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SAT LogoSelbst-Achtsamkeit-Test - SAT - Theorie

Dieser Test ist eine Übertragung der ursprünglichen Fassung der von Kristin Neff 2003 entwickelten "Self-Compassion Scale", die in der ersten Fassung 26 Items umfasste, und von der Autorin aktuell (2011) in einer Kurzform (Self-Compassion Scale – Short Form) auf 12 Items reduziert wurde. Für die Übertragung des Verfahrens wurde aus testtheoretischen Überlegungen dennoch auf die Langfassung zurückgegriffen, wobei inhaltlich nicht eine wortgetreue sondern inhaltliche Übereinstimmung der einzelnen Items angestrebt wurde. Diese wird nach dem Vorliegen einer größeren Datenmenge statistisch überprüft werden.

Begriffsdefinition

Neff (2003) definiert self-compassion durch drei Hauptkomponenten: self-kindness, common humanity, and mindfulness - mehr übertragen als übersetzt durch Selbstliebe, Conditio humana und Achtsamkeit, wobei diese drei Dimensionen bipolar angelegt sind und sich in Neffs Skala als folgende Merkmale darstellen:

"Self-compassion, therefore, entails three basic components: 1) extending kindness and understanding to oneself rather than harsh self-criticism and judgment; 2) seeing one’s experiences as part of the larger human experience rather than as separating and isolating; and 3) holding one’s painful thoughts and feelings in balanced awareness rather than over-identifying with them (Neff, 2003, S. 224). Neff erläutert auf ihrer Website: "Self-compassion involves acting the same way towards yourself when you are having a difficult time, fail, or notice something you don’t like about yourself. Instead of just ignoring your pain with a “stiff upper lip” mentality, you stop to tell yourself “this is really difficult right now,” how can I comfort and care for myself in this moment? Instead of mercilessly judging and criticizing yourself for various inadequacies or shortcomings, self-compassion means you are kind and understanding when confronted with personal failings … (…) …, having compassion for yourself means that you honor and accept your humanness."

Das Konzept der Selbst-Achtsamkeit ist auf Grund der hohen Korrelationen zwischen dem Gesamtwert und den Subfaktoren schon im Original mehr oder minder ein eindimensionales Konstrukt, wobei Self-Compassion eine Persönlichkeitseigenschaft bezeichnet, die insgesamt wohl am ehesten mit positiver oder fürsorglicher Selbstzuwendung oder Selbstachtung übersetzt werden kann. Dieses Konstrukt hat in den letzten Jahren eine zunehmende Aufmerksamkeit in der psychologischen Forschung erfahren und steht m. E. dem ebenfalls derzeit viel diskutierten Achtsamkeitsmodell nahe, wobei achtsam in diesem Zusammenhang bedeutet, innere und äußere Vorgänge mit ungeteilter, entspannter Aufmerksamkeit zu beobachten und “das ganze Bild” aufnehmen. Selbst-Achtsamkeit bezeichnet daher die Ausrichtung dieser Achtsamkeit auf die eigene Person, wobei dies sowohl wohlwollend als auch ablehnend geschehen kann.

Interessanterweise geht die Autorin der Skala explizit auf das ein, was self-compassion ihrer Meinung nach nicht ist: "Self-pity tends to emphasize egocentric feelings of separation from others and exaggerate the extent of personal suffering. Self-compassion, on the other hand, allows one to see the related experiences of self and other without these feelings of isolation and disconnection. (…) Self-compassion is also very different from self-indulgence."

Selbstmitleid und bloße Nachgiebigkeit gegen sich selbst im Sinne von "sich hängen lassen" sind deshalb einer positive Einstellung zu seiner eignenen Person abträglich, da sie wenig Perspektiven zur Veränderung enthalten, sondern dazu führen, sich zu isolieren und in der aktuellen Lage zu verharren. Viele Menschen haben übrigens oft den Eindruck, andere seien glücklicher oder sorgenfreier als sie selbst, doch wie Studien zeigen, beruht dies eher auf einer verzerrten Wahrnehmung, denn Menschen unterschätzten leicht, wie häufig und intensiv andere mit negativen Gefühlen zu kämpfen haben, und glauben, nur ihnen gehe es schlecht. Das liegt unter anderem daran, dass man andere Menschen vor allem in der Öffentlichkeit erlebt, wo Menschen allgemein dazu neigen, ihre Sorgen zu vergessen, sie zu verbergen oder sogar zu unterdrücken, denn es gilt als unangemessen, negative Gefühle und vor allem Ängste offen zu zeigen. Menschen sind deshalb auch an Filmen, Literatur oder Prominenten (Regenbogenpresse) interessiert, denn die dort geschilderten alltglichen Probleme trösten sie und helfen ihnen, das eigene Leid einzuordnen.

"Although self-compassion may seem similar to self-esteem, they are different in many ways. Self-esteem refers to our sense of self-worth, perceived value, or how much we like ourselves. (…) In contrast to self-esteem, self-compassion is not based on self-evaluations. People feel compassion for themselves because all human beings deserve compassion and understanding, not because they possess some particular set of traits …. (…) Moreover, self-compassion isn’t dependent on external circumstances, it’s always available ….".

Diese Abgrenzung des Konzepts zu Selbstachtung bzw. Selbstwert macht nur dann Sinn, wenn man es als bipolares Merkmal betrachtet, an dessen anderem Ende ein niedriges Selbstwertgefühl steht. Selbstwertschätzung besitzt m. E. vor allem im Deutschen sehr viele Konnotationen, die mit dem Konzept der self-compassion vereinbar scheinen.

Der Test

Dieser Test von Neff spannt nun in drei bipolaren Dimensionen (im Original: Self-Kindness - Self-Judgment, Common Humanity - Isolation, Mindfulness - Over-Identification - vorläufige Übersetzung: Selbstliebe - Selbstkritik, Conditio humana - Isolation, Achtsamkeit - Überidentifikation) diesen Raum der Selbstachtsamkeit auf, wobei im Englischen Achtsamkeit im Sinne von Mindfulness interpretiert (4. Subfaktor der Skala) wird und diejenige geistige Einstellung meint, in der man sich um eine breite und gerichteten Aufmerksamkeit auf alle Bewusstseinsinhalte zur eigenen Person bemüht, die „im Geist“ oder "Bewusstsein", also in der Wahrnehmung oder Vorstellung auftauchen: Gedanken aller Art wie Erinnerungen oder sonstige Vorstellungen, sowie sämtliche Sinneswahrnehmungen aus der Umgebung und dem eigenen "Inneren" einschließlich aller emotionalen Vorgänge.

Im Prinzip haben wir es bei diesem dreidimensionalen Konzept der Selbst-Achtsamkeit mit der klassischen psychologischen Trias emotional - sozial - rational (kognitiv) zu tun, wobei diese Dimensionen in Bezug auf die eigene Person gesehen werden. Der Gesamtwert der Skala deckt somit die wichtigsten Komponenten der Ich-Perspektive ab.

Die Bedeutung der Selbst-Achtsamkeit

Self-Compassion bezieht sich also auf den individuellen Umgang mit den Schwierigkeiten des Lebens, in dem sich zugleich die Einstellung zu sich selbst manifestiert. Dieses Konstrukt charakterisiert eine Richtung der positiven Psychologie, die davon ausgeht, dass man sich selbst mögen muss, um Krisen wie Depressionen oder Angstgefühle leichter zu überwinden. Neben Willenskraft und Selbstdisziplin hilft Selbstachtung nach Meinung von Kristin Neff, aus der Spirale von Selbstkritik und Schwarzseherei herauszukommen. Self-compassion bedeutet unter anderem sich selbst gegenüber einfühlsames Verständnis und wohlwollenden Respekt zu zeigen, besonders dann, wenn man sich mit seinen Schwächen und Unzulänglichkeiten konfrontiert weiß. Diese positive Lebenshaltung führt nicht nur dazu, dass man sich leichter in der Lage sieht sich so zu akzeptieren wie man ist, sondern Selbstachtung kann auch als Resilienzfaktor fungieren, indem Alltagswidrigkeiten besser angenommen und dadurch als weniger belastend erlebt werden. Das Erfordernis achtsam mit den eigenen Gefühlen umzugehen, beinhaltet eine angemessene Regulation der Emotionen, was nachhaltig emotional intelligentes Handeln bedeutet. Der Hauptgrund, weshalb Menschen nicht mehr Achtung gegen sich selbst aufbringen, ist die meist Furcht, zu genusssüchtig zu sein und die hohen Ansprüche an sich selbst zu sehr zu senken, denn viele Menschen glauben – meist von einer von Konkurrenz geleiteten Umwelt angeregt -, nur Selbstkritik hält sie in der Spur.

Methoden zur Erhöhung der Selbst-Achtsamkeit

Selbst-Achtsamkeit lässt sich als nützliche emotionale Regulationsstrategie betrachten, mit der man belastende Situationen und Gefühle nicht vermeidet, sondern aktiv und Berücksichtigung der eigenen Bedürfnisse betrachtet. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Selbstachtung Menschen kreativer macht und ihnen hilft, die Anfälligkeit für Depressionen zu bekämpfen. Menschen mit geringer Selbstachtung sollten ein Tagebuch führen oder sich selbst aus der Perspektive eines einfühlsamen Freundes einen Brief schreiben, denn ein Freund weiß um die Schwächen der menschlichen Natur, er vergibt und hat große Sympathien für den Adressaten. Diesen Brief sollte man beiseite legen und ihn erst nach einiger Zeit lesen und dann die Worte richtig auf sich wirken lassen.

Siehe auch die Achtsamkeitstherapie, einem achtsamkeitsbasierteb Ansatz in der Psychotherapie, verortet im Bereich der Verhaltenstherapie, die zunehmend angewendet und erforscht wird. Ein spezielles Achtsamkeitstraining (Mindfulness Based Stress Reduction) wurde von Jon Kabat-Zinn (1990) auf der Basis der Lehren des Buddhismus, die auf die westliche Welt angepasst wurden, als Programm zur Stressbewältigung entwickelt, und auch die "Mindfulness-based cognitive therapy" zur Rückfallprophylaxe bei Depressionen von Segal, Williams & Teasdale (2002) hat bereits einige Tradition, wobei beide einen deutlichen Bezug zu der meditativen Tradition aufweisen.

 


Literatur

Gehard, Sonja (2009). Der Einfluss von Self-Compassion auf die Bewältigung von Alltagsbelastungen unter Miteinbeziehung von Emotionaler Intelligenz, Spiritualität und Religiosität. Diplomarbeit. Universität Salzburg.

Germer, Christopher K. (2009). The mindful path to self-compassion: Freeing yourself from destructive thoughts and emotions. New York: Guilford Press.

Heidenreich, T. & Michalak, J. (2009). Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie – Eine Einführung. In T. Heidenreich & J. Michalak (Hrsg.), Achtsamkeit und Akzeptanz in der Psychotherapie: Ein Handbuch (S. 11-24). Tübingen: DGVT-Verlag.

Kabat-Zinn, J. (1990). Full catastrophe living: Using the wisdom of your body and mind to face stress, pain, and illness. New York: Delta.

Neff, Kristin D. (2004). Self-compassion and psychological well-being. Constructivism in the Human Sciences, 9, 27-37.

Neff, Kristin D. (2003). Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2, 85-102.

Neff, Kristin D. (2003). Development and validation of a scale to measure self-compassion. Self and Identity, 2, 223-250.
http://www.self-compassion.org/what_is_self_compassion.html (11-03-03)

Remmert, Günter W. (2008). Selbstachtung.
WWW: www.seminarhaus-schmiede.de (10-09-02)

Segal, Z., Williams, M. & Teasdale, J. (2002). Mindfulness-based cognitive therapy for depression: A new approach to preventing relapse. New York: Guilford.

Linktipps

http://www.self-compassion.org/

http://lexikon.stangl.eu/2234/self-compassion/

Download der Originalskalen

Langform: http://www.self-compassion.org/Self_Compassion_Scale_for_researchers.doc

Kurzform: http://www.self-compassion.org/ShortSCS.doc

 


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