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Signallernen, Reiz-Reaktionslernen, S-R-Lernen

Die behavioristischen Ansätze

Ivan Petrowitsch Pawlow gründete in Petersburg das "physiologische Labor für experimentelle Medizin", in dem er den größten Teil seiner berühmten Forschungsarbeiten durchführte. Er hatte in Experimenten gezeigt, daß z.B. Welpen über einen angeborenen Speichelreflex verfügen, der ausgelöst wird, sobald Futter in ihr Maul gerät. Eine Beobachtung, die jeder Hundebesitzer an seinem Tier feststellen kann. Pawlow nannte diese Speichelabsonderung eine psychische Sekretion, da er davon überzeugt war, es handle sich um einen vom Gehirn gesteuerten Prozeß. Er entwickelte darauf hin eine Methode, psychische Vorgänge von außen zu beobachten, ohne sich dabei auf innere seelische Zustände zu beziehen.

Signallernen, Reiz-Reaktionslernen, S-R-Lernen Ivan Petrowitsch Pawlow pavlov

Am Beginn des 20. Jahrhunderts führte Pawlow seine klassisch gewordenen Experimente durch: Ein Hund wurde in einem besonderen Apparat gestellt, in dem die Intensität des Speichelflusses als Reaktion auf bestimmte Reize gemessen werden kann. Dem Hund wurde ein unbedingter Reiz (UCS: Futter) präsentiert, woraufhin er den angeborenen Reflex (UCR: Speichelfluß) zeigte. Auf das Läuten einer Glocke (CS) zeigte der Hund keinerlei Reaktion, außer einer gewissen Neugier. Pawlow kombinierte die beiden Reize (UCS + CS), worauf der Hund mit Speichelfluß reagierte (UCR). Nach mehrmaligem Wiederholen dieser Reizpräsentation, reagiert der Hund schon auf das Glockenläuten mit Speichelfluß. Diese Reaktion nennt Pawlow bedingte Reaktion (CR). CR und UCR ähneln sich, sind aber nicht identisch: so produziert der Hund, beim Anblick des Futters immer noch mehr Speichel, als bei dem Ertönen der Glocke.

bedingte Reaktion unbedingte Relex Hund Speichel

Der entscheidende Punkt in diesem Experiment ist, daß nach der Konditionierung ein vorher neutraler Reiz eine Reaktion hervorruft, die vorher nur durch einen unbedingten Reiz ausgelöst wurde. Wird dem Versuchstier jedoch längere Zeit der bedingte Reiz (CS) allein dargeboten, so verschwindet allmählich die bedingte Reaktion (CR); Pawlow nannte diesen Prozess Löschung. Wiederholt man nach einiger Zeit das Experiment, so zeigt der Hund nach wesentlich weniger Versuchsdurchführungen wieder die bedingte Reaktion auf den bedingten Reiz. Dies beweist, dass die Konditionierung nicht gänzlich gelöscht wurde, sondern lediglich gehemmt worden war. Als Anerkennung für seine Forschungsarbeiten erhielt er 1904 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen.

Bei der klassischen Konditionierung wird kein Verhalten gelernt, sondern ein Reiz!

Merkmale des Pawlowschen Reflexbegriffes

Drei Arten von Reflexen

Arten von Reizen und Reaktionen

Arten der Konditionierung

Ivan Petrowitsch PawlowReflexe höherer Ordnung

Man erzeugt mittels eines US und eines neutralen Reizes eine Verbindung CS-CR. Dann wird in einem weiteren Konditionierungsverfahren ein anderer neutraler Reiz an die Stelle des ursprünglichen CS gesetzt. Man erhält so eine Konditionierung zweiter Ordnung.

Weitere wichtige Begriffe der Reflexologie

Grundbegriffe des klassischen Konditionierens

Pawlows Theorie über zentralnervöse Vorgänge bei der Konditionierung

Der US löst in einem bestimmten Zentrum des ZNS eine Erregung aus, die dann zur UR führt. Erfolgt nun gleichzeitig mit dieser Erregung eine unspezifische, indifferente Erregung irgendwo anders im ZNS (und das auch noch wiederholt), so wird diese Erregung zu der spezifischen "hingezogen", es wird ein Weg (eine Verbindung) zwischen den ehemals unabhängigen Erregungen gebahnt. Dieser Vorgang ist reversibel, bzw. hemmbar (s. Löschung und spontane Erholung).

Irradiation: Die Ausdehnung der Erregung auf benachbarte "Herde" im ZNS. Dem erregten "Herd" benachbarte Regionen, werden je nach ihrem Abstand, unterschiedlich stark erregt (s. Generalisation).

Konzentration: Sie ist das Gegenteil der Irradiation, die Erregungsausbreitung wird, z.B. durch Diskriminationstraining, auf bestimmte Areale eingegrenzt.

Hemmung, Löschung und spontane Erholung

Hemmung ist sowohl ein gegenläufiger Prozess zur Erregung, als auch zur Bahnung. Ein anderer Prozess wird, wenn er gehemmt wird, behindert.

Eine Löschung erfolgt im Experiment in Form von interner Hemmung, der CS wird solange ohne US dargeboten, bis keine Reaktion mehr feststellbar ist, bis also die Bahnung (physiologisch) aufgehoben ist.

Bei einer spontanen Erholung hemmt sich die interne Hemmung, die zur Löschung der CR geführt hat, offensichtlich selber. Eine gelöschte CR taucht nach einer Pause während des Experiments von selbst, also ohne zwischenzeitliche Verbindung mit dem US von alleine wieder auf.

Einflüsse auf bedingte Reaktionen sind möglich durch

Inter-Stimulus-Intervall (ISI) zwischen US und CS: Beim Skeletalsystem 0,2-0,5s, beim autonomen NS zwischen 2 und 5s optimal für Konditionierungserfolg.

Pawlow
Quelle: http://www.workjoke.com/ pavlov-i.gif (04-07-01)

Bestätigung einiger Phänomene der klassischen Konditionierung durch die Gehirnforschung

ForscherInnen haben nun entdeckt, dass zwei Gruppen von Nervenzellen im Mandelkern beim Erlernen von Angst eine Rolle spielen. Sie untersuchten die Angstreaktionen an Mäusen, indem ein neutraler Reiz - einen Ton - gemeinsam mit einem unangenehmen Reiz gesetzt wurde. Die Tiere bekommen so nach dem Prinzip der klassischen Konditionierung nicht nur vor dem unangenehmen Reiz, sondern auch vor dem Ton Angst. Wurde der ängstigende Klang häufig in einem neuen Umfeld vorgespielt wird, ohne dass etwas Unangenehmes passierte, legten die Mäuse ihre Angst ab. Sie kehrt aber sofort zurück, wenn der Ton im ursprünglichen oder in einem völlig neuen Kontext auftrat. Die Mäuse hatten also nicht die Angst verlernt, vielmehr war das Empfinden im Gehirn nur "verdeckt". Dabei spielten offensichtlich zwei Gruppen von Nervenzellen im Mandelkern eine wichtige Rolle: Eine Gruppe von Zellen steuert das Angstverhalten alssolches, eine zweite die Unterdrückung der Angst. Ist die zweite Gruppe aktiv, verhindert sie, dass die Aktivität der ersten an andere Stellen im Gehirn weitergeleitet wird. Trotzdem sind die Verbindungen zwischen den Zellen, die Angst kodieren, noch vorhanden. Sobald die aber Maskierung wegfällt, etwa durch eine Veränderung des Kontextes, werden diese Verbindungen schnell wieder aktiv und die Angst kehrt zurück.

Quelle:
Vlachos I, Herry C, Lüthi A, Aertsen A, Kumar A (2011). Context-Dependent Encoding of Fear and Extinction Memories in a Large-Scale Network Model of the Basal Amygdala. PLoS Comput Biol 7(3): e1001104. doi:10.1371/journal.pcbi.1001104

 

Klassisches Konditionieren in der Praxis

Übrigens: Auch in der modernen Gedächtnisforschung - etwa wenn man den Mechanismen des Vergessens auf die Spur kommen will - werden Konditionierungsversuche eingesetzt
"Körpereigene Cannabinoide helfen beim Vergessen negativer Erlebnisse"

Erlernen emotionaler Reaktionen und Einstellungen

Generell kann angenommen werden, dass viele unserer emotionalen Reaktionen und Einstellungen gegenüber Reizen durch klassische Konditionierung erworben wurden.

Das klassische Konditionieren liefert zwar kaum angemessene Beschreibungen kognitiven bzw. schulischen Lernens. Es spielt jedoch indirekt eine Rolle, da vorhandene emotionale Reaktionen der Schüler durch klassisches Konditionieren entstanden sein können (z.B. Schul- und Prüfungsangst, Aggression). Dieses Wissen kann für den Lehrer hilfreich sein.

In der Schule bzw. im Unterricht können Konditionierungen emotionaler Reaktionen stattfinden, die langfristige Folgen haben (z.B. Lernfreude vs. Schulangst). Lehrer, Klassenzimmer, Schule etc. können z.B. zu angstauslösenden CS werden, wenn sie mit sehr negativen Erlebnissen gekoppelt wurden. Dies kann bis zu Bildungsfeindlichkeit oder Abneigung gegen Bücher führen.

Ein anderes Beispiel wird von Anderson (2000) erwähnt, der eine Abneigung gegen Krabben entwickelt hat, weil ihm nach dem ersten Genuss von Krabben aufgrund einer Erkrankung sehr schlecht geworden ist. Selbst beim Schreiben des Kapitels über klassische Konditionieren hat er Übelkeitsgefühle empfunden.

Entstehung von Ängsten

Eine besondere Rolle spielt die Untersuchung von Ängsten, die ein sehr häufiges Problem darstellen. Es lassen sich leicht viele Ängste nennen, die man selber hat oder die man von anderen kennt, die mittels klassischen Konditionierens gelernt wurden (z.B. Höhenangst, Angst vor dem Wasser, vor dem Zahnarzt). Daher gibt es auch die Möglichkeit zu einer Verhaltenstherapie bei Angst beim Zahnarzt.

Allerdings gibt es auch Ängste gegenüber Objekten, mit denen man noch gar keinen Kontakt hatte (Schlangen). Es ist daher zweifelhaft, in welchem Ausmaß KK als Ursache von Ängsten in Frage kommt. Allerdings gibt es genügend dokumentierte Beispiele für klassisch konditionierte Ängste. Gut dokumentiert sind z.B. konditionierte Ängste aufgrund traumatischer Erfahrungen (z.B. Krieg, KZ, Folter). Solche extrem intensiven US bzw. UR führen zu sehr löschungsresistenten Konditionierungen und eine einmalige Kopplung von CS und US kann bereits eine Konditionierung bedingen.

Beispiele dafür sind Reaktionen auf gruselige Filmmusik, die häufig mit bestimmten "Effekten" kombiniert wurde. Ein weiteres Beispiel sind Marinesoldaten, die noch 15 Jahre nach dem Krieg eine starke Reaktion auf eine Tonfolge zeigten, die im Krieg als Signal zum Einnehmen der Gefechtsposition diente. Damals fand eine Konditionierung statt, wobei Gewehrfeuer und Geräusche von Bomben die US darstellten. In der entsprechenden Studie wurden zwei Gruppen verglichen, nämlich Heeres- und Marine-Soldaten, denen 20 unterschiedliche Geräusche dargeboten wurden. Es erfolgte eine Messung der psychogalvanischen Hautreaktion (Hautwiderstandsmessung). Der größte Unterschied zwischen beiden Gruppen in ihrer emotionalen Reaktion zeigte sich bei einer Serie von 100 Gongschlägen/Min. Diese Tonfolge war während des 2. Weltkrieges bei der amerikanischen Marine das Signal für "Alle Mann auf Gefechtsstation". Mehr als 15 Jahre nach Kriegsende rief dieses Signal bei den Navy-Veteranen immer noch starke emotionale Reaktionen hervor - bei den Army-Veteranen, für die dieses Signal keine Bedeutung hatte, hingegen nicht. Auch in unseren Breiten löst heute noch jede Sirene bei vielen Menschen Angst aus, obwohl es sich um einen Probealarm handelt. Ein weiteres Beispiel dafür ist der Zahnarzt. Bereits beim Anblick des Bohrers bekommen es viele mit der Angst zu tun. Der Grund dafür ist eine gelernte Reizreaktionsverbindung. Hat ein Erwachsener z. B. im Englischunterricht in der Schule negative Erfahrungen mit einem Lehrer gemacht, kann dadurch für ihn eine folgenschwere Lernschwierigkeit entstehen, da seine Motivation für Sprachenlernen generell gestört sein.

Zu weiteren Theorien der Angstentstehung siehe Angst - Psychologische
Erklärungsmodelle

Als Therapieformen (vor allem für Phobien) wurden die systematische Desensibilisierung und die Implosion entwickelt (bei letzterer hat der Klient die Möglichkeit, in einer sicheren Umgebung zu erleben, das der phobische Reiz zu keiner Verletzung etc. führt und es kommt folglich zur Extinktion). Das Problem bei Ängsten ist oft, dass aufgrund von Vermeidungsverhalten keine Extinktion erfolgen kann. Dies wird durch Desensibilisierung gewährleistet. Bei dieser Methode wird erst eine Angsthierarchie entwickelt (z.B. Bild einer Schlange bis hin zu Anfassen einer Schlange). Man beginnt damit, den Patienten in völlige Entspannung zu bringen, die unvereinbar mit Angst ist. Dann präsentiert man den schwächsten Angstreiz so lange bzw. so oft, bis dieser keinerlei negative Reaktion mehr auslöst; usw..

Evaluative Konditionierung und Werbung

Das klassische Konditionieren beruht normalerweise auf einer Wenn-Dann-Beziehung, wenn der CS auftritt, dann ist mit dem US zu rechnen, d.h., die mentale Repräsentation des CS aktiviert die Repräsentation des US und die CR kommt zustande. Diese Art der Konditionierung ist vom Bewusstsein abhängig. Daneben gibt es jedoch noch ein andere Art der Konditionierung, die automatisiert und unbewusst abläuft und auf einer evaluativen Reaktion (ER) beruht. Damit ist eine unmittelbare Reaktion im Sinne von gut/positiv/Mögen oder schlecht/negativ/Ablehnung gemeint. Essentielle ER sind angeboren, weitere können durch Erfahrung erworben werden. Diese Reaktion erfolgt noch vor dem Einsetzen kognitiver Reizverarbeitung. Man kann nun solche Reize (z.B. Bilder) ermitteln, die bei einer Person eine positive ER hervorrufen. Wenn man nun neutrale Reize zusammen mit positiven Reizen öfter koppelt, lösen die neutralen Reize ebenfalls eine positive ER aus. Ein Bewusstsein der Kontingenz positiver und neutraler Reize ist nicht notwendig. Das Prinzip der ER wird vor allem in der Werbung genutzt. Einige sehr erfolgreiche Werbungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr persistent ein Produkt mit positiven Reizen kombinieren (Tiger-Esso Benzin; Natur/Cowboys-Marlboro; Schöner Mann-Parfum). Möglicherweise kann auch mit der ER erklärt werden, dass Leute, die viel über andere lästern, selbst mit negativen Eigenschaften assoziiert werden.

Ein Fötus ist bereits im Bauch der Mutter konditionierbar, denn er lernt und gewöhnt sich an wiederholte Geräusche. Es beweist auch, dass Ungeborene ein Gedächtnis besitzen, da sie akustische Stimuli z.B. nach der Geburt wiedererkennen können. Cathelijne van Heteren & Jan Nihuis (Maastricht) beschallten 25 Föten im Alter zwischen 37 und 40 Wochen mit jeweils einem alle 30 Sekunden wiederholten Ton von einer Sekunde. Diese Stimulierung wurde nach zehn Minuten und  nach 24 Stunden wiederholt. Reagierte das Ungeborene, das mittels Ultraschall beobachtet wurde, unmittelbar nach dem ersten Test noch sehr oft durch Bewegungen, so stellten die Forscher fest, dass diese bei den Tests nach zehn Minuten bereits schnell  nachließen und auch nach 24 Stunden trat eine schnellere Gewöhnung ein als unmittelbar nach den ersten Schalltests. Man vermutet daher, dass Föten bereits ein Kurzzeitgedächtnis von mindestens zehn Minuten und ein Langzeitgedächtnis von mindestens 24 Stunden besitzen.
The Lancet, 2000, Heft 356, S. 1169.

Schwangere berichten häufig, dass sie eine besondere Beziehung zu ihren ungeborenen Kindern verspüren. Aus neueren Untersuchungen weiß man, dass die Herzen von Schwangeren und ihrer ungeborenen Kinder zeitweise synchron schlagen, was maßgeblich durch den Atemrhythmus der Mutter beeinflusst wird. Der Fötus kann zusätzlich den Herzschlag seiner Mutter wahrnehmen und seinen Herzschlag daran anpassen. Es kommt also in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung zu einem engen körperlichen und möglicherweise sogar emotionale Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind.

Methode der klassischen Konditionierung in Lernexperimenten bei Babys

Babys lernen auch im Schlaf

In einer Studie von US-Wissenschaftlern um Wiliam Fifer (Columbia University, New York) wurde ein bis zwei Tage alten Säuglingen im Schlaf einen Ton vorgespielt und ihnen kurz darauf einen kurzen Luftstoß auf ein Augenlid geblasen, der bei den Babys ein Zwinkern auslöste. Nach einiger Zeit zwinkerten die Babys schon beim Hören des Tons, d.h., sie hatten gelernt, dass auf das Geräusch ein Luftstoß folgt, also einen Zusammenhang zwischen zwei verschiedenen Ereignissen hergestellt. Babys einer Kontrollgruppe hingegen, die rein zufällig Ton und Luftstoß ausgesetzt worden waren, reagierten nicht mit einem vorzeitigen Zwinkern. Messungen der Gehirnaktivität zeigten , dass die Babys der Versuchsgruppe das neu Gelernte gegen Ende des Trainings im Gedächtnis auch verfestigten.

 

Kurzer Lebenslauf Ivan Petrowitsch Pawlow (1849-1936)

1849 wurde Pawlow in der Gegend von St. Petersburg als Sohn eines russisch-orthodoxen Priesters geboren. Als ältester Sohn sollte Pawlow den Beruf seines Vaters ergreifen. Doch im Alter von acht Jahren zog sich Iwan beim von einer Leiter eine Kopfverletzung zu. Der Junge kam erst wieder zu Kräften, nachdem sein Onkel, ein Abt, ihn in seinem Kloster aufgepäppelt hatte. Mit elf Jahren konnte er endlich eine Schule besuchen. Dort zeigte er sich so aufgeweckt, dass er zum Studium empfohlen wurde.
Gegen den Wunsch seiner Eltern studierte Pawlow in St. Petersburg Naturwissenschaften und Medizin. Als Student war er aufbrausend, rechthaberisch, schlecht gekleidet, ein wenig ziellos und ziemlich chaotisch. Erst mit 34 Jahren promovierte er, schon ein Jahr später wurde er habilitiert. 1884 ging er für zwei Jahre nach Leipzig und Breslau, um sich in Physiologie weiterzubilden.
Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts lernte Pawlow die Pädagogik-Studentin Serafima Kartschewskaja kennen. Er, der sonst länger im Labor arbeitete als jeder andere, war nun vornehmlich mit dem Abfassen von Liebesbriefen beschäftigt - offenbar mit Erfolg. Die Reise zur Hochzeit in Rostow am Don konnte Iwan gerade noch bezahlen. Für die Feier selbst blieb keine Kopeke mehr übrig. Pawlow konnte zunächst nicht einmal nach St. Petersburg zurückkehren. Die Finanzen des Paares blieben noch lange zerrüttet. Als 1884 der kleine Mirtschik zur Welt kam, musste Pawlow sich Geld von den Schwiegereltern borgen, um Mutter und Kind im Sommer aufs Land schicken zu können. Hatte Pawlow einmal Geld, gab er es sofort für Versuche aus. Mehr und mehr nahm Serafima das Geschäftliche in die Hand - daraufhin soll das Eheleben recht harmonisch geworden sein. Doch blieben die Einkünfte karg, denn Pawlow lehnte Stellenangebote ab, die nicht genau seinen Vorstellungen entsprachen.
Schon bald genoss er wegen seiner Arbeiten über die Regulierung der Herztätigkeit internationale Anerkennung. 1890 erhielt er eine Professur an der militärärztlichen Akademie in St. Petersburg. Endlich, mit 41 Jahren, hatte er einen gut bezahlten und vorzüglich ausgestatteten Arbeitsplatz, den er bis zu seinem Lebensende nicht aufgab. Pawlow befasste sich mit der Frage, wie der Körper die Verdauung reguliert. Allgemein glaubte man, dass Nerven bei der Steuerung dieses Vorgangs nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Ergebnisse von Vivisektionen, also dem Öffnen des lebenden Tierkörpers, schienen das zu bestätigen. Pawlow vermutete dagegen, dass die Schmerzen während des Eingriffs den Verdauungsprozess lähmen. Die Frage ließ sich seiner Ansicht nach nur beantworten, wenn man den Versuchstieren den Schmerz ersparte.
Pawlow begann, sich mit der Chirurgie zu befassen, um seine Hunde möglichst schmerzfrei untersuchen zu können. Nur Versuchstiere, die nicht leiden, könnten der Wissenschaft nützlich sein, glaubte der Physiologe. Gleichzeitig führte er in seinem Labor neue Methoden ein. Er legte den Hunden künstliche Ausgänge der Verdauungsorgane, untersuchte die Sekrete und klärte so den bis dahin rätselhaften Verdauungsvorgang auf. Dafür wurde er 1904 mit dem Nobelpreis geehrt. Als Nebenprodukt dieser Arbeit konnte Pawlow reines Pepsin in großen Mengen herstellen. Dieses Verdauungssekret ist noch heute ein wichtiges Magenmedikament. Bei seinen Arbeiten untersuchte Pawlow auch die Speicheldrüse. Es fiel ihm auf, dass die Hunde bereits Speichel absonderten, wenn der Labordiener auftauchte, der sie immer fütterte. Dies regte Pawlow zu genaueren Untersuchungen an. Er ließ jedes Mal vor der Fütterung einen Gong ertönen. Schon nach wenigen Tagen hatten die Hunde gelernt, das Signal mit der Fütterung zu verbinden. Bei jedem Gongschlag sonderten die Tiere nun Speichel ab, auch wenn gar kein Futternapf auf sie wartete: Iwan Pawlow hatte den "bedingten Reflex" entdeckt.

 

Quelle:
Kurt Högerle und Brita Engel: Der Mann mit dem Futter-Gong.
WWW: http://www.BerlinOnline.de/suche/.bin/mark.cgi/wissen/wissenschaftsarchiv/90908/.html/lehre1.html (00-12-23)

Eine neue Perspektive auf Pawlow

Evaluative Konditionierung

Evaluative Konditionierung bezeichnet das Phänomen, dass Einstellungen durch die gemeinsame Präsentation von Stimuli unterschiedlicher Valenz gelernt oder modifiziert werden können. Kann dabei ein Stimulus den anderen verlässlich vorhersagen, besteht eine statistische Kontingenz zwischen diesen Stimuli. Seit Jahren besteht eine Kontroverse um die Notwendigkeit der Bewusstheit dieser Kontingenz und deren Verwandtschaft zur klassischen Konditionierung, denn die gelernte Verbindung kann von der erworbenen Einstellung beeinflusst worden sein, sodass die Einstellung als Hinweisreiz verwendet wird. Hütter (2009/2010) nutzte für seine Experimenten ein Prozessdissoziationsparadigma, um zu prüfen, ob eine evaluative Konditionierung auch ohne Kontingenzbewusstsein möglich ist. Dazu wurde eine Gedächtnisaufgabe (Assoziation von Gesichtern) entwickelt, die zwischen Gedächtnis- und Einstellungsprozessen differenzieren kann. Die evaluative Konditionierung zeigte sich dabei in der Veränderung der Valenz ehemals neutraler Gesichter in Richtung der Valenz emotional aufgeladener Bilder. Negative Paarungen konnten dabei erwartungsgemäß eine größere Veränderung hervorrufen als positive Paarungen, sodass sich die Ergebnisse dieser Arbeit mit früheren Befunden zur Dominanz negativer Information decken.

Um Einstellungs- und Gedächtnisprozesse voneinander zu separieren, beinhaltete jedes Experiment eine analoge und eine inverse Bedingung der Gedächtnisaufgabe. Die Gedächtnisaufgabe verlangte zunächst ein Urteil, ob ein Gesicht mit angenehmen oder unangenehmen Bildern gezeigt wurde. Die Probanden wurden instruiert, ihre Einstellung zum Gesicht heranzuziehen, falls sie nicht über ein Gedächtnis an die jeweilige Paarung verfügten. In der analogen Bedingung wurden die Probanden instruiert, immer entsprechend ihres Gedächtnisses und ihrer Einstellung zu antworten. In der inversen Bedingung musste eines dieser Urteile umgekehrt werden.

Die Modellanalysen zeigten, dass die Evaluative Konditionierung zur Einstellungsbildung führt, auch wenn kein Kontingenzbewusstsein vorliegt. Dieses Ergebnis zeigte sich sowohl in der Gesamtauswertung des Zwischensubjektdesigns als auch in der jeweils ersten Aufgabe des Innersubjektdesigns bezüglich der Gedächtnisaufgabe, sodass man annehmen kann, dass das Kontingenzbewusstsein für die Evaluative Konditionierung möglicherweise nicht notwendig ist und allein die räumlich-zeitliche Kontiguität der gepaarten Stimuli eine Voraussetzung dafür darstellt. Damit unterscheidet sich der Lernmechanismus der Evaluativen Konditionierung von jenem der Klassischen Konditionierung.

Neben propositionalen Prozessen, die auf Annahmen über die Beziehung der gepaarten Stimuli beruhen, führen möglicherweise assoziative Prozesse, die zu unspezifischen Verknüpfungen zwischen Repräsentationen führen, und propositionale Prozesse, die nicht auf der statistischen Kontingenz beruhen, zu einer Veränderung der Einstellung

 

Quelle: Hütter, Mandy (2009/2010). Dissoziation von Einstellung und Gedächtnis: Zur Bedeutung des Kontingenzbewusstseins für die Evaluative Konditionierung. Inauguraldissertation Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.

 

Siehe auch:

Operante Konditionierung

Lernarten nach Gagné

Unterschiede zwischen klassischer und operanter Konditionierung

 

Klassische
Konditionierung

Operante
Konditionierung

aufgebaut auf

Assoziation

adaptiver Hedonismus

Form

eher passiv

eher aktiv

Kritische Reize

vor Reaktion

nach Reaktion

Verhalten

hat keine Konsequenzen

hat Konsequenzen

Inhalt

Beziehung zwischen Reizereignissen

Beziehung zwischen Reaktionen und deren Bedingungen und Folgen

 

Eine neue Perspektive auf Pawlow

Torsten Rüting (2002) beleuchtet das weltanschauliche Fundament der stalinistischen Gesellschaftspyramide und legt die Legitimationsfunktion Pawlows als naturwissenschaftliche Ikone des sowjetischen Herrschaftssystems bloß. Die Utopien des Maschinenzeitalters zielten auf den permanent perfektionierten Proletarier, einen roboterhaften Stachanow aus der Matrize. Der Takt der Technik sollte seinen Biorhythmus disziplinieren, bis sie ihm gleichsam zur zweiten Natur geworden war. Als Schöpfer dieser Idealgestalt galt im "Neuen Russland" Iwan Pawlow. Er symbolisierte die Utopie von der totalen Konditionierbarkeit des "Neuen Menschen" und zielte auf ein funktionales Gegenmodell zum humanistischen Persönlichkeitsideal. Seine "Reflexologie" prägte die Massensuggestion totalitärer Propagandaapparate und floss auch in die behavioristische Verhaltenspsychologie der kapitalistischen Demokratien und in die Werbung ein.

Der Kult um Lenins Hirn spiegelt sich in Pawlows Dogma von der "Diktatur der Großhirnrinde". Der Forscher habe der Diktatur der Bolschewiki einen pseudowissenschaftlich Nimbus verliehen. Rüting (2002) verweist das gängige Bild von dem Nobelpreisträger als glühenden Verfechter der Geistesfreiheit ins Reich der Legenden. Dass jener den tradierten Habitus des autonomen Wissenschaftlers pflegen durfte, habe einen wohl kalkulierten Umkehreffekt bewirkt. Es stärkte Pawlows internationales Renommee und damit die Glaubwürdigkeit der Bolschewiki. Der dichtende Technologe Alexej Gastejew, "der eiserne Gastejew", kombinierte die Pawlowsche "Reflexologie" mit dem amerikanischen Taylorismus zur "Biomechanik" der Arbeitsorganisation. Der "Seeleningenieur" gründete die "Zeitliga", die den russischen Muschik zum Takt der Technik trainieren und permanent perfektionieren sollte. Seine Hymne dröhnte aus den Radios der staatlichen Kulturclubs bis in den entlegensten fernöstlichen Winkel.

Das Leben, selbst das rein physiologische, wird zu einem kollektiv experimentellen (...) - zum Objekt kompliziertester Methoden der künstlichen Auslese und des psychophysischen Trainings werden. Bei ihren "Ausleseverfahren" beriefen sich die Bolschewiki auf Pawlows Lehre. Sie glaubten an die Vererbbarkeit erlernter Reflexe und damit an die Möglichkeit der physiopsychischen Menschenzucht. "Meine kleine Welt" nannte Pawlow sein Laborimperium, das er so totalitär regierte, wie er sich die "Diktatur der Großhirnrinde" über den ganzen Menschen vorstellte. Seine Schüler bezeichnete er als seine "disziplinierten Hände". Sie wurden nach einem ausgeklügelten Programm für die alltägliche Tierquälerei konditioniert.

Pawlow hatte das Mitleid bereits in seiner Nobelpreisrede von 1904 als Störfaktor klassifiziert. Seine Schüler mussten Strafe zahlen, wenn ihnen "unwissenschaftliche", emotionale Worte über die Lippen kamen. Rüting deutet diese Mitleidlosigkeit als perpetuierte Körper- und Sinnesfeindlichkeit säkularisierter Orthodoxie. Er registriert verblüffende Gemeinsamkeiten zwischen dem Habitus eines besessenen Forschers und der Askese eines fanatischen Führers. Dabei unterschlägt er den offenen Widerstand Pawlows gegen die als Chaos empfundene Revolution und die "Säuberungen" des sowjetrussischen Wissenschaftsapparates nicht. Er macht indes auf das aufmerksam, was einschlägige Fachlexika verschweigen: Der Patriot Pawlow hat den Aufstieg der russischen Nation unter Stalin schließlich goutiert. Der Sowjetstaat ließ ihm zudem reichliche Mittel für sein Laborimperium und ermöglichte ihm ein luxuriöses Privatleben. So arrangierte er sich schließlich mit den Bolschewiki und pries sie als "soziale Experimentatoren". Die Sowjetführer wussten, was sie an dem Mann mit den dressierten Hunden hatten, und Nikolai Bucharin, der Liebling und Vordenker der Partei, feierte Pawlow als "eiserne heilige Waffe" des Bolschewismus.

Wer sich ... jemals mit der Reflexologie befasst hat, muss (...) sagen, dass es niemals eine eindeutigere, experimentell exaktere Beweisführung für die Richtigkeit der materialistischen Geschichtsauffassung, für den Marxismus gegeben hat als die Lebensarbeit Iwan Petrowitsch Pawlows. Maxim Gorki, der Pawlow als Realisator seines eigenen Menschheitsideals verehrte, bewegte Stalin dazu, eine gigantomanische Menschenfabrik mit Pawlow als Leiter zu gründen. Sie firmierte unter dem Namen "Allunionsinstituts für Experimentelle Medizin" und sollte später den Namen Gorkis tragen. Für den Dichter war es die Krippe des "Neuen Menschen".

Quelle:
Elke Suhr: Deutschlandfunk - Politische Literatur vom 13.1.2003

Literatur:
Rüting, Torsten (2002). Pavlov und der Neue Mensch. Diskurse und Disziplinierung in Sowjetrussland. München: Oldenbourg Verlag.
Schattenberg, Susanne (2002). Stalins Ingenieure. Lebenswelten zwischen Technik und Terr

or in den 1930er Jahren. München: Oldenbourg Verlag.

 

Quellen:
http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/experimentbspconditioning.html (03-02-02)
http://www.uni-bielefeld.de/idm/personen/shorsman/lerntheorie.html (01-01-22)
http://www.psychologie.uni-bielefeld.de/ae/AE12/LEHRE/Lernen.htm (01-10-01)
http://www.regiosurf.net/supplement/ (03-03-02)



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