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Daten zur Jugendarbeitslosigkeit

Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit hängt aktuell eng mit Veränderungen im Bereich des Arbeitsmarktes bzw. des Beschäftigungssystems zusammen, die ihrerseits selber in hohem Maße mit wirtschaftlichen und technischen Entwicklungen verknüpft sind. Im europäischen Durchschnitt hat sich zwar die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren weiter verringert, die Hälfte aller Arbeitslosen sind aber junge Menschen unter 25 Jahren, d.h., der Anteil der Jugendlichen unter ihnen hat sich erhöht. In Europa sind etwa 15 Prozent der Jugendlichen ohne Arbeit. Spitzenreiter sind Spanien, Griechenland und Italien mit über 25 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

Österreich hat nach einer Statistik der GPA Jugend aktuell (14.07.2003) die höchste Jugendarbeitslosigkeit seit Ende des 2. Weltkrieges zu verzeichnen, nämlich knapp 50000 Jugendliche unter 25 Jahren. Dazu kommen österreichweit noch rund 8000 Lehrstellensuchende. Die Abteilung Berufsinformations- und Qualifikationsforschung (BIQ) des Arbeitsmarktservice Österreich konstatiert 2002 eine Zunahme der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen (15- bis 24jährige) auf 36628, davon 21116 männliche und 15512 weibliche Jugendliche. Das mit Abstand höchste Risiko, arbeitslos zu werden, hatten die PflichtschulabsolventInnen, deren Arbeitslosenquote 14,6% betrug. Die niedrigste Quote wiesen AkademikerInnen auf und AbsolventInnen weiterbildender Schulen auf. Die Quote der BMS-(Fachschul-)AbsolventInnen erreichte von den drei Schulformen mit 3,7% den höchsten Wert, gefolgt von den BHS-MaturantInnen mit 3,3%. Für die AHS-AbsolventInnen betrug die Arbeitslosenquote im Durchschnitt des Jahres 2002 3,2%. Hinzu kommt, dass bundesweit etwa 4000 Lehrstellensuchende kaum eine Chance auf eine Lehrstelle haben, denn trotz steuerlicher Unterstützung verzichten immer mehr Betriebe auf die Lehrlingsausbildung. Die Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren immer weniger Lehrstellen für LehranfängerInnen angeboten. So gab es österreichweit 1997 40175 LehranfängerInnen, 1998 39052 LehranfängerInnen und 1999 38427 LehranfängerInnen. Insgesamt ist die Zahl der Lehrstellen für LehranfängerInnen in den letzten 9 Jahren um 31% zurückgegangen. was einen Rückgang von ca. 18000 Lehrstellen bedeutet. Durch das immer größer werdende Defizit an Lehrstellen ist für Jugendliche auch keine ausreichende Auswahlmöglichkeit für bestimmte Lehrberufe, und natürlich auch in einer bestimmten Region, vorhanden. BerufsausbildungsexpertInnen aus der BRD sehen einen Überschuss an Lehrstellen im Ausmaß von 12,5% als notwendig an, um für alle Jugendlichen das Recht auf freie Wahl der Ausbildungsstätte (regional wie berufsorientiert) zu gewährleisten.

Auswirkungen auf die Jugendarbeitslosigkeit haben auch Umschichtungen zwischen Sektoren des Beschäftigungssystems. Nach Erdmann & Rückriem (1996, S. 16f) gibt es einen Rückgang an Arbeitsplätzen im Bereich der produzierender Gewerbe sowie im Bereich der Land- und Forstwirtschaft. Dies bedeutet, dass vor allem ein großer Anteil an Arbeitsplätzen für "Handarbeiter" verlorengegangen ist, während es in den Sektoren Dienstleistung und Verwaltung zu einem außerordentlich starken Anstieg an Arbeitsplätzen kam. Es gibt daher einen generellen Trend zu höherqualifizierten Erstberufen, wobei auch sogenannte einfache Dienste nahezu auf die Hälfte zurückgegangen sind. Durch die neuen Büro- und Kommunikationstechnologien nimmt der Anteil höherqualifizierter Tätigkeiten auf dem Arbeitsmarkt weiterhin zu, sodass sich damit die Arbeitsmarktsituation für nicht oder nur wenig qualifizierte jugendliche Arbeitskräfte weiter verschärfen wird. Bei einem knapperen Angebot werden Jugendliche mit höheren Schulabschlüssen jenen mit niedrigeren Abschlüssen auch bei einfacheren Tätigkeiten vorgezogen. Das schulische Qualifikationsniveau wird zu einem immer wichtigeren Indikator beruflicher Chancen und bei niedrigen Schulabschlüssen bzw. bei Schulversagen muss in zunehmendem Maße mit Problemen beim Übergang vom Bildungs- ins Beschäftigungssystem gerechnet werden (vgl. Bergmann & Eder 1999).

In der gesamteuropäisch an sich schon prekären Situation steigt zusätzlich der Anteil von befristeten und Teilzeitjobs. So waren 90 Prozent aller im ersten Halbjahr 1998 abgeschlossenen Arbeitsverträge in Spanien befristet. In den Niederlanden arbeiten dagegen fast 40 Prozent aller Beschäftigten in Teilzeit. Diese Arbeitsplatznot schlägt sich auch in Österreich in der Arbeitsplatzqualität nieder, sodass auch hierzulande Jugendliche immer öfter gezwungen sind, prekäre Beschäftigungsverhältnisse anzunehmen.

Noch viel stärker betroffen von steigender Arbeitslosigkeit als die Lehrstellen Suchenden sind aber jene, die nach der Berufsausbildung "stempeln" gehen müssen. Für 28409 Personen, vor allem Lehrlinge, war nach der Berufsausbildung kein Platz mehr im Betrieb. Das ist eine Zunahme um 24 Prozent, wobei besonders Gesellen in der Auto- oder Baubranche betroffen sind.

Zwar erscheint die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich im internationalen Vergleich eher gering, es gibt allerdings Hinweise darauf, dass der Verlauf der Arbeitslosigkeit verhältnismäßig wenig über die Arbeitsmarktchancen der Jugendlichen aussagt. Für eine adäquate Beurteilung ihrer Arbeitsmarktsituation ist vielmehr die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung von Jugendlichen zu berücksichtigen. Diese weist eine stark ausgeprägte konjunkturelle Reagibilität auf, die den Trend langfristig sinkender Erwerbsbeteiligung als eine Folge der verlängerten Ausbildung überlagert (vgl. Biffl 1995). In Zeiten schlechterer Arbeitsmarktsituation geht auch die Erwerbsquote von Jugendlichen tendenziell und stärker als bei anderen Bevölkerungsgruppen zurück. Entsprechend dem Mikrozensus vom März 1997 liegt die Größenordnung etwa bei jenen 49623 SchülerInnen und Studierenden, die angaben, eigentlich gerne erwerbstätig zu sein.

Maßnahmen wie Jugendausbildungs-Stiftungen, die Jugendlichen die Möglichkeit bieten, im Bedarfsfall die volle Lehrzeit, inklusive Lehrabschlussprüfung, zu absolvieren, bringen dabei nur kurzfristig Entlastungen, die für viele Jugendliche die unter Umständen noch tristere Erfahrung bringen, trotz der beruflichen Qualifikation keinen Platz in der Erwerbsgesellschaft zu finden. Häufig findet man in diesen Maßnahmen besondere "Problemgruppen" für die Vermittlung: weibliche Jugendliche, Jugendliche ohne qualifizierte Schulausbildung, lernbeeinträchtigte und behinderte Jugendliche, ausländische und straffällig gewordene Jugendliche. In Österreich wurde für Jugendliche, denen eine Integration in den normalen Arbeitsmarkt nicht gelungen war, im Rahmen von Maßnahmen des Nationalen Beschäftigungsplanes (NAP) Berufslehrgänge und Lehrlingsstiftungen mit dem Ziel eingerichtet, um ihnen den Einstieg in die Berufs- und Arbeitswelt zu erleichtern. Erfahrungen von Betreuern bzw. Ausbildnern liefern einige Hinweise, dass es sich bei den Jugendlichen mit Übergangsproblemen in das Beschäftigungssystem um eine sehr heterogene Personengruppe handelt, etwa Jugendliche mit eingeschränkten intellektuellen Kompetenzen oder besonderen Verhaltensproblemen wie erhöhter Aggressionsneigung wahrgenommen (vgl. Bergmann & Eder 1999).

Das Ausmaß der Teilnahme am Erwerbsleben generell sowie die bei der Teilnahme eingenommene berufliche Position sind Schlüsselfaktoren für die Integration in die Gesellschaft. Die berufliche Erstplatzierung ist für die weitere Laufbahn oft entscheidend und bessere Startbedingungen wirken sich in der Regel während des gesamten Berufslebens auf Einkommenshöhe und Aufstiegschancen aus. Eine nachträgliche Korrektur eines schlechten Berufseinstiegs lassen die Mechanismen des Arbeitsmarktes nur in Ausnahmefällen zu. Kurzfristig sind daher staatliche Initiativen angezeigt, wenn durch hohe Jugendarbeitslosigkeit für größere Gruppen der Einstieg in das Erwerbsleben verfehlt wird und damit für den Rest des Lebens Arbeitsmarktprobleme für diese vorprogrammiert sind. Dessen ungeachtet werden mit Qualifizierungen von Benachteiligten noch keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, sondern unqualifizierte Arbeitslose zu qualifizierten Arbeitslosen ausgebildet. Die Kluft zu Geringqualifizierten und deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt wird dadurch auch weiter verschärft.

Diese Betrachtungen müssen allerdings auch auf dem Hintergrund von demographischen bzw. gesellschaftsstrukturellen Veränderungen betrachtet werden, denn trotz eines aktuell seit Jahren deutlich reduzierten Wirtschaftswachstums haben die geburtenschwachen Jahrgänge, die derzeit und in den kommenden Jahren ihr Berufsleben beginnen, allein aufgrund des Bedarfs und ihrer im Durchschnitt gestiegenen Qualifikation gute Chancen auf eine adäquate berufliche Erstplatzierung.

 



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