Ritualisierte Gesten
Der Kuss (der auch bei Schimpansen als Geste der Zuneigung vorkommt) ist ein schon von unseren vormenschlichen Ahnen aus der Kinderaufzucht abgeleitetes und im folgenden ritualisiertes Mund-zu-Mund-Füttern, bei dem ursprünglich das Muttertier seinen Jungen vorgekaute Nahrung in den Mund schob. Die Verbeugung, der Bückling, der "Diener des deutschen Knaben von gestern wie der Knicks des deutschen Mädchens ist eine ritualisierte Unterwerfungs- und damit Beschwichtigungshandlung, eine schwächere Form der "Selbsterniedrigung, deren extremste die Prostration ist: Man wirft sich vor dem überlegenen Wesen auf den Boden und berührt den Staub vor dessen Füßen mit dem Angesicht.
Das vermutlich universale verneinende Kopfschütteln ist entweder, wie schon Darwin annahm, eine ritualisierte Brustverweigerung des satten Säuglings oder das ritualisierte Abschütteln eines lästigen Gegenstandes. Der Ursprung dieser Bewegung läßt sich schon beim Säugling beobachten, der auf einen aversiven Stimulus den Kopf zur Seite und somit Auge und Nase vom Reiz weg bewegt. Im Verlauf der Evolution kam es vermutlich zu einer Ritualisierung, wobei jedes Signal eindeutig sein muß, daher wurde es immer auffälliger ausgeführt: durch ein Vergrößern der Kopfdrehung bis über die Mittelachse des Körpers, sowie durch Wiederholung der Bewegung.
Das nicht ganz so universale bejahende Kopfnicken ist eine angedeutete ritualisierte Beschwichtigungs- und Unterwerfungsgeste: Ja, sieh, mein Blick weicht deinem nach unten aus, mein Kopf senkt sich demütig; damit ist unser ritualisierter Disput hoffentlich rituell entschieden - kurz, du hast recht. Eine Ritualisierung erfolgte auch hier durch die Wiederholung und bedeutet: ich beuge mich dem, was du sagst, ich bin einverstanden. Eine scheinbare Ausnahme dieser Regel bilden Griechenland und Bulgarien, sowie Teile von Indien. Dort wird das "nein" durch ein Hochwerfen des Kopfes ausgedrückt in Verbindung mit dem Schließen der Augen und dem Rümpfen der Nase. Diese Geste stellt jedoch eine klare Ablehnung dar, ein Verschließen der beiden Zugänge sowie ein vom anderen Wegdrehen. Das "ja" in diesen Ländern ist ein langsames Hin- und Herbewegen des Kopfes als Zeichen des Abwägens, das durch kulturelle Übereinkunft zum "ja" wurde.
Eine verbreitete Grußgebärde, besonders im militärischen Bereich, ist die Bewegung der Hand zum Kopf. Sie dürfte zurückgehen auf die Gebärde des mittelalterlichen Ritters, mit der er den Helm seiner Rüstung absetzte, ehe er sich freundlich mit jemandem unterhalten konnte. Aus dem Helmabnehmen wurde ein Hutziehen, eine zackige Bewegung der Hand ans Käppi und ein legerer ziviler Schlenker der Hand in Richtung Kopf. Anders gesagt: Der Handgruß ist ein ritualisiertes Hut- oder Helmabnehmen.
ln diesem Sinn läßt sich das lehrerhafte Drohen mit dem Zeigefinger als ein ritualisierter Stockhieb bezeichnen. Der Schlag der Faust auf den Tisch ist eine ritualisierte Verprügelung des Gegners. Das Achselzucken ist das ritualisierte Abschütteln einer Last.
Die griechische "Mouiza", eine Beschimpfungsgeste, bei der den Beschimpften die Handfläche mit gespreizten Fingern entgegengestreckt wird, ist ein ritualisiertes Bewerfen mit Dreck: sie geht zurück auf die Handbewegung, mit der einst durch die Straßen geführten Verbrechern und Gefangenen Kot ins Gesicht geworfen wurde.
Das Herausstrecken der Zunge, Zeichen der Abneigung oder des Abscheus, ist ein ritualisiertes Ausspucken ekelhafter Nahrung.
Das Brauenzusammenziehen ermöglicht, die Lichteinfallmenge genau zu dosieren, um somit die Netzhaut optimal zu schützen. Die äußere Lichtschutzsperre besteht aus einem beweglichen Gewebereing um das Auge mit der Augenbraue als wichtigstem Teil, die zweite Sperre ist der innere Blendenapparat der Iris. Die kommunikative Bedeutung des Brauenzusammenziehens im zwischenmenschlichen Bereich vermittelt über das "finstere" Gesicht eine skeptische Ablehnung. Es kommt zum Abblenden vom anderen, weil das Einverständnis für dessen Interaktion fehlt. Siehe dazu auch den Augengruß.
Das Naserümpfen ermöglicht es, den Luftstrom zur Nase dann einzuengen, wenn ein unangenehmer Geruch wahrgenommen wird. Dies geschieht reflektorisch und unwillkürlich. Als kommunikatives Signal steht es für eine milde soziale Mißbilligung und eine leichte Distanzierung, durch die eine freundliche Interaktion jedoch nicht gefährdet wird.
Nach einer kanadischen Studie (Jessica Tracy & David Matsumoto, University of British Columbia in Vancouver) an der Haltung von Judokas aus 30 Ländern - auch blinde Sportler waren darunter - sind sportliche Siegerposen vermutlich angeboren. Dazu wurden Fotoserien ausgewertet, die über einen Zeitraum von 15 Sekunden unmittelbar nach dem Kampf aufgenommen worden waren. So konnte man die Reaktionen der Sportler sekundengenau beobachten und typische Positionen von Kopf, Armen und Körper analysieren. Alle Sportler demonstrierten ihren Stolz über einen Sieg auf ähnliche Weise: Sie rissen die Arme in die Höhe, dehnten ihre Brust und warfen den Kopf nach hinten. Auch die Reaktion bei einer Niederlage war bei blinden und sehenden Judokas ähnlich: die Verlierer verbargen ihr Gesicht und ließen die Schultern hängen, sodass ihre Brust schmaler wirkte. Allerdings unterdrückten einige der sehenden Sportler ihre Schamgefühle und demonstrierten stattdessen bewusst Selbstachtung, da in ihren Kulturen das Zeigen von Scham nicht üblich ist. Sportler aus kollektivistisch geprägten Nationen hingegen hatten beim Ausdruck von Schamgefühlen keine kulturellen Hemmnisse zu überwinden und zeigten diese daher offener. Diese These wird auch dadurch gestützt, dass von Geburt an blinde Athleten Schamgefühle über kulturelle Grenzen hinweg eher offen zeigten. All diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Ausdruck von Stolz und Scham nicht durch Nachahmen erlernt wird, sondern angeboren ist ("PNAS“).
Gelernte Fingergesten
Viele Wissenschaftler haben versucht, die Syntax und die Semantik der erlernten Körpersprache wissenschaftlich dingfest zu machen. Jesse Chandler und Norbert Schwarz berichten im „Journal of Experimental Social Psychology“ von einer Studie über den emotionalen Effekt der Körpersprache nicht bei den Zielpersonen der Körpersprache, sondern bei jenen, die ihre Finger sprechen ließen, also der zweiten Grundart der Körpersprache , die vom kulturellen Lebenskreis abhängt und erlernt wird. Die Forscher erzählten StudentInnen, sie seien die perfekten Forschungsobjekte, um einen Zusammenhang zwischen Muskelbewegung und Leseverstand aufzudecken – einen Zusammenhang, der nicht existiert. Die Testkandidaten lasen in diesem Versuch einen Text über Donald. Dieser Donald, so die Geschichte, zahlte die Miete nicht – sein Vermieter habe sich um dringende Reparaturen an der Wohnung nicht gekümmert. Die Details der Geschichte waren so doppelsinnig, dass genug Platz blieb für reichlich Fantasie – bei den einen war Donald der arme, abgezockte Mieter, bei den anderen der illegale Hausbesetzer. Während des Lesens sollten einige der Studenten ihre Finger dehnen: Wahlweise den schlimmen mittleren oder auch den Zeigefinger. Nach der Lesestunde beschrieben die Probanden ihre Gefühle, wobei jene Studenten, die den Mittelfinger bemüht hatten, viel finsterer aus dem Versuch heraus kamen, als die Zeigefinger-Kandidaten, und sich nicht besonders um Donald, den Mietschuldner kümmerten, sondern ihn als finstere, bösartige, destruktive Person beschrieben. Offensichtlich bringt die Mittelfinger-Geste schlechte Gedanken mit sich, wobei sich die ProbandInnen dessen gar nicht bewusst waren, dass sie gerade den schlimmen Finger zeigten. Sie stempelten instinktiv einen Unbeteiligten als Fiesling ab. Umgekehrt funktionierte die Daumen-hoch-Geste.
Jesse Chandler und Norbert Schwar wiederholten das Experiment, in denen mmer dann, wenn sie die Probanden baten, ihren Daumen oder den Zeigefinger zu spannen, Donalds Beliebtheitswerte stiegen. Frauen ließen sich in ihren Gefühlen stärker von ihren Daumen leiten als Männer – ein Unterschied, der in der Mittelfinger-Studie nicht sichtbar war. Frauen verfolgen vermutlich in Konfliktsituationen meistens eine Nett-und-freundlich-Strategie, deshalb gehen sie grundsätzlich viel freizügiger mit positiver Körpersprache um.
Nach Reinhard Krüger haben die meisten dieser Gesten einen sexuellen Ursprung Krüger arbeitet an einer „Etymologie der Alltagsgesten“, mit der er die Herkunft und die Bedeutung von Gesten erklären will. Schon in der Antike sei der Mittelfinger als „digitus impudicus“, als unzüchtiger Finger, berüchtigt gewesen. Ursprünglich war der Mittelfinger aber auch der „digitus medicinalis“, mit dem die Ärzte Salbe auftrugen. Seit der ausgehenden Antike, seitdem man begann, „mit dem Mittelfinger einen Phallus zu machen“, habe jedoch der Ringfinger diese Aufgabe übernommen. Krüger vermutet dahinter den „moralischen Druck“, die heilende Hand des Arztes von der niederen Obszönität zu befreien.
Quelle: Bodderas, Elke (2009). Was der Stinkefinger zu sagen hat.
WWW: http://www.welt.de/wissenschaft/psychologie/article3369465/Was-der-Stinkefinger-zu-sagen-hat.html (09-03-14)
Bayer, Johanna (1998). Haarige Gesten. http://www.quarks.de/haare/0203.htm (05-02-28)
Eibl-Eibelfeldt, I. (1968). Zur Ethologie des menschlichen Grußverhaltens. Zeitschrift für Tierpsychologie 25, S. 727 - 744.
Moore, Monica M. & Butler, Diana L. (1989). Predictive Aspects of Nonverbal Courtship Behaviour in Women. Semiotica, 76 (3-4), S. 205 ff.
Zimmer, Dieter E. (2007). Unsere stumme Sprache. Zeit-Magazin, S.4-10.
http://www.ghdhair.com/de (08-05-05)
http://www.news.de/gesundheit/855024107/
frisierter-spiegel-der-seele/1/ (09-09-09)
http://attraktivitaet.wordpress.com/2008/01/19/
hallo-welt/ (09-09-09)
Eine der augenfälligsten Komponenten, die das Aussehen eines Menschen beeinflussen, sind die Haare. Haare liefern nicht nur Aufschlüsse über biologisch wichtige Merkmale wie zum Beispiel Geschlecht, Alter und Gesundheit, sondern auch Aufschlüsse über die soziale Stellung und Gruppenzugehörigkeiten eines Menschen und über die Persönlichkeit. Durch die unmittelbare Auffälligkeit, die Variabilität, die leichte Manipulierbarkeit und die individuelle Charakteristik hat das Haar einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung unserer Mitmenschen und auf unser Selbstbild. Darüber hinaus hat das Haar bedeutsame Auswirkungen auf Erfolg und Misserfolg in den verschiedensten Bereichen des Lebens. Die Bedeutsamkeit des Haares lässt sich nicht zuletzt an dem Aufwand an Zeit und Geld erkennen, den Menschen zu seiner Pflege treiben. Für die meisten Frauen dürfte der kumulierte Zeitaufwand mehrere Monate betragen, in Einzelfällen sogar Jahre. Für Männer steht die Angst vor dem Haarverlust im Vordergrund. Haar bzw. Fell und seine Zeichnung dienen im Tierreich dazu, Zuordnungen vorzunehmen, was in stärkerem Ausmaß auch für den Menschen zutrifft, wobei diese im Gegensatz zu den Tieren gelernt haben, ihre Haare zu manipulieren. Eine radikale Veränderung des Erscheinungsbildes, etwa durch Färben oder Abschneiden, sagt mehr als die natürliche Haarfarbe oder Beschaffenheit über die Persönlichkeit aus, denn jemand jemand modelliert daraus ein Bild, um auf eine bestimmte Weise wahrgenommen zu werden.
Haare helfen das Gegenüber einer Gruppe oder Eigenschaft zuzuordnen und ein Urteil zu fällen und geben Auskunft über Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand, signalisieren den sozialen Status und ordnen kulturell ein. Doch auch über die Persönlichkeit kann die Haarpracht einiges verraten, wobei es nur grobe Regeln aber keine Gesetze gibt, nach denen ein Mensch aufgrund seiner Haartracht einzuordnen ist. Vergleicht man etwa die typischen Frisuren in der altägyptischen Malerei mit den leicht gewellten Kurzhaarschnitten der römischen Kaiser, der etwas wilder und zotteliger wirkenden Kopfbedeckung der Wikinger oder den langen glatten Haaren der nordamerikanischen Ureinwohner, dann ist klar, dass Haare immer schon dazu gedient haben, sich in einem bestimmten Kulturkreis anzupassen, seine Zugehörigkeit zu signalisieren oder sich abzugrenzen. Ein Mann mit langen Haaren galt im Mittelalter als frei, während in den 1960er und 1970er Jahren er damit eine intellektuelle Haltung signalisierte, die sich gegen die ältere Generation auflehnte. Solche Unterschiede und auch Subgruppierungen unterliegen Modeerscheinungen und können sich schnell ändern. Besonders Frauen transportieren viel ihres Selbstbildes über die Haare, wobei diese in der Wahrnehmung von Frauen eine starke sexuelle Komponente besitzen, sodass in einigen Kulturen die Frauen ihre Haare verbergen müssen, um die Männer nicht der Versuchung auszusetzen. Glänzende lange wallende Haare haben dabei eine besondere sexuelle Anziehungskraft, aber auch die Offenheit der Frisur oder die Strenge des Knotens im Nacken transportieren Signale. Für Frauen bedeutet der Verlust von Haaren ein Trauma, denn damit verlieren sie einen Teil ihrer Weiblichkeit.
Bayer (1998) weist unter dem Titel "Haarige Gesten" auf die Bedeutung der Kopfhaare hin, die ein ganzes Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten bieten. Viele Menschen, besonders Frauen mit längeren Haaren, spielen beim Sprechen damit und geben so dem Gegenüber Signale. Die eigenen Haare zu berühren gilt beispielsweise als Zeichen von Unsicherheit. Die Haare spielen in der weiblichen Körpersprache noch eine weitere gewichtige Rolle, wie die amerikanischen Soziologinnen Moore & Butler für westliche Gesellschaften beobachtet haben.
Der so genannte Hair-Flip, das Zurückwerfen, Berühren, Streicheln, oder Zurechtstreichen der Haare, wird auffallend häufig von Frauen in Flirtsituationen eingesetzt. Die Haare werden dabei besonders präsentiert und zurechtgerückt - das Signal heißt: Beachtung, bitte!
Es gibt allerdings auch Verhaltensforscher, die diesen Hair-Flip für eine Unterwerfungsgeste halten, wie sie auch Hunde zeigen, nämlich das Präsentieren der empfindlichen Halsschlagader. Demnach sagt die Frau beim Flirt: "Ich bin ganz schutzlos und wehrlos und liefere mich Dir aus". Damit fordert sie dazu auf, ihr näher zu kommen. Das Tätscheln und Nach-hinten-Werfen der Haare ist aber keineswegs auf Frauen beschränkt, auch Männer können dabei beobachtet werden (z.B. Popstars und Sänger, die sich auf der Bühne lasziv durch die Haare fahren. Berühmt dafür war Elvis Presley, der sich bei jedem Auftritt dutzendmal in die pomadige Tolle griff).
Eine Umfrage des Online-Marktforschungsinstituts ODC an 1.000 Frauen aus Deutschland ergab, dass der Schlüssel zum selbstbewussten Auftreten für Frauen die Haare sind, wobei diese wichtiger als Kleidung und Makeup waren. Die Wahrnehmung der eigenen Haare überträgt sich vermutlich auf die gesamte Eigenwahrnehmung, denn glauben Frauen ihr Haar sei attraktiv, wirkt sich dies auf ihr gesamtes Wohlbefinden aus. Haare sind nach dieser Studie für die positive Eigenwahrnehmung der Frau so entscheidend, dass sie deren Selbstbewusstsein stärken. Etwa jede zweite Teilnehmerin gab sogar an, ihr Aussehen und ihre Haare hätten in der Vergangenheit bereits zu persönlichen Erfolgen beigetragen, z.B. bei einem Vorstellungsgespräch. Beim ersten Treffen mit einem potenziellen Liebhaber halten immerhin noch 46 Prozent der Umfrage-Teilnehmerinnen perfekt gestyltes Haar für wichtig.
Nicht nur die Kopfhaare spielen eine Rolle für die Kommunikation, sondern auch die Augenbrauen. Eine der wichtigsten sozialen Gesten ist der so genannte Augengruß, beschrieben von Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Der Augengruß ist eine Geste positiver Zuwendung und lässt sich weltweit bei allen Menschen in ganz verschiedenen Kulturen beobachten: Für ganz kurze Zeit, etwa 1/16 Sekunde, werden die Augenbrauen symmetrisch angehoben, oft lächelt der Mensch dazu. Dieser Augengruß tritt besonders in der Interaktion mit kleinen Kindern auf, selbst in Kulturen, die sonst mit körpersprachlichen Mitteln eher sparsam umgehen (wie etwa in Japan). Der Augengruß gehört offensichtlich zu den angeborenen Gesten des Menschen, genauso wie das Lächeln. Und weil diese Geste so wichtig ist, lässt sich vielleicht erklären, warum uns ein völlig haarloses Gesicht, dem Augenbrauen und Wimpern fehlen, irritiert.
In einer britischen Studie (Lynda Boothroyd et al., University of Durham) konnten junge Männer und Frauen beim Anschauen von Fotos gut einschätzen, ob die abgebildeten Personen Flirts und sexuellen Abenteuern zugeneigt sein könnten. Im ersten Teil der Studie verwendete man Bildern, die mit einer Fotobearbeitungssoftware generiert worden waren. Zunächst wurden Männer und Frauen fotografiert und nach ihren sexuellen Vorlieben befragt. Dann erstellte man pro Geschlecht zwei Bilder mit gemittelten Gesichtszügen - jeweils aus den Personen, die sich als offen für Affären oder als interessiert an langfristigen Beziehungen ausgegeben hatten. Anschließend mussten die Testteilnehmer entscheiden, wie sie diese Durchschnittsgesichter einschätzen. Um die Fähigkeiten im Gesichterlesen unter alltäglichen Bedingungen zu prüfen, zeigte man im zweiten Teil der Studie anderen Testpersonen unbearbeitete Fotos von Personen, die zuvor über ihr Sexualleben Auskunft gegeben hatten. Auch hier konnten die Probanden meist identifizieren, welche Art der Bindung die Abgebildeten bevorzugten. Während Männer die als sexuell offen eingeschätzten Frauen attraktiver fanden, interessierten sich Frauen mehr für jene Männer, die nach ihrer Meinung stabile Partnerschaften bevorzugen. Dagegen stuften sie die besonders maskulin wirkenden Männer mit kantigem Kiefer, großer Nase und kleinen Augen als eher untreu ein. Während Männer flirtbereit scheinende Frauen generell attraktiver als andere fanden, bevorzugten Frauen jene Männer, die solide auf sie wirkten. Dagegen stuften sie Männer mit kantigem Kiefer und großen Nasen als eher untreu ein. Im Laufe der Evolution haben die Menschen offensichtlich gelernt, jede auch noch so feine Regung eines Gegenübers binnen kürzester Zeit zu interpretieren. Das Gesicht verrät also nicht nur Angst, Freude oder Unsicherheit, sondern ebene auch, wie offen jemand für einen Flirt und mehr ist.
Psychological Science Bd. 15, Nr. 2.
Trotz der scheinbaren Symmetrie des Gesichts zeigt es einige asymmetrischen Eigenschaften. Michael Nicholls (Universität Melbourne) berichtet, dass die rechte Mundhälfte wichtiger für das Verstehen von Sprache ist als die linke, d.h., im Gespräch achten Menschen intuitiv eher auf die rechte Mundhälfte ihres Gesprächspartners, da diese für das Verstehen einer Aussage offensichtlich wichtiger ist als die andere. Man ließ dreißig Testpersonen einen Kurzfilm beobachten, in dem Sprecher einzelne Silben aussprachen, wobei der Mund entweder zur Hälfte bedeckt oder komplett sichtbar war. Mithilfe des "McGurk-Effektes" konnten die Psychologen beurteilen, welche Mundhälfte die Spracherkennung stärker bestimmt. Dabei wird das Gehirn durch eine abweichende Aussage von Sehen und Hören in die Irre geführt, indem man zur gleichen Zeit eine andere Silbe, als er an den Lippen ablesen kann, vorspielt. Das Gehirn zieht dabei aus den widersprüchlichen Eindrücken einen falschen Schluss. Je mehr Information das Gehirn aus dem Lippenlesen erhält, desto ausgeprägter ist der McGurk-Effekt. Deckten die Psychologen die rechte Mundhälfte ab, nahm die Zahl der richtigen Aussagen zu. Da die visuelle Aussagekraft der linken Mundhälfte geringer ist, ließ sich das Gehirn auch weniger täuschen. Keine Unterschiede in der Spracherkennung gab es hingegen, als die Probanden einen unbedeckten oder einen nur zur linken Hälfte bedeckten Mund oder beobachteten. Gefühle werden offensichtlich stärker durch die Bewegung der linken Gesichtshälfte ausgedrückt, während sich die rechte Seite des Mundes beim Sprechen weiter öffnet und mehr bewegt.
Eigene Einstellung beeinflusst die Interpretation des Ausdrucks
In einer Studie der Universität Otago wurden Versuchspersonen aufgefordert, am Computer erstellte, ausdruckslose Gesichter entweder als wütend oder glücklich zu interpretieren. Danach sahen die Teilnehmer eine Computersimulation, in der sich die Gesichter von einem glücklichen zu einem wütenden Ausdruck hin veränderten, wobei die Probanden jene Miene identifizieren sollten, die sie vorher gesehen hatten. Dabei hatte sich die anfängliche Interpretation offensichtlich fest eingeprägt, denn jene, die das Gesicht als zornig betrachtet hatten, wählten nun eher eine wirklich wütende Miene, jene, die ein vermeintlich glückliches Gesicht gesehen hatte, entschied sich für den freudigen Ausdruck. Beim Auswählen imitierten die Versuchspersonen mit ihren eigenen Gesichtsmuskeln jene zornige oder glückliche Miene die sie vorher zu sehen geglaubt haben. Menschen sehen offnsichtlich die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie sie selber sind, d.h., dass der eigene Glaube die Wahrnehmung der Umwelt grundlegend beeinflusst.
Kulturunterschiede am Beispiel Spanien-Deutschland
Die Spanierin Laura Rodríguez Alonso berichtet nach einem Deutschlandbesuch von einem "Kulturschock", den sie verspürt hat, dennsie hatte zwar eine andere Sprache erwartet, aber nicht einen so unterschiedlichen Kommunikationscode, der nach ihrer Meinung nach schwieriger zu lernen ist als die Sprache. Sie berichtet über die Unterschiede in den Grußformeln und Höflichkeitskonventionen bei Tisch (Kürzungen von mir; W.S.):
Die Art und Weise der Begrüßung
Wir Spanier haben eine fast pauschale Weise der Begrüßung, die auch für jede Art von Beziehung gültig ist: Los dos besos, d.h. zwei Küsse auf die Wange Alle Menschen begrüßen sich so, mit Ausnahme von Mann zu Mann, in diesen Fällen wird einfach die Hand gegeben. In Deutschland gibt es drei Arten und Weisen der Begrüßung. Die Erste: Sich nur kurz Hallo sagen und kurz lächeln. Die Zweite: Die Hand geben, diese ist die häufigste, und diese ist auch gültig für alle möglichen Kombinationen zwischen Männern und Frauen. Und die Dritte: sich umarmen, diese ist ein eindeutiges Zeichen von Vertrauen, und es ist, wie die zweite, gültig für alle Kombinationen. Zu Beginn meines Aufenthaltes in Deutschland fiel es mir sehr schwer, auf die zwei Küsse auf die Wange zu verzichten. Langsam habe ich es mir abgewöhnt und mich an das andere Verhalten gewöhnt, aber trotzdem habe ich lange gebraucht, bis ich nach Gefühl wissen konnte, welche von den drei Begrüßungsarten bei jeder Gelegenheit die richtige war. Mittlerweile habe ich dieses Gefühl erworben und wenn ich wieder in Spanien bin, habe ich Hemmungen, wenn ich jemanden, den ich gar nicht kenne und den ich wahrscheinlich nie wieder sehen werde, oder der mir unangenehm ist, auf die Wange küssen muss. Die Situation hat sich jetzt geändert: Was mir früher fremd in einem fremden Land war, ist mir jetzt fremd in meinem Heimatland. (...)
Höflichkeitskonventionen
(...) Es ist weltweit bekannt, dass Spanier eher grob, trocken und temperamentvoll sind. Wir sprechen auch viel lauter als die Deutschen. Die Worte Danke, Bitte, Entschuldigung, Verzeihung, usw. werden viel öfter verwendet als gracias, perdón oder por favor. Ich musste mir Mühe geben, um diese Wörter öfter zu benutzen, oft fand ich es einfach lächerlich, immer noch bei mir vertrauten Leuten trotzdem bitte und danke sagen zu müssen. Ich habe es mittlerweile bestätigt bekommen, dass ich nicht die einzige bin, die das gespürt hat. Ich habe mich darüber mit meinen engen deutschen Freunden unterhalten und für sie war es am Anfang auch komisch, da mein Tonfall ihnen fremd war. In Bezug auf dieses Thema muss ich an das Frühstück denken. (...) Ich habe in Heidelberg 15 Monate in einem Studentenwohnheim gewohnt und seit zwei Jahren wohne ich in einer Wohngemeinschaft in Saarbrücken, und immer mit deutschen Mitbewohnern. Mit denen habe ich viele Frühstücke gemacht, die Stunden am Wochenende dauerten, mit allen Delikatessen, die man sich wünschen kann: Nutella, frischen Croissants, leckerem Brot, Käse, selbst gemachten Marmeladen u.a. Und ich musste immer denken: Wie viel Zeit wird verloren und wie viele Gespräche werden unterbrochen, um jemanden um die Milch, das Brot etc. zu bitten. Für mich waren diese Wörter, und diese ganzen Sätze unnötig und überflüssig, da ich einfach dachte: Wenn er mir nicht die Milch gibt, dann gebe ich ihm nachher auch nicht die Butter. Ich hätte es einfach mit einer Geste verlangt, oder mit so wenigen Worten wie möglich, z. B.: Gib mir die Milch, oder einfach: die Milch.
Quelle: Alonso, Laura Rodríguez (2005). Das Leben in Deutschland aus spanischer Sicht.
WWW: http://www.g-daf-es.net/lesen_und_sehen/germanistik/lra1.htm (06-11-12)
