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Themenzentrierte Interaktion (TZI)

Zur Geschichte und zum Menschenbild

Begründerin der TZI, RUTH COHNDie Begründerin der TZI, Ruth Cohn, hat bei ihrem Konzept Strömungen und Einflüsse aus der Psychotherapie, der Pädagogik und aus humanistisch-politischen Gruppenkonzepten - und dies alles auf der Grundlage eigener reflektierter Erfahrung - integriert. Kernanliegen ihres Konzeptes ist es, daß es »dazu dient, sich selbst und Gruppen zu leiten« (Cohn 1992, S. 8). 

Unterschiedliche Berufssparten arbeiten damit, nicht nur Pädagogen bei Fort- und Weiterbildungsprozessen. Der besondere Unterschied zu anderen Methodenkonzepten besteht darin, daß sich die methodischen Überlegungen ausdrücklich an einem Menschenbild orientieren, das dem Wert des Humanen verpflichtet ist. Die Achtung vor dem menschlichen Leben, der menschlichen Autonomie, aber auch Interdependenz sowie das Ziel, mehr Menschlichkeit zu fördern, charakterisieren dieses Modell zur Strukturierung von Gruppenprozessen und zum differenzierten Umgang mit Gruppen. Dabei können zwei Aspekte durch dieses offene Rahmenkonzept verwirklicht werden: das kritische Überdenken laufender und abgeschlossener Gruppenprozesse sowie eine ganz bestimmte Handhabung der Gruppenleitung. 

Während man in grober Vereinfachung sagen kann, daß sich die Gruppendynamik im Sinne von Kurt Lewin vorwiegend mit den Interaktionsprozessen befaßt, die Gruppenpsychotherapie primär sich dem einzelnen »Ich« zuwendet und die Gruppenpädagogik vorwiegend die inhaltliche Dimension betont, geht es bei Cohn darum, alle diese Elemente immer wieder in ein Gleichgewicht beim Gruppenprozeß zu bringen.

Am 30. Januar 2010 ist Ruth. C. Cohn im Alter von 97 Jahren in Düsseldorf gestorben.

Quelle: http://www.kath.de/akademie/rahner/koepfe/big/cohn.jpg

Das Fundament der TZI bilden die drei Axiome, d. h. die Grundannahmen. Ohne sie würde die TZI-Methodik zur Technologie absinken. 

Das erste Axiom bringt zum Ausdruck, daß zum Menschen Autonomie und Interdependenz gehören. Je mehr sich der Einzelne seiner Interdependenz mit allen und allem bewußt ist, um so größer ist seine Autonomie. 

Im zweiten Axiom wird die Ehrfurcht vor allem Lebendigen und seinem Wachsen in den Mittelpunkt gestellt. Das Inhumane wirkt als wertbedrohend. 

Cohn spricht im dritten Axiom das Spannungsfeld von freier Entscheidung an, die innerhalb von bedingenden inneren und äußeren Grenzen getroffen wird. Sie erwähnt optimistisch, daß diese Grenzen erweitert werden können.

Auf dem Fundament der Axiome bauen die Postulate auf. 

Das erste, gleichsam die Grundbotschaft, lautet: Leite dich selbst, sei deine eigene Chairperson. Eine Chairperson leitet eine Gruppe so, daß alle Gruppenmitglieder zu Wort kommen, ohne damit selbst neutral sein und auf die eigene Meinungsäußerung verzichten zu müssen. 

Das zweite Postulat lautet: Störungen und Betroffenheit haben Vorrang. Hiermit sind Aufmerksamkeitsverschiebungen bei einzelnen Mitgliedern der Gruppe gemeint, die beim Arbeitsprozeß entstehen können, wie z.B. Erinnerungen, Ängste, Freude aber auch Mißverständnisse. Es sind subjektive Gegebenheiten, die blockierend wirken. Dadurch aber, daß sie die Chairperson aufgreift, gilt die Bearbeitung der Störung als Beitrag zum Thema, der das Miteinander lebendig macht. Hier bringt die geschulte Psychoanalytikerin Cohn ihr Wissen ein, daß Blockierungen durch gezieltes Eingehen auf sie freigesetzt werden können und damit der konstruktiven gemeinsamen Arbeit dienen.

Auf der Methodenebene formuliert Cohn drei Methoden, die für die TZI-Arbeit typisch sind:

Der erste Methodenaspekt bezieht sich auf das Leiten bzw. Führen der Gruppe. Hier wird von Partizipierender Methode gesprochen (sie betrifft die Chairperson der Gruppe und sie selbst; die Gruppenleitenden nehmen nur soviel Verantwortung wahr, wie nötig erscheint. Sie bringen sich selektiv-authentisch ein. Ihre Funktion umfaßt u. a. das Finden des Themas, dessen Formulierung und Einführung. Das Thema heißt soviel wie gemeinsames Anliegen, das auf Bearbeitung wartet.

Als zweiten Methodenaspekt formuliert Cohn, daß drei Faktoren (Ich, Wir, Es, s.u.) innerhalb des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umfeldes (»Globe« genannt) in einer dynamischen Balance gehalten werden müssen.

Der dritte Methodenaspekt beinhaltet die Elemente Struktur, Prozeß, Vertrauen. Es geht hierbei um das Strukturieren im Prozeß und des Prozesses. Das sind anspruchsvolle Aufgaben der Gruppenleitung, die nicht nur Kenntnisse von Gruppenprozessen, sondern auch Fähigkeiten haben muß, sie zu steuern, Beziehungen zu klären und in kreativer und einfühlsamer Form Anstöße zu geben sowie das gemeinsame Anliegen (Thema) ergebnisorientiert zu  bearbeiten. Das Vertrauen zwischen  den  Gruppenmitgliedern wächst, wenn die Strukturen gemeinsamer Arbeit situationsgerecht und human sind.

Sachebene Ich Ebene Wir Ebene1. Faktor: Ich (die Person)
Unsere eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Ziele, Fähigkeiten und Grenzen müssen wir wahrnehmen; wir müssen uns ihrer »in Verantwortung uns selbst und anderen gegenüber bewußter werden, um persönlicher und ganzheitlicher entscheiden zu können« (Cohn 1991, S. 437).

2. Faktor: Wir (die Gruppe)
Auch den anderen Mitgliedern der Gruppe müssen wir die Selbstführung zubilligen. So konstituieren die miteinander agierenden Ichs die Gruppe.

3. Faktor: Es (das Thema)
Hiermit ist die als relevant erkannte gemeinsame Aufgabe gemeint, die mehr oder weniger genau zu Beginn des Prozesses bereits vor Augen steht und die Gruppenmitglieder als Anliegen verbindet.

Da allen Faktoren eine gleichwertige Bedeutung zugesprochen wird, geht es darum, sie stets in ein dynamisches Gleichgewicht zu bringen. Das ist Grundlage des TZI-Prozesses und Aufgabe der Leitung.

Cohn (1991, S. 36 ff. und 1992, S. 124 ff.) hat ferner auch sog. Hilfsregeln formuliert, die mit beitragen sollen, den Kommunikationsprozeß zu erleichtern. Sie heißen:

Quelle

Harald Gampe, Rudolf Knapp, Walter Neubauer & Heiner Wichterich:
Konflikte in der Schule - Möglichkeiten und Grenzen kooperativer Entscheidungsfindung. Luchterhand-Verlag.

Siehe auch

Die Verbesserung der Kommunikation im Unterricht

Regeln zur Verbesserung der Kommunikation in Seminaren

Themenzentrierte Interaktion (TZI) - Regeln und Richtlinien für die Gruppeninteraktion von Ruth Cohn

TZI in der Organisationsentwicklung

Wo PsychologInnen einen wertvollen Beitrag zur "Vermenschlichung und Vermotivierung" des Lebens in Organisationen leisten kann, kann ein zu stark therapeutisch arbeitende Leiter viel zerstören. Hier besteht die Kunst manchmal darin, weniger zu zeigen als man könnte, um den organisatorischen Rahmenbedingungen und Realitäten Rechnung zu tragen.

Die Grundprinzipien der themenzentrierten Interaktion geben hier brauchbare Grundlinien vor, denn TZI-Strukturierung bedeutet: Vorplanen mit allen bekannten Fakten und Wahrscheinlichkeiten und Offen-Sein für Wahrnehmung im Hier-und-Jetzt des Prozesses, um notwendige Umstellungen vornehmen zu können. Starre Planung und Planlosigkeit sind gleichermaßen unbrauchbar. In der Organisationsentwicklung besteht die Kunst oft darin, jene "Störung" zu definieren, die Vorrang hat. Dabei kann manchmal das Insistieren auf der Analyse psychologischer Prozesse genau das Richtige, manchmal genau das Verkehrte sein.

Siehe auch "Gebrauchsinformation"

Quelle:
Münker-Kramer, Eva (2001). Teamentwicklung. Eine Herausforderung für den/die OrganisationspsychologIn.
WWW: http://www.boep.or.at/html/artikel2.htm (02-01-20)

TZI an der Universität

Die themenzentrierte Interaktion nach Ruth Cohn wird in der hochschuldidaktischen Praxis im Modellstudiengang "Master of Higher Education" als Modell zur flexiblen Leitung unterschiedlicher Prozesse in einer akademischen Lehrveranstaltung genutzt. Unter dem Aspekt, eine Balance der psychosozialen Prozesse als Orientierungsgrundlage für das kooperative Arbeiten einer Gruppe an inhaltsbezogenen Themen zu ermöglichen, ist die Methode besonders geeignet, Handlungsleitungen für Lehrende auf dem Hintergrund der theoretischen Konzeption des kooperativen Lernens anzubieten. So ist die Einbindung der lebensweltlichen Bezüge der Teilnehmenden und die Entwicklung ihrer individuellen Lernbegründungen auf das gesellschaftlich relevante, außenweltliche Unterrichtsthema gerade für die theorielastige universitäre Lehre eine sinnvolle Ergänzung. Auch wenn die Elemente der TZI sinnvoll in der hochschuldidaktischen Aus- und Weiterbildung Verwendung finden können, ist die Methode jedoch nicht als einfach zu erlernende Unterrichtsmethodik zu verstehen. Vielmehr erfordert diese eine oft über Jahre hinweg immer wieder an der Praxis erprobte Erarbeitung persönlicher Haltungen.



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