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Aristoteles Rhetorik *)

Eingliederung der Rhetorik

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Die Rhetorik ist eines von 143 Titel des Aristoteles, die uns überliefert sind. Die Schriften teilen sich in exoterische und akromatische Schriften. Die Rhetorik gehört zu den akromatischen Schriften (d.h. sie war als Lehrschrift für die Schüler gedacht). Verschiedene Teile wurden zu verschiedenen Zeiten erstellt und immer wieder verändert und erweitert. "Aufgrund zahlreicher historischer Anspielungen ist die Abfassungszeit am ehesten in den Zeitraum, in dem Aristoteles in der platonischen Akademie wirkte (340 - 355 v. Chr.), zu datieren". Viele der Fragestellungen in der Rhetorik stehen Themen nahe, die in der Akademie diskutiert wurden. So ist unter anderem auch die große Nähe zur Topik zu erklären.

Neben der Rhetorik sind noch drei weitere Fragmente des aristotelischen Werks zu diesem Thema enthalten. Der Dialog "Gryllos", die "Theodekteia" und eine Sammlung rhetorischen Lehrguts. Diese Schriften sind den exoterischen Schriften zuzuordnen, da sie nicht für den Unterrichtsbetrieb gedacht waren.

Seit dem Auftreten der Sophisten hat die Redekunst den Makel dem bloßen Schein anstatt der Wahrheit zu dienen. Sie wurde beschuldigt, dem Recht des Stärkeren zu huldigen und ein Instrument der Täuschung und Verführung zu sein. Das Werk war daher eher so angelegt, daß es eine Aussöhnung zwischen der Rhetorik und der Philosophie anstrebte. Das Werk verlangt dem Redner Kenntnisse in Dialektik und Psychologie sowie moralische Integrität ab und ist also auch in seinem ethisch-politischen Aspekt und nicht nur als rein technisch-formal ausgelegtes Handbuch zu verstehen.

Das Werk von Aristoteles und damit auch die Rhetorik, geriet im allgemeinen Niedergang ziemlich in Vergessenheit. Cicero scheint die Rhetorik im Original überhaupt nicht gekannt zu haben und erst im 13. Jhd gibt es drei lateinische Rhetorik Übersetzungen. Aber auch im Mittelalter blieb die Rezension der Rhetorik weit hinter der Logik zurück und beschränkte sich auf das technisch-formale.

Der Redekunst kommt eine Mittelstellung zwischen Dialektik und praktischer Philosophie zu. Die Rhetorik ist keine abgegrenzte Wissenschaft sondern in ihrer Anwendung und dem Nutzen nach unbegrenzt.

Die Rhetorik läßt sich wie folgt in die praktischen Wissenschaften einreihen:

  1. Organon (= Logisch - erkenntnistheoretischer Zusammenhang)
  2. "Theoretische Philosophie" oder "theoretische Wissenschaft"
    a. "Physik" (inkl. Schriften über Tiere, Pflanzen und die Seele)
    b. "Mathematik" (insbesonders Geometrie und Astronomie)
    c. "Erste Philosophie"
  3. "praktische Philosophie" oder "praktische Wissenschaft"
    a. "Ethik"
    b. "Politik" (Hilfsdisziplinen der Politik: "Strategik", "Ökonomik", "Rhetorik")
  4. "Poietische Wissenschaften" (jede auf Hervorbringung bedachte Technologie, z.B. "Poetik")

In der Rhetorik wird nicht nur den formallogischen Argumentationen und rhetorischen Kniffen, sondern auch der Zuhörerpsychologie große Aufmerksamkeit eingeräumt. Vollendete Rhetorik ist durch Sachverstand über das behandelte Thema, moralische Vollkommenheit des Redners und das Wohlwollen des Zuhörers gekennzeichnet. Zentrale Argumentationsform ist das Enthymem, ein rhetorischer Beweis und eine Art Syllogismus. Beim Enthymem wird vom Allgemeinen direkt auf das Besondere geschlossen und ist somit ein verkürzter Syllogismus. Aristoteles selbst schreibt dazu in etwa: Die Zuhörer erleben die Freude, den fehlenden Gedankenschritt selbst ergänzen zu können.

Beispiel für einen Syllogismus:
Alle Menschen sind sterblich
Plato ist ein Mensch
Plato ist sterblich

Beispiel für ein Enthymem:
Alle Menschen sind sterblich
Plato ist sterblich

Dafür wird dem Redner eine Vielzahl von Topoi - allgemein anwendbaren Gedanken - zur Verfügung gestellt.

Roter Faden durch das Werk

Aristoteles legt die Theorie der Redekunst in einer systematischen Ordnung dar. Die Schriften sind daher nach den wichtigsten Aufgaben des Redner gegliedert. Die ersten zwei Bücher handeln von der Auffindung des Themas und den Argumentationsgründen und sind durch die Aufgliederung in technische und untechnische Beweise strukturiert. Das dritte Buch erörtert den Stil und die Disposition, nachdem einige Themen, die früher schon behandelt wurden, nochmals gestreift werden.

Das erste Buch, das in dieser Arbeit genauer analysiert werden soll, ist wie folgt aufgebaut:

1. Kapitel: Einleitung, Definition der Rhetorik, Rhetorik als Gegenstück zur Dialektik, die Gemeinsamkeiten der beiden Disziplinen: die Unbegrenztheit ihres Anwendungsfeldes, die rhetorische Methode der Glaubhaftmachung
2. Kapitel: Die drei Arten der Überzeugungsmittel: das Ethos des Redners, die Verfassung der Zuhörer. Die Rede selbst; die beiden Arten des Schlusses: Enthymem und Beispiel
3. Kapitel: Die drei Komponenten der Rhetorik: Redner, Sache, Hörer; die drei Redegattungen (Beratungs-, Gerichts-, Festrede) und deren unterschiedliche Ziele (das Nützliche und Schädliche, das Rechte und Unrechte, das Schöne und Häßliche)
4. - 8. Kapitel: Die beratende Rede
9. Kapitel: Die Festrede
10. - 15. Kapitel: Die Gerichtsrede

Erstes Buch

Rhetorik ist das Gegenstück zur Dialektik. Beide behandeln Erkenntnisse, die allen Wissensgebieten zuzuordnen sind und keinem bestimmten. In irgendeiner Weise haben alle Menschen an beiden Anteil: Alle versuchen Argumente zu hinterfragen oder zu begründen, zu verteidigen oder zu erschüttern.
Da die meisten Menschen das entweder auf gut Glück oder aus Erfahrung machen, muß es auch systematisch getan werden können, denn es läßt sich erforschen, warum die einen aus Gewohnheit und die anderen wie von selbst ihr Ziel erreichen können.
Die bisherigen Redetheorien sind nur zu einem kleinen Teil ausgearbeitet. Eine richtige Theorie sollte nur aus Überzeugungsmittel bestehen. Die bisherigen Redetheorien sagen aber nichts über die Enthymeme, die Grundlage der Beweisführung, sondern beschäftigen sich mit Nebensächlichkeiten.
Seelenzustände wie Verleumdung, Mitleid, Zorn und dergleichen gehören nicht zur Rhetorik, da sie nur den Richter beeinflussen. Den Richter aber soll man nicht beeinflussen, denn das wäre so, "wie wenn man den Richtstab, den man verwenden wollte, krümmte."
Streitparteien sollten lediglich darlegen, ob ein Sachverhalt besteht oder nicht bzw. geschehen ist oder nicht. Der Richter entscheidet, ob der Sachverhalt bedeutend oder unbedeutend, gerechtfertigt oder ungerechtfertigt ist, wenn der Gesetzgeber es nicht festgelegt hat.
Am besten ist es also, möglichst viel über gerecht erlassene Gesetze zu entscheiden und wenig den Richtern zu überlassen, denn die Entscheidungen von Richtern entspringen dem Augenblick und können daher nur schwer gerecht, angemessen und gut sein. Außerdem entscheidet der Gesetzgeber nicht nach dem Einzelfall, sondern zukunftsorientiert und für die Allgemeinheit.
Das Urteil, ob etwas passiert ist oder nicht, sein wird oder nicht, ist oder nicht ist muß zwangsläufig bei den Richtern bleiben, denn das kann ein Gesetzgeber nicht vorhersehen.
Wenn man dies anerkennt, so sind die bisherigen Redetheorien eine technologische Erörterung über etwas, was außerhalb der Sache liegt, denn sie bemühen sich nur in irgendeiner Weise den Richter zu beeinflussen. Über kunstgerechte Überzeugungsmittel lehren sie aber nichts. Außerdem sagen sie über die politische Rede nichts, da es hier nicht sinnvoll ist, etwas vom Sachverhalt Abweichendes darzulegen.
Die Methode um die es hier geht, hat die Überzeugungsmittel zum Gegenstand. Ein Überzeugungsmittel ist eine Art von Beweis. Der rhetorische Beweis ist ein Enthymem - das bedeutendste Überzeugungsmittel - und es entspricht einer Art von Schlußverfahren. Daher ist es klar, daß derjenige, der am besten beurteilen kann, woraus und wie eine Schlußfolgerung zustande kommt, wohl auch am ehesten über Schlußfolgerungen Bescheid wissen dürfte. "Denn zu sehen, was wahr ist und was der Wahrheit nahekommt, entspringt der selben Fähigkeit.".
Die Menschen sind aus ihrem innersten Wesen heraus zur Wahrheit bestimmt. Das Wahrscheinliche zu treffen bedeutet aber in der Regel auch das Anerkannte - also die Wahrheit - zu treffen.
Es ist aber nicht immer leicht die Leute zu überzeugen, selbst wenn wir das gründlichste Wissen haben und aus diesem Wissen schöpfend durch eine Rede zu überzeugen versuchen. Denn die Methode der Belehrung ist ein systematischer Vortrag, was oft unmöglich ist. Daher muß man Beweise und Argumente aus Gemeinplätzen wählen, dann sollte man auch das Gegenteil vertreten, damit der wahre Sachverhalt nicht verborgen beleibt und man einen anderen, der Argumente ungerechtfertigt einsetzt, widerlegen kann.
Nur die Rhetorik und die Dialektik beweisen durch Schlüsse Gegensätze. Die wahren und besseren Tatsachen enthalten aber keine Gegensätze und sind daher von Natur aus leichter zu vertreten und deshalb glaubhafter.
Die Rhetorik gehört, genauso wie die Dialektik, nicht zu einer einzigen genau begrenzten Gattung und ist daher in vieler Hinsicht nützlich. Es ist nicht ihre Aufgabe zu überreden sondern zu erkennen, was jeder Sache an Überzeugendem zugrunde liegt. Die Rhetorik muß Überzeugendes und scheinbar Überzeugendes erkennen. Die Rhetorik unterscheidet sich von der sophistischen Kunst dadurch, daß "Sophist hingegen wird man nach seiner Absicht, Dialektiker aber nicht nach seiner Absicht, sondern nach seinem Können."

Die Rhetorik ist also die Fähigkeit das Überzeugende, das jeder Sache innewohnt, zu erkennen. Keine andere Technik hat diese Aufgabe, denn sie stellen nur die ihnen zugrunde liegende Materie überzeugend dar. Daher umfaßt das wissenschaftliche Betätigungsfeld der Rhetorik auch kein ihr eigenes, abgegrenztes Gebiet.
Die Überzeugungsmittel lassen sich in redetechnische und nicht redetechnische unterscheiden. Die nicht redetechnischen Überzeugungsmittel sind alles, was nicht durch uns selbst geschaffen ist, sondern bereits vorlag. Von den durch Rede geschaffenen Überzeugungsmitteln lassen sich drei unterscheiden: Die im Charakter des Redners angelegten, die Mittel, die in der Absicht eingesetzt werden den Zuhörer in eine bestimmte Gefühlslage zu versetzen, und die, die in der Rede selbst liegen, indem man etwas nachweist, oder den Anschein erweckt etwas nachzuweisen.
Durch den Charakter überzeugt ein Redner, wenn die Rede so dargeboten wird, daß sie den Redner glaubwürdig erscheinen läßt. Diese Glaubwürdigkeit muß sich aus der Rede ergeben und nicht aus einer vorgefaßten Meinung über die Person des Redners. Die bedeutendste Überzeugungskraft hat der Charakter.
Das zweite Überzeugungsmittel sind die Zuhörer "Mittels der Zuhörer überzeugt man, wenn sie durch die Rede zu Emotionen verlockt werden."
Durch die Rede überzeugt man, wenn man glaubwürdige Argumente verwendet um Wahres oder Wahrscheinliches darzustellen.
Die Rhetorik ist also gewissermaßen ein Abkömmling der Dialektik und der Beschäftigung mit Ethik, denn nur jemand der Schlüsse ziehen, über Charakterzüge und über Affekte urteilen kann, kann ja überzeugen.
Die Rhetorik ist der Dialektik ähnlich, denn beide behandeln nicht ein abgegrenztes Gebiet, dessen Beschaffenheit sie bestimmen, sondern sind Fähigkeiten Worte zu finden. Der Nachweis, daß sich etwas so und nicht anders verhält mittels vieler ähnlicher Fälle, ist in der Dialektik ein Induktionsbeweis, in der Rhetorik ein Beispiel. Der Nachweis, daß unter bestimmten Gegebenheiten in den meisten Fällen etwas Unerwartetes eintritt, weil diese Gegebenheiten vorliegen, heißt in der Dialektik Syllogismus, in der Rhetorik aber Enthymem.
Jedes Überzeugende ist immer für jemanden überzeugend. Die Rhetorik betrachtet daher nicht das, was einzelne Personen meinen, sondern ob etwas für Menschen, wie die Zuhörer es sind, glaubhaft ist.
Rhetorik ist in den Fällen gefragt, wo noch keine definitiven Lösungen vorhanden sind und für Zuhörer, die sich nicht detailliert mit einem Thema auseinandersetzen können.
Syllogismus und Induktion sind Schlußformen in der Dialektik, die in der Rhetorik nicht verwendet werden können, denn sie sind entweder zu langwierig oder zu unglaubwürdig, weil sie nicht aus allgemeinen Meinungen und Ansichten resultieren.
Enthymeme werden aus zwingenden Notwendigkeiten und aus Notwendigkeiten, die in den meisten Fällen zutreffen gebildet, also aus Indizien und Wahrscheinlichkeiten. Unter den Indizien sind Notwendigkeiten, durch die ein Syllogismus zustande kommt, Beweise.
Ein Teil der Enthymemen folgt der Rhetorik, ein anderer Teil aber anderen Wissenschaften und Fertigkeiten. Daher kann es passieren, daß sich die Zuhörer je mehr sie sich damit befassen, desto weiter von der Dialektik und der Rhetorik entfernen.
Dialektische und rhetorische Syllogismen enthalten Topoi (allgemeine Gesichtspunkte über ein Thema). Die allgemeinen Topoi vermitteln in keinem Bereich etwas Vernünftiges, denn es fehlt ihnen jede Grundlage. Die spezifischen Topoi vermitteln, je besser die Grundaussage gewählt ist, unbewußt ein von der Rhetorik und der Dialektik verschiedenes Wissen. Wenn man nämlich auf Prinzipien stößt, so hat man es mit der Wissensdisziplin zu tun, deren Prinzipien man vor sich hat. Die meisten Enthymeme werden aus Topoi, die speziell und auf einen bestimmten Gegenstand bezogen sind, gebildet. Dabei sind fachspezifische Aussagen und Topoi, aus denen sie gebildet wurden auseinanderzuhalten. Fachspezifische Aussagen sind die für jede Gattung spezifischen Grundaussagen, Topoi, was auf alle Gattungen zugleich anwendbar ist.

Es folgt nun die Darstellung der drei Komponenten der Rhetorik: Redner, Sache und Zuhörer. Das erste Buch schließt mit den drei Redegattungen ab: Der beratenden Rede, der Festrede und der Gerichtsrede.

Siehe dazu auch das Wertequadrat von Paul Helwig, das auf der von Aristoteles in seiner "Nikomachischen Ethik" entwickelten Vorstellung beruht, nach der jede Tugend als die rechte Mitte zwischen zwei fehlerhaften Extremen zu bestimmen ist. Dieses dialektische Modell kann auch zur Durchdringung von Begriffen benutzt werden.

Siehe auch die Tropen der Rhetorik


*) Quelle: http://st1hobel.phl.univie.ac.at/~brunn/phil/Aristoteles.html (01-06-30)

Ich danke Dr. Ulrich Ulonska (http://www.dr-ulonska.de/) für den Hinweis auf den formalen Unterschied zwischen Syllogismus und Enthymem.



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