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Die Psychologie des Jugendalters - Ein streiflichtartiger historischer Überblick *)

Das Jugendalter - wie wir es heute kennen und definieren - stellt kein universales Phänomen dar, das sich überall und zu allen Zeiten in ähnlichem Verhalten und Handeln von jungen Menschen zeigt. Diese Periode der menschlichen Entwicklung ist vielmehr abhängig von familiären, gesellschaftlichen und ökonomischen Einflußfaktoren.

Das Jugendalter gibt es als eigenständige Phase der Entwicklung des Menschen etwa seit der Zeit der Industrialisierung zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Die bis dahin übliche Kinderarbeit und eher unqualifizierte Arbeit von Erwachsenen wird mehr und mehr ersetzt durch eine systematische Ausbildung der Fähigkeiten und Fertigkeiten von Jugendlichen und - damit einhergehend - auch der Einführung einer allgemeinen Schulpflicht und einer berufsschulischen Ausbildung. Vor dieser Periode (vor dem 19. Jahrhundert) gab es praktisch keine eigenständige Periode des Jugendalters. Bis dahin regelten Übergangsrituale (Initiationsriten) den Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter, die bis heute bei sogenannten primitiven Kulturen zu beobachten sind. Durch diese Rituale wurde die Rollenübernahme des Einzelnen unterstützt und zum Teil sogar erst gewährleistet. Nicht das individuelle Verhalten sondern vielmehr die gesellschaftlich-tradierten Regeln ermöglichten einen reibungslosen Übergang von der undifferenzierten Kindheit in das differenzierte Erwachsenenalter. In andern Kulturen verbringen die Jugendlichen die meiste Zeit mit Erwachsenen statt vorwiegend mit Gleichaltrigen und bekommen schon früh Verantwortung übertragen. Der Aufruhr westlicher Jugendlicher ist danach das Ergebnis einer künstlichen Verlängerung der Kindheit.

Die jugendliche Rebellion gegen die Erwachsenen ist daher kein generelles Entwicklungsphänomen, denn sonst müsste sie weltweit anzutreffen sein. Robert Epstein berichtete 2007 im Magazin "Gehirn & Geist“ von Untersuchungen an Jugendlichen in 186 Kulturen, in denen man fand, dass asoziales Verhalten und psychische Störungen bei Jugendlichen in anderen Gemeinschaften sehr viel seltener auftreten. Rebellisches Verhalten in der Pubertät tritt demnach fast ausschließlich bei modernen westlichen Teenagern auf, ist also eine "Erfindung" der Moderne.

Die Phase der Pubertät umfasst nach heutigem Verständnis jenen Zeitraum, in dem Heranwachsende besonders einschneidende physiologisch-biologische Veränderungen durchmachen und mit ihnen korrelierende psychische und soziale Entwicklungen beginnen. Dabei handelt es sich um eine längere und differenzierte Phase mit zeitlich offenen Grenzen nach oben und unten, sodass Altersangaben nur ungefähre Grenzen markieren.

Friedrich (1999) definiert die Pubertät als jenes Lebensalter, "in dem die körperliche Umwandlung des Kindes zum Erwachsenen einsetzt, fortschreitet und letztendlich in der geschlechtsreifen körperlichen Ausprägung von Frau und Mann ihren Abschluss findet. Unter Adoleszenz ist jene Metamorphose zu verstehen, die Geist, Gemüt und Sozialisation eines Menschen verändert, das Gefühlsleben in Sturm und Drang versetzt und schließlich ausformt, sodass Reifestadien erreicht werden, die einem Menschen erlauben, Selbst- und Fremdverantwortung zu übernehmen, glücks- und liebesfähig zu sein und selbstkritisch an seiner eigenen Fähigkeit zur Toleranz zu arbeiten" (Ohne Autor 2001, S. 350).

Schon seit längerer Zeit zeigt sich eine Ausweitung des Zeitabschnittes des Jugendalters. Das hängt vor allem mit den allgemein gesteigerten Bedürfnissen nach systematischer beruflicher und schulischer Ausbildung zusammen, andererseits zeigt sich auch eine geschärfte Wahrnehmung der Öffentlichkeit für Jugendliche und ihre Probleme. In Werbung und Massenmedien nehmen Jugendliche eine besondere Stellung ein, an der auch die Wissenschaft nicht vorübergehen konnte. Jede Art von wissenschaftlicher Beschäftigung mit der Psychologie der Entwicklung im Jugendalter ist aber auch von nichtwissenschaftlichen Determinanten abhängig. Grob gesprochen lassen sich drei Hauptphasen der Beschäftigung mit dem Jugendalter unterscheiden: Der philosophische Abschnitt reicht von der Antike bis etwa zum Beginn des 19. Jahrhunderts, der geisteswissenschaftliche bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts und der naturwissenschaftliche bis zur Gegenwart (mit Überschneidungen).

Die philosophische TraditionDie philosophische Tradition

Das Jugendalter war in der Betrachtungsweise der Antike eine vorbereitende Phase für das eigentliche Lebensalter, nämlich die Erwachsenenzeit. Erste Zeugnisse für eine Psychologie des Jugendalters finden sich bei Platon (Der Staat), Aristoteles (Über die Seele). In der hellenistischen und römischen Zeit finden sich allerdings nur indirekte Ausführungen über das Jugendalter, denn hier werden rechtliche, gesellschaftliche, politische und familiäre Bindungen und Bezüge unterstrichen, über die der Jugendliche seine Rolle in der Gesellschaft erhält. Dabei werden die Übergangsrituale hervorgehoben, die bis heute bei sogenannten primitiven Kulturen zu beobachten sind. Zwar gibt es bis ins 18. Jahrhundert kaum Ausführungen über die Entwicklung im Jugendalter, dennoch gibt es zahlreiche indirekte Vorschriften für Verhaltensweisen eines jungen Mannes, eines Ritters, eines Pagen, eines Knappen. Hier geht es um standesmäßige regelhafte Vorschriften für Verhalten, das sich seinerseits auf den bestehenden Kanon von gesellschaftlichen Übereinkünften bezieht. Das Jugendalter bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich eine Phase der Vorbereitung, der Selbstprüfung und des Unfertigseins. Dabei spielen psychische Bedürfnisse, individuelles Verhalten und Handeln noch keine Rolle.

Die geisteswissenschaftliche Tradition


Emile als Gärtner

Dieses Bild und der Textausschnitt aus "Émile"stammt aus der empfehlenswerten site von Margarete Payer: Internationale Kommunikationskulturen.
WWW: http://www.payer.de/kommkulturen/kultur062.htm (02-07-29)

 

Rousseaus Erleuchtung

In einem Brief an Malesherbes aus dem Jahre 1762 beschreibt Rousseau den kathartischen Augenblick, der ihn 1749 im Wald von Vincennes ereilt haben sollte, in einer medizinisch anmutenden Schilderung als einen körperlichen und geistigen Zusammenbruch: „Ich besuchte Diderot, der damals in Vincennes gefangensaß. Ich hatte ein Heft des Mercure de France in der Tasche, in dem ich unterwegs zu blättern anfing. Ich stoße auf die Frage der Akademie zu Dijon. Hat jemals etwas einer schnelleren Eingebung geglichen, so war es die Bewegung, welche in mir vorging, als ich diese Frage las. Auf einmal fühle ich, daß mein Geist von tausend Lichtern geblendet wird, ganze Massen lebhafter Gedanken stellen sich ihm mit einer Gewalt und in einer Unordnung dar, die mich in eine unaussprechliche Verwirrung versetzt; meinen Kopf ergreift ein Schwindel, welcher der Trunkenheit gleicht. Ein heftiges Herzklopfen bedrängt mich, will mir die Brust sprengen; da ich gehend nicht mehr atmen kann, lasse ich mich am Fuß eines Baumes am Wege hinsinken und bringe eine halbe Stunde dort in einer Erregung zu, daß ich beim Aufstehen den ganzen Vorderteil meiner Weste mit Tränen durchnäßt finde, ohne gefühlt zu haben, daß ich welche vergoß.“
Rousseau bezieht sich in der Schilderung seiner Erleuchtung strukturell und lexikalisch auf die Bekehrung des Augustinus, die dieser in seinen „Bekenntnissen“ schildert (Confessiones VIII, 12, 29). Das Konversionserlebnis im Garten war der entscheidende Wendepunkt im Leben des Augustinus. Beide Autoren lagern ausgestreckt in der Natur unter einem Baum, halten ein Buch in der Linken, vergießen Tränen. Augustinus hört dann eine Kinderstimme „Nimm und lies“ (tolle lege). Rousseau dürfte aus vielen Gründen Augustinus zum Vorbild für sein fiktives Erleuchtungserlebnis gewählt haben. Neben der Tatsache, dass Rousseau als Titel für sein autobiographisches Œuvre Confessions den Titel des Kirchenvaters aufgriff, lassen sich zahlreiche Belegstellen für Rousseaus Lektüre der „Confessions“ finden. Der Vorfall von Vincennes, den Rousseau schriftlich wie mündlich als den Moment seiner Wandlung zum zivilisationskritischen Schriftsteller verbreitete, ist bereits von seinen Zeitgenossen als literarisches Konstrukt, als pure Erfindung und self-fashioning entlarvt worden, wie Marmontel treffend urteilt: „Voilà une extase éloquemment décrite“, eine wortreich beschriebene Ekstase.

Diese Tradition datiert aus der Zeit der Aufklärung. Jean-Jacques Rousseaus (französisch-schweizerischer Philosoph, 1712 - 1778) Romane "Émile ou De l'éducation" und "Héloise" beschreiben die Entwicklung eines Jungen und eines Mädchens während der Pubertät. Allerdings steht hier die erzieherische und nicht die psychologische Betrachtung im Vordergrund.

Setzen wir als unbestreitbare Maxime fest, dass die ersten Regungen der Natur immer richtig sind. Es gibt keine ursprüngliche Verdorbenheit im menschlichen Herzen. Es gibt dort nicht ein einziges Laster, von dem man nicht sagen könnte, wie und woher es dort eingedrungen ist. Die einzige dem Menschen natürliche Leidenschaft ist die Selbstliebe oder, in weiterem Sinn, die Eigenliebe. Diese Eigenliebe, an und für sich oder in Beziehung auf uns selbst, ist gut und nützlich. Und da sie keinerlei notwendige Beziehung auf andere hat, ist sie in dieser Hinsicht von Natur indifferent: Sie wird gut oder schlecht erst in ihrer Anwendung und ihren Beziehungen. Bis zu dem Augenblick, da die Vernunft, die Führerin der Eigenliebe, erwacht, ist es daher von höchster Wichtigkeit, dass das Kind nichts tut, weil es gesehen oder gehört wird, nichts, mit einem Wort, in bezug auf andere, sondern nur das, was die Natur von ihm fordert; dann wird es nur recht tun ...
Die erste Erziehung muß also rein negativ sein. Sie besteht keineswegs darin, Tugend und Wahrheit zu lehren, sondern darin, das Herz vor dem Laster und den Geist vor dem Irrtum zu bewahren. Wenn es euch gelänge, nichts zu tun und nichts geschehen zu lassen, wenn es euch gelänge, euren Zögling gesund und kräftig bis zu seinem zwölften Lebensjahr zu bringen, ohne dass er seine rechte von seiner linken Hand zu unterscheiden vermöchte, so würden sich die Augen seines Verständnisses vom ersten Augenblick an unter eurer Obhut der Vernunft öffnen. Ohne Vorurteile, ohne Gewohnheiten wäre nichts in ihm, was euren Bemühungen entgegenwirken könnte. Bald würde er unter euren Händen der weiseste aller Menschen, und indem ihr zu Anfang gar nichts getan hättet, hättet ihr ein Wunder an Erziehung vollbracht.
Tut das Gegenteil dessen, was der Brauch ist, und ihr werdet fast immer das Richtige tun. Wenn man aus einem Kind kein Kind, sondern einen Gelehrten machen will, können Väter und Lehrer nicht früh genug anfangen, es zu schelten, zu verbessern, zu maßregeln, ihm schön zu tun oder zu drohen, ihm Versprechungen zu machen, es zu belehren und ihm Vernunft zu predigen. Macht ihr es besser, seid selbst vernünftig, aber verlangt es nicht von eurem Zögling, vor allem zwingt ihm gegen seinen Willen keine Zustimmung ab. Denn für unangenehme Dinge immer Einwände der Vernunft zu hören, macht sie ihm nur langweilig, und sie gerät vorzeitig in Misskredit bei einem Geist, der noch außerstande ist, sie zu begreifen. Trainiert seinen Körper, seine Organe, seine Sinne und seine Kräfte, aber lasst seine Seele so lange wie möglich in Ruhe. Fürchtet für ihn alle Meinungen, ehe sich nicht seine Urteilskraft gebildet hat, die sie zu bewerten vermag; haltet fremde Eindrücke von ihm fern, und habt es nicht so eilig, das Gute zu tun, um das Schlechte zu verhüten. Denn ohne die Erleuchtung der Vernunft ist es nicht gut. Nehmt jede Verzögerung als Vorteil, denn es ist viel damit gewonnen, wenn man sich dem Ziel nähert, ohne etwas verloren zu haben. Lasst die Kindheit im Kinde reifen. Welche Belehrung ihm immer notwendig sein mag, hütet euch, sie heute zu erteilen, wenn ihr sie ohne Gefahr auf morgen verschieben könnt.
Aurousseau Die geisteswissenschaftliche Traditions: Émile ou De l'éducation (1762)

Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" und "Wilhelm Meister" sind typische Beispiele für Bildungsromane, die den individuellen Werdegang eines jungen Menschen beschreiben. Im Sinne von Dilthey kann man beim Bildungsroman von einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung sprechen, denn im Mittelpunkt steht das Verstehen und nicht die Analyse, die Betrachtung und nicht die Empirie.

Quelle: Wenderholm, Iris (2009). Die Tränen der Reflexion.
WWW: http://www.faz.net/ (10-01-28)

Charles DarwinDas generelle Interesse am Studium der menschlichen Natur etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts führte zu vielfältigen Bemühungen, eine möglichst exakte wissenschaftliche Betrachtung von biologischen, physikalischen, chemischen und anderen Gesetzmäßigkeiten vorzunehmen. Einen Höhepunkt stellen die Erkenntnisse von Darwin auf dem Gebiet der natürlichen Entwicklung dar. Diese Untersuchungen haben einen großen Einfluß auch auf die psychologische Betrachtung der menschlichen Entwicklung. Phasen und Stufen der Naturentwicklung werden übertragen auf die Prozesse der Entwicklung des Menschen. Ernst Haeckels berühmt gewordenes Rekapitulationsgesetz (Biogenetisches Grundgesetz: Die Keimesgeschichte ist ein Auszug der Stammesgeschichte) in bezug auf die ontogenetische und phylogenetische Entwicklung bildet einen Grundstein für die darauffolgende Entwicklung einer ersten Psychologie des Jugendalters. Allerdings haben neuere Forschungen ergeben, dass Haeckels Zeichnungen auf keinen Fall von echten Embryonen stammen könnten, vielmehr liege hier eine der gar nicht so seltenen wissenschaftlichen Fälschung vor, die lange Zeit unentdeckt geblieben sind.

Ernst HaeckelBezogen auf die Darwin'sche Theorie läßt sich das Jugendalter nun nicht mehr als bloße Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter betrachten, sondern als Vorstufe zum Homo sapiens, dem Erwachsenenalter der Menschheit. Es ergeben sich vollkommen andere Perspektiven, wenn das Jugendalter der Menschheit als eine Phase des Übergangs vom tierischen zum eigentlichen menschlichen Verhalten angesehen wird. Aus diesem Geist heraus veröffentlicht Stanley Hall seine "Psychologie des Jugendalters". Darin beschäftigt er sich mit einer Grundlegung der Entwicklungspsychologie sowie mit jenen zusätzlichen Faktoren, die das Verhalten von Jugendlichen bedingen. Sie ist das erste wissenschaftliche Werk auf diesem Gebiet. Man kann Halls Werk als den Höhepunkt und den Abschluß der geisteswissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Jugendalter ansehen.

Eduard Spranger Psychologie des JugendaltersEinen weiteren Höhepunkt bildet Eduard Sprangers "Psychologie des Jugendalters", denn dieses Werk hat großen Einfluß auf die verschiedensten Richtungen vor allem auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaft gehabt. Spranger gründet seine Überlegungen auf eine kultur-pädagogische Betrachtungsweise. Dabei differenziert er bei Jugendlichen (d. h. bei ihm dem bürgerlich-männlichen Jugendlichen) zwischen unterschiedlichen Typen, die sich in Verhalten und Handeln unterscheiden. Auch wenn Sprangers Psychologie des Jugendalters heute mehr in den Hintergrund der wissenschaftlichen Auseinandersetzung gerückt ist, so deutet sich doch darin zum ersten Mal eine typologische Ausdifferenzierung an. Bei ihm steht nicht nur der Jugendliche im Mittelpunkt, sondern unterschiedliche Ausprägungen von Individuen. Dadurch verbreitert sich die Sichtweise auf diejenige die auch heute die Diskussion beherrscht, wenn z. B. von Jugendkulturen die Rede ist.

In den 50er Jahren wird die Rockmusik zum Ausdrucksmedium der neu entstehenden Jugendkulturen ("Teenager", "Halbstarke"). Jugendliche schaffen damit erstmals eigene soziale Milieus in Abgrenzung von der Welt der Erwachsenen. Diese subkulturellen Milieus sind gekennzeichnet durch die (unterschiedliche) Verwendung der Symbolmedien Musik, Mode und Ausdrucksgestus. Sie existieren aber insofern auch ganz real, als die Jugendlichen nach Sozialräumen suchen und auch schaffen, in denen sie, wenn auch nur partiell, existieren (vgl. Baacke 1985, S. 158). Jugendliche Peer-groups emanzipierten sich allmählich zu einer Subkultur, die sich bewusst von den Interaktions- und Kommunikationsmodi der von den Erwachsenen besetzten gesellschaftlichen Subsysteme unterscheidet; die die soziale Kontrolle immer mehr auf die Jugendlichen selbst zu verlagern sucht; die als gemeinsamen Bezugspunkt die Abgrenzung von traditionellen Normen und Verhaltensweisen ansieht und die subkulturellen Gepflogenheiten und Standards zu einem bevorzugten Identifikationspotential werden läßt - mit dem Anspruch, dass dies alles nicht eine vorübergehende Kinderei darstelle, sondern eine ernstzunehmende Alternative auf Dauer."

Bis in die 60er und 70er Jahre des 20. Jhts sind jugendliche Gesellungsformen mit dem klassen- oder milieuspezifisch gefärbten Begriff der jugendlicher Subkultur beschrieben worden, der ein hierarchisches Verhältnis zwischen der jeweiligen Jugendkultur und der dominanten Erwachsenenkultur unterstellt. Im Begriff der Subkultur ist immer auch die Abweichung von einer enggeführten Normalität dieser Erwachsenenkultur mitgedacht - am deutlichsten etwa in der 68er-Bewegung und der Hippie-Subkultur, die sich ausdrücklich als Gegenkulturen verstanden. Die Gegnerschaft des "bürgerlichen Establishment", die vor allem die Rockmusik auf sich zog (Sendeverbote im Rundfunk, öffentliche Zerstörungen von Schallplatten), hat gezeigt, wie sehr die Definitionsherrschaft über Situationen und die Kontrolle des durch die Erwachsenen repräsentierten Lebenssystems über jugendkulturelle Ausdrucksmedien in Frage gestellt werden können. Die 68er-Bewegung war Ausdruck dafür, dass die postmaterialistischen Werte an Einfluss gewonnen hatten, wobei vor allem die Jugend Träger eines Wertewandels war, der in einer Hinwendung zu den ethischen Grundsätzen einer nicht-instrumentellen Lebensführung bestand. Kreativität, Selbstverwirklichung, Schutz der Natur traten an die Stelle von materialistischen Idealen wie Karriere, Reichtum oder Sicherheitsbedürfnissen. Den Jugendlichen und jungen Menschen ging es vorrangig um ein freies, selbst bestimmtes Leben, das nicht vom Einfluss tradierter Konventionen abhängt, sondern eine authentische, nicht entfremdete, nicht primär an egoistischen Zwecken ausgerichtete Lebensführung beinhaltet (Heinzlmaier, 2011).

Im Zuge der gesellschaftlichen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse haben sich die Jugendkulturen - vor allem seit Ende der 70er Jahre - immens ausdifferenziert. Gleichzeitig kommt es zu einer Globalisierung durch die inzwischen weltweite Verbreitung und Vermarktung der erfolgreichen Produkte der Rock- und Pop-Szene sowie zu einer Verallgemeinerung in dem Sinn einer wachsenden Unschärfe der Trennlinien von eigenständigen Jugendkulturen zur "Gesamtkultur", da die letztere zunehmend jugendkulturelle Elemente assimiliert und der Gestus von Jugendlichkeit' in andere Lebensaltersstufen übernommen wird.

Spätestens seit den achtziger Jahren ist es nicht mehr möglich, Jugendkulturen generell als Gegenkulturen aufzufassen. Sicherlich haben auch viele spätere Jugendkulturen - etwa in der Ökologiebewegung - Alternativen in der gesellschaftlichen Entwicklung aufgezeigt, und ebenso lassen sich noch immer bestimmte Jugendkulturen als Ausdruck eines Protests gegen gesellschaftliche Zustände deuten. Auf die in den letzten Jahren inflationäre Entstehung immer neuer Freizeit-Stile sowie auf die zahlreichen Revivals (z. B. Teds, Skinheads) von Jugendkulturen aus den 50er bis 70er Jahren trifft dies aber immer weniger zu.

So ist beispielsweise ein proletarischer Hintergrund für einen Jugendlichen keineswegs mehr notwendig, um etwa Skinhead werden zu können. Besondere soziale Lebenslagen können zwar die Disposition für oder gegen bestimmte Jugendkulturen verstärken - Vorhersagen des biographischen Verlaufs von Szene-Zugehörigkeiten sind dennoch wenig verläßlich. Es zeigt sich vielmehr, dass z. B. in der anscheinend völlig milieuunspezifischen Technoszene - der Anschluß an Jugendkulturen eher situativ erfolgt, als kurzfristig wirkender Stimulus eines reizvoll erscheinenden Arrangements, aufgrund der Orientierung an Freunden, die das Experiment des "Andersseins" schon eingegangen sind. Erleichtert wird dies dadurch, dass fast alle anzutreffenden Jugendkulturen durch Medien globalisiert wurdeb und schon deshalb wählbare Muster sind, die eher nach ästhetischen als nach sozialen Gesichtspunkten assimiliert werden.

Im Vergleich zu früheren Jugendgenerationen ist die mediale Vermittelt typisch, insbesondere entlang spezifischer Musikrichtungen. Allerdings entwickeln gerade Jugendliche einen spezifischen "Eigensinn", der es ihnen ermöglicht, sich die Ausdrucksmittel der Trivialkultur originell und ausdrucksstark anzueignen, teilweise weiterzuentwickeln und so "Möglichkeiten von oppositionell unabhängigen und alternativen Symbolisierungen des Selbst" (Willis 1991, S. 193) zu erzeugen.

Im Zuge solcher postmaterialistischen Programmatiken und der hohen gesellschaftlichen Akzeptanz für die individuelle Selbstverwirklichung des Menschen tritt am Beginn des 21. Jahrhunderts immer stärker ein Diskurs in den Vordergrund, der auf die Ambivalenz des ethisch-moralischen Erbes der 1968er Bewegung verweist, wobei diese Ambivalenz im Gegensatz von jener positiv zu bewertender Demokratisierung der Gesellschaft im Gefolge der Durchsetzung von autozentrischen Werten der Selbstverwirklichung besteht, die zwar zu einer größeren Akzeptanz des politischen Systems für die individuellen Bedürfnisse und Interessen der BürgerInnen geführt haben, aber gleichzeitig auch zu einer Verstärkung von hedonistisch-individualistischen Tendenzen, die ein egozentrisches Individuum prägen, das sein Leben in erster Linie am persönlichen Nutzen und Selbstverwirklichungswerten ausrichtet. Im Gefolge dieses postmaterialistischen Wertewandels zu einem sich bis zum Egoismus hin radikalisierenden Individualismus, beginnen sich Gemeinschaftsbindungen und kollektive Verbindlichkeiten zu lockern, und statt eng verbundener, langfristig stabiler Gemeinschaftsbeziehungen treten schwach gebundene soziale Netzwerke, wobei das überbefreite Individuum wieder weniger Energie in die Selbst- und mehr in die Gemeinschaftsverwirklichung stecken sollte (Heinzlmaier, 2011).

Literatur

Baacke, Dieter (1985) Jugendkulturen und Popmusik( S. 154 - 174). In Baacke, D. & Heitmeyer, W. (Hrsg.), Neue Widersprüche. Jugendliche in den achtziger Jahren. Weinheim: Juventa.
Heinzlmaier, B. (2011). Die Werte der Jugend in Zeiten der moralischen Krise. Wien: Institut für Jugendkulturforschung.

Willis, Paul (1991). Jugend-Stile. Zur Ästhetik der gemeinsamen Kultur. Hamburg.

Die soziologische Tradition

Schelskys skeptische Generation

Wohin geht diese Generation? Was kommt danach? Mir scheint, dass ihre Grunderfahrung die der sozialen Unsicherheit ist, einer permanenten Gefährdung des Menschen von außen und innen, das Erleben des Zufälligen und Versehbaren jeglicher sozialen und menschlichen Sicherheit und Stabilität. Sturz und Ruin der sozialen Systeme und Ordnung wurden dieser Generation ebenso selbstverständliche Möglichkeiten wie Irrtum, Schwäche und Versagen der Erwachsenen; ohne den Halt lebensweisender Autoritäten und Vorbilder - "wir haben keine Lehrmeister mehr" -, die, wo sie ersehnt werden, doch zugleich dieser Welt gegenüber als unglaubhaft und unpraktisch empfunden werden, erfüllt diese Generation jenes Lebensgrundgefühl, das der Literarhistoriker Julian Schmidt schon einmal einer anderen getäuschten Nachkriegsgeneration, den jugendlichen Romantikern nach den "Freiheitskriegen", zugeschrieben hat: "das bewußtlose Bewußtsein des universellen Schwindels".

Aber die Gefährdung des Einzelnen im Zeitalter der Völkervernichtungen sind bedrohlicher, die Reaktionen darauf härter. Bewußtsein und praktische Handlungsformen nehmen ein neues Verhältnis zueinander ein. Diese Generation ist in ihrem sozialen Bewußtsein und Selbstbewußtsein kritischer, skeptischer, mißtrauischer, glaubens- oder wenigstens illusionsloser als alle Jugendgenerationen vorher, sie ist tolerant, wenn man die Voraussetzung und Hinnahme eigener und fremder Schwächen als Toleranz bezeichnen will, sie ist ohne Pathos, Programme und Parolen. Diese geistige Ernüchterung macht frei zu einer für die Jugend ungewöhnlichen Lebenstüchtigkeit.

Die Generation ist im privaten und sozialen Verhalten angepaßter, wirklichkeitsnäher, zugriffsbereiter und erfolgssicherer als je eine Jugend vorher. Sie meistert das Leben in der Banalität, in der es sich dem Menschen stellt, und ist darauf stolz. In Anlehnung an eine in England zur Zeit gängige Formel könnte man diese Jugend die Generation der vorsichtigen, aber erfolgreichen jungen Männer nennen (Schelsky 1957, S. 487).

Schon heute müssen einige schwer in den sonstigen Habitus der nüchternen Generation einzufügende Erscheinungen hier mit ihre Wurzeln haben: die rauschhaft-ekstatische Hingabe an die vitale Musik der Jazz- Sessions, an die akrobatisch aufgelösten modernen Tanzformen und nicht zuletzt schließlich das individuelle Außersichsein in den sogenannten Halbstarkenkrawallen. Aber, aufmerksamer gesehen, zeigen sich neue Formen des vitalen Erlebens auch in der modernen Touristik, besonders der motorisierten, in den hochtechnisierten Sportarten usw. Bisher hat man die auffälligsten dieser Erscheinungen gern in Richtung der "Regression" im Freudschen Sinne, als eine Reprimitivisierung, ausgedeutet; ich glaube nicht, dass diese Interpretation ausreicht, wenn eine junge Generation in ihren besten Kräften und sozusagen bewußt mit sich selbst auf dieser Linie neuer vitaler Erlebensformen experimentieren wird. Schon die Halbstarkenkrawalle lassen sich nicht auf die "primitiven" Typen reduzieren. Überhaupt zeigen die unter dem Namen der "Halbstarken" begriffenen Erscheinungen der letzten Zeit einige Züge jugendlichen Verhaltens, die wir als Möglichkeiten einer neueren generationshaften Verhaltensgestalt der Jugend zu deuten willens sind. Wir sind aus diesem Grunde bisher in unserer Darstellung nicht auf die "Halbstarken" eingegangen; in dieses aus publizistischen Bedürfnissen aufgeblasene Schlagwort ist von der Jugendkriminalität über die Jugendverwahrlosung, von Jugendstreichen und -flegeleien bis zu dem Konsumrowdytum gelegentlicher Alkoholexzesse, von den Jazzfans und Beboptänzern bis zu den Motorradrasereien und den Krawallen und Aufläufen so ziemlich alles hineingestopft worden, was den Erwachsenen als "Notstand" oder wenigstens als unerfreulich, wenn nicht nur unverständlich an der Jugend einmal wieder auffiel. Reduziert man dieses Tatsachen- und Meinungskonglomerat auf die Ursprungserscheinungen dieser "Kristallisation", auf die jugendlichen Krawalle und Aufläufe (...), so wäre auch hier auf vielerlei ähnliche Erscheinungen in der Vergangenheit hinzuweisen; (...). Vor allem scheint mir der emotional und momentan explosive Protestcharakter des Krawallverhaltens als eine ungeplante, aber in vitalen Bedürfnissen verwurzelte Ausbruchsreaktion der Jugendlichen gegen die manipulierte Befriedigung des modernen Lebens und gegen den unangreifbaren Konformitätsdruck der modernen Gesellschaft bemerkenswert. (...) Diese vitalen, nicht programmierbaren Protestbedürfnisse der Jugend müssen sich gerade mit der Konsolidierung der industriellen Gesellschaft steigern. Ich erwarte eine "sezessionistische" Jugendgeneration, gekennzeichnet durch eine Welle "sinnloser" Ausbruchsversuche aus der in die Watte manipulierter Humanität, überzeugender Sicherheit und allgemeiner Wohlfahrt gewickelten modernen Welt. Die Rolle des von der sozialen Erfüllung seiner eigenen Begehrlichkeiten institutionell umstellten Menschen der modernen Gesellschaft kann für die Jugend, die in diese Situation als Erbe hineinwachsen soll, nicht ohne Provokationen übernommen werden (Schelsky 1957, S. 490ff.).

Die naturwissenschaftliche Tradition

Die heutige Psychologie sieht sich vorwiegend in der Tradition einer naturwissenschaftlichen Forschungsrichtung. Dabei werden mit wissenschaftlicher Methodik systematisch empirisch gewonnene Daten über unterschiedliche Aspekte des Verhaltens und Handelns untersucht. Experimentelles Vorgehen und statistische Auswertung stehen im Vordergrund. Es interessieren besonders die quantifizierbaren Dimensionen des menschlichen Verhaltens und dessen Entwicklung.

Schon in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts zeigt sich gerade im Bereich der Entwicklungspsychologie auch eine Ausrichtung auf die Feldforschung. Dabei werden Jugendliche in ihrer natürlichen Umgebung beschrieben, erfaßt und analysiert. Dimensionen wie abweichendes Verhalten, Kriminalität, Delinquenz, Gruppenbildung usw. werden untersucht. Diese empirisch-experimentelle Vorgehensweise erreichte in den letzten Jahrzehnten einen Höhepunkt. Vor allem die Jugendbewegung der 68er Jahre forderte die sozialwissenschaftliche Erklärung und Theorienbildung für diese Phänomene.

Seit etwa den 80er Jahren des 20. Jhts kommt es in der Entwicklungspsychologie zu einer Ausweitung auf die gesamte Lebensspanne, und auch das Erwachsenenalter und das hohe Alter treten in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Erörterung. Dennoch läßt sich gerade in letzter Zeit wieder eine verstärkte Zuwendung zur Periode des Jugendalters erkennen. Vor allem große demoskopische Untersuchungen (Shell-Studie, Sinus-Studie), die hauptsächlich von Schelsky initiiert wurden, werden regelmäßig fortgesetzt und zeigen die Einbindung von Jugendlichen in die gegenwärtige Jugendkultur und die Gesamtgesellschaft. Gerade im Begriff der Jugendkultur deutet sich an, dass die Gruppe der Jugendlichen als eigenständiger Bestandteil der Gesellschaft betrachtet wird. Es wird zum ersten Mal versucht, auch die subjektive Befindlichkeit jugendlichen Verhaltens zu untersuchen. Jugendliche sind in diesen neueren Arbeiten nicht so sehr Objekte oder Träger von wissenschaftlichen Daten, sondern vielmehr eigenständig Handelnde in einer sich wandelnden Gesellschaft.

Seit 1952 beauftragt die Deutsche Shell führende Forschungsinstitute mit der Erstellung von Jugendstudien. Die 14. Shell Jugendstudie (eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.515 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren in der BRD) ist typisch für die aktuelle Jugendforschung, die auch eine starke Breitenwirkung aufweist, indem medial - teilweise verkürzt - ein Zustandsbild der Jugendlichen gezeichnet wird.

Die Studie aus dem Jahr 2002 etwa zeigt einen Wertewandel bei Heranwachsenden und weist nach, dass Jugendliche am Beginn des 21. Jahrhunderts ihre Zukunft eher pragmatisch und zielorientiert gestalten. Die Protest- und 'Null-Bock'-Stimmung früherer Generationen, die seinerzeit besonders von Studenten und Abiturienten kultiviert wurde, ist passé. Die Mentalität der Jugendlichen hat sich insgesamt von einer eher gesellschaftskritischen Gruppe in Richtung der gesellschaftlichen Mitte verschoben. Die meisten Jugendlichen reagieren auf neue gesellschaftliche Agenda mit positivem Denken und erhöhter Leistungsbereitschaft. Sie überprüfen aufmerksam ihre soziale Umwelt auf Chancen und Risiken, wobei sie Chancen ergreifen und Risiken minimieren wollen. Übergreifende gesellschaftliche Ziele stehen dabei nicht im Mittelpunkt ihres Interesses, sondern ihr Ziel ist es, in einer leistungsorientierten Gesellschaft erfolgreich zu sein. Trotz des geringen politischen Interesses sind viele Jugendliche in ihrem Lebensumfeld gesellschaftlich aktiv undorientieren sich an konkreten und praktischen Fragen, die für sie mit persönlichen Chancen und Nutzen verbunden sind. Im Vordergrund stehen eigene, jugendbezogene Interessen und eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung.

Leistung, Sicherheit und Einfluß sind den Jugendlichen wichtiger geworden. Während in der zweiten Hälfte der 80er Jahre erst 62 Prozent der Heranwachsenden "Fleiß und Ehrgeiz" für bedeutsam hielten, sind es 2002 bereits 75 Prozent. Ganz oben auf der Werteskala sind auch das "Streben nach Sicherheit" (von 69 Prozent auf 79 Prozent), sowie "Macht und Einfluss" (von 27 Prozent auf 36 Prozent).

Der Wertewandel in der Jugend wird gerade auch von den weiblichen Heranwachsenden getragen. Mädchen und junge Frauen sind heute ehrgeiziger, aber auch selbstbewußter. "Karriere machen", "sich selbstständig machen" und "Verantwortung übernehmen" ist für sie ebenso wichtig wie für Jungen und junge Männer. Gleichzeitig hat die Familie einen hohen Stellenwert. 75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen Befragten meinen, eine Familie zum "glücklich sein" zu brauchen. Über zwei Drittel der Jugendlichen wollen später eigene Kinder haben.

Den neuen Zeitgeist verkörpern insbesondere die Jugendlichen, die in Schule, Ausbildung und Beruf erfolgreich sind. Potenziell benachteiligt fühlen sich hingegen Jugendliche, die ein geringes Bildungsniveau aufweisen. Sie haben schlechtere Chancen, ihre beruflichen Wünsche einzulösen und sind mit ihrer gegenwärtigen Lebenssituation weniger zufrieden.

Die Studie unterscheidet vier Typen von Heranwachsenden, die sich den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in verschiedener Weise stellen:

Die "selbstbewußten Macher", eine Aufsteigergruppe aus der breiten sozialen Mitte und in beiden Geschlechtern gleichermaßen vertreten, sind ehrgeizig, streben nach Einfluß und einer produktiven gesellschaftlichen Entwicklung. Ein fördernder und fordernder Erziehungsstil hat ihnen das psychologische Rüstzeug dafür vermittelt. Soziales Engagement ist wichtig, klar vorne steht aber persönliche Leistung.

Die "pragmatischen Idealisten", bevorzugt aus den bildungsbürgerlichen Schichten stammend und zu 60 Prozent weiblich, konzentrieren sich eher auf die ideelle Seite des Lebens und engagieren sich zum Beispiel für andere Menschen oder die Umwelt. Dennoch unterscheiden sich diese Jugendlichen von den "Postmaterialisten" der 70er und 80er Jahre: Sie sind sicherheitsbewußter, stehen ohne ideologische Scheuklappen zu "Recht und Ordnung" und zum Leistungswettbewerb.

Die "robusten Materialisten" und die "zögerlichen Unauffälligen" kommen mit den Leistungsanforderungen in Schule und Beruf weniger gut zurecht. Sie sehen deshalb verstärkt skeptisch in ihre persönliche Zukunft. Während die Unauffälligen mit Resignation und Apathie auf ihre ungünstige Situation reagieren, demonstrieren die "robusten Materialisten", eine vorwiegend männliche Gruppe, zumindest äußerliche Stärke. Um ans Ziel zu kommen, setzen sie häufig ihre Ellenbogen ein und übertreten im Zweifelsfall auch bewußt gesellschaftliche Regeln. Obwohl unter den Materialisten vermehrt "Underdogs" sind, schauen sie auf sozial Schwächere, Ausländer und Randgruppen herab. Ein kleiner Teil neigt zu politischem Radikalismus.

Jugendkulturen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Während die frühen jugendkulturellen Gruppierungen mehrheitlich auf ihr Herkunftsmilieu bezogen blieben, das auch in gewisser Weise bestimmte, welche Gruppierung für einen Jugendlichen attraktiv und zugänglich war, sind Jugendkulturen am Beginn des 21. Jahrhunderts von ihren sozialen Herkunftsmilieus weitgehend abgekoppelt, da die Milieus ihre Bindungskraft weitgehend eingebüßt haben und die Stelle ehemals milieubezogener jugendlicher Subkulturen heute weitgehend von Freizeit-Szenen als wählbaren und abwählbaren Formationen eingenommen wird. Als Freizeitstile überbetonen jugendkulturelle Stilformationen jedoch häufig die "expressive" und "interaktive" Verhaltensdimension. Symbolische Ausbrüche auf der Ausdrucksebene (etwa durch jugendmodisches Styling) bleiben aber begrenzt und überwinden z. B. nicht kleinbürgerliche Enge und soziale Armut. Zudem betreffen Individualisierungsprozesse ja zunächst die übergreifenden Sinnsysteme, ohne die einzelnen partikularen Handlungs- und Deutungsmuster zu zerstören. Diese lösen sich vielmehr aus den traditionellen Zusammenhängen, verselbständigen sich und gehen "beliebige" Kombinationen ein. Milieuprägungen fasern daher von den Rändern her aus, während sie in "Kernbereichen" resistenter sind (vgl. Vollbrecht 1988, S. 82). Lebensstile lassen sich als expressive Lebensführungsmuster auffassen, die sicht- und meßbarer Ausdruck der gewählten Lebensführung sind und "von materiellen und kulturellen Ressourcen und den Werthaltungen abhängen. Die Ressourcen umschreiben die Lebenschancen, die jeweiligen Options- und Wahlmöglichkeiten, die Werthaltungen definieren die vorherrschenden Lebensziele, prägen die Mentalitäten und kommen in einem spezifischen Habitus zum Ausdruck" (Müller 1992, S. 62).

Auffällig ist in heutigen Jugendkulturen die ästhetische Komponente, eine ästhetisierende Überhöhung des Alltäglichen. Baacke (1994) beschreibt dies als Abkehr der Jugendlichen vom "Modell des soziologischen Diskurses" der kritischen Jugendbewegungen (z.B. der 68er Studentenbewegung), der sich durch spezifisches "Appell-Verhalten" auszeichnete, und stärkerer Hinwendung zum "Modell des ethnologischen Diskurses" mit einer Bedeutungsverlagerung zum "Ausdrucksverhalten". Anstelle von Überzeugung, Kampf, Herausforderung und Weltveränderung geht es nun um Selbstdarstellung mittels exzentrischer Ausdrucksmittel sowie um Verunsicherung durch Regelverletzungen und beispielsweise den Gestus des Unbeteiligtseins.

Es kommt zu einer Ich-Zentrierung ebenso wie zur generellen Einstellung von "leben und leben lassen". Dieses z. B. in der Technokultur anzutreffende Modell ist dadurch gekennzeichnet, dass Verbindlichkeiten abgelehnt werden, alle Ausdrucksmittel erlaubt sind und auch der Kommerz seine Faszinationskraft entfalten darf. Zwar gibt es weiter Werte und Grundhaltungen, aber sie sind zum Ausprobieren da, und es gibt keinen Kosens mehr, auf den man sich berufen könnte (vgl. Baacke 1993). Vor allem wegen ihrer auffälligen Ausdrucks-Codes erfreuen sich jugendkulturelle Stile der besonderen Aufmerksamkeit des Mediensystems. Die Medien betreiben dabei nicht nur die Kommerzialisierung der Jugendkulturen - sie ermöglichen auch ihre partielle Durchsetzung durch die mit der Kommerzialisierung verbundenen Verbreitung. Medien verkürzen gewissermaßen die Halbwertzeit von Jugendkulturen und treiben die Entwicklung und Aufhebung jugendkultureller Stile voran.

Für die aktuelle Jugendszene sind vor allem Hedonismus und Gegenwartsorientierung von Bedeutung. Es besteht die Tendenz, Jugend nicht mehr als Moratorium und Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsensein zu sehen, die es möglichst schnell zu überwinden gilt, sondern diese Lebensphase als eine aufzufassen, in der es darum geht, "Spaß" zu haben, das Leben zu genießen, und wenig an die - ohnehin schwer vorhersehbare - Zukunft zu denken. Dies führt auch dazu, hohe Ansprüche an Arbeit und Arbeitsplatz zu stellen und sie bei Mängeln rasch als der eigenen Person nicht entsprechend einzustufen (Bergmann & Eder 1999).

Quellen & Literatur:
Baacke, Dieter (1993) Initiativen in der Jugend- und Kulturarbeit: Stilpluralismus statt Aufklärung? (S. , 6 - 11). In Das Paritätische Jugendwerk (Hrsg.), 10-Jahres-Feier des Paritätischen Jugendwerkes NRW - Die Reden. Wuppertal.
Bergmann Christian & Eder, Ferdinand (1999). Problemgruppen beim Übergang von der Schule in den Beruf. Rohbericht zu einem Forschungsprojekt. Johannes Kepler Universität Linz.
Jugend 2002 - Zwischen pragmatischem Idealismus und robustem Materialismus. 14. Shell Jugendstudie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.
WWW: http://www.shell-jugendstudie.de/
Müller, H.-P. (1992). Sozialstruktur und Lebensstile. Zur Neuorientierung der Sozialstrukturforschung (S. 57 - 66). In Hradil, S. (Hrsg.), Zwischen Bewußtsein und Sein. Die Vermittlung "objektiver" Lebensbedingungen und "subjektiver" Lebensweisen. Opladen: Leske und Budrich.
Vollbrecht, R. (1995). Die Bedeutung von Stil. Jugendkulturen und Jugendszenen im Licht der neueren Lebensstildiskussion (S. 23 - 37). In Ferchhoff, W., Sander, U. & Vollbrecht, R. (Hrsg.), Jugendkulturen - Faszination und Ambivalenz. Einblicke in jugendliche Lebenswelten. Weinheim: Beltz.

Während man früher davon ausging, dass die hormonellen Veränderungen für viele psychologische Phänomene verantwortlich sind, nimmt man heute an, dass Östrogen und Testosteron keine hinreichende Erklärung mehr darstellen. Neuerdings fanden Forscher - unter anderem haben Jay Giedd et al. (National Institute of Mental Health, Maryland) mit Hilfe der Kernspintomographie mehr als 3000 Kinder untersucht -, dass in Teilen der Großhirnrinde während der Pubertät noch heftig an- und umgebaut wird, sodass die Hirnzellen zusätzliche Verbindungen ausbilden. Vor allem im Bereich des Stirnhirns wachsen neue Zellen, wobei das Volumen seinen Höhepunkt bei Mädchen etwa im Alter von elf Jahren erreicht, bei Knaben mit zwölf, also unmittelbar vor Einsetzen der Pubertät. Danach schrumpfen die Nervenzellen wieder. Dieser Vorgang ist aus Sicht von Neurobiologen für die reifende Persönlichkeit entscheidender als der Wachstumsschub zuvor. Das Stirnhirn, in dem Giedd die stärksten Veränderungen beobachtete, kommt immer dann zum Zuge, wenn das Gehirn anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen hat, etwa bei zielgerichtetem, vorausschauendem Handeln, bei der moralischen Bewertung und für die Kontrolle von Emotionen - alles Leistungen, bei denen Jugendliche nicht unbedingt immer glänzen. Man vermutet, dass die emotionale Labilität von Pubertierenden wahrscheinlich darauf zurückgeht, dass das Stirnhirn noch nicht in der Lage ist, diejenigen Teile des Zwischenhirns zu kontrollieren, in denen die Gefühle entstehen.

Deborah Yurgelun-Todd (McLean-Hospital, Massachusetts) zeigte Jugendlichen und Erwachsenen Bilder eines furchtverzerrten Gesichts, während der Kopf der Probanden im Tomographen steckte. Alle Erwachsenen identifizierten die dargestellte Regung als das, was sie war: Angst. Unter den Jugendlichen gelang das nur jedem Zweiten. Die anderen tippten auf Trauer, Verwirrung oder Ärger, manche konnten überhaupt keine Emotion zuordnen. Die jugendlichen Hirne funktionierten bei dem Versuch aber nicht bloß schlechter, sondern auch anders: Beim Anblick der furchtsamen Miene wurde fast ausschließlich die Amygdala erregt, jener Teil des Gefühlsapparates, der sehr früh im Laufe der Evolution entstanden ist und für emotionale Reaktionen zuständig ist. Die Erwachsenen hingegen nutzten auch ausgiebig ihr Stirnhirn, also die Kontrollstation für rationales Verhalten. Ein Experiment Robert McGiverns (San Diego State University, Kalifornien) ließ seine Versuchsteilnehmer Bilder von glücklichen, traurigen und ärgerlichen Gesichtern identifizieren und stellte fest, dass Elf- bis Zwölfjährige deutlich langsamer reagierten als jüngere Kinder. Jugendliche verarbeitet Reize aus der Außenwelt anders als Erwachsene und vor allem bei emotionalen Informationen reagieren Jugendliche eher aus dem Bauch heraus. Eine mögliche Rolles spielt auch die Myelinisierung der Nervenleitungen, die erst gegen Ende des zwanzigsten Lebensjahres zum Abschluß kommt.

Von der Erziehung zur Beziehung

Aus: Eder, Ferdinand (2003). "Person - Schule - Gesellschaft". Vorlesung an der Johannes Kepler Universität Linz im SS 2003.

Die Art und Weise, wie Eltern und Kinder miteinander umgehen, hat sich seit den sechziger Jahren in einigen Bereichen deutlich geändert. Zinnecker (1985) hat diesen Wandel plakativ mit dem Ausdruck "Von der Erziehung zur Beziehung" umschrieben. Auf Seiten der Eltern haben in der Erziehung Autorität und Strafen immer weniger Bedeutung; an die Stelle von Anordnungen treten diskursiv getroffene Entscheidungen. Die Beziehungen zu den Kindern sind emotionaler als früher, und die Väter beteiligen sich mehr und mit größerer emotionaler Beteiligung an der Erziehung und am Leben der Familie. Von der Seite der Kinder her ist die Beziehung zu den Eltern in viel stärkerem Ausmaß durch Wechselseitigkeit geprägt: sie fangen relativ früh an, das Verhalten der Eltern (bzw. der Erwachsenen überhaupt) kritisch zu sehen, ihnen zu widersprechen oder sie auch anzuschreien (vgl. Fend 1988, S. 111). Im Jugendalter können sie durchaus die Funktion von vertrauten Gesprächspartnern einnehmen, mit denen Eltern die eigenen Probleme besprechen (Ferchhoff & Olk 1988, S. 20).

Vermutlich hängt dieser Wandel mit der veränderten Funktion von Kindern in der Familie zusammen. Früher hatten Kinder vor allem eine ökonomische Bedeutung. Sie garantierten die Aufrechterhaltung der Familie und die Versorgung der Eltern im Alter; besonders die Mädchen erschienen prädestiniert für Versorgungs- und Pflegeaufgaben, und die ihnen zugestandenen Ausbildungsmöglichkeiten lagen in der Regel innerhalb dieses Rahmens. Mit der Einführung einer praktisch flächendeckenden staatlichen Altersversorgung fiel diese Aufgabe weitgehend weg, und der Nutzen von Kindern wandelte sich zu einem psychologischen: Sie werden nunmehr - mit oft hohem Aufwand - in der Familie versorgt, ohne dafür im Generationenausgleich eine Gegenleistung zu schulden; der "Nutzen", den sie ihren Eltern bringen, liegt ausschließlich in der Beziehung. In dieser Hinsicht erscheint es für Eltern nicht mehr besonders wichtig, genau zwischen den Funktionen von Söhnen und Töchtern zu unterscheiden.

Dadurch, dass Kinder in der Familie von Rollenträgern zu Beziehungspartnern geworden sind, verändert sich die Art und Weise, wie sich Eltern für ihre Kinder einsetzen. Sie versuchen, für ihre Kinder überall "das Beste" zu erreichen und ihnen den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen, und scheuen dafür keinen persönlichen oder finanziellen Aufwand. In den Erziehungszielen, die sie anstreben, dominieren nicht mehr, wie in den fünfziger Jahren, Gehorsam und Unterordnung (die für die Aufrechterhaltung des damaligen Familienbetriebes notwendigen Tugenden), sondern der Wunsch nach Selbständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit gegenüber den anderen.

Die Jugendlichen (über 14-jährigen) leben im allgemeinen in einem positiven Verhältnis mir ihren Eltern. Entgegen dem Klischee von Sturm-und Drang-Situationen während der Pubertät und heftigen Ablösesituationen erfolgt die Pubertät in vielen Fällen überaus ruhig (nach Fend 1994, S. 4), erleben 70 bis 80% aller Jugendlichen die Pubertät als ebenso harmonisch wie die Kindheit) und die Loslösung aus der Familie gelassen und konfliktfrei.

Sie fühlen sich von ihren Eltern emotional angenommen und unterstützt, Konflikte sind eher selten. Während das Ausmaß an elterlicher Kontrolle mit zunehmendem Alter allmählich weniger wird, ergeben sich im Ausmaß der erlebten Zuwendung kaum Veränderungen. Etwa drei Viertel der SchülerInnen berichten überwiegend positive Beziehungserfahrungen mit ihren Eltern (vgl. Eder 1995, S. 120 f.).

Die Jugendlichen leben länger als früher in der Familie; auch die im Schnitt verlängerte Schul- und Ausbildungszeit führt dazu, dass die ökonomische Abhängigkeit von den Eltern noch längere Zeit erhalten bleibt; in nicht wenigen Fällen bleiben sie aber auch bei erreichter ökonomischer Selbständigkeit bei ihren Eltern wohnen.

"Zwischen 1971 und 1991 wuchs der Anteil der als 'Kind' in der Familie lebenden 15- bis 19jährigen von 86% auf 94%. Bei den 20- bis 24jährigen stieg der Anteil sogar von 42% (1971) auf 63% (1991). Diese Verschiebung war bei den Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. Bei Frauen zwischen 20 und 24 verdoppelte sich der Anteil derer, die als "Kind" bei den Eltern lebten, seit 1971 von 27% auf 51% (1991) ... Bei beiden Geschlechtern stellt diese Entwicklung den vieldiskutierten Trend zum Single und zur allein-erziehenden jungen Mutter bei weitem in den Schatten" (Kytir et al. 1993, S. 45).

Literatur
Eder, F. (1998). Schule und Demokratie. Untersuchungen zum Stand der demokratischen Alltagskultur an Schulen. Innsbruck: StudienVerlag.
Fend, H. (1994). Die Entdeckung des Selbst und die Verarbeitung der Pubertät. Bern: Huber.
Fend, H. (1988). Sozialgeschichte des Aufwachsens. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Ferchhoff, W. & Olk, Th. (1988). Strukturwandel der Jugend in internationaler Perspektive (S. 9-30). In Ferchhoff, W. & Olk, Th. (Hg.) : Jugend im internationalen Vergleich. Weinheim, München: Juventa.
Kytir, J., Münz, R., Nebenführ, E., Faßmann, F., Findl, P. & Reiterer, A. (1993). Jugend - eine Lebensphase in demographischer Sicht (S. 12-55). In Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie (Hg.): 2. Bericht zur Lage der Jugend. Wien: Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie.
Zinnecker, J. (1985). Kindheit, Erziehung, Familie (S. 97-292). In Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.), Jugendliche und Erwachsene '85. Generationen im Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.

 

Andreas Linde (Universität zu Köln) fand bei einem Vergleich zwischen den beiden Geschlechtern, dass weibliche Jugendliche zu einer anderen Art von Verhaltensauffälligkeiten als ihre männlichen Altersgenossen neigen. Probleme von Mädchen hängen oft mit der eigenen Person zusammen und äußern sich beispielsweise in Schüchternheit, häufigem Weinen oder körperlichen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen. Oft treten Angst und Depression auf. Zudem machen Mädchen sich häufiger Sorgen.

Männliche Jugendliche neigen eher zu externalisierenden Störungen. Diese Art von Verhaltensauffälligkeiten richtet sich gegen andere Menschen, sodass männliche Jugendliche öfter in Raufereien verwickelt werden, andere gerne hänseln oder gar bedrohen. Sie neigen daher häufiger als Mädchen zu verbrecherischem und aggressivem Verhalten. Außerdem treten bei Jungen verhältnismäßig oft Aufmerksamkeitsstörungen auf. Mit der eigenen Person haben männliche Jugendliche weniger Probleme.

Im Gegensatz zur Selbsteinschätzung der Jugendlichen halten Eltern Jungen für auffälliger als Mädchen. So schreiben die Eltern von männlichen Jugendlichen ihren Sprösslingen häufiger Aufmerksamkeitsprobleme, aggressives und unsoziales Verhalten zu. Der sozioökonomische Status der Eltern hat hingegen wenig Einfluß auf das Verhalten von Jugendlichen. Auch zwischen der besuchten Schulform und dem Antwortverhalten gibt es keinen signifikanten Zusammenhang.

Quelle: http://www.teachersnews.net (03-03-11)

Jugenddelinquenz ist meist ein episodenhaftes, alterstypisches Verhalten und hat mit dem Austesten von Grenzen bei Heranwachsenden zu tun. Grundsätzlich sind Kinder und Jugendliche eher Opfer von Gewalt als Täter. Die Ursachen dafür, dass Jugendliche auffällig werden, liegen zum einen in individuellen Dispositionen, zum anderen spielen externe Faktoren eine wesentliche Rolle. Wobei hier nicht erwiesen ist, welche Faktoren stärker wirken, welche schwächer, und ob direkte Wirkungszusammenhänge etwa beim Konsum von Gewaltdarstellungen in den Medien und der Anwendung von Gewalt bestehen. Meist sind es komplexe Ursachenbündel, die in Kombination zu ungünstigen Voraussetzungen führen, etwa das Erleben körperlicher oder psychischer Gewalt im familiären und erweiterten sozialen Umfeld, unzureichende berufliche Perspektiven, ungünstige soziale und wirtschaftliche Bedingungen, frustrierendes Wohnumfeld. Häufig sind Migration und damit verbundene Desintegrationserfahrungen Ursachen familiärer und außerfamiliärer Spannungen, die sich negativ auf die Sozialisation auswirken und abweichendes Verhalten begünstigen.

Daher kann Repression alleine die Delinquenz nicht eindämmen, vielmehr sind vorbeugende Aktivitäten im konkreten Umfeld notwendig:

  • Die Primärprävention, die auf die Stärkung des Rechts- und Wertebewusstseins sowie auf die Eindämmung von Sozialisationsrisiken abzielt.
  • Sekundärpräventive Maßnahmen zielen auf die Reduktion von Tatgelegenheiten ab, erschweren die Tatausübung und erhöhen das Entdeckungsrisiko. Dazu zählen technische Sicherungs- und Überwachungssysteme sowie städtebauliche Veränderungen.
  • Tertiäre Präventionsstrategien setzen auf integrative strafrechtliche Sanktionen, die den Verurteilten ein künftig straffreies Leben ermöglichen sollen.

Erfolgreiche Kriminalprävention ist betrifft neben Polizei und Justiz vor allem Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Kinder-, Jugend- und Familienpolitik ebenso wie die Bildungs-, Gesundheits- und Medienpolitik.

Quelle: http://www.together-against-crime.net/
deutsch/praev_d.html (03-04-26)

Ergänzend:
Merkens, Hans (o.J.). Jugendforschung. In Wassilios E. Fthenakis & Martin R. Textor (Hrsg.), Online-Familienhandbuch.
WWW: http://www.familienhandbuch.de/cms/
Kindheitsforschung-Jugendforschung.pdf (02-07-29)
Zach, Ulrike & Künsemüller, Petra ( (o.J.). Die Entwicklung von Kindern zwischen dem 6. und dem 10. Lebensjahr: Forschungsbefunde. In Wassilios E. Fthenakis & Martin R. Textor (Hrsg.), Online-Familienhandbuch.
WWW: http://www.familienhandbuch.de/cms/
Kindheitsforschung-6bis10.pdf (02-07-29)

*) Unter Verwendung von:
Müller, Kai (1995). Zur Bedeutung jugendkulturellen Handelns am Beispiel der Graffiti-Produktion Jugendlicher.
WWW: http://www.sozialarbeit.de/
download/graffiti/glied.htm (99-05-01)
Schurian, W. (1989). Psychologie des Jugendalters. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Vollbrecht, Ralf (o.J.). Der Wandel der Jugendkulturen von Subkulturen zu Lebensstilen.
WWW: http://www.medienpaedagogik-online.de/mf/3/00692/ (03-05-16)

Weitere Quellen:
New Scientist 2365, S. 16
Schelsky, Helmut (1957). Die skeptische Generation. Eine Soziologie der deutschen Jugend. München: Diederichs.
Ohne Autor (2001). Kindergesundheitsbericht Wien. Wien: Magistratsabteilung für Angelegenheiten der Landessanitätsdirektion, Dezernat II &endash; Gesundheitsplanung.

Bilder unter Verwendung von
http://www.jugendkultur.at/
http://www.ew2.uni-mannheim.de/jugend/media/scenes.gif
http://www.ew2.uni-mannheim.de/jugend/media/scenes2.gif



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