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Individualpsychologie: Alfred Adler (1870-1937)

Kurzbiographie

Alfred Adler wurde 1870 als Sohn eines jüdischen Getreidehändlers im 15. Bezirk geboren. Er litt als Kind an Rachitis und schwerer Lungenentzündung. Bis zu seinem vierten Lebensjahr konnte Alfred Adler daher nicht laufen, mit fünf wäre er fast an einer Pneunomie gestorben. Zu dieser Zeit entschied er sich Arzt zu werden. Er war ein durchschnittlicher Student, zog es vor draußen zu sein und war für seine Mühe bekannt seinen älteren Bruder Sigmund in vielen Aktivitäten zu übertreffen. Er erreichte den Abschluss in Medizin an der Wiener Universität in 1895. Er wurde Arzt und begriff den Menschen als Einheit von Körper, Seele und Geist, und gilt somit als einer der Pioniere der Psychosomatik.

Während seiner Studentenjahre fühlte er sich zu einer sozialistischen Studentengruppe hingezogen, wo er seine Frau Raissa Timofeyewna Epstein traf. Sie war eine Intellektuelle und sozialistische Aktivistin, die aus Russland zum Studium nach Wien gekommen war. Hochzeit 1897 und vier Kinder - zwei von ihnen wurden Psychiater. Er etablierte seine Arztpraxis in einem sozial schwächeren Viertel von Wien, gegenüber dem Prater, einem Unterhaltungspark. Zu seinen Patienten gehörten Zirkusartisten und es wird daher vermutet (vgl. Furtmuller 1964), daß ihm deren ungewöhnliche Fähigkeiten Einsichten über organische Minderwertigkeit und ihrer Kompensationen eröffneten. Im Zentrum seiner Arbeit standen daher oft die gesellschaftlich Benachteiligten, weshalb Reformen im Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesen in Wien eng mit Alfred Adler verbunden waren.

1907 wurde er zu Sigmund Freuds Diskussionsrunden eingeladen. Anders als Freud, der einen Platz im reichen Wiener Bürgertum hatte, blieb Adler sein Leben lang den gesellschaftlich Benachteiligten verbunden. Er war ein Mensch mit starken Gefühlen, voller Arbeitsfreude und einer schnellen Auffassungsgabe. Freud rühmte an ihm seine Intelligenz und seine Ursprünglichkeit. Im Gegensatz zu Freud drückte sich Adler eher unbeholfen aus und konnte im Gespräch seine Ideen oft nicht deutlich genug formulieren. Auch im Gedruckten ist er weit von der literarischen Begabung Freuds entfernt. Adler lebte das Leben des kleinen Bürgers, fleissig, bescheiden, ohne groß von sich reden zu machen. Sigmund Freud rühmte nicht zuletzt deshalb Adlers Intelligenz und Ursprünglichkeit.

Nach den Veröffentlichungen über organische Minderwertigkeit, die mit den Ansichten von Freud übereinkamen, schrieb er, zuerst, eine Arbeit über aggressive Instinkte, die Freud nicht billigte, dann eine Arbeit über kindliche Minderwertigkeitsgefühle. Darin wurde empfohlen, Freuds Anmerkungen zur Sexualität eher metaphorisch als literarisch zu betrachten. Außerdem ernannte Freud Adler zum Präsidenten der Wiener Gesellschaft der Psychoanalytiker und zum Co-Editor der Organisationszeitung, aber Adler beendete seine Kritik an Freuds Ansatz nicht. Eine Debatte zwischen den Anhängern Adler's und denjenigen von Freud wurde arrangiert, mit dem Ergebnis, dass Adler und weitere neun Mitglieder der Gesellschaft austraten, um 1911 die Gesellschaft Freier Psychoanalytiker zu gründen. Der heutige Verein für Individualpsychologie ist sehr sozial engagiert und widmet sich aktuell etwa der Suchtberatung mit einer speziellen Zusatzausbildung. Ebenfalls gibt es ein Krisenambulatorium für traumatisierte Kinder. Adlers Zusammenarbeit mit Otto Glöckel und seine Bemühungen, Kindern in der Schule Selbstbewusstsein zu vermitteln, hat bis heute Tradition: In der Oskar-Spiel-Schule im 15. Bezirk wird nach der Wiener individualpsychologischen Reformpädagogik unterrichtet. Kindern mit nicht-deutscher Muttersprache wird hier Selbstbewusstsein für die eigenen Wurzeln vermittelt, es gibt u. a. Lehrer für Kroatisch, Türkisch und Tschetschenisch. Der Kongress der Individualpsychologen findet bis Sonntag in Wien statt (www.ip-kongress.com). Am Freitagabend diskutiert der Schriftsteller Michael Köhlmeier mit einem Individualpsychologen zum Thema "Was uns Mythen lehren".

Im 1. Weltkrieg diente Adler als Arzt in der österreichischen Armee, zuerst an der russischen Front und später in einem Kinderhospital. Er sah unmittelbar die Schäden, die ein krieg anrichtet, und seine Gedanken richteten sich nun auf soziale Interessen. Er stand dem Gedanken des Sozialismus nahe, lehnte den Bolschewismus aber als untaugliches Mittel zur Erreichung des Sozialismus ab, weil er selbst auf Macht gegründet sei. In einem späten Beitrag verwies er darauf, dass der ehrliche Psychologe seine Augen nicht davor verschließen kann, dass es Zustände gibt, die das Eingehen des Kindes in die Gemeinschaft verhindern und es aufwachsen lassen wie im Feindesland. Deshalb muss er aufklärend wirken auch gegen schlecht verstandenen Nationalismus, wenn dieser die allmenschliche Gemeinschaft schädigt.

Adler war der Philosophie der Aufklärung verpflichtet. Zwar waren für ihn Erbanlagen und Umwelteinflüsse prädisponierende Faktoren des Charakters, Erfahrungen werden aber aktiv gemacht, Erlebnisse subjektiv gedeutet, und Handlungen vollzieht der Mensch weitgehend selbstbestimmt. Bei gleichen Erlebnissen wird das eine Kind mutlos, während das andere sich angespornt fühlt. Nicht die Erlebnisse eines Kindes diktieren seine Handlungsweise, sondern die Schlussfolgerungen, die es aus diesen Erlebnissen zieht. Darin zeigt sich nach Adler die Freiheit, aber auch die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, die nicht auf andere Menschen oder das Schicksal projiziert werden kann. Er glaubte, wenn die Menschheit zu retten wäre, dann müsste sie ihren Weg verändern. Nach dem Krieg war er in verschiedene Projekte involviert, u.a. an Universitätskliniken und in der Lehrerausbildung. 1926 ging er in die USA, um Vorlesungen zu halten und nah, eine Gastprofessur am Long Island College of Medicine an. 1934 verließ er mit seiner Familie endgültig Wien. Am 28. Mai 1937 starb er - nachdem er eine Reihe von Vorträgen an der Aberdeen University gehalten hatte - an einem Herzinfarkt. Seine Urne blieb bis 2007 in Schottland und wurde erst 2011 am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Die Lehre

Adler stellt mit der Individualpsychologie, einem vor allem aus der Therapiepraxis entstandenen psychologischen System, ein erstes Gesamtpsychotherapiemodell vor, das sowohl die normale Psyche als auch Neurosen, Psychosen, Psychopathien, Prävention und Rehabilitation umfasst. Adlers Persönlichkeitstheorie, seiner Beschreibung und Erklärung des Phänomens seelischer Krankheit, der von ihm betonten Nähe seines psychologischen Systems zu anderen Wissenschaftsbereichen, vor allem zur Pädagogik und Soziologie, ist eine teleologisch-ganzheitliche und die Aktivität des Subjekts betonende Sichtweise immanent, die ebenfalls sehr aktuell anmutet. Adler hielt wenig von der Experimentalpsychologie, da er überzeugt war, dass sie den Einzelmenschen in unzusammenhängende Einzelteile zerstückelt und dass die so gewonnenen Ergebnisse für das Verstehen des Einzelnen wenig bringen können. Für ihn war klar, dass ein ,gutes' oder ,schlechtes' Gedächtnis nicht einfach eine gehirnphysiologische Angelegenheit ist (wie dies etwa Ebbinghaus glaubte), sondern seinen Sinn im Rahmen der gesamten Persönlichkeit hat. So war er beispielsweise der Ansicht, dass ein Mensch möglicherweise deshalb ein ,schlechtes' Gedächtnis entwickelt, um sich verantwortungsvollen Aufgaben entziehen zu können. Adler ging es um das Verständnis der Ganzheit des Individuums. Natürlich richtete auch Adler das Augenmerk auf Teilaspekte der Persönlichkeit, aber er war überzeugt, dass die einzelnen Züge eines Menschen wiederum nur auf dem Hintergrund seiner Ganzheit zu verstehen sind.

Schon in der Zeit vor seiner Zusammenarbeit mit Freud trat Adler für die Sozialmedizin ein und machte auf die gesellschaftlichen Faktoren der Krankheitsentwicklung aufmerksam. In den 20er Jahren im sozialistisch regierten Wien haben er und seine Schüler die Individualpsychologie explizit zu einer Praxis ausgebaut, die sich der Prophylaxe von Entwicklungsbehinderungen verschrieben hat. Adler vertritt eine ganzheitliche Sicht des Menschen. Körper, Seele und Geist sind danach untrennbar miteinander verbunden. Mit der Entwicklung dieses Ansatzes hat er Freuds Vorstellung vom Menschen als einer Zusammenballung gegensätzlicher Triebe und Instanzen hinter sich gelassen, und entsprechend weichen auch seine Schlussfolgerungen von Freuds Theorien ab. Während die Psychoanalyse sich auf die mühsame Suche nach den Ursachen seelischen Leidens begibt, betont Adler die "Zielstrebigkeit", die Intention oder Absicht des Individuums. Jeder Mensch kann in seinem Wesen als eine aufwärts gerichtete Spirale gesehen werden, deren Ziel die Vollkommenheit ist. Jedes Individuum strebt danach, von einer minderwertigen zu einer mehrwertigen Existenz zu gelangen. Im Menschenbild Adlers wird das Individuum von einem Gemeinschaftsgefühl geleitet. Deshalb widmet ein Therapeut der Adlerschen Schule den interpersonellen Bezügen des Patienten viel Aufmerksamkeit, während der Freudianer sich mit den intrapsychischen Konflikten beschäftigt. Adler weist auf den Einfluß der Geschwister auf die Entwicklung des einzelnen hin. Das Individuum existiert nicht isoliert in einer statischen Umgebung, sondern es agiert und reagiert auf sie und steht mit ihr in einer permanenten Wechselbeziehung. Adler glaubte im Sinne des Präventionsgedankens, dass man Gemeinschaftsgefühl methodisch trainieren könnte und müsste. Viele Konzepte von Verhaltensänderungen, die die Identifizierung mit sozialen Zielen zum Inhalt haben, haben ihre theoretischen Wurzeln in den Intentionen Adlers, auch wenn deren Verfasser sich selten direkt auf ihn beziehen. Mit der Akzentuierung sozial-praktischer Ideale in seiner Individualpsychologie kann Adler als früher Anmahner des in der heutigen Psychologie häufig fehlenden Theorie-Praxis-Bezugs angesehen werden.

Der Name "Individualpsychologie" betont die unteilbare Einheit von Körper, Seele und Geist des "Individuums", was auch als Abgrenzung gegenüber dem Freudschen Persönlichkeitsmodell gedacht, das mehrere miteinander in Konflikt liegende psychische Instanzen postuliert. Bei Adler zieht das gesamte seelische Geschehen an einem Strang. Zwar unterscheidet er wie Freud zwischen bewussten und unbewussten Vorgängen, aber das Unbewusste führt kein den Tendenzen des Bewusstseins entgegengesetztes Eigenleben. Auch die verschiedenen psychischen Funktionen wie Denken, Fühlen, Handeln, Wahrnehmen, Lernen stehen alle im Dienst einer einheitlich ausgerichteten Motivation. Die Individualpsychologie geht nicht von einzelnen Elementen aus, sondern vom Menschen als einem organischen Ganzen. Die Nähe der Ideen Adlers zur Ganzheits- und Gestaltpsychologie wird häufig hervorgehoben.

Der Kerngedanke von Adlers Persönlichkeitstheorie ist das Konzept eines einheitlichen, zielgerichteten, schöpferischen Individuums, das in gesundem Zustand in einer positiven, konstruktiven, ethischen Beziehung zu seinen Mitmenschen steht. Die Einheit der Persönlichkeit ist eine souveräne und selbstbestimmende Macht, die durch innere und äußere Einflüsse mitgeformt wird. Alles Seelenleben ist zielgerichtet. Der Mensch ist weder durch seine Erbanlagen, noch durch frühkindliche Umwelteinflüsse vollständig kausal determiniert. Die Ursachenforschung erfasst nur einen zweitrangigen Aspekt des Lebensgeschehens, nämlich seinen physikalisch-chemischen Teil. Die eigentliche Ordnung des Lebendigen ist das ziel- und zweckgerichtete Handeln, das sich nur einer teleologischen Betrachtungsweise erschließt. Dieser teleologische Ansatz unterscheidet die Individualpsychologie von allen anderen psychologischen Theorien. Bereits 1912 wies Adler darauf hin, dass das Individuum aus dem Gefühl der Minderwertigkeit, der Unterlegenheit heraus, das durch die Kleinheit und Schwäche eines Kindes gegenüber dem Erwachsenen entsteht, meist unbewusst, aber sicher unverstanden, ein Persönlichkeitsideal, eine "Fiktion persönlicher Überlegenheit" schafft. Die Einheit der Persönlichkeit ist in der Existenz jedes Menschenwesens angelegt. Jedes Individuum repräsentiert gleichermaßen die Einheit und die Ganzheit der Persönlichkeit wie die individuelle Ausformung dieser Einheit. Das Individuum ist mithin sowohl Bild wie Künstler. Es ist der Künstler seiner eigenen Persönlichkeit.

Adlers Lehre ist zudem eine Sozialpsychologie der Persönlichkeit, denn der Charakter bildet sich als Resultat der Begegnung mit anderen Menschen, das ganze seelische Geschehen ist darauf ausgerichtet, einen Platz in der Gemeinschaft zu finden. Die Gemeinschaft ist andererseits zu ihrer Verwirklichung und Entfaltung auf das Individuum genauso angewiesen, wie das Individuum zu seiner Selbstentfaltung der Gemeinschaft bedarf. Damit leugnet Adleraber nicht, dass es Widersprüche zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforderungengeben kann.

Quellen:
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/PsychologieSchulen.html
http://www.4real.ch/psy-thrp.html (01-11-17)
http://bidok.uibk.ac.at/texte/aggressionen-3.html (02-01-25)
Norbert Hartkamp (1997). Psychoanalytische Therapie: Ergebnisse und Prozesse
Was wissen wir - wonach müssen wir fragen? In Volker Tschuschke, Claudia Heckrath & Wolfgang Treß (Hrsg.) Zwischen Konfusion und Makulatur. Zum Wert der Berner Psychotherapie-Studie von Grawe, Donati und Bernauer. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
WWW: http://www.psychotherapie.org/norbert/ergpsy01.html (01-11-26)
Schallehn, Renate (1996). Alfred Adlers Individualpsychologie heute: eine Weiterentwicklung in Theorie und psychotherapeutischer Praxis?
WWW: http://www.goldgrubenverlag.de/schallehn-adler1.htm (03-07-11)
Brühlmeier, Arthur (o.J.). Die Individualpsychologie Alfred Adlers. Einführender Lehrtext über Adlers Individualpsychologie.
WWW: http://www.bruehlmeier.info/adler.htm (03-07-12)



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