<
[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Tropen der Rhetorik *)

Unter "Tropen" oder "figurae" werden alle sprachlichen Anordnungen verstanden, in denen "von der gewöhnlichen Wirkung der Sprache abgewichen wird", gleich ob sie nur einzelne Worte oder Gruppen von Worten, ob sie eher Redefiguren oder eher Gedankenfiguren betreffen.
"Sophismen" sind nach Aristoteles Scheinargumentationen, genauer: Elemente einer Beweisführung, die zu verdeckten Fehlschlüssen führen. Beruhen entweder auf täuschenden Fragestellungen oder auf Schlussfehlern oder führen absichtlich zu Paradoxien; im weiteren Sinn auch jede der logischen Folgerichtigkeit entbehrende Schlüsse.

Allgemein haben Tropen die Aufgabe, die in der alltäglichen "Normalrede" üblichen Negativ-Wirkungen des Ausdrucks zu vermeiden: Ermüdung des Zuhörers durch Länge, Wiederholung, Unanschaulichkeit, Ungeschicklichkeit oder Gleichförmigkeit des Ausdrucks.

Durch eine motivierende, fesselnde Form der Spache soll zunächst einmal Aufmerksamkei erregt und die Bereitschaft des Zuhörers gesichert werden, dem Redner bei seinen Gedanken wenn möglich bis zum Schluß zu folgen.

Hierin liegt aber auch ihre besondere sophismatische Eignung. Einmal können der Wahrheitsgehalt und die Schlüssigkeit etwa bei einer fesselnden, glanzvollen Rede ganz in den Hintergrund treten, ja mit den rhetorischen Effekten schlicht verwechselt werden. Zum andern können Tropen - z. B. der Witz - vorhandene Probleme unangemessen außer Streit stellen, Diskussionen in einem gemessen am Klärungsbedarf sachlich unrichtigen Sinne vorstrukturieren und unerwünschte Erkenntnisse und Begriffe hintanhalten, also Funktionen der Sprach- und Begriffsregulierung übernehmen, die dem Erkenntnisbedarf der Adressaten nicht entsprechen. Schlicht formuliert: sie legen für die Gedanken der Zuhörer eine falsche Fährte und dienen mehr oder weniger der Täuschung.

Die folgende Zusammenstellung entstammt einer Arbeit von Christian Gizewski (1999), der sich in profunder Weise mit den Möglichkeiten der Rhetorik auseinandersetzt.

1. Figuren der Häufung und der Wiederholung

Palillogie, Iteration: Die Wiederholung von Worten, Silben oder Buchstaben am Anfang oder am Ende mehrerer Sätze oder Wortfolgen (Reim) macht insbesondere Schlagworte eingrägsam und lenkt durch die sicher, weil sprichwortartig und erprobt wirkende Formelhaftigkeit von der Überprüfung eines evtl. problematischen Inhalts ab. Unter diese Kategorie fallen:

Dihairesis (als Tropos), Distributio: Die Charakterisierung eines Gegenstandes durch akkumulierende Aufführung seiner Bestandteile gibt dieselben Möglichkeiten der sophismatischen Fehlleitung wie die Periphrase.
Beispiel: "Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt".

Hendiadyoin: Ähnliche Funktion wie bei der (tropischen) Dihairesis, wobei die Kürze, die Zweierzahl und eine eventuelle Alliteration einprägsam und prägnant wirken.

Beispiele: " Glanz und Gloria", "Arbeit und Brot". "All ihr Bitten und Flehen half nichts".

Synathroismos, Congeries: Die Aneinanderreihung formal gleichartiger Satzglieder weist auf ihre fest gefügte inhaltliche Zusammengehörigkeit hin und kann daher auch dazu mißbraucht werden, Nicht-Zusammengehöriges zusammenzubringen oder Unwesentliches mit Wesentlichem zu verbinden oder kategorische Bekenntnisse auszusprechen.
Beispiele: "...we hold these truths to be self evident, that ..., that ..., that ... ." "Blut, Schweiß und Tränen".


2. Figuren der Spannungserzeugung oder -steigerung

Klimax, Antithese, Antimetabole, Oxymoron und Paradoxon sind Spielarten spannungsgeladener, oft dramatischer oder witziger Gedankenführung, die wegen der Unerwartetheit und kategorisch formulierter Unmittelbarkeit der Entgegensetzungen auch besonders eingrägsam ist. Die stufenartige Steigerung einer gedanklichen Reihung gibt die Möglichkeit, Prozeß-Konsequenzen, Handlungs- und Leidensformen dramatisch und prägnant zusammenzufassen und dabei ggf. Notwendigkeiten und Erwartungen zu suggerieren.Gegenüberstellungen eignen sich für die Verdeutlichung von Grundideen oder für den energischen Angriff auf Positionen, die in ihrer Selbstverständlichkeit oder Üblichkeit unanfechtbar erscheinen. Sie sind im übrigen seit der Antike Inbegriff der "urbanitas", des "asteion", d. h. eines eleganten, überlegenen Argumentationsstils, und der philosophischen "Dialektik" innerlich nahe verwandt. Sie eignen sich daher aber auch besonders gut für sophismatische Zwecke, weil der äußere Glanz der Argumentation von ihren ggf. vorliegenden inneren Schwächen perfekt abzulenken vermag.

Klimax, Gradatio:
Beispiele: "En roi penser, vivre et mourir". "Ecclesia martyrans, militans, triumphans".

Antithese, Oppositio:
Beispiel: "Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen". "Lieber ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach".

Antimetabole, Commutatio:
Beispiele: "Arbeiten, um zu leben. Nicht leben, um zu arbeiten".

Oxymoron:
Beispiele: "Summum ius, summa iniuria". "Nur Ungleichheit schafft Gleichheit".

Paradoxon:
Beispiele: "Si vis pacem, para bellum". "Der Klügere gibt nach". "Ein halbleeres Glas ist immerhin halbvoll".


3. Figuren der Gleichsetzung von Ungleichem

Ein Bild, Gleichnis oder Symbol dient der Veranschaulichung eines Grundgedankens oder eines konkreten, aber komplexen Phänomens durch eine einfacher faßliche, formal in den wichtisten Bezügen gleiche und anschauliche Struktur. Das bringt es notwendig mit sich, daß diese in irgendeiner Hinsicht "schief" zu sein pflegt, d. h. in ihrer Struktur nur teilweise zu dem zu erklärenden Gegenstand paßt, in anderer - und möglicherweise durchaus wichtiger Hinsicht - aber nicht. Hier setzen die erheblichen Täuschungs- und Selbsttäuschungsmöglichkeiten an, die insbesondere auch in einer nicht-sprachlichen Bild-Semantik gegeben sind.

Unter diese Kategorie fallen:

Allegorie, Analogon, Simile:
Beispiel: "Der bürokratische Sozialstaat ist wie ein Zoo mit vielen Tieren und noch mehr Wächtern".

Metapher, Translatio:
Beispiel: "der Staatsorganismus ", ein "Black-Box "-Problem.

Symbol (tropisch), Signum: "Heil Hitler", "Rot Front".

Synekdoche, Pars pro toto oder Genus pro specie: Kurzgefaßte, bestimmte Aspekte oder Teile eines Gegenstandes in den Mittelpunkt rückende Charakterisierungen, bringen auch die Möglichkeit der "verkürzenden" Darstellung mit sich. Das ist die für "Schlagworte" und wiederum für die Bild-Semantik typische Sophismatik.
Beispiel: "der deutsche Michel".

Metonymie, Denominatio: Die Bezeichnung eines Gegenstandes durch eines seiner Attribute bietet dieselben sophismatischen Möglichkeiten wie die Synekdoche.
Beispiel: "die Demokratie" statt: "der Staat".

Autonomasie: Die Identifikation eines Eigennamens mit einem Begriff birgt in sich die Möglichkeit und damit auch die Gefahr einer Personalisierung von Sachbezügen und - positiver oder negativer - Imagebildung für Personen, insbesondere des politischen Lebens. Beipiele: "der eiserne Kanzler"," die stählerne Lady".

Periphrase: Die Umschreibung eines Begriffs oder abstrakten Tatbestands durch eine exemplarische, typische Konkretion gibt die Möglichkeit ihrer Fehlauswahl oder Verzerrung.
Beispiel: "Jener Vorgang der Zusammennagelns zweier Gesellschaften, den man Wiedervereinigung nennt". "The Sauerkrauts", die "Birne von Oggersheim".

Prosopopoiia, Personificatio: Die Gleichsetzung von Völkern, sozialen Strukturen, Gruppen oder Schichten mit konkreten oder fiktiven Personen erfüllt ähnliche Funktionen wie die Metapher, ist aber wegen der Möglichkeiten des Witzes oder einer personenbezogenen Dramatik für die Verdeckung von Sophismen noch geeigneter als jene. Die Personifikation von Sachverhalten ist ein oft angewandtes Mittel medialer Darstellung.
Beispiele: der "Stalinismus", "Ludwig Erhardts Wirtschaftswunder", "Hitlers Krieg".


4. Figuren der Verkleinerung oder Vergrößerung

Tapeinosis, Diminutio, Depretiatio: Das Schlecht- oder Klein-Reden von Sachverhalten, die für Adressaten der Rede größere Bedeutung haben, ist eine Möglichkeit, Fehlschlüsse zu erzeugen und Unwahrheiten zu übermitteln, ohne die Sachverhalte zunächst konzedieren oder rechtfertigen zu müssen.
Beispiele: "Null-Wachstum", "eine kleine radikale Minderheit", "das Geisel-Drama".

Euphemismos, Amplificatio: Umgekehrte Wirkung wie die Tapeinosis hat der Euphemismos.
Beispiele: "Die große französische Revolution", Friedrich der Große". "Der Produktivkräfte im Sozialismus wachsen mehr und mehr".."Zu den unverbrüchlichen Wahrheiten des historischen Materialismus gehört, daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist".


5. Figuren des Richtigkeits- oder Rationalitätsscheins

Praestigia (auch paestigiae [pl.] oder paestigium, gr. psephopaixia; dt. Übersetzung: Blendwerk, Gaukelspiel; etymologisch mit dem in Politik, gesellschaflichem Verkehr und Werbung so wichtigen Terminus "Prestige" zusammenhängend): Von den vielfältigen Möglichkeiten, dem Redner oder der von ihm vertretenen Sache durch nebenher und unbemerkt zugeordnete, bloß äußerliche Attribute den Schein des Ehrwürdigen, Vertrauenswürdigen, auf Kenntnis und Erfahrung Aufbauenden, moralisch Integren, sorgfältig Vorbereiteten etc. zu verleihen, können nach dem Prinzip "Des Kaisers neue Kleider" erhebliche Täuschunswirkungen ausgehen, wenn oder soweit dem äußerlichen Schein kein angemessener Inhalt entspricht: "Prof. Ludwig Erhard"; "der moderne Lebensstil"; "die demokratische Streitkultur", "die Leistungsträger der Gesellschaft".

Erotema: Die Frageform läßt es formell wahrheitsgemäß offen, ob eine Behauptung der Wahrheit entspricht oder eine Forderung begründet ist, aber sie bringt sie in die Diskussion ein und setzt auf ihre latenten Folgewirkungen bei dem nicht weiter prüfkomptenten oder -bereiten Zuhörer. Jedes Sophisma läßt sich mit ihr evtl. eine Zeitlang "auf redliche Weise" verdecken.
Beispiel: "Es muß erlaubt sein, öffentlich zu fragen, ob sich ein Politiker wie ... nicht allein aufgrund der gegen ihn mittlerweile auch aus seiner eigenen Partei erhobenen Vorwürfe genötigt sehen sollte, zurückzutreten, um einem unbelasteten Nachfolger eine unbelastete Amtsführung in dieser kritischen Zeit zu ermöglichen".

Pysma: Die selbstgestellte Frage nach dem Inhalt des Diskussionsgegenstandes oder nach dem Vorgehen in einer Diskussion, die selbst beantwortet wird, suggeriert Offenheit und Wahrheitsbezogenheit des Redners, läßt ihm aber alle Möglichkeiten auch mißbräuchlicher Verkürzung oder Verzerrung der Wahrheit über einen Gegenstand.
Beispiel: "Sollten wir nicht einmal ausführlich über das Wie und nicht in der altbekannt unergiebigen Weise über das Ob der (europäischen Einigung, Abtreibung, Zuwanderung) diskutieren?

Paraleipsis, Praeteritio: Das ausdrücklich erwähnte Übergehen von Aspekten, die an sich zur Erörterung einer Sache gehören, erzeugt den Schein sachlicher Konzentration, bietet aber - zumindest bei Weglassung von Wichtigem - dieselbe sophismatische Mißbrauchsmöglichkeit wie das Pysma.
Beispiel: "Ich übergehe hier aus Zeitgründen die schwierige Frage, ob..." "Dazu wäre noch viel zu sagen".

Polysyndeton: Die Zusammenfassung vieler formal gleichartiger Sätze oder Satzglieder mit derselben Verbindungspartikel erzeugt den Eindruck eines reichen Erfahrungsschatz des Redners oder eines Alternativenreichtum seines Denkens, kann aber auch mißbraucht werden, um solche vorzutäuschen oder von einem wichtigen, aber nicht miterwähnten Aspekt abzuzlenken.
Beispiel: "und, und, und". "oder..., oder..., oder...".

Epanorthosis, Correctio: Die Selbstberichtigung zeigt Offenheit und Wahrheitsbemühtheit der Argumentation an, die jedoch nicht überall im Argumentationsgang gegeben sein müssen. D. h.: die Figur kann auch zur Verdeckung eines Sophismas an anderer Stelle dienen, insbesondere wenn sie demonstrativ eingesetzt wird.
Beispiele: "Zweifellos wirft der Begriff der Übergangsepoche auch grundsätzliche Fragen für die materialistisch-historische Epochenbildung auf. Aber es steht fest und ist bei intensiver Untersuchung der komplexen Sachverhalte auch nachweisbar, daß ... ". "Ich beziehe mich ausdrücklich mit ein, wenn ich sage: wir alle haben Fehler gemacht (sind schuldig, haben eine Verantwortung etc.)".

Praemunitio, Occupatio, Concessio, Fictio: Mit der Vorwegnahme von Einwänden kann der Redner versuchen, diese so zu verzerren, daß ihre Widerlegung leichter fällt. Zugleich betont er wie bei der Epanorthosis seine Offenheit und Wahrheitsbemühtheit, sodaß seine sophismatischen Absichten Deckung erhalten.
Beispiele: "Es könnte nun einer einwenden, ...". "Zu einigen denkbaren Fragen will ich gleich sagen, ...".

Aporia, Dubitatio: Das vorsichtige Ausdrücken von Bedenken, insbesondere Selbsteinwände, und der Hinweis auf den Meinungscharakter des Vorgetragenen deuten auf ein abwägendes und aufnahmebereites Urteilsvermögen hin, können aber mißbräuchlich auch zur Einführung und Verstärkung sophismatischer Argumentation unter dem Mantel der Scheinredlichkeit führen: "Ich frage mich, ob ...". "Ich denke, daß...". "Ich gehe davon aus, daß..." .

Epitrope, Permissio: Ähnliche Wirkung wie bei der Dubitatio.
Beispiel: "Zweifellos ist ... ein kenntnisreicher, verdienstvoller Mann. Aber das schließt nicht aus, daß er sich in seine Fachkompetenz verrennt".

Ellipse, Omissio: Das Auslassen von Satzgliedern, die sonst üblich sind, kann außer zur Abkürzung unrationeller Längen auch der Prägnanzsteigerung oder der Beteuerung und dem formelhaften Ausdruck von Wünschen dienen. Es ist aber auch u. U. geeignet, einen Gedanken unangemessen zu verkürzen: "Wanderer, kommst du nach Spa ...".


6. Figuren des Witzes

Geloion, Ridiculum: Indem der Witz eine bestimmte Erwartung durch eine unerwartete Konfrontation mit ihrer Nichterfüllung auflöst oder relativiert, lenkt er die Aufmerksamkeit von der Berechtigung der Erwartungshaltung ab und suggeriert auf zugleich einprägsame Weise den Grund der Nichterfüllung oder Relativierung als zutreffend. Der Witz ist einer der wichtigsten Träger sophismatischer Effekte in konfrontativen, insbesondere politischen Argumentationgängen, wo er auch in den Formen des Sarkasmus, der Ironie oder der Satire auftritt.
Beispiel: "Die SPD kann nicht eine Faust ballen, wenn sie überall ihre Finger drin hat".

Hyperbel, Superlatio: Die Überspitzung eines Grundgedankens schirmt ihn gegen Widerspruch ab oder macht ihn durch Witz eingrägsam. Die Überspitzung wird entweder nicht zugegeben, oder die Täuschung beruht darauf, daß der Zuhörer von einer genaueren Musterung der Übertreibung durch Witz abgelenkt wird.
Beispiel: "Der unsterbliche Name Stalins wird immer im Herzen des Sowjetvolkes und in den Herzen der Werktätigen der ganzen Welt leben". Oder: "Viel Feind, viel Ehr".

Ironie, Dissimulatio, Illusio: Die bedeutungsvolle Anspielung auf das Gegenteil dessen, was gerade gesagt wird, ermöglicht die Ablenkung vom Wahrheitsgehalt des Gemeinten, weil die Anspielung Sicherheit suggeriert, zumeist Witzwirkung hat und den Rezipienten mit Deutungsarbeit beschäftigt.
Beispiel: "Es genügt in dieser Sache nicht, keine Meinung zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken".


7. Figuren der persönlichen Anspache oder des begründenden Zitats

Argumentatio ad personam: Die Konfrontation des Zuhörers mit einem direkten oder indirekten Unwerturteil über seine Person für den Fall, daß er bestimmte Auffassungen des Redners nicht teilt, ist eine häufig angewandte Figur sophismatischer Argumentation. Funktion dieser rhetorischen Figur ist im Vordergrund, längere Argumentationsgänge durch Hinweis auf Autoritäten, bekannte Diskussionszusammenhänge und Grundkenntnisse abzukürzen, im Hintergrund aber öfters auch, Diskussionsbedürftiges zu umgehen.
Beispiele: "Wer etwas von Geschichte (Wirtschaft, Politik) versteht, ist sich klar darüber, daß ...". "Alle ernstzunehmenden Wissenschaftler sind der Meinung, daß ..."

Homologie, Confessio: Die Abgabe eines Bekenntnisses, das der Sache nach stets an ein Publikum gerichtet ist, in feierlich und aufrichtig gemeinter oder wirkender Weise kann auch zum Zwecke der Täuschung eingesetzt werden: "ich komme aus einem Elternhaus, in dem [...] Überzeugungen allgegenwärtig waren"; "ich habe schon immer die Auffassung vertreten, daß ..."; ich verspreche hiermit, daß ..."; "ich werde nicht rasten und ruhen, bis ...".

Apostrophe, Allocutio: Das Richten einer Frage an jemand, der sie nicht beantworten kann oder soll, täuscht Offenheit und Interesse an der Auseinandersetzung, damit auch Sicherheit der eigenen Position vor, affirmiert aber in Wirklichkeit die im Hintergrund der Frage stehende Überzeugung vor einer Zuhörerschaft Dritter ohne Auseinandersetzung und in eine Richtung.
Beispiele: "Wollt ihr den totalen Krieg?"

Etopoiia, Sermocinatio: Indem er fremde Personen zitiert oder fiktiv reden läßt, kann ein Redner u. U. auch davon ablenken, daß er eigene Gedanken vorbringt oder fremde Gedanken aus dem Zusammenhang reißt. Ferner kann er seinen Gedanken ohne argumentativen Nachweis einen Autoritätsschein geben, der ggf. als Deckung auch für Fehlschlüsse und Wahrheitsverzerrungen dienen kann.
Beispiele: Nun gibt es aber nicht wenige und gering zu achtende Leute, die sagen ...". "Es gibt einen bekannten Ausspruch des großen [Soundso], welcher sagte:...".


8. Figuren der Leidenschaft oder der Nüchternheit

Aposiopese, Reticentia: Das Abbrechen von Ausführungen weist darauf hin, daß die Mittel der Sprache versagen oder weiteres Reden sinnlos ist, etwa aus Gründen eines überwältigenden Gefühls oder weil irgend jemand dies nicht verstehen würde. Die Möglichkeiten sophismatischen Mißbrauchs sind dieselben wie bei der Paraleipsis.
Beispiele: "Mir fehlen die Worte". "Was soll man da noch sagen?".

Ekphonesis, Exclamatio: Die emotionale, bewußt begründungslose und Widerspruch eigentlich nicht duldende Mitteilungsform des Ausrufs weist auf die Selbstverständlichkeit oder die Rezeptionsnotwendigkeit einer Ansicht oder Wertung hin.
Beispiele: "Gott mit uns"."Ich bin ein Berliner". "Super".

Brachylogie, Präzision, Prägnanz: Durch akzentuierte Kürze der Formulierung kann die Mehrdeutigkeit oder das Gewicht einer Mitteilung oder eine Kompetenz zu kategorischen Feststellungen oder das Bemühen, die Aufmerksamkeit des Zuhörers nur für etwas ganz Wesentliches in Anspruch zu nehmen, zum Ausdruck gebracht werden. Indem diese Aspekte den Zuhörer mehr beanspruchen oder interessieren als mitgeteilte Unrichtigkeiten, kann sophismatischen Tendenzen Deckung zuteilwerden.
Beispiele: "Nie wieder Krieg". "Alle Macht den Räten"."Business as usual".

Litotes: Die Untertreibung, etwa durch doppelte Verneinung eines Tatbestands, erzeugt einmal den Eindruck von Schlichtheit und Zurückhaltung und steigert dadurch die Glaubwürdigkeit einer Aussage, zum andern steigert sie ihre Bedeutung, ohne doch der äußeren Sprachform nach unrichtig zu werden. Sie ist deshalb als Deckung für sophismatisches Vorbringen u. U. besonders geeignet.
Beispiel: "Der Bewerber um dieses Amt ist ein nicht gerade unerfahrener Politiker, der sich auf nicht wenigen Gebieten der Kommunal- und Landespolitik bewährt hat".

Emphase: Die besondere Betonung bestimmter Bedeutungshintergründe von Worten und Sätzen, die üblicherweise nicht-komplex verwendet werden, treten häufig in den hervorgehobenen Passagen einer Rede, etwa am Anfang oder am Ende, auf und geben auch die Möglichkeit, mit dem Anschein des autoritativen Zitats, des Feierlichen, des Bekenntnisses oder des essentiell Durchdachten ausgestattete Sophismen zu verbreiten.
Beispiele: "Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist." "I have a dream". "I am a Berliner".

Epanalepsis, Geminatio: Die Verdopplung beziehungsreicher Worte hat eine ähnliche Funktion wie die Emphase.
Beispiele: "Deutschland, Deutschland über alles". "Alle, alle kamen".

Asyndeton: Die grammatikalische Unverbundenheit von Sätzen ist eine Spielart der Brachylogie und der Litotes und hat daher ähnliche Wirkungen wie diese Tropen. Sie unterstreicht die Zusammengehörigkeit von Dingen, auch wenn deren Zusammengehörigkeit evtl. problematisch oder bestritten ist, auf demonstrative Weise:
Beispiele: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". "Veni, vidi, vici".


9. Andere Figuren

Eine Anzahl von Tropen i. w. S. - wie z. B. die Syllepsis, das Hysteron Proteron, das Zeugma, das Anakoluth, das Epitheton ornans, der Pleonasmus - sind ebenfalls für sophismatische Zwecke disponiert, brauchen aber an dieser Stell nicht erörtert zu werden, weil eine Vollständigkeit hier nicht angestrebt werden kann, sondern nur systematische Übersicht und ihre Veranschaulichung.

 

Gideon Burtons (Brigham Young University) "Forest of Rhetoric - silva rhetoricae"
WWW: http://humanities.byu.edu/rhetoric/ (02-10-02)

Zusammenstellung nachChristian Gizewski (1999). Täuschung als Erfolgsprinzip öffentlicher Argumentation: ein praktisches Erbe antiker Rhetorik.
WWW: http://www.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Scriptorium/S16.htm (01-11-26)



inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::
navigation: