Die konstitutiven Antinomien des Lehrerhandelns

Diese Antinomien sind für den Lehrenden nicht aufhebbar und können nur reflexiv gehandhabt werden. Diese Widersprüche im Lehrerhandeln ergeben sich aus der gesellschaftlichen Organisation des Bildungswesens, denn sind diese Widersprüche transformierbar und aufhebbar. Sie bilden zugleich jenen Handlungsrahmen, in dem sich die übergreifenden Strukturprobleme ausbilden, die für die konkrete Ausgestaltung der konstitutiven Antinomien des pädagogischen Lehrerhandelns bedeutsam sind. In diesen Widersprüchen liegen die makrostrukturellen Rahmungen für die Möglichkeiten der Professionalisierung des Lehrerhandelns vor, insbesondere die übergreifenden Strukturprobleme, in deren Horizont jedes Lehrerhandeln gestellt ist.

1. Begründungsantinomie: erhöhter Entscheidungsdruck und gesteigerte Begründungsverpflichtung (Verlust von Selbstverständnis). Gerade im stellvertretenden Krisenlösen ist der Entscheidungszwang verschärft. Zugleich muss professionelles Handeln sich aber auf methodisch kontrollierte und nach expliziten Geltungskriterien bewährte erfahrungswissenschaftliche Wissensbasis berufen können. In Phasen starker kultureller Transformation und starker Wandlungsprozesse auf Seiten der Adressaten, wird diese Antinomie manifest. „So mussten Lehrerinnen und Lehrer in den Wendeumbrüchen im Horizont delegitimierter und noch nicht wieder neu legitimierter Wissensbestände ihre pädagogische Vermittlung fortsetzen, ohne auf eine abgesicherte Basis eines gesellschaftlich kodifizierten Wissens zurückgreifen zu können. Ihr pädagogisches Handeln schloss also ständige Entscheidungen ein, ohne dass diese Entscheidungen durch eine gültige Legitimationsbasis abgesichert gewesen wären.“

2. Praxisautonomie: Widersprüchliche Einheit von Theorie und Praxis. „Denn das professionelle Handeln ist erstens ein durch starken Handlungs- und Entscheidungsdruck belastetes Handeln, das gerade jene strukturell erforderliche Handlungsentlastung nicht beinhaltet, die wiederum konstitutive Voraussetzung für die Genererierung von Theorie ist.

3. Subsumtionsantinomie: Lehrerhandeln ist nicht technologisierbar. Antinomie von Rekonstruktion und Subsumtion. Es besteht immer die Gefahr, in unzulässiger Typisierung dem Einzelfall nicht gerecht zu werden. Etwa wenn man das begabte Kind, das sich langweilt, als mutwilligen Störenfried typisiert. „Obwohl professionelles Handeln der gesicherten Routine bedarf, erfordert es zugleich eine bewusste Haltung der Skepsis gegenüber jeder Routine und damit eine habitualisierte Unterstellung der Normalität der Krise, die als Scheitern der Routine an jeder Stelle des professionellen Handelns eintreten kann.

4. Ungewissheitsantinomie: Antinomie zwischen Vermittlungsversprechen und struktureller Ungewissheit und Riskanz der professionellen Intervention. Gerade hier ist professionelles Handeln fehleranfällig. Besonders, wenn es die Gift- Gegengift-Struktur aufweist: Wenn Lehrer ihre Schüler bewusst irritieren und in Krisen bringen müssen (also in ihre soziale Integrität eingreifen), um emergente Lernprozesse zu ermöglichen. „Sie müssen also Destabilisierungen initiieren, denn die Krise der kognitiven und psychischen Struktur impliziert ja nichts anderes, als den Verlust vorhergehenderScheingewissheiten und Sicherheiten.“

5. Symmetrie und Machtantinomie: Der Professionelle ist in einer überlegenen Position. Die Beziehung ist asymmetrisch, der Professionelle ist dominant. Andererseits führt das Aufzwingen von Problemlösungsmöglichkeiten über Macht zum Scheitern. Immer wieder müssen symmetrische Verhältnisse zum Problemlösen entwickelt werden. Aber Asymmetrie ist nicht negierbar. Sie gründet in Differenzen an Kompetenz, Wissen, Status. Diese Antinomie hat zunächst nichts mit Herrschaftsstrukturen zu tun, sie ist Teil der pädagogischen Interaktion.

6. Vertrauensantinomie: Es muss eine Vertrauensbasis unterstellt werden, die aber erst hergestellt werden muss. Gerade in dieser Interaktionssituation ist die Herstellung von Vertrauen schwierig. Vertrauen, dass der Lehrer die Schüler nicht bloßstellt usw. Wenn Schüler Schwächen kommunizieren, geben sie sich in die Hand des Lehrers. Andererseits müssen die Schüler ihre Grenzen und Probleme kommunizieren, nur so kann ein Lehrer mit ihnen Wissen erweitern usw. Phänomen der Frage.

7. Näheantinomie: Spannung zwischen Nähe und Distanz.

8. Sachantinomie: Spannung zwischen wissenschaftlich kodifiziertem Wissen, organisatorisch gerahmt durch Lehrpläne und Richtlinien und alltagsweltlichen, lebensweltlichen und biographisch gefärbten „inoffiziellen Weltversionen“ auf Seiten der Schülerinnen.

9. Organisationsantinomie: Spannung zwischen formalen und universalistischen Verfahrensweisen und der Notwendigkeit von Offenheit, Emergenz, Kreativität des Lehrerhandelns andererseits. Die organisatorische Strukturierung ist handlungsentlastend und routinisierbar. Sie behindert aber die Offenheit und Emergenz professionellen Handelns.

10. Differenzierungsantinomie: Spannung zwischen homogenisierter Gleichbehandlung aller Schüler (Homogenisierung von Bildungszeiten) und der Notwendigkeit, zwischen der Schülergruppe und einzelnen Schülern differenzieren zu müssen. Pluralität von Lernbiographien und Bildungsvoraussetzungen beachten.

11. Autonomieantinomie: Lehrer fordern zur Autonomie auf aber in einem von Heteronomien durchsetzten Rahmen (Regeln, Zwänge usw.). Die Verbliebene Heteronomie soll im Rahmen kognitiver und emotionaler Bildungsprozesse abnehmen. Lehrer müssen diese Bestände von Heteronomie und Autonomie stets ausbalancieren. Zwischen Förderung der und Überforderung durch Autonomie abwägen, sodass Schüler sich nicht in entlastende Heteronomien und Abhängigkeiten flüchten.

Literatur

Helsper, Werner (2002). Lehrerprofessionalität als antinomische Handlungsstruktur (S. 64–102). In Margret Kraul, Winfried Marotzki & Cornelia Schweppe (Hrsg.), Biographie und Profession. Bad Heilbrunn.

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