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Verhaltenstherapie - Was ist das?

Eine bedeutende Rolle - auch in der europäischen Psychologie - spielt die aus den Grundannahmen des Behaviorismus abgeleitete Verhaltenstherapie. Die Entstehung der Verhaltenstherapie hing einerseits mit der Unzufriedenheit über die vorherrschende Psychoanalyse und andererseits mit der Anwendung experimenteller wissenschaftlicher Ergebnisse auf die Erklärung und Behandlung seelischer Störungen zusammen.

Grundlagen

Die Grundannahme der Verhaltenstherapie besagt: Neurotisches Verhalten und andere Arten von Verhaltensstörungen sind meistens erworben. Die Verhaltenstherapie geht also davon aus, dass jedes Verhalten nach gleichen Prinzipien erlernt, aufrechterhalten und auch wieder verlernt werden kann. Dabei wird unter Verhalten nicht nur die äußerlich sichtbare Aktivität des Menschen verstanden, sondern auch die inneren Vorgänge wie Gefühle, Denken und körperliche Prozesse. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt erfordert zahlreiche Lern- und Anpassungsleistungen. Wir fühlen uns wohl, wenn wir in der Lage sind, auf diese psychischen und physischen Anforderungen flexibel und unter angemessener Berücksichtigung unserer Bedürfnisse selbstverantwortlich zu reagieren. Reichen die eigenen Fähigkeiten nicht aus, um zentrale Bedürfnisse wie die nach sozialer Sicherheit, befriedigenden Beziehungen oder selbstbestimmter Lebensgestaltung zu erfüllen oder stehen äußere Umstände dem entgegen, wird das Wohlbefinden beeinträchtigt. Die Folgen können seelische und körperliche Erkrankungen sein.

Die Schlussfolgerung: Ist neurotisches Verhalten erworben, so sollte es von den Lerngesetzen abhängig sein. Diese Lerngesetze beziehen sich nicht nur auf das Erlernen neuer Verhaltensmuster, sondern auch auf die Reduzierung oder das Eliminieren (Extinktion) von bestehenden Verhaltensmustern. Es gibt nicht nur gute, sondern auch schlechte Gewohnheiten, auf die die Verhaltenstherapie durch Aneignungs- und Beseitigungsverfahren abzielt. Der lerntheoretische Ansatz besagt:  Jede Verhaltensstörung ist erlernt und kann durch entsprechendes Gegenlernen abgebaut werden. Dies wird unterstützt durch den Aufbau von gegenteiligen, erwünschten Verhaltensweisen. Das Erlernen neuer Verhaltensweisen erfolgt bevorzugt durch Verwendung positiver Verstärker (angenehme Konsequenzen, z.B. Belohnungen, Lob, etc.). Erwünschte Verhaltensweisen werden jedoch auch durch negative Verstärkung (Reize, die unangenehme Folgen haben, z.B. Schmerz, Tadel, etc. bleiben aus) in ihrer Auftretenswahrscheinlichkeit erhöht.

Verstärkung ist allgemein jener Prozess, der dazu führt, dass ein spontan gezeigtes Verhalten vermehrt auftritt. Als Verstärker werden jene Verhaltenskonsequenzen bezeichnet, die die Wahrscheinlichkeit des Verhaltens erhöhen. Positive Verstärkung bedeutet die Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens, wenn als Reiz ein positiver Verstärker hinzutritt (Lob, Anerkennung, Achtung, Nahrung, Geld). Negative Verstärkung bedeutet die Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens, wenn als Reiz ein negativer Verstärker entfernt wird (Tadel, Schmerz). Bestrafung - die mit der negativen Verstärkung oft verwechselt wird - bedeutet hingegen die Reduzierung der Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens durch aversive Reize. Es muss nicht zwingend einen "Bestrafer" geben, sondern Bestrafung bezeichnet alle Verhaltenskontingenzen, welche die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens reduzieren. Auch die Entfernung eines positiven Reizes ("omission training") hat zur Folge, dass die Auftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhalten gesenkt wird.

Viele der ursprünglichen Grundannahmen haben sich nicht völlig halten lassen, das Versprechen sehr kurzer effektiver Therapien konnte nur für einige Störungen eingehalten werden. Dennoch hat die Verhaltenstherapie die Psychotherapie wesentlich weiterentwickelt und für viele Krankheitsbilder entscheidend geprägt. Sie zeigt weniger Hemmungen Erkenntnisse anderer Wissenschaften zu integrieren, ist weniger dogmatisch und damit flexibler in ihrer eigenen Entwicklung. Für manche Störungen ist sie einer analytischen Behandlung deutlich überlegen. 

Wichtig ist, dass Verhalten nicht nur auf der Ebene der Körperbewegung (muskuläre Ebene), sondern auch noch auf der kognitiv-emotionalen (subjektiven) sowie auf der viszeralen (Eingeweide) Eben stattfindet. Das gestörte Verhalten wird unter dem Gesichtspunkt einer aktuellen Funktionskette gesehen, nach dem Muster: Auslösung - Verhalten - Konsequenzen des Verhaltens. Der Patient muß zuerst unterscheiden lernen, welche der vielen täglichen Ereignisse, negative Gefühle Selbstabwertung und Fehlverhalten bewirken.

Die Auslöser-, Verhaltens- oder Konsequenzbedingungen sind teils irrelevant und teils ursächlich in bezug auf die Erkrankung. Die ursächlichen Bedingungen werden der Therapie zurückgeführt; indem die Wirksamkeit der Auslöser durch Vorplanung begrenzt wird. Symptomgewohnheit durch das Befolgen festgelegter Regeln systematisch verändert wird und die Problemgründe (Konsequenzen) neutralisiert werden, etwa durch Entspannungstraining, Geselligkeit lernen, Angstbewältigung und Aktivierung der Lebensgestaltung und Selbstverwirklichung.

Das Grundmuster der Verhaltenstherapie ist das schrittweise Einüben eines sogenannten Zielverhaltens (das erwünschte Verhalten). Die einzelnen Schritte bestehen im allgemeinen zunächst aus einer konkreten Analyse des Verhaltens und dann der Bestimmung der Lernabschnitte, der Durchführung eines Kleinschrittlernens, einem Belastungstraining des neuen Verhaltens, einem Selbstkontrollabschnitt und aus gelegentlichen Wiederholungsstunden nach Therapieende, um das Gelernte wieder aufzufrischen (sogenannte Boostersitzungen).

Jede Therapie wird formal aufgebaut, und die Einhaltung der Therapieprinzipien wird kontrolliert. Die Wirksamkeit jeder Therapie wird durch ihren formalen Aufbau begünstigt. Dieser stellt sicher

Vor Beginn einer Verhaltenstherapie wird eruiert, welche Verstärker für das Krankheitsverhalten vorliegen und welche spezifischen Reize für die klassische Konditionierung von Symptomen verantwortlich sind. Die Aufklärung der Ätiologie ist häufig schwierig, weil die ursprünglichen Verhaltensmechanismen der Erkrankung häufig schwer zu erkennen sind. So wird die ursprünglich durch Stress oder klassische Konditionierung stattgefundene Verursachung später psychosozial konditioniert oder die krankmachenden Auslöser wechseln aufgrund veränderter Lebensbedingungen. Dies alles hat wichtige therapeutische Implikationen.

Die ursprünglichen mittelbaren Ursachen haben meist ihre Wirkung verloren und der Therapeut muß nach den aktuellen, unmittelbar wirksamen Ursachen suchen, die das Krankheitsverhalten weiter stützen. Je transparenter die unmittelbare, "funktionale" Stützung der Krankheit durch Therapeut und Patient erkannt wird, umso präziser kann der Therapeut die Verhaltensänderung verschreiben und um so präziser kann der Patient die rezeptierte Änderung in Selbstanwendung betreiben, denn die größere Last der Therapie besteht im Selbstmanagement durch den Patienten.

Das Verständnis der lebensgeschichtlichen Dynamik ist also irrelevant, doch ist die Erkenntnis der funktionellen Krankheitsdynamik von größter Bedeutung. Den drei Hautätiologien von Verhaltensstörungen werden spezifische therapeutische Verfahrensweisen zugeordnet. Im Falle der Stressverursachung werden die negativen Reaktionen durch Entspannungstechniken gemildert und die belastenden Bedeutungsinhalte durch kognitive Techniken modifiziert. Vorrangig ist die Änderung der objektiven Stressoren, aber dies ist häufig schwer durchführbar. Bei der operanten Verursachung wird die soziale Verstärkung der Symptome rückgängig gemacht und zum Symptom alternative Verhaltensweisen werden eintrainiert. Bei der systematischen Desensibilisierung gibt der Klient z.B. eine Hierarchie der angstauslösenden Situationen an. Anschließend wird er entspannt und geht in sensu diese Situationen nach und nach durch. Dann wird der Patient dem angstauslösenden Stimulus in einem Zustand der Entspannung (z.B. durch autogenes Training) dargeboten. Angst und Entspannung sind Zustände, die sich gegenseitig ausschließen.

Wie Forschungen von Daniela Pollak an der Columbia University (Howard Hughes Medical Institute, New York) ergeben haben, können mit Selbstsicherheitstrainings bei Tieren zelluläre und molekulare Vorgänge in deren Gehirn aktiviert werden, die eine vergleichbare antidepressive Wirkung wie Psychopharmaka haben. Tiere wurden dabei so konditioniert, dass sie spezielle Reize mit einem Gefühl der Sicherheit assoziieren, was in der Folge deren Angst verminderte. Pollak zeigte, dass "erlernte Sicherheit" in einer spezifischen Region des Hippocampus positiven Einfluss auf neu entstandene Zellen hat, denn dort überlebten signifikant mehr neue Zellen, wenn sie zuvor einen Stimulus durch das Erlernen von Sicherheit erfahren hatten. Dieser Überlebenseffekt könnte auf die vermehrte Expression des Proteins BDNF (brain-derived neurotrophic factor) zurückgeführt werden, die ebenfalls durch das Verhaltenstraining hervorgerufen wird. Darüber hinaus werden durch die "erlernte Sicherheit" Gene des Dopamin- und Neuropeptid-abhängigen Systems in der Amygdala (Mandelkern) im Gehirn in ihrer Aktivität reduziert. Diese erlernte Sicherheit ist zumindest ein indirekter Beleg für die Wirksamkeit von Verhaltenstherapie gegen Depressionen und erlaubt möglicherweise in Zukunft, zelluläre und molekulare Interaktionen zwischen medikamentösen und verhaltenstherapeutischen Behandlungen zu analysieren.
Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=1227288655744 (08-12-16)

Eine groß angelegte Studie untersuchte den Einfluss von kognitiver Verhaltenstherapie auf die Gehirnprozesse bei Menschen mit Panikstörung, wobei sich zeigte, dass durch eine Teilnahme an einer kognitiven Verhaltenstherapie die Hyperaktivierung des linken inferior frontalen Cortex auf ein Normal-Niveau reduziert (Kircher et al., 2013). Es konnte auch gezeigt werden, dass der linke inferior frontale Gyrus eine erhöhte Verknüpfung (Konnektivität) zu Regionen der Furchtverarbeitung aufweist, was auf einen erhöhten Zusammenhang "kognitiver" und "emotionaler" Prozesse bei Menschen mit Panikstörung im Vergleich zu Gesunden hinweist. Kognitive Verhaltenstherapie scheint demnach nicht primär auf emotionale Prozesse, sondern eher auf kognitive Prozesse verbunden mit dem linken inferior frontalen Gyrus, zu wirken.
Quelle: Kircher, T. et al. (2012). Effect of cognitive-behavioral therapy on neural correlates of fear conditioning in panic disorder. Biol Psychiatry., doi: 10.1016/j.biopsych.2012.07.026.

Bei allen Veränderungstechniken, die auf mentalem Weg versuchen, menschliches Verhalten und Denken zu verändern, ist zu berücksichtigen, dass diese Veränderbarkeit ihre Grenzen hat. Das menschliche Gehirn ist - bei aller Skepsis gegenüber der Computermetapher - einer nur einmal beschreibbaren Festplatte vergleichbar, die eine riesige Speicherkapazität hat. Gespeicherte Daten können jedoch nicht mehr gelöscht werden, was große Vorteile hat, aber auch Nachteile, zumal sich im Laufe des Lebens zahlreiche destruktive Programme, quasi neuronale Psycho-Viren, einnisten, die das Leben erschweren können. Die angeborenen und erlernten Steuerprogramme sind mächtig und bestimmen die Denkweise, die Emotionen und Verhaltensweisen, auch gegen den Willen und gegen unsere Interessen.
Der Mensch ist daher weniger veränderbar als gemeinhin angenommen wird. Im Erwachsenenalter sind bestimmte Persönlichkeitseigenschaften fest verankert und kaum zu verändern. Auch Bedürfnisse und Neigungen sind sehr beständig. Begabungen und Intelligenzfaktoren sind ebenso überaus stabil. Ideologische Gesinnungen sind außerordentlich starr und widerstandsfähig.
Einstellungen zu bestimmten Dingen sind in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren mehr oder weniger gut umzuwandeln. Werte und Überzeugungen sind relativ stabile Einstellungen, die aber durchaus veränderbar sind. Bewertungen von bestimmten Situationen und Gegebenheiten können mit der nötigen Einsicht und Selbsterkenntnis sehr erfolgreich geändert werden. Wissen und Fertigkeiten können beinahe das ganze Leben lang angeeignet werden.
Es ist sinnvoll, bei der Bestimmung und Realisierung von Zielen, bei der Lösung von Problemen die Grenzen der Veränderbarkeit zu berücksichtigen. Man sollte daher nicht versuchen, Eigenschaften zu verändern, die kaum oder nicht zu verändern sind bzw. Eigenschaften zu entwickeln, die kaum oder nicht zu entwickeln sind. Es ist günstiger, die grundlegenden Merkmale in das Leben mit einzubeziehen, anstatt gegen die "Natur" anzukämpfen. Aus einem Introvertierten etwa, der eher selbstbezogen und reserviert ist, wird wohl nie ein Extrovertierter, der kontaktfreudig und gesellig ist, werden - und umgekehrt.
Quelle: http://www.skripta.at/mentales-training-text.html (03-06-08)

Lernen und Selbstregulation - Das SORKC-Modell von Frederick H. Kanfer

Dieses Verhaltensmodell beschreibt die Grundlage von Lernvorgängen in Form einer Verhaltensgleichung, die sowohl ein Verhalten als auch den Erwerb dieses Verhaltens erklärt hat. Es gilt in der Psychologie mittlerweile als Standard für die Erklärung des Zustandekommens von pathopsychologischen Verhalten in ätiologischer Hinsicht, aber auch des Ablaufs dieses Verhaltens in der konkreten Situation.

Frederick H. Kanfer entwickelte seit 1970 das behavioristische Lernmodell (Stimulus-Verhalten-Konsequenz) weiter zu einem Selbstregulations-Modell. Dieses Modell geht davon aus, daß sich der Mensch bis zu einem gewissen Grad von Einflüssen durch die Umwelt unabhängig machen kann, weil er die Möglichkeit hat, sich selbst zu steuern und zu verstärken.

Definition: Unter Selbstregulation versteht man das Auswählen von Zielen, bewußte, zielgerichtete Informationsverarbeitung und intentionales Lernen.

Der überwiegende Teil menschlichen Verhaltens besteht aus routinemäßigen Gewohnheiten. Selbstregulation setzt dann ein, wenn automatisiertes Verhalten unterbrochen wird oder wenn es sich als ungeeignet für die Erreichung eines Ziels erweist. Eine Zielsetzung, die die Person motiviert, setzt den Regulationsprozeß in Gang.

In der 1. Phase der Selbstregulationssequenz beobachtet man sein eigenes Verhalten in Beziehung zum entsprechenden Zielverhalten (Selbstbeobachtung).

In der 2. Phase vergleicht man die so erhaltenen Informationen mit Vergleichskriterien bzw. Standards (Selbstbewertung).

Führt dieser Vergleich zu der Rückmeldung, daß das betreffende Verhalten den Standard nicht erreicht, dann kann es zu einem Lernprozeß kommen, in dem das Verhalten verändert und wieder mit dem Standard verglichen wird, so lange bis man davon überzeugt ist, daß das neue Verhalten dem Vergleichskriterium entspricht. In diesem Fall kommt es zu einer Selbstverstärkung, meist in Form eines Gefühls der Zufriedenheit mit sich selbst.

Kommt man zu der Überzeugung, den Standard nicht erreichen zu können, dann wird die Selbstregulationssequenz abgebrochen. Im Selbstregulationsprozeß stammt die Lernmotivation aus der durch Vergleichen ermittelten Diskrepanz zwischen einem als wichtig erachteten Standard und dem jetzigen Verhalten. Auch der Standard selbst kann in einem Lernprozeß verändert werden, wenn er sich als ungeeignet für das Erreichen des Handlungsziels erweist.

In der Selbstregulation werden Variablen auf drei Ebenen unterschieden:

Dieses Modell wird von zahlreichen empirischen Studien gestützt und hat sich auf pädagogischem und therapeutischem Gebiet bewährt.

Das SORKC-Modell in der Therapie

Nach Frederick H. Kanfer kann die Verhaltenstherapie nicht einfach die Anwendung von wissenschaftlich fundierten Methoden beinhalten - etwa wie dies in psychotechnischen Ansätzen der Fall ist -, sondern die Interaktion von Patient und Therapeut lässt sich nur vor dem Hintergrund eines dynamischen und rekursiven therapeutischen Prozesses verstehen. Er betonte in besonderer Weise die Bedeutung der Erwartungen, des Setting, der Rolle von Klient und Therapeut. Aspekte der Motivation, der präzisen Analyse des Verhaltens und der Zielklärung und der Zielvereinbarung sind grundlegende Voraussetzungen therapeutischer Intervention, die den Klienten in die Lage versetzen sollte, sein Leben möglichst bald in selbständiger Form zu führen Kanfer selbst wollte das SORKC-Modell eher als Arbeitshypothese verstanden wissen und versuchte immer auch auf andere Ansätze und Entwicklungen hinzuweisen. Eine axiomhafte Anwendung des SORKC-Schemas lehnte er ab.

Nach diesem Schema wirkt ein Reiz auf einen Organismus ein und löst bei diesem eine emotionale-physiologische Reaktion aus. Nachfolgend ergibt sich eine Konsequenz aus der Reaktion, z.B. eine Erleichterung durch Vermeidung. Läuft ein solcher Vorgang wiederholt ab, verstärkt sich diese Reaktion, d.h., es wird gelernt. Auf diese Weise können psychische Krankheiten sowohl entstehen als auch behandelt werden, etwa durch das gezielte Einüben anderer Verhaltensweisen oder durch die Veränderung der Stimuli.

Literatur: Kanfer, Frederick H. (1987). Selbstregulation und Verhalten. In Heckhausen, Heinz, Gollwitzer, Peter M. & Weinert, Franz E. (Hrsg.), Jenseits des Rubikon. Der Wille in den Humanwissenschaften (S. 286-299). Berlin: Springer.

Therapieangebote der Verhaltenstherapie

Störungen

Beispiele

Therapieangebot

durchschnittl. Dauer der Behandlung

Phobien in Bezug auf Situationen oder Objekte

Flugangst, Angst vor Tieren, Agoraphobie

Verhaltenstherapie (VT) (i.d.R. Einzeltherapie)

25 bis 45 Sitzungen 

Phobien in Bezug auf Situationen mit sozialen Kontakten

Soziale Phobie

VT (Einzel- und Gruppentherapie)

25 bis 45 Sitzungen

Beziehungsprobleme

Sexuelle Probleme, Kommunikationsprobleme in der Partnerschaft

Paartherapie

bis 25 Sitzungen 

Psychosomatische Beschwerden

Bluthochdruck, Störungen des Magen/Darmsystems, Schlafstörungen, Kopfschmerzen

VT (Einzel- und Gruppentherapie)

25 bis 45 Sitzungen 

Verarbeitung von Krisensituationen

Verlustgefühle nach Tod, Scheidung, Trennung

VT (Einzeltherapie)

bis 45 Sitzungen

Störungen der Stimmung

Depressionen, Euphorien, Gefühllosigkeit

VT (Einzel- und Gruppentherapie)

25 bis 60 Sitzungen

Zwänge

Zwangshandlungen, Zwangsgedanken,

VT (i.d.R. Einzeltherapie)

bis 40 Sitzungen

Ängste 

Panikattacken

VT (i.d.R. Einzeltherapie)

bis 45 Sitzungen

 

Besonders erfolgreich ist die Verhaltenstherapie bei Zwängen, insbesondere bei den folgenden:

Kontrollzwänge Für diese Menschen ist es nicht möglich beim Verlassen der Wohnung das sichere Gefühl zu erlangen, alle Geräte sind ausgeschaltet, Türen und Fenster verschlossen, etc. Auch wenn sie immer wieder Überprüfen, ob alles in Ordnung ist. Das führt dazu, daß sie immer wieder in die Wohnung zurückkehren um erneut zu kontrollieren. Charakteristisch ist, daß der Betroffene diese Gedanken nicht in dem Ausmaß hat, wenn er nicht als letzter die Wohnung verläßt. Die Verantwortung ist ihm abgenommen.

Reinigungszwänge Menschen, die unter einem Reinigungszwang leiden haben geradezu panische Angst davor, mit Schmutz, Exkrementen, Bakterien oder Viren in Berührung zu kommen. Der Kontakt oder auch nur die Vorstellung ruft bei ihnen schlimmste Ängste hervor. Die Erkrankten wenden große Anstrengungen auf, um sich vor Verunreinigung zu schützen. Es führt dazu, daß der kranke sich bis zuweilen stundenlangen Waschritualen hingibt, und selbst dann nicht die Sicherheit erlangt "sauber" zu sein. Um eine Verunreinigung generell zu verhindern, versucht er solche Situationen zu vermeiden. Einsamkeit und Isolation sind oft die Folge davon, weil es ihm nicht möglich ist, der "schmutzigen" Welt da draußen zu begegnen.

Ordnungszwänge Der Erkrankte kann den Gedanken nicht ertragen, daß Dinge nicht an ihrem Platz liegen. Immer wieder werden die Dinge herum gerückt, bis sie so sind wie der Erkrankte es für richtig hält.

Sammelzwänge Diese Menschen können sich nicht von Dingen trennen selbst wenn diese unbrauchbar oder wertlos werden. Die Sammlungen erstrecken sich immer weiter, bis in extremen Situationen auch Müll gesammelt und in der Wohnung aufbewahrt wird. Auch diese Menschen isolieren sich sehr stark, weil ihnen zeitweise bewußt wird was sie tun. Folglich lassen sie bald niemanden mehr in ihre Wohnung und werden immer erfinderischer im vermeiden von Besuchen.

Wiederholungszwänge Die Betroffenen müssen eine bestimmte Anzahl von Handlungen ausführen, um sicher zu stellen, daß ihnen oder anderen nichts schlimmes passieren wird. Z.B. fünf mal die Tür auf und zu schließen, oder hundert mal bis 10 zählen.


Die Therapie kann in Form von Einzelgesprächen durchgeführt werden, in Gruppen stattfinden oder unter Einbeziehung wichtiger Bezugspersonen erfolgen. Teilweise wird es nötig sein, eine stationäre Behandlung in Anspruch zu nehmen, in den meisten Fällen reicht jedoch eine ambulante Therapie aus. Dauer und Intensität der Therapie richten sich nach der Schwere der Beschwerden, deren Vielfalt und Beeinflußbarkeit. Dabei gilt der Leitsatz "Weniger ist mehr" d.h. nur so viel Therapie wie nötig, um selbständig die für das Wohlbefinden wichtigsten Ziele und Bedürfnisse zu erreichen. Ein Therapiezeitraum - bei ambulanter Therapie - von mehr als einem Jahr und über 25 Sitzungen ist eher die Seltenheit. Insgesamt ist das Ziel aller Bemühungen auf konkrete Schwierigkeiten des Lebens gerichtet. Am Ende der Therapie sollte der Klient angemessener, fähiger und flexibler auf zukünftige Anforderungen reagieren oder unglücklich machende Umstände verändern können.

Verhaltenstherapeutische Gruppen, Soziale Kompetenz-, Selbstsicherheits- oder Problemlösegruppen, können eine gute Möglichkeit sein, neue Verhaltensweisen oder verlorengegangene Sicherheit spielerisch zu lernen und zu üben. Dies kann im Einzelfall zu einer beträchtlichen Reduzierung von Belastungen wie soziale Isolation oder Auseinandersetzungen mit der Familie/am Arbeitsplatz führen und damit einen Schutz vor erneuter Überlastung, die schlimmstenfalls wieder einen Rückfall auslösen kann, darstellen. In Rollenspielen, durch Hausaufgaben, durch aktives Umstrukturieren altgewohnter Denkschemata wird versucht, positive Veränderungen in Gang zu setzen.

Wie bei allen Therapieformen spielt die Wahl eines Verhaltenstherapeuten eine entscheidende Rolle, wobei das Gefühl, zu diesem Menschen einen vertrauensvollen Kontakt aufnehmen zu können, zentral ist. Man hat in der Regel zwei bis drei Therapiestunden Zeit, sich zu entscheiden, wobei diese Entscheidungsfreiheit oft dadurch eingeschränkt wird, dass zu wenig freie Therapieplätze vorhanden sind. Menschen mit einer psychotischen Erkrankung sollten bei der Wahl des Therapeuten zusätzlich darauf achten, dass ihr Therapeut auch Erfahrung mit akut psychotisch erkrankten Patienten gesammelt hat, um eine mögliche Rückfallgefährdung während der Therapie kompetenter beurteilen zu können. Diese Erfahrung kann man eigentlich nur während einer längeren Tätigkeit in einer psychiatrischen Klinik der Regelversorgung erlangen. Zu achten wäre also auf Ärzte für Psychiatrie oder Diplom-Psychologen, die dort gearbeitet haben.

Wie bei jeder Therapie liegt der Schlüssel zum Erfolg in der fachgerechten Durchführung. Verantwortungsvolle und gut ausgebildete Therapeuten sind die wichtigste Voraussetzung für eine Behandlung, die mehr nutzen soll als schaden. Eine weitere wichtige Bedingung ist, dass der Betroffene - so weit er dazu in der Lage ist - kritischer und änderungsbereiter Partner des Therapeuten wird. Je früher ein Patient sich für eine Therapie entscheidet, desto besser sind die Aussichten. Die Verstärkung der Symptomatik oder Krisen während des therapeutischen Prozesses, das Auftreten neuer, anderer Beschwerden sind nicht seltene Begleiterscheinungen der Psychotherapie. Entscheidend für das Erreichen der angestrebten, realistischen Therapieziele ist eine gegenseitig vertrauensvolle Beziehung, ein selbstkritischer, sorgfältig arbeitender Therapeut und die Bereitschaft des/der Betroffenen, nach und nach Selbstverantwortung für den eigenen Zustand zu entwickeln. Das heißt auch, schwierige Phasen während der Therapie zu akzeptieren, sie anzusprechen und sich aktiv an deren Bewältigung zu beteiligen. Die Risiken einer Verhaltenstherapie sind im Vergleich zum wahrscheinlichen Nutzen eher gering. Ständige Überprüfung der angewandten Methoden einerseits und die Verpflichtung des Therapeuten, wiederholt seine Annahmen und die Entwicklungen während der Behandlung systematisch und möglichst genau zu überprüfen, helfen, unerwünschte Wirkungen zu mindern und Fehlschlägen vorzubeugen. Wird die Therapie nicht fachgerecht durchgeführt, kommt ein Arbeitsbündnis nicht zustande oder treten nicht absehbare kritische Lebenssituationen wie z.B. Scheidung auf, sind ernste Komplikationen wie bei jeder anderen Therapieform nicht auszuschließen. Niemand sollte von einer Verhaltenstherapie ein problemloses, glückliches Leben, die tiefe Erkenntnis über den Sinn des Lebens und die Beantwortung aller Fragen erwarten.

Quelle:
http://www.kleinrensing-goedecke.de/pt.htm

 

Historisches

Historisch betrachtet hatten im Laufe der Entwicklung der Verhaltenstherapie die Arbeiten von I.P. Pawlow und J.B. Watson den bedeutendsten Einfluß. Ihre Art, gestörtes Verhalten anzugehen und die insgesamt wachsende Bedeutung der Lerntheorie innerhalb der Psychologie schufen ein günstiges Klima für die Entwicklung der Verhaltenstherapie.

Der eigentliche Beginn der verhaltenstherapeutischen Orientierung datiert auf die fünfziger Jahre. In Südafrika experimentiert der Psychiater Joseph Wolpe mit Tieren und stellt fest, dass Angst neurotische Reaktionen verursacht. Dabei gründet er seine Schlußfolgerungen auf die Pawlowschen Prinzipien der Konditionierung und das Stimulus Response Modell. Verhaltenstherapie zielt darauf ab, unerwünschtes Verhalten durch erwünschtes Verhalten zu ersetzen: "korrektive Konditionierung" nennt er das. Der Klient lernt, auf sein unerwünschtes Verhalten zu verzichten und erwirbt dazu neue, bessere Kommunikationsmittel. Auf diese Art kann er emotionale Konflikte überwinden, die ihn bei seiner Entwicklung behindern.

Wolpes Untersuchung war eine zeitgerechte Erscheinung und wurde durch Arbeiten von Eysenck und seinen Mitarbeitern unterstützt und mit B.F. Skinners Beiträgen weiterentwickelt. Das Beeinflussen des Verhaltens von chronisch psychotischen Patienten im Jahre 1953 durch D.B. Lindsley und T. Ayllon war der erste Versuch, die Techniken des operanten Konditionierens in einer psychiatrischen Klinik anzuwenden. Diese Untersuchung fand schnelle Verbreitung, und die Entwicklung psychiatrischer Methoden und anderer spezieller Verfahren - für den Umgang mit gestörten Verhaltensweisen - wurden schnell bekannt.

Der deutsch englische Psychologe Hans J. Eysenck führte den Begriff Neurotizismus ein. Man muß nur das Symptom zum Verschwinden bringen, schon ist die Neurose geheilt. Im Jahr 1963 wird die erste Zeitschrift ("Behaviour Research and Therapy") gegründet, die sich ganz der Erforschung und Therapie des Verhaltens widmet. Die Verhaltenstherapie unterscheidet sich grundsätzlich von der Psychoanalyse und anderen dynamischen Therapien. Antriebe, Motive, Konflikte, die nach diesen Theorien das Verhalten des Individuums steuern, werden von den Verhaltenstherapeuten als ungenaue Vorstellungen abgetan, die keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten. In diesen Therapien wird nämlich eine Diagnostik betrieben, so meint Eysenck, die mit willkürlichen Kategorien wie Neurose oder Psychose hantiert. Im Gegensatz dazu stellt er eine Theorie der Persönlichkeit vor, die von statistischen Methoden, wie zum Beispiel der Faktorenanalyse, Gebrauch macht.

Eysenck teilt seine Patienten einer Skala entsprechend ein, die von der introvertierten bis zur extrovertierten Persönlichkeit reicht und setzt dazu die emotionale Stabilität bzw. den Neurotizismus einer Person in Beziehung, das heißt, seine Einteilung reicht von leicht erregbaren Persönlichkeiten bis zu ausgeglichen stabilen Persönlichkeiten.

Eysenck zufolge sprechen introvertierte Persönlichkeiten besser auf korrektive Konditionierungen an als extrovertierte. Darum kann anhand der Einordnung in seine Skala schon abgeschätzt werden, wie der Patient auf die Therapie reagieren wird. Eysenck geht davon aus, dass es sich bei Neurosen und Psychosen um zwei grundsätzlich verschiedene Phänomene handelt. Eine Neurose entwickelt sich aus den äußeren Umständen; sie ist die Folge falscher Konditionierung, deshalb kann durch eine gezielte De Konditionierung unerwünschtes in erwünschtes Verhalten umgewandelt werden. Diese radikale Haltung der Verhaltenstherapie stieß unter anderem von seiten der humanistischen Psychologie auf heftige Kritik. Ihr wichtigster Einwand lautet, dass die Verhaltenstherapeuten den Menschen als ausschließlich von außen determiniert betrachten, während weder von innerem Wachstum noch von persönlicher Verantwortung die Rede ist. In der Verhaltenstherapie lernt der Klient neue Fähigkeiten und verlernt sein unerwünschtes Verhalten. 

Die Verhaltenstherapie hat eine zweite Wurzel in der experimentellen Psychologie. Im Wesentlichen ist es ein Versuch, Ergebnisse und Methoden der experimentellen Psychologie auf die Störungen menschlichen Verhaltens anzuwenden. Man hat der Verhaltenstherapie häufig den Vorwurf gemacht, sie sehe den einzelnen Menschen als jemanden, der mechanisch auf Konsequenzen in Form von Belohnungen oder Bestrafungen reagiert oder der ein Opfer körperlicher Reflexe ist. In den letzten Jahrzehnten wurden die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich der Mensch innerhalb seiner Lebensspanne entwickelt, weiter erforscht. Der Erwerb von Wissen, die Zusammenhänge zwischen Gefühlen, körperlichen Vorgängen, den subjektiven Bewertungen der Umwelt und dem entsprechenden Verhalten sind Grundlage für das Verständnis der meisten seelischen Störungen. Damit verbinden sich Namen bekannter verhaltenstherapeutischer Theoretiker wie Mahoney, Meichenbaum und Ellis. Neue Erkenntnisse fließen ständig in die entsprechenden Modelle ein oder es werden neue Methoden entwickelt. Die Verhaltenstherapie versteht sich als die konkrete Anwendung der daraus abgeleiteten Möglichkeiten, um Bedingungen zu verändern, die zur Entstehung oder Aufrechterhaltung von seelischen und körperlichen Erkrankungen beitragen. Dies können Einflußmöglichkeiten sein, die dem Betroffenen selbst zur Verfügung stehen, oder Bedingungen, die in seiner Umwelt vorzufinden sind und in Zusammenhang zur Störung des Wohlbefindens stehen. Die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie wird in zahlreichen Untersuchungen ständig geprüft. Im Vergleich zu anderen Behandlungsmethoden erweist sie sich durchgehend als ebenso wirksam, in bestimmten Bereichen sogar als nachweisbar erfolgreicher.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts umfaßt die Verhaltenstherapie ein breites Spektrum von Techniken, deren Grundlage neben den Lerngesetzen auch Erkenntnisse aus der Experimental- und Sozialpsychologie sowie medizinische Erkenntnisse sind. Heute vertritt die Verhaltenstherapie ein ganzheitliches Bild des Menschen. Dabei ist von besonderer Bedeutung, dass der Klient als der Experte seiner Probleme gesehen wird. Der Therapeut bezieht die Entwicklungsgeschichte, Umwelteinflüsse und gesellschaftliche Rahmenbedingungen mit in seine Therapieplanung ein. Er fragt dabei nicht nur einseitig nach den Problemen sondern auch nach Ressourcen und Stärken. Der Begriff "Verhaltenstherapie" führt insofern in die Irre, als er das Augenmerk beinahe ausschließlich auf das Verhalten lenkt. In der Verhaltenstherapie steht aber heute die Untersuchung des Verhaltens gleichrangig neben der Betrachtung von Denken, Gefühlen und körperlichen Prozessen.

Methoden der Verhaltenstherapie

Es gibt zahlreiche Einzelverfahren, die sich in mehrere Hauptgruppen einteilen lassen:

Die bevorzugten Verfahrensweisen sind meist Mischformen wie die Löschung des auslösenden Reizes durch wiederholte Darbietung auf die keine negative Konsequenz folgt und Konfrontation mit dem Auslöserreiz (Systematische Desensibilisierung, Reizüberflutung) bei gleichzeitiger Verhinderung der Vermeidung, das heißt, der Patient muß den schädlichen Reiz selbst überwinden. Die Tatsache, dass die ursächlichen Lern-oder Konditionierungsvorgänge häufig nicht klar genug erkannt werden können, führt dazu, Misch- oder sogenannte Breitbandverfahren anzuwenden, in denen verschiedene Therapieformen gleichzeitig zur Anwendung kommen.

Der Begriff der Verhaltensausformung (shaping) bezeichnet in der amerikanischen Verhaltenstherapie ein zusammenhängendes, aber individuell variables Verfahren mit einer Reihe von Schritten. Es geht davon aus, dass der Patient zu Beginn der Therapie zu einer übersteigerten Schilderung seiner Leiden neigt und oft im Selbstmitleid schwelgt.

 

Beispiel

Ein typischer Therapieablauf in zeitlicher Abfolge kann z.B. bei Phobien und Ängsten wie folgt aussehen: 

Beispiel für ein verhaltenstherapeutisches Vorgehen: Der Fall Peter

Peter, ein Junge von knapp drei Jahren, hat Furcht vor weißen Ratten. Durch Generalisierung sind Furchtreaktionen z.B. auch gegenüber Kaninchen und pelzigen Gegenständen wie Pelzmänteln, Federn, Baumwolle usw. entstanden. Diese Furcht soll dem Jungen durch systematische "Entkonditionierung" (Jones) genommen werden. Der Versuch könnte also als Fortsetzung des Falles "Albert" bezeichnet werden.

Jones kennzeichnet die Aufgabenstellung folgendermaßen: "Das erste Problem bestand darin, eine Furchtreaktion auf ein Tier zu löschen, zu entkonditionieren, und das zweite, festzustellen, ob die Entkonditionierung bei einem Tier ohne weitere Übung auf andere Reize übergreift".

Versuchsdurchführung: Über mehrere Monate hinweg erfolgte ein schrittweiser Abbau der Furchtreaktionen gegenüber dem Objekt "Kaninchen", vor dem der Junge die stärksten Furchtreaktionen zeigte. Es wurde ein Versuchsplan aufgestellt, bei dem die einzelnen Situationen in graduellen Abstufungen eine engere Fühlungnahme mit dem Kaninchen erforderten.

Die Reaktionen des Jungen bei der Konfrontation mit diesen Situationen zeigen seine zunehmende Toleranz gegenüber dem ursprünglichen Furchtobjekt Kaninchen und geben das Ausmaß seiner Besserung an: 

  1. Kaninchen irgendwo im Käfig im Raum verursacht Furchtreaktionen
  2. Kaninchen 12 Fuß entfernt im Käfig, toleriert
  3. Kaninchen 4 Fuß entfernt im Käfig, toleriert
  4. Kaninchen 3 Fuß entfernt in Käfig, toleriert
  5. Kaninchen im Käfig, nahe herangerückt, toleriert
  6. Kaninchen frei im Raum, toleriert
  7. Kaninchen berührt, wenn Versuchsleiter es hält
  8. Kaninchen berührt, wenn frei im Zimmer
  9. Kaninchen trotzig abgelehnt, indem es bespuckt, mit Dingen beworfen und imitiert wird
  10. Kaninchen zugelassen auf Ablagebrett des Kinderstuhles
  11. kauert neben dem Kaninchen in wehrloser Stellung
  12. hilft Versuchsleiterin, Kaninchen in Käfig zu tragen
  13. hält Kaninchen auf dem Schoß
  14. bleibt im Raum alleine mit Kaninchen
  15. duldet Kaninchen im Spielstall
  16. liebkost Kaninchen
  17. lässt Kaninchen an seinen Fingern knabbern
Die Behandlungsphase gliedert sich in zwei Teile. da sie wegen einer zweimonatigen Krankheit von Peter unterbrochen werden musste,

1. Phase

Peter konnte drei furchtfreie Kinder beobachten, die unbefangen mit dem Kaninchen spielten. Jones bezeichnet dieses Verfahren als "soziales Imitationslernen".

Die ersten Erfolge dieses Abschnitts (Toleranzgrade a-h) wurden dadurch zunichte gemacht, dass der Junge sich kurz vor Beginn seiner Krankheit heftig vor einem großen Hund erschrak, so dass er auf sein altes Furchtniveau zurückfiel.

2. Phase

Während des zweiten Abschnitts wandte die Autorin ein anderes Verfahren an: die sogenannte "Gegenkonditionierung. Jetzt wurde Peter auf seinen Stuhl gesetzt und bekam etwas Leckeres zu essen, während die Distanz zwischen ihm und dem Kaninchen langsam verringert wurde.

Auf diese Weise bekam das Kaninchen allmählich eine Art Signalwert für etwas dem Jungen Angenehmes, nämlich für Leckereien. "Da bei jedem Vorzeigen des Hasen ein erfreulicher Reiz (Nahrung) vorhanden war, wurde die Furcht allmählich zugunsten einer positiven Reaktion abgebaut". Diese Methode wurde so lange fortgesetzt, bis der Junge während des Essens das Kaninchen auf dem Schoß behielt (Toleranzgrade j-q).

Ergebnis: Peters Furcht vor dem Kaninchen konnte vollkommen abgebaut werden. Außerdem berichtet die Autorin, dass der Junge bei ihrem Letzten Gespräch auch keine Furcht mehr vor Pelzmänteln, Federn, Baumwolle usw. zeigte.

Quelle: Edelmann, W. (1995). Lernpsychologie. Weinheim: Psychologie-Verlags-Union.

Siehe dazu das klassische Experiment: Der "Kleine Albert"

Negative Emotionen verändern das Gehirn

Rekonsolidierung

Bis Ende der 1980er Jahre war man hinsichtlich der Ursachen neuropsychiatrischer Krankheiten davon ausgegangen, dass kognitive Defizite wie Wahrnehmungs-, Lern- und Gedächtnisstörungen deren eigentliche Auslöser seien und die damit einhergehenden gestörten Emotionen lediglich eine Folge dieser kognitiven Defizite. Inzwischen gelten in vielen Fällen gestörte Emotionen als wichtige Ursache von Störungen und die kognitiven Defizite eher als deren Folge, wobei etwa Depressionen, die ursprünglich als rein funktionelle Störungen gesehen worden waren, mit beobachtbaren anatomischen Veränderungen des Gehirns einhergehen.

Da man nun vermutet, dass viele emotionale Störungen auf der kognitiven Ebene anzusiedeln sind, können etwa durch Angstkonditionierung erlernte, stimulus-induzierte Ängste auch wieder «verlernt» werden. Bei der Angstkonditionierung wird bekanntlich ein neutraler Stimulus mehrfach zusammen mit einem schmerzhaften Reiz präsentiert, so dass später der neutrale Stimulus auch allein Angst auslöst. Wird anschliessend der angstauslösende Stimulus wiederholt ohne den schmerzhaften Reiz präsentiert, nimmt die Angstreaktion wieder ab (Extinktion). Eine andere Methode, Stimulus-induzierte Ängste wieder zu «verlernen», beruht auf einem relativ neuen Konzept der Gedächtnisforschung, der Rekonsolidierung. Dieses Konzept besagt, dass jedes Aufrufen einer Erinnerung diese kurzzeitig in einen labilen Zustand versetzt. Eine erneute Verfestigung des Gedächtnisinhaltes konnte zumindest in Tierversuchen medikamentös blockiert werden, wodurch die Angstreaktionen abnahmen.

 

Bestrafung und Belohnung in der Erziehung durch Eltern aus der Sicht der Verhaltenstherapie

Wie belohne ich richtig?

Punktevergabe: Aufschub von Belohnung, Punkte sammeln und umtauschen gegen eine Belohnung ab einer bestimmten Punktzahl.

Wie bestrafe ich richtig?

Punktevergabe: Punkte nicht vergeben oder abziehen

Wie bestrafe ich falsch?

Folgen der Bestrafung: Mit Strafe lernt man keine neuen und erwünschten Dinge. Bestrafung führt zu Flucht und Vermeidung. Strafe kann Angst und Unsicherheit erzeugen. Bestrafung kann zu erneuter Aggression führen. Durch Strafe ist man kein gutes Vorbild. Wer bestraft wird, straft andere weiter.

Die Wiederholung in der Erziehung ;_)

Ständig wird von Eltern behauptet: "Das kann man gar nicht oft genug sagen." Stimmt das? Oder hat man damit nicht bereits unterschwellig eingestanden, wie genug oft man es schon gesagt hat und wie wirkungslos es geblieben ist?

Seit Generationen äußerst beliebt bei Eltern und Lehrern: "Habe ich dir nicht schon hundert Mal gesagt, du sollst ...?" - Nahe liegende Antwort: "Ja, hundert könnte hinkommen." Oder: "Ich weiß es nicht, ich hab nicht mitgezählt."

Unverbesserliche Pädagogen probieren es gar mit der Frage: "Wie oft soll ich dir noch sagen, du sollst ...? - Kinder verhalten sich in solchen Situationen eher diplomatisch und schweigen. Ehrlich wäre: "Sooft du willst, mir ist es egal, ich höre es ohnehin nicht mehr."

Julia R. unlängst zu ihrer Tochter: "Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Schuhe wegräumen sollst?" - Tochter Lara: "Mama, hab ich dir nicht schon hundertmal gesagt: Du brauchst es überhaupt nicht mehr zu sagen. Ich muss von selbst draufkommen."

Quelle:
Glattauer, Daniel (2006). Hundertmal gesagt. Wie pädagogisch sinnvoll ist die stereotype Wiederholung ein und desselben unausgeführten Befehls? DER STANDARD - Printausgabe vom 11. Dezember, S. 1.

Quellen & Literatur

Bauer, Mathilde (1996). Lerntheorien. CD-ROM der Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

Linden, M. & Hautzinger, M. (Hrsg.) (2000). Verhaltenstherapiemanual. Techniken, Einzelverfahren und Behandlungsanleitungen. Berlin: Springer.

Stigler, Hubert (1996). Methodologie. Vorlesungskriptum. Universität Graz.
WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/materialien/meth.doc (98-01-03)

Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. "Werner Stangls Arbeitsblätter".
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/Arbeitsblaetter.html

http://www.beratung-therapie.de/therapie/therapieverfahren/verhaltenstherapie.html (01-11-11)

http://www.4real.ch/psy-thrp.html (01-11-17)

http://www.beratung-therapie.de/therapie/therapiemethoden/therapiemethoden.html (01-07-31)

http://home.t-online.de/home/HGReinkenhoff/kvt.htm (02-05-24)

http://www.psychiatrie.de/therapie/verhalt.htm (02-06-24)

Bilder
Watson: http://www.furman.edu/~einstein/watson/jbwform.jpg
Ratte: http://www.furman.edu/~einstein/rat.jpg



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