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Folgen, Anpassungsstrategien und Bewältigungsformen der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen


Die erlebte und tatsächliche Diskrepanz zwischen Ziel und Realität bei unzureichenden persönlichen Ressourcen, eine neue Situation zu bewältigen, löst allgemein Stress aus. Hinzu kommen Chronizität und Unkontrollierbarkeit des Stressors als zusätzliche Faktoren, die die erlebte Hilflosigkeit noch verstärken. Früher wurde daher in der psychologischen Forschung die Arbeitslosigkeit hauptsächlich als Stressor verstanden, da dieser Ansatz eine teilweise bestechende Vereinfachung der Komplexität des Phänomens erlaubte. Die Erfahrung zeigte aber, dass Menschen äußerst vielfältig reagieren und sich an Situationen anpassen, damit schädliche Faktoren erträglicher werden, oder weil motiviert sind, auch schwierige Bedingungen erfolgreich zu bewältigen.

Insbesondere im Hinblick auf Langzeitarbeitslosigkeit gibt es aber äußerst unterschiedliche Anpassungsstrategien: resignative und konstruktive.

Resignative Anpassung ist gekennzeichnet durch eine leichte Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, das aber deutlich unter demjenigen von Menschen in Beschäftigung bleibt. Die Unsicherheit bezüglich der Zukunft nimmt stark ab, denn sie wird so sein wie die Gegenwart, die zwar unangenehm sein mag, aber die Erfahrung von Sicherheit bezüglich einer unangenehmen Zukunft wird oft einer zweideutigen und unsicheren Situation vorgezogen. Durch die mit der Resignation meist einhergehende Beruhigung bzw. das Langsamerwerden sowohl im Denken als auch im Handeln (was kennzeichnend für eine depressive Stimmungen ist), kann paradoxerweise die Anpassung eher erleichtert werden, da die unausgefüllte Zeit dadurch als geringer erlebt und die Langeweile subjektiv reduziert wird. Eine Reduktion der Berufsorientierung kann ebenfalls helfen das psychische Wohlbefinden zu stabilisieren oder sogar zu verbessern.

Mit konstruktiver Anpassung ist demgegenüber ein Prozeß gemeint, bei dem aktive Arbeitslose keine oder nur geringe psychosoziale Schwierigkeiten haben, und sich auf unterschiedlichen Ebenen psychosozialen Wohlbefindens an die soziale Rolle außerhalb der Erwerbstätigkeit anpassen. Sie kompensieren den Verlust der latenten individual- und sozialpsychologischen Funktionen von Arbeit weitgehend mit anderen sozialen Aktivitäten wie der Ausdehnung früherer Hobbies, Schwarzarbeiten oder der Intensivierung sozialer Kontakte. Sie leiden unter der Arbeitslosigkeit gar nicht oder nur geringfügig. Typisch ist dieses konstruktive Verhalten bei Arbeitslosen mit höherer beruflicher Qualifikation, die auch in ihrer früheren Beschäftigungssituation eher aktiv waren.

Wesentlich bei der psychologischen Beurteilung der Arbeitslosigkeit sind auch jene Faktoren, die bestehende Anpassungsprobleme verschärfen. So führen persönliche, familiäre oder gesundheitliche Krisen, die während der Berufstätigkeit vom Einzelnen zumindest einigermaßen bewältigt werden können, in der Situation der Arbeitslosigkeit zu einer Überforderung bzw. zu einer Erhöhung der individuellen Verletzlichkeit. Dieser Verstärkungseffekt von Arbeitslosigkeit auf andere Problemlagen könnte mitverantwortlich sein für die häufig beobachtete zunehmende psychosoziale Problemdichte von Langzeitarbeitslosen. Diese Probleme müssen daher vor einem erfolgreichen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt bearbeitet werden, da sie wesentliche Zusatzhindernisse für eine Reintegration darstellen. In einer österreichischen Studie (Kieselbach o.J.) benannten neben finanziellen Problemen 63% gesundheitliche Beschwerden, 37% eine schlechte Wohnsituation sowie 22% familiäre Konflikte.

Detailliertere Untersuchungen bei Arbeitslosen und wenig qualifizierten Jugendlichen in schwierigen Beschäftigungsverhältnissen sowie restriktiven Arbeitssituationen (vgl. Baethge, Hantsche, Pelull & Voskamp 1988) zeigten, dass etwa bei einem Viertel der nicht mehr im Bildungssystem verbliebenen Jugendlichen sinnhaft-subjektbezogene Erwartungen an die Arbeit (Selbstverwirklichung, Sozialkontakt, soziale Anerkennung) in den Hintergrund treten und eine defensive Anspruchshaltung dominiert, die durch eine Betonung materieller Interessen und die Abwehr von Arbeitsbelastungen charakterisiert ist.

Obwohl die schulische Integration von Jugendlichen mit Behinderungen vorangetrieben wurde, ist deren Integration in die Arbeitswelt nach wie vor schwierig, denn die Berufsausbildungsmöglichkeiten im dualen System sind für sie nicht nur aufgrund ihrer Behinderungen begrenzt, sondern auch was die Zahl der angebotenen Lehrstellen betrifft. Dies gilt insbesondere für Jugendliche mit schweren körperlichen Schädigungen, mentalen oder psychischen Beeinträchtigungen und Sinnesbehinderungen. Auch ausländische Jugendliche und solche, die in peripheren Regionen aufwachsen, haben nach wie vor deutlich schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt (vgl. Blumberger 1999).

Eine kurzfristige Arbeitslosigkeit ist für die Mehrzahl junger Arbeitender heute eine normale und deshalb wenig abschreckende Erfahrung, jedoch die langfristige Arbeitslosigkeit vermittelt neben der Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt auch eine Chancenlosigkeit im Leben, die manche Jugendlichen zur Suche nach anderen Überlebensformen führt. Manche sehen Arbeitslosigkeit daher als eine Ursache für die Erhöhung der Delinquenzgefährdung bei Jugendlichen, wobei immer berücksichtigt werden muss, dass der erklärende Schluss keinen der Prognose bedeutet. Es gibt eine Vielzahl von plausiblen theoretischen Modellen, welche die Arbeitslosigkeit und die Kriminalität in Zusammenhang stellen, wenngleich diese empirisch kaum nachzuweisen sind. Die in diesem Zusammenhang oft berichteten Einzelfälle verleiten jedoch auch Experten häufig zu einer ungerechtfertigten Generalisierung.

Dennoch: Unausgefüllte Ziele, Langeweile, Spannungsarmut und sinkender Abwechslungs- und Alternativreichtum verleiten zu abweichenden bis kriminellen Handlungen. Daher kann nicht geleugnet werden, dass die durch das Fehlen von Arbeit entstandenen psychosozialen Belastungen sich über Selbstzweifel und Schuldgefühle auch zu innerer Aggressivität, Formen der Realitätsflucht wie Alkohol und Drogen bis hin zur offenen Aggressivität entwickeln können. Hurrelmanns (1992) sieht neben innerfamiliären Beziehungsstörungen in der Arbeitslosigkeit ein vorrangiges Motiv für Alkoholkonsum, wobei ängstliche, leicht verletzliche Persönlichkeiten mit einer geringen Frustrationstoleranz überdurchschnittlich häufig zum Alkoholkonsum neigen.

Die in diesem Alter latent vorhandenen Konfliktpotentiale verstärken sich dann im Einzelfall in kleinen "Geschäften" am Rande der Legalität bis hin zu illegalem Drogenhandel, Glücksspiele, Prostitution, Diebstahl und auch Raub. Man vermutet auch, dass der Anstieg von Jugendarbeitslosigkeit mit der Zahl der Selbstmorde bei Jugendlichen korreliert, obwohl heute gleichzeitig die allgemeine Tendenz zu beobachten ist, dass Aggressionen eher nach aussen gerichtet werden.

Folgen der Arbeitslosigkeit

Ein zeitweilig knappes Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsstellen führt zu einem verstärkten Leistungsdruck und wachsendem Konkurrenzkampf, ohne dass die persönliche Qualifikation ein Garant für den Einstieg oder Verbleib in einem gewählten Beruf wäre. Die daraus resultierenden Folgen sind in mehrfacher Hinsicht bitter: Zum einen ist die Abhängigkeit von Sozial- oder Arbeitslosenhilfe in einer konsumorientierten Gesellschaft, in der der Erwerb und Besitz verschiedener "In-Güter" kultiviert und damit als gesellschaftlichen "Muss" verinnerlicht wird, besonders schwer zu ertragen, zum anderen ist die Etikettierung "berufs- oder arbeitslos" gleichzusetzen mit persönlicher Entwertung, denn ein Beruf dient zur wechselseitigen Identifikationsschablone, mit deren Hilfe Menschen in bezug auf ihre soziale Stellung eingeschätzt werden (vgl. Beck 1986, S. 221). Im subjektiven Erleben des einzelnen Jugendlichen wird ein Paradox des Jungseins deutlich, wenn von Marketingstrategen aller Branchen Jugendlichkeit als Götzenbild aller Konsumorientierungen angeboten wird, also Jugendliche als Konsumenten hochwillkommen sind, sie aber von der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen bleiben.

Dem Nicht-Mithalten-Können in finanzieller Hinsicht folgt oft die Infragestellung bisheriger Bezugsgruppenzugehörigkeit, bei gleichzeitigem, erzwungenen Rückzug in die Familie. Der ohnehin konfliktträchtige Ablösungsprozeß wird dadurch verzögert und stellt die Jugendlichen erneut unter bestehende elterliche Werte und Normen. In der irreparablen Verzögerung bzw. Verspätung des sozialen Reifungsprozesses kann die größte Gefahr der Dauererwerbslosigkeit von Jugendlichen gesehen werden. Soziale Entwicklungsdefizite in Verbindung mit Ziellosigkeit und dem Verlust von Berufs- und Zukunftsperspektiven machen die davon Betroffenen beinahe zwangsläufig zu Problemgruppen von heute und Randgruppen von morgen.

In einer Untersuchung (Kieselbach o.J.) zeigte sich eine eskalierende Rangfolge von psychosozialen Probleme, die von leichteren Problemen, die Menschen in anderen Lebenszusammenhängen durchaus auch haben, bis zu gravierenden Problemen wie Selbstmordgedanken reichen.

Mehr als der Hälfte der Arbeitslosen "geht das Zuhausesein auf die Nerven", indem sich die Zeitperspektive vor allem bei längerer Arbeitslosigkeit verändert, für die die Abläufe der Berufstätigkeit in der Zeiteinteilung eine strukturierende Größe darstellten.

Ein Drittel der Jugendlichen entwickelt "Angst vor der Zukunft", ungefähr ein Fünftel "zweifelt an seinen Fähigkeiten oder fühlt sich überflüssig", wobei das Erleben der Unmöglichkeit, an der Gestaltung ihrer Lebenswelt kreativ mitzuwirken, sie zu Fremdkörpern macht. 15% der Befragten haben daher "das Vertrauen zu sich selbst verloren" oder "haben ernsthaft mit dem Gedanken gespielt sich umzubringen".

Der Wegfall der beruflichen Betätigung führt in manchen Fällern zu einer Art "Zwangsinfantilität", da die für den Erwachsenenstatus erforderliche ökonomische Grundlage fehlt. Die durch die Arbeitslosigkeit häufig bedingte Rückkehr in die Familie kann Entwicklungsregressionen aller Art befördern.

Für viele Jugendliche geht durch eine frühe Arbeitslosigkeit jeglicher Bezug zur Ausübung eines Berufes verloren - sofern er überhaupt entwickelt werden konnte -, und reduziert sich auf den marginalen Faktor der finanziellen Absicherung.



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