Neuere Ansätze in der Entwicklungspsychologie

 

Entwicklung durch herausfordernde Probleme, Krisen und Ereignisse im Lebenslauf

 

Die Struktur von Entwicklungsaufgaben

Probleme, Krisen und belastende Ereignisse haben in der Entwicklungspsychologie immer eine Rolle gespielt, allerdings mehr in der Erklärung von Entwicklungsstörungen als in der Erklärung positiver Entwicklungsverläufe. Freud machte bekanntlich traumatische Erfahrungen in der Kindheit für die Entwicklung von Neurosen und anderen Formen der Psychopathologie im späteren Leben verantwortlich. Als auslösende Bedingungen (bei gegebenen prädisponierenden Bedingungen) wurden von verschiedenen Autoren Niederlagen, Verluste und Problembelastungen angesehen. Eine Häufung kritischer Lebensereignisse, das sind Ereignisse, die eine Umstellung von Lebensplänen und Handlungsroutinen notwendig machen (wie z.B. Krankheiten, finanzielle Verluste, Unfälle, Berufswechsel, aber auch Eheschließung, Geburt eines Kindes) glaubten manche als Auslöser von Depressionen und anderen Formen der Psychopathologie nachweisen zu können. In dieser Sicht steht der Stress, die Überforderung durch ein Problem oder Ereignis im Vordergrund. Der Stress bleibt hoch, wenn keine angemessene Lösung oder Anpassung an die veränderte Situation gelingt.

Daß Probleme, Krisen und belastende Ereignisse auch positive Entwicklungsfolgen haben wenn die Betroffenen Lösungen finden, liegt auf der Hand. Probleme und Krisen, auch Verluste und Niederlagen können als Anforderungen und Herausforderungen wirken, deren Meisterung Kompetenzgewinne und Gewinne an Selbstvertrauen bedeuten können. Das Konzept der Krise wird immer dann benutzt, wenn eine Person nicht fähig oder nicht bereit ist, das gegebene Problem zu lösen und wenn sie gleichzeitig durch das bestehende Problem emotional belastet ist.

Die meisten Probleme lassen sich einer der folgenden drei Kategorien zuordnen:

  • Ein erwünschtes oder vorgeschriebenes Ziel kann nicht durch gut ausgebildete Routinen erreicht werden. Das Problem besteht darin, neue Lösungen, neue Einsichten zu gewinnen, neue Fertigkeiten, neues Wissen zu erwerben, um das Ziel zu erreichen. Bisher verfolgte Ziele müssen aufgegeben werden in Folge von Inkompatibilitäten, Versagen, Zwängen, fehlenden Ressourcen oder Verlusten. Das Problem besteht zum einen darin, neue Ziele zu wählen oder aufzubauen, zum anderen darin, die Aufgabe der bisherigen Ziele "zu bewältigen".
  • Zwei Ziele sind unvereinbar, so daß eine Entscheidung notwendig wird, die impliziert, daß das nicht gewählte Ziel aufgegeben wird. Das Problem besteht einmal darin herauszufinden, welches die bessere Entscheidung ist. Viele Entwicklungsprobleme können verstanden werden als Diskrepanzen oder Inkompatibilitäten zwischen Zielen, Möglichkeiten, Anforderungen, Kapazitäten oder Potentialen und Ressourcen.
  • Ein besonderer Fall ist das Fehlen oder der Verlust von Zielen, die engagiertes Handeln motivieren würden.

Entwicklungsprobleme und -krisen haben Auswirkungen auf das Leben und die Lebenspläne einer Person. Viele Probleme und Krisen werden noch lange erinnert als traumatische Ereignisse, als große Herausforderungen oder als Wendepunkte, die dem Leben eine neue Richtung gaben, eine Reorganisation der Lebenspläne notwendig machten und aus denen man vielleicht mit neuem Selbstkonzept und neuer Weltsicht hervorging. Die Veränderungen können Gewinne darstellen und sie können Störungen verursachen. Gewinne werden erwartet, wenn die Probleme und Krisen gemeistert werden. Es ist eine verbreitete Idee, daß wesentliche Veränderungen und Wachstum in der menschlichen Entwicklung aus einer erfolgreichen Auseinandersetzung mit Problemen und Krisen resultieren und daß ein neues Niveau der intellektuellen, sozialen und persönlichen Organisation erreicht werden kann.

Gehirne von Heranwachsenden arbeiten unterschiedlich

Männliche Gehirne arbeiten anders als weibliche

http://www.rp-online.de/
news/wissenschaft/2001-0709/
gehirne_geschlecht.html (01-08-19)

Männer und Frauen denken unterschiedlich, nicht nur inhaltlich, sondern auch biologisch. Forscher der State University of New York haben nachgewiesen, dass die Gehirne heranwachsenden Jungen anders arbeiten als die von Mädchen. 
Sie nutzen für die Erkennung von Gesichtern und die Identifizierung von Gesichtsausdrücken verschiedene Gehirnbereiche. Jungen lösen derartige Aufgaben eher mit der rechten Hirnhälfte, Mädchen eher mit der linken. Diese Ergebnisse legen nahe, dass die Gehirne der beiden Geschlechter vor dem Erwachsensein unterschiedlich organisiert sind. Nach Gehirnverletzungen könnten daher auch verschiedene Behandlungsmethoden sinnvoll sein. 
Das Team um D. Erik Everhart untersuchte 17 Jungen und 18 Mädchen im Alter von acht und elf Jahren. Beide Gruppen mussten zwei verschiedene Arten von Aufgaben lösen. Für die Überprüfung der Erkennung von Gesichtern waren bestimmte Gesichter in einer Reihe wechselnder Bilder zu identifizieren. Mittels eines elektroenzephalografischen Messgerätes (EEG) wurde in der Folge die Aktivität der Gehirnwellen in der rechten und der linken Hirnhälfte untersucht. 
Bei der Erkennung des Gesichtsausdrucks zählten Richtigkeit und Geschwindigkeit der Antworten. Jungen und Mädchen lösten die Aufgaben gleich gut. Sie scheinen allerdings verschiedene, sich fallweise überlappende Gehirnbereiche für die Verarbeitung der Informationen einzusetzen. 

"Geschlechtstypisches" Spielzeug?

Alexander, G. M. & Hines, M. (2002). Sex differences in response to children's toys in nonhuman primates (Cercopithecus aethiops sabaeus). Evolution and Human Behavior, 23, pp. 467-469.

Jadva, V., Hines, M. & Golombok, S. (2010). Infants' preferences for toys, colors, and shapes: sex differences and similarities. Arch Sex Behav 39, pp. 1261-73.

 

Dass Mädchen eher mit Puppen und Knaben lieber mit Autos spielen ist nicht nur gesellschaftlich programmiert, sondern teilweise angeboren. Alexander & Hines (2002) untersuchten experimentell das Spielverhalten grüner Meerkatzen. Die Vorlieben der Primaten deckten sich mit denen menschlicher Kinder, denn männliche Affen spielten ausgiebiger mit typischem Bubenspielzeug wie Autos oder Bällen, während sich weibliche Tiere länger mit Puppen und Kochtöpfen beschäftigten. Bei geschlechtsneutralem Spielzeug wie Bilderbüchern oder Stofftieren fanden sich keine Unterschiede. Die Ursache könnte in traditionellen weiblichen und männlichen Funktionen begründet sein, die schon in präistorischer Zeit wichtig waren. So haben typische Bubenspielzeuge bestimmte Eigenschaften gemeinsam, denn Ball und Auto sind dafür gedacht, aktiv durch den Raum bewegt zu werden. Diese Bewegungsfähigkeit des Spielzeugs könnte Navigationsfähigkeiten fördern, die im späteren Leben nützlich für die Jagd, die Futter- oder die Partnersuche sind.

2010 führten Jadva, Hines & Golombok eine weitere Untersuchung durch, bei der man insgesamt 120 Babies im Alter von 12 bis 24 Monaten Spielzeug zeigte. Die Dauer der visuellen Fixierung wurde dabei als Interessenkriterium verwendet, wobei sich ebenfalls herausstellte, dass Mädchen länger auf Puppen und Knaben lieber auf Autos blickten. Da die Kinder zu klein waren, um bereits von ihrem Umfeld nachhaltig in dieser Richtung beeinflusst worden zu sein, führt Hines das Verhalten der Babies auf unterschiedliche neuronale Prioritäten zurück. Da Buben bereits in diesem Alter ein ausgeprägteres räumliches Vorstellungsvermögen besitzen, interessierte sie offensichtlich jenes Spielzeug mehr, das durch den Raum geschoben und gerollt werden konnte.

 

 

Siehe auch

Die Psychologie des Jugendalters -
Ein historischer Überblick

Entwicklungstheorien, die sich lediglich auf die kognitive, emotionale, Moral- oder kommunikative Entwicklung konzentrierten, haben die Variabilität und Komplexität vielfältiger Faktoren innerhalb der Kindesentwicklung sowie die Interaktion dieser Faktoren im Entwicklungsverlauf wenig berücksichtigt. Zwar nehmen die wichtigen Theorien des 20. Jahrhunderts, zurückgehend auf Freud, Piaget oder Pawlov, einen wichtigen Platz innerhalb der Psychologie nehmen, beeinflussen jedoch kaum noch die aktuellen Forschungstrends und auch wenig die aktuelle Praxis.

Nach neueren systemisch-orientierten Entwicklungstheorien kann man Entwicklung als einen Prozeß qualitativer Neuorganisationen innerhalb und zwischen verschiedenen Systemen betrachten. Dieser Prozeß beinhaltet dynamische Interaktionen vielfältiger (biopsychosozialer) Faktoren auf unterschiedlichen (System-)Ebenen, so daß eine Synthese der Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen sinnvoll erscheint. Veränderungen auf einer Ebene der Organisation (z.B. kognitive Entwicklungsfortschritte) sind reziprok verknüpft mit Veränderungen auf anderen Ebenen (z.B. Veränderungen im Erziehungsverhalten der Eltern). Diese reziproken Veränderungen auf den unterschiedlichen Ebenen der Organisation stellen sowohl das Resultat als auch die Quelle weiterer reziproker Veränderungen auf den jeweiligen Ebenen dar. So beeinflußt beispielsweise das elterliche Erziehungsverhalten die Persönlichkeits- und kognitive Entwicklung des Kindes. Interaktionen zwischen Persönlichkeitsfaktoren des Kindes und seiner kognitiven Entwicklung prägen seine Identität und Persönlichkeit, die wiederum das Verhalten der Eltern und das familiäre Klima beeinflussen.

Ein solcher Ansatz betont somit die aktive Rolle des Individuums in der Entwicklung über die Lebensspanne. Das Individuum steht in einer dynamischen Interaktion mit vielfältigen Faktoren in seiner Umwelt, in die es eingebettet ist. Diese Person-Umwelt-Interaktionen stellen die Quelle sowohl positiver als auch negativer Veränderungen und Entwicklungen dar, und die Entwicklung über die gesamte Lebensspanne geht mit einer relativen Plastizität einher.

Entwicklung verläuft dabei nicht als kontinuierlicher Prozeß, vielmehr lassen sich in der Entwicklung oftmals Diskontinuitäten oder plötzliche Entwicklungssprünge, aber auch mit fortschreitender Entwicklung der Verlust bestimmter Reflexe oder Fertigkeiten ermitteln. Diese Phänomene können im Rahmen der organisationalen, systemisch-orientierten Entwicklungstheorie mit Hilfe von Selbstorganisationsprozessen eingeordnet werden. Demnach kann man Entwicklung als spontanes Auftreten von Funktionen höherer Ordnung nach wiederkehrenden Interaktionen zwischen Funktionen einfacherer Ordnung verstehen. Nach Thelen und Smith beispielsweise führen wiederholte Interaktionen zwischen muskulären und Wahrnehmungsabläufen innerhalb der motorischen Entwicklung eines Kindes zu koordinierten Handlungen, die beispielsweise der Fertigkeit des Laufens unterliegen. Neuorganisationen treten in Phasen von Instabilität als phasenhafte Transitionen auf, so daß bisherige Muster aufbrechen und neue in Erscheinung treten. Dabei erreichen die Systeme zunehmend eine höhere Komplexität. Neue, komplexere Ebenen werden in der Entwicklung diskontinuierlich erreicht, was sich im Konzept der Entwicklungsstufen widerspiegelt.

Studie untersucht Erblichkeit bei Zwillingen
Verhalten und Vorlieben teilweise genetisch bedingt 

http://www.rp-online.de/
news/wissenschaft/2001-0618/
verhalten.html

Verhalten ist erlernt. Eine kanadische Studie hat jetzt nachgewiesen, dass die Unterschiede in Verhalten und Vorlieben in vielen Fällen teilweise auch auf genetische Faktoren zurückzuführen sind. Dabei reicht die Bandbreite von Fahrten mit der Achterbahn bis zu sozialen Streitfragen wie der Einstellung gegenüber Abtreibungen und der Todesstrafe für Mord.  Die Wissenschaftler James M. Olson, Philip A. Vernon und Julie Aitken Harris von der University of Western Ontario befragten gemeinsam mit Kerry L. Lang von University of British Columbia 336 Paare erwachsener ein- und zweieiiger Zwillinge. 

Durch das Vergleichen der Antworten der eineiigen und zweieiigen Teilnehmer auf Verhaltensfragen konnten die Wissenschaftler festlegen, welche Verhaltensweisen durch genetische Faktoren stärker beeinflusst werden. Von den 30 Punkten der Befragung zu individuellen Haltungen zeigten 26 einen genetischen Einfluss.  Die stärkste Verbindung zeigte sich bei folgenden fünf Punkten: Bücherlesen, Abtreibung ohne Einschränkungen, organisierter Sport, Fahrten mit der Achterbahn und die Todesstrafe für Mord. Die vier Punkte ohne genetischen Einfluss waren die Haltung gegenüber verschiedenen Rollen für Männer und Frauen, Bingospielen, leichter Zugang zur Geburtenregelung und das Energischsein. 

Bei der Einordnung der einzelnen Punkte in Kategorien zeigten drei Faktoren den größten genetischen Einfluss. Dazu gehörte die Haltung zur Bewahrung des Lebens, zu Gleichheit und zur Sportlichkeit. Zu den Faktoren mit dem geringsten genetischen Einfluss gehörte die Haltung gegenüber intellektuellem Streben. Nachdem direkte Verbindungen zwischen Gen und Haltung extrem unwahrscheinlich sind, suchte das Team nach anderen Erklärungen. 

Es stellte sich heraus, dass verschiedene Persönlichkeitseigenschaften und verwandte Charakteristika eine Rolle spielen könnten. Besonders Geselligkeit zeigte eine starke genetische Verbindung mit verschiedenen Einstellungen. Sportliche Fähigkeiten und körperliche Attraktivität führten ebenfalls zu deutlichen genetischen Verbindungen mit bestimmten Vorlieben.

Vermutlich prädisponierten diese Charakteristiken Menschen dafür, ein bestimmtes Verhalten auszubilden und trugen dadurch zu der genetischen Bestimmung von individuellen Unterschieden in diesem Verhalten bei. Zum Beispiel dürfte ein Mensch mit ererbten sportlichen Fähigkeiten wie guter Koordination und Kraft sportlich erfolgreicher sein.  Das könnte in der Folge zur Ausbildung einer positiven Haltung zum Sport führen." Es dürfe dabei jedoch nicht vergessen werden, dass die individuellen Erfahrungen jedes Zwillings den meisten Einfluss auf das Verhalten hatte. 

     

 Quelle: Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (1995). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.

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