familie resultieren, aus Leistungsstörungen, aus Überforderungen oder auch durch belastende Erlebnisse.

Eltern sollten sich jeder Bewertung enthalten, denn die Gründe für Ängste sind für Kinder immer sehr real, auch wenn sie für Erwachsene vielleicht harmlos erscheinen. Das Monster im Schrank macht genauso viel Angst wie der große Hund auf der Straße oder ein rabiates Kind in der Kindergartengruppe. Ob objektiv eine Gefahr droht, spielt keine Rolle, denn alleine zählt, dass sie subjektiv vom Kind so empfunden wird. Daher lautet die Grundregel, die Angst des Kindes genauso ernst zu nehmen, denn ein Verharmlosen erreicht das Kind nicht.

Ob die Medien Alpträume verursachen oder nur die Traumbilder liefern, ist nicht ganz geklärt. Auf jeden Fall wirkt der starke Konsum von beispielsweise Gewaltfilmen alptraumverstärkend.

Alpträume können aufgrund von tagsüber erlebten Ängsten entstehen wie auch normale Reifungsprozesse beim Kind begleiten. Je älter das Kind wird, desto mehr lernt es, mit seinem Ängsten umzugehen. So ist auch zu erklären, daß die Alptraumhäufigkeit mit zunehmendem Kindesalter abnimmt. Alpträume werden als furchterregende, lebhafte Angstträume mit Verfolgung oder Bedrohung bezeichnet, an die sich der Träumer, wenn er davon aufwacht, detailliert erinnern kann. Diese Angstträume treten vor allem im letzten Drittel einer Nacht auf und finden nicht im Tiefschlaf statt. Praktisch jeder hat irgendwann in seinem Leben einmal einen Alptraum. Im Kindesalter werden sie häufiger beobachtet, zum Beispiel auch nach oder in Fieberschüben. Im allgemeinen sind gelegentliche Alpträume zwar unangenehm, aber in der Regel kein Grund zur Besorgnis. Treten Alpträume gehäuft auf, sind sie oft mit Einschlafstörungen oder Durchschlafstörungen verbunden. Von dauerhaften Alpträumen werden besonders Menschen geplagt, die ein furchtbares traumatisches Ereignis erlebten, das außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrungen liegt. Dazu gehören Vergewaltigung, Naturkatastrophen, Folterungen oder Konzentrationslagerhaft. Bei diesen Patienten wiederholt sich das traumatisch erlebte Ereignis, das im realen Leben nicht verarbeitet werden konnte, als immer wiederkehrender Alptraum.

Zu Nachtängsten gehört angstvolles nächtliches Aufschrecken, das oft mit Wimmern oder einem gellenden Schrei beginnt. Vor Beginn der Pubertät kommt es bei 1-6% der Kinder vor. Eine Häufung findet sich im Alter zwischen 5 und 7 Jahren.Im Anschluss an diesen lauten Schrei befinden sich die Betroffenen in einem massiven Angstzustand. Sie richten sich im Bett auf, haben einen ängstlichen Gesichtsausdruck, die Pupillen sind weit gestellt, die Atmung ist beschleunigt und das Herz rast. Oft wiederholen sich bestimmte Bewegungen und auch wildes Gestikulieren tritt auf. In diesem Zustand reagieren die Kinder nicht auf Zuspruch und Beruhigung durch die Eltern. Nach 5 - 10 Minuten klingt dieser Zustand wieder ab, und eine Erinnerung an diesen Zustand besteht am nächsten Morgen nicht. Nachtängste treten (es gibt einen Zusammenhang mit Schlafwandeln) immer im ersten Drittel der Nacht aus dem Tiefschlaf heraus auf. Anders als bei alptraumgeplagten Kindern berichten Kinder, die von Nachtängsten verfolgt werden, praktisch nie über Träume. Gelegentliche Nachtängste im Kindesalter sind harmlos, und die Eltern sollten auch über die Harmlosigkeit aufgeklärt werden. Man sollte darauf achten, daß die Kinder feste Schlafzeiten erhalten und nicht unter Schlafdruck geraten, indem sie abends spät ins Bett gehen. Sind Kinder mit Nachtängsten auch tagsüber sehr ängstlich, so empfiehlt es sich, zusammen mit den Eltern eine psychotherapeutische Beratung oder Behandlung aufzusuchen.

Eltern sollten unterscheiden, ob ihr Kind tatsächlich unter einem Alptraum oder einem Nachtschreck (Nachtangst) leidet. Nach einem Nachtschreck können Eltern nicht viel anderes tun, als bei ihm zu bleiben, vielleicht ein gedämpftes Licht anzustellen und zu warten. Wichtig ist, dass sie selbst nicht unruhig werden und nicht versuchen, das Kind wachzurütteln.Das Kind kann es gut haben, gestreichelt zu werden, denn nach 10 Minuten schläft es meist von selbst wieder ein.

Bei nächtlichen Angst- oder Panikattacken (Pavor Nocturnus) sollten Eltern ihr Kind besser nicht aufwecken, denn sie sind keine "normalen" Alpträume. Er tritt meist in der Tiefschlafphase vor Mitternacht auf und steht vermutlich mit Reifungsprozessen des Gehirns in Zusammenhang. Das Kind schreit dabei meist laut, hat die Augen offen, ist aber nicht wach und nicht ansprechbar. Die Eltern sollten dann nur dafür sorgen, dass es sich während des Vorfalls nicht verletzen kann. Treten diese Attacken sehr häufig auf oder noch nach dem sechsten Lebensjahr, sollte man einen Kinderarzt zu Rate ziehen.

Gezielter kann man im Fall von Alpträumen helfen. Wichtig ist zu wissen, daß jede übertriebene Reaktion von Zuwendung und Zärtlichkeit die Angst verstärken kann. Es ist wichtig, ruhig zu bleiben, gedämpft zu sprechen, denn schließlich ist es ja Nacht und das Kind soll wieder einschlafen. Gegebenenfalls kann ein Glas zimmerwarmes Wasser helfen, wenn das Kind nach einem gemeinsamen Gespräch ein paar Schlucke zu sich nimmt. Manchmal wirkt der Satz "Ich bin ja bei Dir" Wunder. Die Dämonen des Traums sind gegen die beschützenden Eltern wehrlos. Man sollte auch auf Phantasie und Geduld setzen, um näher an die Ursprünge der Angst des Kindes zu kommen. Gemeinsam mit dem Kind lassen sich Strategien entwickeln, wie man gegen das Unheimliche in der Dunkelheit angehen kann. So läßt man sich das Monster im Schrank beschreiben oder malen, denn Kinder wollen der Angst ein Gesicht geben. Manchmal hilft es schon, einfach einen Drachen vor das Monster zu malen, der es von nun an nicht mehr ins Kinderzimmer lässt. Gerade bei irrealen Kinderängsten haben Kinder häufig selber die besten Ideen, was zu tun ist. So kann man dem Kind Vertrauen in eigene Lösungswege geben ihm das Gefühl vermitteln, aus sich selbst heraus stark und mutig zu sein. Man braucht dabei Gedult und sollte nicht auf eine schnelle Wirkung setzen.

Kinder halten ihre Eltern für ungeheuer mächtig. Das Kind braucht die Bestätigung, daß es große Angst gehabt hat, diese Angst darf ihm nicht ausgeredet werden. Das Kind kann mit dem Lieblingsspielzeug getröstet werden. Dem Kind sollte versprochen werden, daß es am nächsten Morgen über den Traum und seine schlimme Angst sprechen kann. Es ist auch möglich, daß das Kind den Eltern den Traum erzählt und die einen guten Schluß dranhängen. Wenn das Kind Angst vor der Dunkelheit hat, nutzt es oft, wenn es eine Taschenlampe neben dem Bett liegen hat.

Schlafängstliche Kinder sollen keinesfalls bestraft, ausgeschimpft oder verspottet werden. Auch das regelmäßige Sitzen am Bett und das Nachgeben bei allen Wünschen des Kindes ist problematisch. Eltern sollten ihre Kinder nicht deshalb regelmäßig mit in ihr Bett nehmen, weil es sich vor seinem eigenen Bett fürchtet. Sollte das Kind immer wieder die Nähe zu den Eltern suchen und das eigene Zimmer und das eigene Bett aus Angst vermeiden, ist es ggf. wichtig, das Kind zunehmend an das Schlafen im eigenen Bett zu gewöhnen: Eltern im Nebenzimmer, Tür offen, Licht an, Tür zu usw. Dabei muß das Kind das Gefühl behalten, nicht einsam zu sein, verlassen zu werden und die Eltern als wichtige Bezugspersonen zu behalten. Sollte das Kind vielleicht auch weinen, muss es auch hier das Gefühl behalten, daß jemand in der Nähe ist. Vorgebeugt werden kann dem Nachtschreck oder den Alpträumen nur sehr begrenzt, z.B. durch Wärme und Zuwendung als Hilfe beim Einschlafen.

Eltern sollten sich bei nächtlichen Angstzuständen ihrer Kinder nicht selbst ängstigen und wissen, daß dies meist vorübergehender Natur ist.

Kehren solche Nachtängste oder Alpträume immer wieder, ist gegebenenfalls die professionelle Hilfe in der Erziehungsberatungsstelle oder in der Kinder- und Jugendpsychotherapeutischen Praxis sinnvoll. Dies sollte dann in Betracht gezogen werden, wenn die nächtlichen Attacken über Wochen hinweg ständig wiederkehren und das Kind auch tagsüber unglücklich wirkt. Dann liegt den nächtlichen Ängsten ein anderes Problem zugrunde, die Angst hat sich verfestigt und muß behandelt werden.

Nachtängste (pavor nocturnus) und Alpträume

Quellen:
Fliegel, Steffen (1998). Alpträume bei Kindern.
WWW: http://www.wdr.de/ (02-11-15)

Weiterführende Literatur:
Rogge, Jan-Uwe (2004). Ängste machen Kinder stark. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
Kahn, Andre (2003): Die Schlafschule. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Tiefenpsychologische Erklärung: Grund für Angstanfälle ist häufig ein Konflikt zwischen verdrängtem motorisch-aggressiven Impulsen und Triebregungen und dem Bemühen des Kindes um Folgsamkeit und Anpassung.

Psychoanalytische Erklärung: Angstneurosen beruhen auf Verdrängungsprozessen: Das "Ich" fühlt sich von einer libidinösen Triebregung aus dem "Es" bedroht und ist nicht stark genug, diese zu verarbeiten (d.h. mit den Ansprüchen des "Über-Ich" in Einklang zu bringen). Das führt dazu, daß die Triebregung verdrängt wird. Angst fungiert dabei als Gefahrensignal und wird durch Wahrnehmung einer potentiellen oder inneren Gefahr ausgelöst. Ängste sind weitgehend unbewußt und lassen sich erst im therapeutischen Prozeß erschließen, haben aber nicht im eigentlichen Sinne Symptomcharakter, sondern sind Bestandteil der inner-psychischen Regulationsmechanismen.

Entstehen Angstsymptome, ist es zwar weiterhin gelungen, die Inhalte der Bedürfnisse verdrängt zu halten, doch dringt der körperliche Erregungsanteil in das Bewußtsein. Angst kann man in diesem Verständnis als Druck der ungelebten Möglichkeiten bezeichnen. Angst kann aber auch Ausdruck eines Autonomie-Abhängigkeitskonfliktes sein. Das Ausleben dieses Konfliktes bedeutet Neues, d.h. Veränderung. Besonders ausgeprägt ist diese Angst bei Menschen, die große Angst davor haben, Bezugspersonen zu verlieren, daher extrem nach Sicherheit streben. Das Streben nach Autonomie ist dann begleitet von Verlustangst. Das Angstsymptom bildet einen Kompromiß: die erregte Seite manifestiert sich im körperlichen Symptom und die ängstigenden Phantasien in den Befürchtungen. Gleichzeitig sichert die Hilflosigkeit des Angstkranken die bestehenden Bindungen, da sich die ihm nahestehenden Personen um den Hilfsbedürftigen kümmern müssen.

Beispiel: Man stelle sich ein Kind vor, das starke Angst vor dem Verlust einer wichtigen Person hat. Diese Angst kann zu Verdrängung von eigenen, als schlecht empfundenen Impulsen führen, die die wichtige Person veranlassen könnte, sich von ihnen abzuwenden. Wird die Verdrängung gelockert, wird auch die Angst wieder spürbar. Hier sind unterschiedliche Formen der Angst denkbar: z.B. Angst vor der eigenen Triebhaftigkeit, der Angst vor Kontrollverlust, usw.

Angstprävention: Vermeidung von angstauslösenden Situationen in der Erziehung (bekommt ein Kind z.B. Bilderbuch mit Darstellung einer Angstsituation, müssen gleichzeitig Bewältigungsstrategien angeboten werden, um diese Angst auszuräumen).

Erklärungen für kindliche Angst

Eine für die Entwicklung wichtige Rolle haben Ängst und Furcht insofern, als sie helfen, ein Gefahrenbewusstsein zu entwickeln, denn Kleinkinder haben noch kein direktes Gefahrenbewusstsein. Damit sie ein solches Bewusstsein entwickeln, müssen sie in gewissem Ausmaß Angst und Schmerz erleben dürfen. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihre Kinder nicht in Watte packen, sondern ihnen ermöglichen, überschaubare Risiken zu bewältigen. Dazu gehöre etwa auf einer Mauer zu balancieren oder allmählich alleine eine Straße zu überqueren. Gleichzeitig sind aber Regeln und Verbote notwendig, die aber den Kindern immer erklärt werden sollten. Erst ab zehn Jahren entwickeln Kinder ein stabiles eigenes Gefahrenbewusstsein.

Angst und Gefahr - die Entwicklung eines Gefahrenbewusstseins

Angstverarbeitungsstrategien sind Verhaltensweisen, die eingesetzt werden, um das unangenehme Gefühl der Angst zu vermeiden oder zu reduzieren. Angst kann bewältigt werden durch adäquate Angstverarbeitsungsstrategien. Angstbewältigung ist ein Sonderfall des Coping (Fähigkeit des Menschen, mit Problemen fertig zu werden).

Ausleben von Emotionen wie z.B. Weinen, Streiten, Dampf ablassen

Vermeidungsstrategien sind ein sehr weitverbreitetes Coping-Verhalten = Flucht und Vermeidung der Auseinandersetzung mit der Angst, z.B. sich Einigeln, Alleinsein-Wollen, sich ins Bett legen, grübeln,...

Aktive Angstbewältigungsstrategien: z.B. die Ursache des Problems finden oder mit anderen Menschen darüber reden

Selbstkontrolle: z.B. sich Zusammenreißen, sich mit dem Angstauslöser aktiv auseinandersetzen

Freiwillige Konfrontation mit dem Angstauslöser: Dieses Verhaltensmodell bewirkt Stärkung des Selbstwertgefühls des Kindes; Gefühl der Tüchtigkeit und des Stolzes auf die eigene Willensanstrengung

Auftreten einer Phantasiefigur: Durch eine Phantasiefigur, mit der sich Kind identifizieren kann, wird Ich des ängstlichen Kindes gestärkt. Sind freundliche, emphatische Menschen, die Kinderängste ernst nehmen und mittels ausgedachter Schutz-Figuren Ich-Stärke des Kindes so lange unterstützen, bis diese es nicht mehr brauchen.

Konfrontation mit dem Angstauslöser unter dem Schutz von ausgedachten Figuren.

Identifikation mit dem Stärkeren: Identifikation mit dem Starken, Mächtigen, Erfolgreichen = sehr beliebt

Projektion der Angst nach außen: Wenn eigne Angst so stark wird, daß das eigene Ich zu sehr bedroht wird -> Abwehrmechanismus der Projektion tritt in Kraft: die eigenen unangenehmen Gefühle werden nach außen, in eine andere Person verlegt, an der man sie dann abwehren kann

Unfreiwillige Konfrontation mit der Angst wird in Verhaltenstherapie oft angewandt (Konfrontationsmethode). Klient wird mit Angstauslöser konfrontiert, ohne die Möglichkeit zur Flucht zu haben oder den Angstauslöser abzuwehren = Reizüberflutung mit gleichzeitiger Reaktionsblockade -> erhöhte Erregung, die nach bestimmter Zeit abnimmt. Wird nur bei massiven Angstproblemen angewandt, die auf schonendere Methoden nicht ansprechen. Durch abrupte Konfrontation mit der Angst kommt es zu einer Abreaktion, zu emotionaler Erschöpfung, daneben aber auch zum ersten Mal zu Angstwahrnehmung, die früher nicht möglich war, weil Patient immer sofort Vermeidungsreaktion durchführte. Manche warnen davor, diese Methode bei Kindern anzuwenden, weil sie dadurch an ihre emotionale Belastungsgrenze geführt werden. Da Erfolg nicht immer eintritt, ist Risiko zu hoch. Erwachsene können hingegen selbständig entscheiden, ob sie mit dieser Methode arbeiten wollen.

Angstmachgeschichten: Angst wird als Erziehungsmittel verwendet, oder die Ängste von Erwachsenen werden an die Kinder herangetragen (z.B. Struwwelpeter, Hadschi Bratschis Luftballon)

Wie können Angstbilderbücher helfen?

  • Angstgeschichte als Auslöser für Diskussion, als kommunikative Hilfe über die Probleme, die hinter der Angst stehen zu sprechen (Angstträume, Schulangst, sexueller Mißbrauch)
  • um möglichen Ängsten präventiv zu begegnen (z.B. Krankenhaus, Tod)
  • um traumatische Situationen zu verarbeiten (z.B. Tod, Fernseheindrücke, Krieg, Gewalt, Umweltzerstörung)
  • um Selbstwertgefühl von ängstlichen Kindern zu stärken -> erfolgreiches Verhalten der iguren im Buch als Identifikationsmodelle
  • Angstgeschichten können auch in Bibliotherapie verwendet werden

Anteilnahme und Betreuung durch Erwachsene ist bei Büchern, die Angst darstellen aber unbedingt erforderlich

Wichtig ist ein positiver Schluß des Buches: erfolgreiche Angst durch die Hauptfigur soll dem Leser Mut und Selbstvertrauen zur Bewältigung der eigenen Ängste geben!

Angstverarbeitungs-
strategien bei Kindern,
Angstbilderbücher

 

Einige konkrete Buchtipps finden sich auf der site
Angst bei Kindern
http://www.beebie.de/service/
entwicklung/angst_bei_kindern.htm (03-06-08)

Kagan fand Anfang der 80er, daß kindliche Schüchternheit zu einem der stabilsten Merkmale zählt. So heiraten ehemals schüchterne Kinder später und sind auch emotional von ihren Ehepartnern abhängiger. In einer Studie, die Kagan zusammen mit Reznick und Snidmann (1987, 1988) durchführte, kam er zu folgendem Schluß: 75% der Kinder, die mit 21 Monaten gehemmt bzw. ungehemmt waren, waren dies auch noch mit 7,5 Jahren.

Bell, Weller und Waldorp führten 1971 eine Untersuchung zur Umkehrung des Aktivitätsniveaus bei Kindern durch. Dabei zeigte sich, daß sehr aktive und in ihrem Verhalten heftige Neugeborene sich im Vorschulalter eher passiv und zurückhaltend verhalten. LaGrasse, Gruber und Lipsitt untersuchten 1989 die Erhöhung der Saugrate von Säuglingen durch die Beimenung von Süßstoff. Säuglinge, die dabei die Saugrate überdurchschnittlich erhöhten, entwickelten sich in weiterer Folge zu eher gehemmten Kindern. Auf der anderen Seite entwickelten sich diejenigen Säuglinge die ihre Saugrate nur unterdurchschnittlich erhöhten zu eher ungehemmten Kindern.

Kagan und Snidmann führten 1991 eine Untersuchung mit 100 4 Monate alten Kindern durch, welche auf ihre Reaktion auf Reize getestet wurden. Hoch reaktive Kinder (solche mit ausgeprägtem Schreiverhalten und hoher motorischer Aktivität) entwickelten sich eher zu nicht explorativen, ängstlichen Kindern. Niedrig reaktive hingegen zeigten sich explorativ und wenig ängstlich. Dies konnte in weiteren Studien bis zum Schulalter bestätigt werden.

Kagan, Snidmann, Zentner und Peterson stellten 1999 in einer Studie fest, daß hoch reaktive Kinder mit einem erhöten Risiko im Schulalter unter Angststörungen zu leiden haben. Thomas und Chess fanden in einer 1977 durchgeführten Studie, daß besonders schüchterne Kinder zur Entwicklung von Symptomem neigen.

Stabilität von Temperament und Emotionen

Eine umfangreiche und qualitativ hochwertige Zusammenstellung psychologischen Wissens zum Thema Angst - insbesondere auch im Bereich der Angst bei Kindern und Jugendlichen findet sich auf der ausgezeichneten site von Hans Morschitzky
http://www.panikattacken.at/, auf die sich dieses Arbeitsblatt teilweise stützt.

Linkempfehlung

Literatur:
http://gd.tuwien.ac.at/uni/skripten/skriptenforum/psychologie/skripten/PS_Epsy_Hartmann-SS99.doc (02-08-04)
http://www.panikattacken.at/angststoerungen/angst.htm (02-08-05)
http://www.kjp.uni-marburg.de/fff/NO07.HTM (01-09-05)
Schröder, H. (1980). Schulangst. In Arnold, W., Eysenck, H. J. & Meili, R. (Hrsg.), Lexikon der Psychologie. Freiburg: Herder.

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