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Das Wertequadrat von Paul Helwig

Verwandte Konzepte

Die Wertequadrat-Struktur ist der von Aristoteles in seiner "Nikomachischen Ethik" entwickelten Vorstellung verwandt, nach der jede Tugend als die rechte Mitte zwischen zwei fehlerhaften Extremen zu bestimmen ist (vgl. Schulz von Thun 1990, S. 39f). Die anzustrebende Tugend ist hier aber als Fixpunkt gedacht, der sich zumindest in Richtung optimal "verschieben" läßt. Beim Wertequadrat ist die Vorstellung eines Fixpunktes aufgegeben und durch die Vorstellung einer dynamischen Balance ersetzt, was wohl auch in der Tradition der Feld-, Ganzheits- und Gestaltpsychologie betrachtet werden kann.

Auch das östliche Konzept des Yin-Yabg wird häufig damit verglichen.

Beispiele

Als weiteres Beispiel sei. die Sparsamkeit genannt, die ohne ihren positiven Gegenwert Großzügigkeit zum Geiz verkommt, umgekehrt gerät aber auch Großzügigkeit ohne Sparsamkeit zur Verschwendung. Besonders relevant für Kommunikationsprozesse ist das in der folgenden Grafik veranschaulichte Spannungsverhältnis zwischen den Polen Vertrauen und Mißtrauen, wie es wohl in allen sozialen Beziehungen kritisch werden kann:

Wertequadrat

Eine solche bildliche Darstellung schärft in Diskussionen den Blick dafür, daß sich in einem beklagten Fehler nicht etwas "Schlechtes" ("Böses", "Krankhaftes") manifestieren muß, das es "auszumerzen" gilt. Vielmehr läßt sich darin immer auch ein positiver Kern entdecken, dessen Vorhandensein zu schätzen ist und allein dessen Überdosis (des Guten zuviel) uns problematisch erscheint. Zum anderen ist damit die Überzeugung verbunden, daß jeder Mensch mit einer bestimmten erkennbaren Eigenschaft immer auch über einen "schlummernden" Gegenpol verfügt, den er in sich wecken und zur Entwicklung bringen kann. Wobei das angepeilte (kreative) Ideal keine statische, sondern eine dynamische Balance ist.

Als weiteres Beispiel sei die Kontaktfähigkeit geannt, die durchaus kontroversiell betrachtet werden kann:

 

Helwig

 

Auch der psychologisch geschulte Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend (1993, S.35) lädt im Diskurs dazu ein "die schwächere Seite zur stärkeren zu machen (...) und so das Ganze in Bewegung zu halten".

 

Das Wertequadrat der Führung: Wie gehe ich mit meinen Mitarbeitern um?

Bernhard Possert arbeitet die prinzipielle Ambivalenz dieses Konzeptes heraus und schreibt, dass man alles damit argumentieren kann, wenn man nur will. Er kam auf die Idee, Wertequadrate in Metaphern zu übersetzen und die vier Werte in dieser Metapher jeweils bildlich auszudrücken. Johannes Zollner hat nach seinen Vorstellungen ein illustratives Wertequadrat zum Thema Führung gezeichnet:

wertequadrat

Mit dieser bildlichen Symbolisierung läßt sich in Seminaren recht gut ein Dialog in Gang bringen, etwa indem sich die einzelnen Personen den vier Quadranten zuordnen. Die dem Modell innewohnende Dialektik ist auch gut geeignet, die starren Positionen, die sich in Teams manchmal entwickeln, auf "spielerische" Weise zu lockern.

Das Wertevieleck

Bernhard Possert hat nun im Rahmen eines Weihnachtsgrußes auf Basis des Wertequadrats das "Wertevieleck" entwickelt - eine Erweiterung des Wertequadrats:

Wertevieleck Possert

[Quelle: http://www.possert.at]

Quellen:

Possert, Bernhard (o.J.). Das Wertequadrat und seine Darstellung, Geschichte und mögliche Weiterentwicklung.
WWW: http://www.possert.at/data/dp/wertequadrat2.doc (06-02-02)
http://www.possert.at/index.php/site/comments/weihnachten_das_leben_in_fuelle_mit_werte_vieleck/

Zur Ergänzung siehe auch den Text zur Aristotelischen Rhetorik

Literatur

Bollnow O.F. (1958). Wesen und Wandel der Tugenden. Frankfurt am Main.

Feyerabend, Paul (1993): Wider den Methodenzwang. Frankfurt: Suhrkamp. Helwig, Paul (1965). Charakterologie. Stuttgart, Klett.

Romhardt, Kai (1998). Die Organisation aus der Wissensperspektive - Möglichkeiten und Grenzen der Intervention. Wiesbaden: Gabler

Schulz von Thun, Friedemann (1990): Miteinander reden: Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Hamburg: Rowohlt.



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