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Die Psychologie des Jugendalters - Von der Erziehung zur Beziehung

Aus: Eder, Ferdinand (2003). "Person - Schule - Gesellschaft". Vorlesung an der Johannes Kepler Universität Linz im SS 2003.

Die Art und Weise, wie Eltern und Kinder miteinander umgehen, hat sich seit den sechziger Jahren in einigen Bereichen deutlich geändert. Zinnecker (1985) hat diesen Wandel plakativ mit dem Ausdruck "Von der Erziehung zur Beziehung" umschrieben. Auf Seiten der Eltern haben in der Erziehung Autorität und Strafen immer weniger Bedeutung; an die Stelle von Anordnungen treten diskursiv getroffene Entscheidungen. Die Beziehungen zu den Kindern sind emotionaler als früher, und die Väter beteiligen sich mehr und mit größerer emotionaler Beteiligung an der Erziehung und am Leben der Familie. Von der Seite der Kinder her ist die Beziehung zu den Eltern in viel stärkerem Ausmaß durch Wechselseitigkeit geprägt: sie fangen relativ früh an, das Verhalten der Eltern (bzw. der Erwachsenen überhaupt) kritisch zu sehen, ihnen zu widersprechen oder sie auch anzuschreien (vgl. Fend 1988, S. 111). Im Jugendalter können sie durchaus die Funktion von vertrauten Gesprächspartnern einnehmen, mit denen Eltern die eigenen Probleme besprechen (Ferchhoff & Olk 1988, S. 20).

Vermutlich hängt dieser Wandel mit der veränderten Funktion von Kindern in der Familie zusammen. Früher hatten Kinder vor allem eine ökonomische Bedeutung. Sie garantierten die Aufrechterhaltung der Familie und die Versorgung der Eltern im Alter; besonders die Mädchen erschienen prädestiniert für Versorgungs- und Pflegeaufgaben, und die ihnen zugestandenen Ausbildungsmöglichkeiten lagen in der Regel innerhalb dieses Rahmens. Mit der Einführung einer praktisch flächendeckenden staatlichen Altersversorgung fiel diese Aufgabe weitgehend weg, und der Nutzen von Kindern wandelte sich zu einem psychologischen: Sie werden nunmehr - mit oft hohem Aufwand - in der Familie versorgt, ohne dafür im Generationenausgleich eine Gegenleistung zu schulden; der "Nutzen", den sie ihren Eltern bringen, liegt ausschließlich in der Beziehung. In dieser Hinsicht erscheint es für Eltern nicht mehr besonders wichtig, genau zwischen den Funktionen von Söhnen und Töchtern zu unterscheiden.

Dadurch, dass Kinder in der Familie von Rollenträgern zu Beziehungspartnern geworden sind, verändert sich die Art und Weise, wie sich Eltern für ihre Kinder einsetzen. Sie versuchen, für ihre Kinder überall "das Beste" zu erreichen und ihnen den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen, und scheuen dafür keinen persönlichen oder finanziellen Aufwand. In den Erziehungszielen, die sie anstreben, dominieren nicht mehr, wie in den fünfziger Jahren, Gehorsam und Unterordnung (die für die Aufrechterhaltung des damaligen Familienbetriebes notwendigen Tugenden), sondern der Wunsch nach Selbständigkeit und Durchsetzungsfähigkeit gegenüber den anderen.

Die Jugendlichen (über 14-jährigen) leben im allgemeinen in einem positiven Verhältnis mir ihren Eltern. Entgegen dem Klischee von Sturm-und Drang-Situationen während der Pubertät und heftigen Ablösesituationen erfolgt die Pubertät in vielen Fällen überaus ruhig (nach Fend 1994, S. 4), erleben 70 bis 80% aller Jugendlichen die Pubertät als ebenso harmonisch wie die Kindheit) und die Loslösung aus der Familie gelassen und konfliktfrei.

Sie fühlen sich von ihren Eltern emotional angenommen und unterstützt, Konflikte sind eher selten. Während das Ausmaß an elterlicher Kontrolle mit zunehmendem Alter allmählich weniger wird, ergeben sich im Ausmaß der erlebten Zuwendung kaum Veränderungen. Etwa drei Viertel der SchülerInnen berichten überwiegend positive Beziehungserfahrungen mit ihren Eltern (vgl. Eder 1995, S. 120 f.).

Die Jugendlichen leben länger als früher in der Familie; auch die im Schnitt verlängerte Schul- und Ausbildungszeit führt dazu, dass die ökonomische Abhängigkeit von den Eltern noch längere Zeit erhalten bleibt; in nicht wenigen Fällen bleiben sie aber auch bei erreichter ökonomischer Selbständigkeit bei ihren Eltern wohnen.

"Zwischen 1971 und 1991 wuchs der Anteil der als 'Kind' in der Familie lebenden 15- bis 19jährigen von 86% auf 94%. Bei den 20- bis 24jährigen stieg der Anteil sogar von 42% (1971) auf 63% (1991). Diese Verschiebung war bei den Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. Bei Frauen zwischen 20 und 24 verdoppelte sich der Anteil derer, die als "Kind" bei den Eltern lebten, seit 1971 von 27% auf 51% (1991) ... Bei beiden Geschlechtern stellt diese Entwicklung den vieldiskutierten Trend zum Single und zur allein-erziehenden jungen Mutter bei weitem in den Schatten" (Kytir et al. 1993, S. 45).

Andreas Linde (Universität zu Köln) fand bei einem Vergleich zwischen den beiden Geschlechtern, dass weibliche Jugendliche zu einer anderen Art von Verhaltensauffälligkeiten als ihre männlichen Altersgenossen neigen. Probleme von Mädchen hängen oft mit der eigenen Person zusammen und äußern sich beispielsweise in Schüchternheit, häufigem Weinen oder körperlichen Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen. Oft treten Angst und Depression auf. Zudem machen Mädchen sich häufiger Sorgen.

Männliche Jugendliche neigen eher zu externalisierenden Störungen. Diese Art von Verhaltensauffälligkeiten richtet sich gegen andere Menschen, sodass männliche Jugendliche öfter in Raufereien verwickelt werden, andere gerne hänseln oder gar bedrohen. Sie neigen daher häufiger als Mädchen zu verbrecherischem und aggressivem Verhalten. Außerdem treten bei Jungen verhältnismäßig oft Aufmerksamkeitsstörungen auf. Mit der eigenen Person haben männliche Jugendliche weniger Probleme.

Im Gegensatz zur Selbsteinschätzung der Jugendlichen halten Eltern Jungen für auffälliger als Mädchen. So schreiben die Eltern von männlichen Jugendlichen ihren Sprösslingen häufiger Aufmerksamkeitsprobleme, aggressives und unsoziales Verhalten zu. Der sozioökonomische Status der Eltern hat hingegen wenig Einfluß auf das Verhalten von Jugendlichen. Auch zwischen der besuchten Schulform und dem Antwortverhalten gibt es keinen signifikanten Zusammenhang.

 

Literatur

Eder, F. (1998). Schule und Demokratie. Untersuchungen zum Stand der demokratischen Alltagskultur an Schulen. Innsbruck: StudienVerlag.

Fend, H. (1994). Die Entdeckung des Selbst und die Verarbeitung der Pubertät. Bern: Huber.

Fend, H. (1988). Sozialgeschichte des Aufwachsens. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Ferchhoff, W. & Olk, Th. (1988). Strukturwandel der Jugend in internationaler Perspektive (S. 9-30). In Ferchhoff, W. & Olk, Th. (Hg.) : Jugend im internationalen Vergleich. Weinheim, München: Juventa.

Kytir, J., Münz, R., Nebenführ, E., Faßmann, F., Findl, P. & Reiterer, A. (1993). Jugend - eine Lebensphase in demographischer Sicht (S. 12-55). In Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie (Hg.): 2. Bericht zur Lage der Jugend. Wien: Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie.

Zinnecker, J. (1985). Kindheit, Erziehung, Familie (S. 97-292). In Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.), Jugendliche und Erwachsene '85. Generationen im Vergleich. Opladen: Leske + Budrich.

http://www.teachersnews.net (03-03-11)

 




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