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Ritualisierte Gesten

Konrad Lorenz vermutete, dass in den Gesten der Menschen noch viele Anteile aus dem Tierreich stecken, insbesondere im Zusammenhang mit Instinktverhalten, Emotionen und der non-verbalen Mitteilung. Dort besteht nur ein gewisser Spielraum für transgenetische Vererbungen, wohingegen durch die Sprache ein viel höherer Freiheitsgrad existiert. Aber auch nichterbliche, rein kulturell tradierte Verhaltensweisen haben die Tendenz, sich im Dienste der Signalwirkung mit der Zeit abzuschleifen und zu verdeutlichen. Ihre ursprüngliche Bedeutung kann dabei ganz in Vergessenheit geraten. Unsere Körpersprache bewahrt einen Teil unserer kollektiven (genetischen wie kulturellen) Vergangenheit, der uns als Individuen längst in Vergessenheit geriet.

Beim Kuss schüttet der Körper Hormone aus, der Herzschlag beschleunigt sich und der Blutdruck steigt, wodurch der Kuss auf Gehirn und Immunsystem auch positive Auswirkungen hat. Der Kuss, der auch bei Schimpansen als Geste der Zuneigung vorkommt, ist möglicherweise ein von unseren evolutionären Ahnen aus der Kinderaufzucht abgeleitetes und im folgenden ritualisiertes Mund-zu-Mund-Füttern, bei dem ursprünglich das Muttertier seinen Jungen vorgekaute Nahrung in den Mund schob. Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat ausführlich die "Kuss-Fütterung" beim Menschen dokumentiert, die zum Beispiel bei den Himbas in Afrika auch heute noch praktiziert wird. Die Mutter kaut dabei die Nahrung für ihr Kind vor und überträgt sie dann per Mundkuss. Mund-zu-Mund-Fütterung ist auch bei vielen anderen Tierarten, etea bei Vögeln, üblich. Aus seinen Beobachtungen entwickelte Eibl-Eibesfeldt die Vorstellung, das Küssen von erwachsenen Menschen sich irgendwann aus der Kussfütterung des Nachwuchses entwickelt haben könnte. Andere Wissenschaftler interpretieren den Kuss hingegen als rein sexuell motiviertes Verhalten, das als Ersatz für das Beschnüffeln im Anal- bzw. Genitalbereich entstanden ist. Der Geruch dieser Region ist für sie entscheidend, denn beim Kuss beschnüffeln Menschen, ritualisiert in die Intimdistanzzone eindringend, etwa bei Begrüssungen, aber auch als intimes Paar. Das geschieht vor allem dann oft und gerne, wenn man den Geruch des anderen schätzt, sodass der Kuss als Mittel dazu dient, herauszufinden, ob man jemanden riechen kann, denn am Mund laufen der Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn zusammen, also Sinne, die bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle spielen. Küssen ist beim Menschen über viele Kulturen hinweg verbreitet, wobei auchmanche Primaten wie Schimpansen und Bonobos hie und da ähnliches Verhalten zeigen, aber unregelmäßiger als Menschen. Bonobos und Schimpansen küssen eher zum Stressabbau, manchmal auch im Spiel. In einer Studie wurden Menschen aus verschiedenen Ländern zu ihren Einstellungen zum Küssen befragt, wobei man fand, dass Menschen, die anspruchsvoll bei der Partnersuche sind, das Küssen am Anfang ihrer Beziehungen viel wichtiger ist als Menschen, die weniger selektiv sind. Frauen finden Küssen wichtiger als Männer, was vielleicht damit zusammenhängt, dass bei den Säugetieren generell die Weibchen selektiver in der Auswahl eines Partners sind als Männchen. Übrigens: Wenn Menschen sich küssen, dann werden die Augen geschlossen, wobei nicht ein Instinkt diese Reaktion steuert, da das Gesicht des Partners ohnehin so bei großer Nähe nicht mehr wahrgenommen werden kann, sondern weil die Küssenden einfach nur mehr empfinden wollen, indem sie sich voll auf ihren Tast- und Geschmackssinn konzentrieren. Wenn man die Augen schließt und dadurch die visuellen Einflüsse ausblendet, bleiben mehr Ressourcen im Gehirn für die anderen beteiligten Sinne frei. Philematologie ist übrigens die Wissenschaft vom Küssen und beschäftigt sich damit, warum der Mensch küsst und welche Prozesse dadurch in Gang gesetzt werden.

Die Verbeugung, der Bückling, der "Diener des deutschen Knaben von gestern wie der Knicks des deutschen Mädchens ist eine ritualisierte Unterwerfungs- und damit Beschwichtigungshandlung, eine schwächere Form der "Selbsterniedrigung, deren extremste die Prostration ist: Man wirft sich vor dem überlegenen Wesen auf den Boden und berührt den Staub vor dessen Füßen mit dem Angesicht.

Das vermutlich universale verneinende Kopfschütteln ist entweder, wie schon Darwin annahm, eine ritualisierte Brustverweigerung des satten Säuglings oder das ritualisierte Abschütteln eines lästigen Gegenstandes. Der Ursprung dieser Bewegung läßt sich schon beim Säugling beobachten, der auf einen aversiven Stimulus den Kopf zur Seite und somit Auge und Nase vom Reiz weg bewegt. Im Verlauf der Evolution kam es vermutlich zu einer Ritualisierung, wobei jedes Signal eindeutig sein muß, daher wurde es immer auffälliger ausgeführt: durch ein Vergrößern der Kopfdrehung bis über die Mittelachse des Körpers, sowie durch Wiederholung der Bewegung.

Das nicht ganz so universale bejahende Kopfnicken ist eine angedeutete ritualisierte Beschwichtigungs- und Unterwerfungsgeste: Ja, sieh, mein Blick weicht deinem nach unten aus, mein Kopf senkt sich demütig; damit ist unser ritualisierter Disput hoffentlich rituell entschieden - kurz, du hast recht. Eine Ritualisierung erfolgte auch hier durch die Wiederholung und bedeutet: ich beuge mich dem, was du sagst, ich bin einverstanden. Eine scheinbare Ausnahme dieser Regel bilden Griechenland und Bulgarien, sowie Teile von Indien. Dort wird das "nein" durch ein Hochwerfen des Kopfes ausgedrückt in Verbindung mit dem Schließen der Augen und dem Rümpfen der Nase. Diese Geste stellt jedoch eine klare Ablehnung dar, ein Verschließen der beiden Zugänge sowie ein vom anderen Wegdrehen. Das "ja" in diesen Ländern ist ein langsames Hin- und Herbewegen des Kopfes als Zeichen des Abwägens, das durch kulturelle Übereinkunft zum "ja" wurde.

Eine verbreitete Grußgebärde, besonders im militärischen Bereich, ist die Bewegung der Hand zum Kopf. Sie dürfte zurückgehen auf die Gebärde des mittelalterlichen Ritters, mit der er den Helm seiner Rüstung absetzte, ehe er sich freundlich mit jemandem unterhalten konnte. Aus dem Helmabnehmen wurde ein Hutziehen, eine zackige Bewegung der Hand ans Käppi und ein legerer ziviler Schlenker der Hand in Richtung Kopf. Anders gesagt: Der Handgruß ist ein ritualisiertes Hut- oder Helmabnehmen.

ln diesem Sinn läßt sich das lehrerhafte Drohen mit dem Zeigefinger als ein ritualisierter Stockhieb bezeichnen. Der Schlag der Faust auf den Tisch ist eine ritualisierte Verprügelung des Gegners. Das Achselzucken ist das ritualisierte Abschütteln einer Last.

Die griechische "Mouiza", eine Beschimpfungsgeste, bei der den Beschimpften die Handfläche mit gespreizten Fingern entgegengestreckt wird, ist ein ritualisiertes Bewerfen mit Dreck: sie geht zurück auf die Handbewegung, mit der einst durch die Straßen geführten Verbrechern und Gefangenen Kot ins Gesicht geworfen wurde.

Das Herausstrecken der Zunge, Zeichen der Abneigung oder des Abscheus, ist ein ritualisiertes Ausspucken ekelhafter Nahrung.

Das Brauenzusammenziehen ermöglicht, die Lichteinfallmenge genau zu dosieren, um somit die Netzhaut optimal zu schützen. Die äußere Lichtschutzsperre besteht aus einem beweglichen Gewebereing um das Auge mit der Augenbraue als wichtigstem Teil, die zweite Sperre ist der innere Blendenapparat der Iris. Die kommunikative Bedeutung des Brauenzusammenziehens im zwischenmenschlichen Bereich vermittelt über das "finstere" Gesicht eine skeptische Ablehnung. Es kommt zum Abblenden vom anderen, weil das Einverständnis für dessen Interaktion fehlt. Siehe dazu auch den Augengruß.

Das Naserümpfen ermöglicht es, den Luftstrom zur Nase dann einzuengen, wenn ein unangenehmer Geruch wahrgenommen wird. Dies geschieht reflektorisch und unwillkürlich. Als kommunikatives Signal steht es für eine milde soziale Mißbilligung und eine leichte Distanzierung, durch die eine freundliche Interaktion jedoch nicht gefährdet wird.

Nach einer kanadischen Studie (Jessica Tracy & David Matsumoto, University of British Columbia in Vancouver) an der Haltung von Judokas aus 30 Ländern - auch blinde Sportler waren darunter - sind sportliche Siegerposen vermutlich angeboren. Dazu wurden Fotoserien ausgewertet, die über einen Zeitraum von 15 Sekunden unmittelbar nach dem Kampf aufgenommen worden waren. So konnte man die Reaktionen der Sportler sekundengenau beobachten und typische Positionen von Kopf, Armen und Körper analysieren. Alle Sportler demonstrierten ihren Stolz über einen Sieg auf ähnliche Weise: Sie rissen die Arme in die Höhe, dehnten ihre Brust und warfen den Kopf nach hinten. Auch die Reaktion bei einer Niederlage war bei blinden und sehenden Judokas ähnlich: die Verlierer verbargen ihr Gesicht und ließen die Schultern hängen, sodass ihre Brust schmaler wirkte. Allerdings unterdrückten einige der sehenden Sportler ihre Schamgefühle und demonstrierten stattdessen bewusst Selbstachtung, da in ihren Kulturen das Zeigen von Scham nicht üblich ist. Sportler aus kollektivistisch geprägten Nationen hingegen hatten beim Ausdruck von Schamgefühlen keine kulturellen Hemmnisse zu überwinden und zeigten diese daher offener. Diese These wird auch dadurch gestützt, dass von Geburt an blinde Athleten Schamgefühle über kulturelle Grenzen hinweg eher offen zeigten. All diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Ausdruck von Stolz und Scham nicht durch Nachahmen erlernt wird, sondern angeboren ist ("PNAS“).

Gelernte Fingergesten

Viele Wissenschaftler haben versucht, die Syntax und die Semantik der erlernten Körpersprache wissenschaftlich dingfest zu machen. Jesse Chandler und Norbert Schwarz berichten im „Journal of Experimental Social Psychology“ von einer Studie über den emotionalen Effekt der Körpersprache nicht bei den Zielpersonen der Körpersprache, sondern bei jenen, die ihre Finger sprechen ließen, also der zweiten Grundart der Körpersprache , die vom kulturellen Lebenskreis abhängt und erlernt wird. Die Forscher erzählten StudentInnen, sie seien die perfekten Forschungsobjekte, um einen Zusammenhang zwischen Muskelbewegung und Leseverstand aufzudecken – einen Zusammenhang, der nicht existiert. Die Testkandidaten lasen in diesem Versuch einen Text über Donald. Dieser Donald, so die Geschichte, zahlte die Miete nicht – sein Vermieter habe sich um dringende Reparaturen an der Wohnung nicht gekümmert. Die Details der Geschichte waren so doppelsinnig, dass genug Platz blieb für reichlich Fantasie – bei den einen war Donald der arme, abgezockte Mieter, bei den anderen der illegale Hausbesetzer. Während des Lesens sollten einige der Studenten ihre Finger dehnen: Wahlweise den schlimmen mittleren oder auch den Zeigefinger. Nach der Lesestunde beschrieben die Probanden ihre Gefühle, wobei jene Studenten, die den Mittelfinger bemüht hatten, viel finsterer aus dem Versuch heraus kamen, als die Zeigefinger-Kandidaten, und sich nicht besonders um Donald, den Mietschuldner kümmerten, sondern ihn als finstere, bösartige, destruktive Person beschrieben. Offensichtlich bringt die Mittelfinger-Geste schlechte Gedanken mit sich, wobei sich die ProbandInnen dessen gar nicht bewusst waren, dass sie gerade den schlimmen Finger zeigten. Sie stempelten instinktiv einen Unbeteiligten als Fiesling ab. Umgekehrt funktionierte die Daumen-hoch-Geste.

Jesse Chandler und Norbert Schwar wiederholten das Experiment, in denen mmer dann, wenn sie die Probanden baten, ihren Daumen oder den Zeigefinger zu spannen, Donalds Beliebtheitswerte stiegen. Frauen ließen sich in ihren Gefühlen stärker von ihren Daumen leiten als Männer – ein Unterschied, der in der Mittelfinger-Studie nicht sichtbar war. Frauen verfolgen vermutlich in Konfliktsituationen meistens eine Nett-und-freundlich-Strategie, deshalb gehen sie grundsätzlich viel freizügiger mit positiver Körpersprache um.

Nach Reinhard Krüger haben die meisten dieser Gesten einen sexuellen Ursprung Krüger arbeitet an einer „Etymologie der Alltagsgesten“, mit der er die Herkunft und die Bedeutung von Gesten erklären will. Schon in der Antike sei der Mittelfinger als „digitus impudicus“, als unzüchtiger Finger, berüchtigt gewesen. Ursprünglich war der Mittelfinger aber auch der „digitus medicinalis“, mit dem die Ärzte Salbe auftrugen. Seit der ausgehenden Antike, seitdem man begann, „mit dem Mittelfinger einen Phallus zu machen“, habe jedoch der Ringfinger diese Aufgabe übernommen. Krüger vermutet dahinter den „moralischen Druck“, die heilende Hand des Arztes von der niederen Obszönität zu befreien.

Quelle: Bodderas, Elke (2009). Was der Stinkefinger zu sagen hat.
WWW: http://www.welt.de/wissenschaft/psychologie/article3369465/Was-der-Stinkefinger-zu-sagen-hat.html (09-03-14)

Hautfarbe als Signal

Anthropologen wissen, dass weibliche Haut innerhalb jeder Ethnie rund zehn bis fünfzehn Prozent heller ist als männliche, d. h., Blässe wirkt schon deshalb besonders weiblich, aber sie setzt auch andere Signale, etwa dass man nicht auf dem Feld arbeitet. Europas Adel pflegte eine vornehme Blässe, Ähnliches findet sich in Kulturen Asiens, wobei in Japan die Obsession mit dem Weiß vor Jahrhunderten begann, wobei die Moden des Puderns und Schminkens fließend in die der Hautaufhellung übergingen. In Indien erkannten die alten Kastengesellschaft das gesellschaftliche Oben und Unten unter anderem am Teint, denn blass zu sein signalisiert eine "hohe" Herkunft. Die Amerikaner segregierten in Sklavereizeiten Menschen nach Hauttönung in Haus- und Feldsklaven (Colorism), wobei allein an der Tönung der Haut eine bestimmte Form der Ungleichbehandlung festgemacht wurde. Dem Hellhäutigen wurde dabei ein höherer sozialer Stand zuerkannt als dem Dunkelhäutigen, wobei aktuelle Studien nachweisen, dass auch in den USA eine blassere Hauttönung noch immer die Wahrscheinlichkeit von Wohlstand und Karriere erhöht. Mit Hautbleichmitteln wird heute angeblich mehr Geld umgesetzt als mit Bräunungs- und Sonnenschutzprodukten, wobei weltweit bis zu 27 Prozent aller nicht-weißen Frauen Hautaufheller benutzen sollen.

 

Literatur:
Bayer, Johanna (1998). Haarige Gesten. http://www.quarks.de/haare/0203.htm (05-02-28)
Eibl-Eibelfeldt, I. (1968). Zur Ethologie des menschlichen Grußverhaltens. Zeitschrift für Tierpsychologie 25, S. 727 - 744.
Moore, Monica M. & Butler, Diana L. (1989). Predictive Aspects of Nonverbal Courtship Behaviour in Women. Semiotica, 76 (3-4), S. 205 ff.
Zimmer, Dieter E. (2007). Unsere stumme Sprache. Zeit-Magazin, S.4-10.
http://www.ghdhair.com/de (08-05-05)
http://www.news.de/gesundheit/855024107/
frisierter-spiegel-der-seele/1/ (09-09-09)
http://attraktivitaet.wordpress.com/2008/01/19/
hallo-welt/ (09-09-09)

Die Haare

Haare spielen

Haare zieren, rahmen das Gesicht und stehen häufig für Jugend und Vitalität, wobei ältere Menschen gerne an der Frisur festhalten, die sie ihr Leben lang schon hatten. Eine Frisur drückt häufig den allgemeinen Energie- und Vitalitätszustand aus, denn Menschen, deren Haare ungepflegt und struppig aussehen, lassen sich gehen, wobei ihnen die Außenwirkung egal scheint, während, Menschen, die ihr Äußeres pflegen, an der Gemeinschaft teilhaben wollen. Haare gehören zur Haut und die bildet ein Grenze zwischen Innen und Außen. Häufig trennen sich Menschen mit einer neuen Frisur auch innerlich von Vergangenem, was vor allem bei Frauen zu finden ist, denn ein Neuanfang soll dann auch äußerlich vollzogen werden. Bei Männern beobachtet man eher das Gegenteil, da ist der unfreiwillige Haarausfall die Folge, wobei Haare ausfallen, obwohl man sich lieber nicht von ihnen trennen möchte. Für eine gute Frisur erhält man auch Anerkennung von anderen, wobei solche Rückmeldungen wichtig für das eigene Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl sind.

Haare gehören zu den wichtigsten Schlüsselreizen bei der ersten Beurteilung einer Person, denn Frisuren senden Signale aus und diese Signale werden unbewusst interpretiert, wobei ungewöhnliche Haartrachten bekanntlich Irritationen auslösen können. Daher ist eine der augenfälligsten Komponenten, die das Aussehen eines Menschen beeinflussen, die Haare. Haare liefern nicht nur Aufschlüsse über biologisch wichtige Merkmale wie zum Beispiel Geschlecht, Alter und Gesundheit, sondern auch Aufschlüsse über die soziale Stellung und Gruppenzugehörigkeiten eines Menschen und über die Persönlichkeit. Durch die unmittelbare Auffälligkeit, die Variabilität, die leichte Manipulierbarkeit und die individuelle Charakteristik hat das Haar einen starken Einfluss auf die Wahrnehmung unserer Mitmenschen und auf unser Selbstbild. Darüber hinaus hat das Haar bedeutsame Auswirkungen auf Erfolg und Misserfolg in den verschiedensten Bereichen des Lebens.

Die Bedeutsamkeit des Haares lässt sich nicht zuletzt an dem Aufwand an Zeit und Geld erkennen, den Menschen zu seiner Pflege treiben. Für die meisten Frauen dürfte der kumulierte Zeitaufwand mehrere Monate betragen, in Einzelfällen sogar Jahre. Für Männer steht die Angst vor dem Haarverlust im Vordergrund. Haar bzw. Fell und seine Zeichnung dienen im Tierreich dazu, Zuordnungen vorzunehmen, was in stärkerem Ausmaß auch für den Menschen zutrifft, wobei diese im Gegensatz zu den Tieren gelernt haben, ihre Haare zu manipulieren. Eine radikale Veränderung des Erscheinungsbildes, etwa durch Färben oder Abschneiden, sagt mehr als die natürliche Haarfarbe oder Beschaffenheit über die Persönlichkeit aus, denn jemand jemand modelliert daraus ein Bild, um auf eine bestimmte Weise wahrgenommen zu werden.

Haare helfen das Gegenüber einer Gruppe oder Eigenschaft zuzuordnen und ein Urteil zu fällen und geben Auskunft über Geschlecht, Alter und Gesundheitszustand, signalisieren den sozialen Status und ordnen kulturell ein. Doch auch über die Persönlichkeit kann die Haarpracht einiges verraten, wobei es nur grobe Regeln aber keine Gesetze gibt, nach denen ein Mensch aufgrund seiner Haartracht einzuordnen ist. Vergleicht man etwa die typischen Frisuren in der altägyptischen Malerei mit den leicht gewellten Kurzhaarschnitten der römischen Kaiser, der etwas wilder und zotteliger wirkenden Kopfbedeckung der Wikinger oder den langen glatten Haaren der nordamerikanischen Ureinwohner, dann ist klar, dass Haare immer schon dazu gedient haben, sich in einem bestimmten Kulturkreis anzupassen, seine Zugehörigkeit zu signalisieren oder sich abzugrenzen. Ein Mann mit langen Haaren galt im Mittelalter als frei, während in den 1960er und 1970er Jahren er damit eine intellektuelle Haltung signalisierte, die sich gegen die ältere Generation auflehnte. Solche Unterschiede und auch Subgruppierungen unterliegen Modeerscheinungen und können sich schnell ändern. Besonders Frauen transportieren viel ihres Selbstbildes über die Haare, wobei diese in der Wahrnehmung von Frauen eine starke sexuelle Komponente besitzen, sodass in einigen Kulturen die Frauen ihre Haare verbergen müssen, um die Männer nicht der Versuchung auszusetzen. Glänzende lange wallende Haare haben dabei eine besondere sexuelle Anziehungskraft, aber auch die Offenheit der Frisur oder die Strenge des Knotens im Nacken transportieren Signale. Für Frauen bedeutet der Verlust von Haaren ein Trauma, denn damit verlieren sie einen Teil ihrer Weiblichkeit.

Bayer (1998) weist unter dem Titel "Haarige Gesten" auf die Bedeutung der Kopfhaare hin, die ein ganzes Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten bieten. Viele Menschen, besonders Frauen mit längeren Haaren, spielen beim Sprechen damit und geben so dem Gegenüber Signale. Die eigenen Haare zu berühren gilt beispielsweise als Zeichen von Unsicherheit. Die Haare spielen in der weiblichen Körpersprache noch eine weitere gewichtige Rolle, wie die amerikanischen Soziologinnen Moore & Butler für westliche Gesellschaften beobachtet haben.

Der so genannte Hair-Flip, das Zurückwerfen, Berühren, Streicheln, oder Zurechtstreichen der Haare, wird nämlich auffallend häufig von Frauen in Flirtsituationen eingesetzt. Die Haare werden dabei besonders präsentiert und zurechtgerückt - das Signal heißt: "Beachtung, bitte!" Es gibt allerdings auch Verhaltensforscher, die diesen Hair-Flip für eine Unterwerfungsgeste halten, wie sie auch Hunde zeigen, nämlich das Präsentieren der empfindlichen Halsschlagader. Demnach sagt die Frau beim Flirt: "Ich bin ganz schutzlos und wehrlos und liefere mich Dir aus". Damit fordert sie dazu auf, ihr näher zu kommen. Das Tätscheln und Nach-hinten-Werfen der Haare ist aber keineswegs auf Frauen beschränkt, auch Männer können dabei beobachtet werden (z.B. Popstars und Sänger, die sich auf der Bühne lasziv durch die Haare fahren. Berühmt dafür war Elvis Presley, der sich bei jedem Auftritt dutzendmal in die pomadige Tolle griff).

Eine Umfrage des Online-Marktforschungsinstituts ODC an 1.000 Frauen aus Deutschland ergab, dass der Schlüssel zum selbstbewussten Auftreten für Frauen die Haare sind, wobei diese wichtiger als Kleidung und Makeup waren. Die Wahrnehmung der eigenen Haare überträgt sich vermutlich auf die gesamte Eigenwahrnehmung, denn glauben Frauen ihr Haar sei attraktiv, wirkt sich dies auf ihr gesamtes Wohlbefinden aus. Haare sind nach dieser Studie für die positive Eigenwahrnehmung der Frau so entscheidend, dass sie deren Selbstbewusstsein stärken. Etwa jede zweite Teilnehmerin gab sogar an, ihr Aussehen und ihre Haare hätten in der Vergangenheit bereits zu persönlichen Erfolgen beigetragen, z.B. bei einem Vorstellungsgespräch. Beim ersten Treffen mit einem potenziellen Liebhaber halten immerhin noch 46 Prozent der Umfrage-Teilnehmerinnen perfekt gestyltes Haar für wichtig.

Literatur
Steinicke, K. (2013). Zwischen Selbstermächtigung und Unterwerfung – Eine Analyse der Darstellung weiblicher Enthaarungspraktiken im Diskurs um Schönheitshandeln. Psychologie & Gesellschaftskritik, 146.
Körperenthaarung bei Frauen aber immer mehr auch bei Männern bedeutet sowohl eine Art der Selbstermächtigung als auch der Unterwerfung unter ästhetische Normierungen. Daher stellt sich heutiges Körper- und Schönheitshandeln als ein widersprüchliches Phänomen dar, denn einerseits haben sich die Möglichkeiten des Zugriffs auf den Körper enorm vergrößert, wobei sich körperliche Bereiche erschlossen haben, die bisher außerhalb jeder willkürlichen Steuerung zu liegen schienen, wobei manche Körperpraxen vom Bewusstsein der Machbarkeit durchdrungen zu sein scheinen. Schönheitshandlungen erhalten dann eine starke Konnotation mit Freiheit und werden mit Individualität und Selbstbestimmung assoziiert. Gleichzeitig erscheint die Richtung, in die solche Gestaltungsmöglichkeiten gehen, höchst normativ und begrenzt, wobei das am deutlichsten am rigiden Standard des Schlankheitsideals wird, wobei nicht nur die Richtung vorgegeben scheint, sondern auch der Imperativ vorherrscht, den Körper überhaupt zu gestalten und zu optimieren. Dabei wird von den Menschen der Akt des Schönheitshandelns selbst nicht hinterfragt und die Arbeit am Körper zur stillschweigenden Norm. Dementsprechend drückt sich auch hier die Verfügbarkeit des Körpers ausschließlich in den vielen Alternativen aus, mit denen dieser gestaltet werden kann, nicht jedoch in der Möglichkeit, den Körper so zu lassen, wie er ist (Steinicke, 2013).

Man hat übrigens untersucht, ob glatte, unrasierte oder vollbärtige Gesichter besser bei Frauen ankommen bzw. ob Männer mit behaarten Gesichtern tatsächlich als attraktiver wahrgenommen werden. Es zeigte sich, dass Vollbärte Männer zwar älter machen und ihren Trägern höheren Status verleihen, doch keineswegs die Attraktivität erhöhen. Übrigens hängt die Attraktivität der Gesichter in erster Linie davon ab, ob die Gesichtsbehaarung im Vergleich mit einer Gruppe von Männern aus der Reihe fällt. Stehen viele leicht- oder vollbärtige Gesichter zur Auswahl, erscheinen die wenigen glattrasierten als attaktiver, hat man aber glattrasierte Gesichter zur Auswahl, werden die mit Bart als attraktiver empfunden. Einem Bart kommt für das Erscheinungsbild daher eine besondere Rolle zu, weil er durch seine Position sehr stark im Mittelpunkt steht und deshalb nicht zu übersehen ist. Auch wenn die verschiedenen Bartformen unterschiedliche Botschaften signalisieren, raten Experten Bartträgern, die Karriere machen wollen, in den meisten Fällen zum Entfernen des Bartes. Alles, was optisch zu auffällig wirkt, schadet Karrierebewussten auf ihrem Weg nach oben, wobei neben Tattoos oder zu langen Haaren es vor allem der Bart sein kann, der dabei hinderlich ist. Manche Bartformen vermitteln oft einen finsteren Eindruck, was in Leitungspositionen kontraproduktiv sein kann, denn ein guter Vorgesetzter sollte sich eher durch ein offenes und freundliches Auftreten auszeichnen. Allerdings macht die Gesichtsbehaarung einige Menschen auch interessant und kann als Markenzeichen sogar eine besondere Wirkung haben, denn Originalität auszustrahlen kann in Führungspositionen durchaus wichtig sein. Der Autor dieser Arbeitsblätter kann dafür als Beispiel gelten ;-)

Die Social Media Plattform "Eva" hat eine Umfrage unter 2000 Nutzern durchgeführt, nach der Bartträger aggressiver und untreu sind, denn es sollen 45 Prozent aller befragten Bartträger ein aggressives Verhalten an den Tag legen und streitlustiger als Männer ohne Bart sein. Auch gestanden in der Umfrage 40 Prozent der Männer mit Gesichtbehaarung, schon einmal etwas gestohlen zu haben, währnd nur 17 Prozent der Männer ohne Bart einmal etwas mitgehen ließen, ohne zu bezahlen. Zuletzt sollen auch 47 Prozent der Bartträger schon mal untreu gewesen sein, während nur 20 Prozent der unbehaarten Männer zugaben, einen Seitensprung gehabt zu haben.

Quelle:
http://www.welt.de/gesundheit/
psychologie/article13615590
/Reifere-Frauen-bevorzugen-
Maenner-mit-Brusthaar.html (11-09-20)

In einer Studie der Universität des Saarlandes zeigte die Psychologin Johanna Lass-Hennemann 200 Frauen verschiedenen Alters die behaarten Oberkörper von 20 Männern. Anschließend rasierten sich die Männer die Brust, und die Frauen schauten sich die Herrenoberkörper ein zweites Mal an. Die Frauen, die Angaben zu ihrem Alter, Fruchtbarkeit sowie ihrer Verhütungsmethode machten, gaben schließlich ihr Urteil zu den Männern ab: Bei denjenigen, die die Wechseljahre hinter sich hatten, entschieden sich 60 Prozent für diejenigen mit behaarter Brust, während Frauen, die mit der Pille verhüten, nur in 30 Prozent der Fälle die Männer mit behaartem Oberkörper attraktiver als die mit rasierter Brust fanden. Dafür gibt es nach der Studienautorin zwei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder die Pille verändert den Gedächtnisprozess und die Emotionen der Frauen derart, dass sie die Attraktivität behaarter Männer signifikant anders beurteilen als Frauen, die ihren Hormonspiegel nicht künstlich verändern, oder Frauen, die ihrem Körper Hormone zuführen, sind auch bereit, ihn stark zu verändern, und aber auch eher bereit, auch den Körper ihres Partners zu verändern. Die generelle Tendenz zur Natürlichkeit ist bei diesen Frauen geringer.

In der Studie "Psychologie des ersten Eindrucks - Die Sprache der Haare" haben Reinhold Bergler und Tanja Hoff in den baltischen Staaten, Deutschland, Rumänien, Russland, der Türkei und der Ukraine den Schlüsselreiz Haare als nonverbales Kommunikationsmittel des ersten Eindrucks und als Auslöser von Sympathie oder Antipathie untersucht. Dabei wurden sowohl die Eindruckswirkung der Haare als Charaktermerkmal und die Ausdruckswirkung als soziale Technik der Selbstpräsentation berücksichtigt, wobei auch die Selbstwahrnehmung der eigenen Haare bei der Bewertung des persönlichen Wohlbefindens und der Lebensqualität eine große Rolle spielt. Auch die Qualität der Haarpflege und ihr Zusammenhang mit ausgewählten Persönlichkeitsmerkmalen wurde untersucht. Während Frauen zumindest glauben, anhand der Haare ihres Gegenübers erkennen zu können, wie gesund, temperamentvoll oder trendy derjenige ist, sind Männer weitaus urteilsfreudiger, wobei sie Leistungsorientierung, Selbstbewusstsein und sogar Intelligenz anhand der Frisur einer Frau ablesen zu können glauben.

Tipps für gesunde Haare gibt es viele, doch nur wenige sind wirklich richtig. Tägliches Haarewaschen schadet den Haaren, denn durch das Waschen entzieht man den Haaren die natürliche Fette und die Kopfhaut produziert umso mehr Fette. Richtig wäscht man die Haare mit lauwarmem Wasser, denn zu heißes Wasser entzieht der Kopfhaut ebenfalls die natürlichen Fette und lässt sie austrocknen. Wenn man nur wenig Zeit hat, sollte man in die Haare ein gutes Öl einmassieren und für eine Stunde einwirken lassen, dann wäscht man es ganz normal mit einem mildern Shampoo.

Nicht nur die Kopfhaare spielen eine Rolle für die Kommunikation, sondern auch die Augenbrauen. Eine der wichtigsten sozialen Gesten ist der so genannte Augengruß, beschrieben von Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Der Augengruß ist eine Geste positiver Zuwendung und lässt sich weltweit bei allen Menschen in ganz verschiedenen Kulturen beobachten: Für ganz kurze Zeit, etwa 1/16 Sekunde, werden die Augenbrauen symmetrisch angehoben, oft lächelt der Mensch dazu. Dieser Augengruß tritt besonders in der Interaktion mit kleinen Kindern auf, selbst in Kulturen, die sonst mit körpersprachlichen Mitteln eher sparsam umgehen (wie etwa in Japan). Der Augengruß gehört offensichtlich zu den angeborenen Gesten des Menschen, genauso wie das Lächeln. Und weil diese Geste so wichtig ist, lässt sich vielleicht erklären, warum uns ein völlig haarloses Gesicht, dem Augenbrauen und Wimpern fehlen, irritiert.

In einer britischen Studie (Lynda Boothroyd et al., University of Durham) konnten junge Männer und Frauen beim Anschauen von Fotos gut einschätzen, ob die abgebildeten Personen Flirts und sexuellen Abenteuern zugeneigt sein könnten. Im ersten Teil der Studie verwendete man Bildern, die mit einer Fotobearbeitungssoftware generiert worden waren. Zunächst wurden Männer und Frauen fotografiert und nach ihren sexuellen Vorlieben befragt. Dann erstellte man pro Geschlecht zwei Bilder mit gemittelten Gesichtszügen - jeweils aus den Personen, die sich als offen für Affären oder als interessiert an langfristigen Beziehungen ausgegeben hatten. Anschließend mussten die Testteilnehmer entscheiden, wie sie diese Durchschnittsgesichter einschätzen. Um die Fähigkeiten im Gesichterlesen unter alltäglichen Bedingungen zu prüfen, zeigte man im zweiten Teil der Studie anderen Testpersonen unbearbeitete Fotos von Personen, die zuvor über ihr Sexualleben Auskunft gegeben hatten. Auch hier konnten die Probanden meist identifizieren, welche Art der Bindung die Abgebildeten bevorzugten. Während Männer die als sexuell offen eingeschätzten Frauen attraktiver fanden, interessierten sich Frauen mehr für jene Männer, die nach ihrer Meinung stabile Partnerschaften bevorzugen. Dagegen stuften sie die besonders maskulin wirkenden Männer mit kantigem Kiefer, großer Nase und kleinen Augen als eher untreu ein. Während Männer flirtbereit scheinende Frauen generell attraktiver als andere fanden, bevorzugten Frauen jene Männer, die solide auf sie wirkten. Dagegen stuften sie Männer mit kantigem Kiefer und großen Nasen als eher untreu ein. Im Laufe der Evolution haben die Menschen offensichtlich gelernt, jede auch noch so feine Regung eines Gegenübers binnen kürzester Zeit zu interpretieren. Das Gesicht verrät also nicht nur Angst, Freude oder Unsicherheit, sondern ebene auch, wie offen jemand für einen Flirt und mehr ist.

Quellen:
Psychological Science Bd. 15, Nr. 2.
Blank, Helen & von Kriegstein, Katharina (2012). Mechanisms of enhancing visual–speech recognition by prior auditory information. NeuroImage 65, 109–118.

Trotz der scheinbaren Symmetrie des Gesichts zeigt es einige asymmetrischen Eigenschaften. Michael Nicholls (Universität Melbourne) berichtet, dass die rechte Mundhälfte wichtiger für das Verstehen von Sprache ist als die linke, d.h., im Gespräch achten Menschen intuitiv eher auf die rechte Mundhälfte ihres Gesprächspartners, da diese für das Verstehen einer Aussage offensichtlich wichtiger ist als die andere. Man ließ dreißig Testpersonen einen Kurzfilm beobachten, in dem Sprecher einzelne Silben aussprachen, wobei der Mund entweder zur Hälfte bedeckt oder komplett sichtbar war. Mithilfe des "McGurk-Effektes" konnten die Psychologen beurteilen, welche Mundhälfte die Spracherkennung stärker bestimmt. Dabei wird das Gehirn durch eine abweichende Aussage von Sehen und Hören in die Irre geführt, indem man zur gleichen Zeit eine andere Silbe, als er an den Lippen ablesen kann, vorspielt. Das Gehirn zieht dabei aus den widersprüchlichen Eindrücken einen falschen Schluss. Je mehr Information das Gehirn aus dem Lippenlesen erhält, desto ausgeprägter ist der McGurk-Effekt. Deckten die Psychologen die rechte Mundhälfte ab, nahm die Zahl der richtigen Aussagen zu. Da die visuelle Aussagekraft der linken Mundhälfte geringer ist, ließ sich das Gehirn auch weniger täuschen. Keine Unterschiede in der Spracherkennung gab es hingegen, als die Probanden einen unbedeckten oder einen nur zur linken Hälfte bedeckten Mund oder beobachteten. Gefühle werden offensichtlich stärker durch die Bewegung der linken Gesichtshälfte ausgedrückt, während sich die rechte Seite des Mundes beim Sprechen weiter öffnet und mehr bewegt.

Beim Lippenlesen werden visuelle und auditive Informationen synchronisiert

Bekanntlich hilft Lippenlesen, die Worte eines Gesprächspartners vor allem in einer lauten Umgebung besser zu verstehen, wobei Untersuchungen (Blank & von Kriegstein, 2012) gezeigt haben, dass Wörter und Lippenbewegungen einander umso besser zugeordnet werden, je größer die Aktivität im oberen temporalen Sulcus des Gehirns ist, also jener Gehirnregion, in der visuelle und auditive Informationen miteinander verknüpft werden. Beim Lippenlesen muss das Gehirn ja Informationen aus verschiedenen sensorischen Quellen verbinden, wobei offenbar durch die akustische Vorinformation eine Erwartungshaltung darüber entsteht, welche Lippenbewegungen man sehen wird, und ein Widerspruch zwischen Vorhersage und dem tatsächlich Wahrgenommenen als Fehler registriert wird. Dabei unterscheiden sich Menschen deutlich in dieser Fähigkeit.

Eigene Einstellung beeinflusst die Interpretation des Ausdrucks

In einer Studie der Universität Otago wurden Versuchspersonen aufgefordert, am Computer erstellte, ausdruckslose Gesichter entweder als wütend oder glücklich zu interpretieren. Danach sahen die Teilnehmer eine Computersimulation, in der sich die Gesichter von einem glücklichen zu einem wütenden Ausdruck hin veränderten, wobei die Probanden jene Miene identifizieren sollten, die sie vorher gesehen hatten. Dabei hatte sich die anfängliche Interpretation offensichtlich fest eingeprägt, denn jene, die das Gesicht als zornig betrachtet hatten, wählten nun eher eine wirklich wütende Miene, jene, die ein vermeintlich glückliches Gesicht gesehen hatte, entschied sich für den freudigen Ausdruck. Beim Auswählen imitierten die Versuchspersonen mit ihren eigenen Gesichtsmuskeln jene zornige oder glückliche Miene die sie vorher zu sehen geglaubt haben. Menschen sehen offnsichtlich die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie sie selber sind, d.h., dass der eigene Glaube die Wahrnehmung der Umwelt grundlegend beeinflusst.

Kulturunterschiede am Beispiel Spanien-Deutschland

Die Spanierin Laura Rodríguez Alonso berichtet nach einem Deutschlandbesuch von einem "Kulturschock", den sie verspürt hat, dennsie hatte zwar eine andere Sprache erwartet, aber nicht einen so unterschiedlichen Kommunikationscode, der nach ihrer Meinung nach schwieriger zu lernen ist als die Sprache. Sie berichtet über die Unterschiede in den Grußformeln und Höflichkeitskonventionen bei Tisch (Kürzungen von mir; W.S.):

Die Art und Weise der Begrüßung

Wir Spanier haben eine fast pauschale Weise der Begrüßung, die auch für jede Art von Beziehung gültig ist: Los dos besos, d.h. zwei Küsse auf die Wange Alle Menschen begrüßen sich so, mit Ausnahme von Mann zu Mann, in diesen Fällen wird einfach die Hand gegeben. In Deutschland gibt es drei Arten und Weisen der Begrüßung. Die Erste: Sich nur kurz Hallo sagen und kurz lächeln. Die Zweite: Die Hand geben, diese ist die häufigste, und diese ist auch gültig für alle möglichen Kombinationen zwischen Männern und Frauen. Und die Dritte: sich umarmen, diese ist ein eindeutiges Zeichen von Vertrauen, und es ist, wie die zweite, gültig für alle Kombinationen. Zu Beginn meines Aufenthaltes in Deutschland fiel es mir sehr schwer, auf die zwei Küsse auf die Wange zu verzichten. Langsam habe ich es mir abgewöhnt und mich an das andere Verhalten gewöhnt, aber trotzdem habe ich lange gebraucht, bis ich nach Gefühl wissen konnte, welche von den drei Begrüßungsarten bei jeder Gelegenheit die richtige war. Mittlerweile habe ich dieses Gefühl erworben und wenn ich wieder in Spanien bin, habe ich Hemmungen, wenn ich jemanden, den ich gar nicht kenne und den ich wahrscheinlich nie wieder sehen werde, oder der mir unangenehm ist, auf die Wange küssen muss. Die Situation hat sich jetzt geändert: Was mir früher fremd in einem fremden Land war, ist mir jetzt fremd in meinem Heimatland. (...)

Höflichkeitskonventionen

(...) Es ist weltweit bekannt, dass Spanier eher grob, trocken und temperamentvoll sind. Wir sprechen auch viel lauter als die Deutschen. Die Worte Danke, Bitte, Entschuldigung, Verzeihung, usw. werden viel öfter verwendet als gracias, perdón oder por favor. Ich musste mir Mühe geben, um diese Wörter öfter zu benutzen, oft fand ich es einfach lächerlich, immer noch bei mir vertrauten Leuten trotzdem bitte und danke sagen zu müssen. Ich habe es mittlerweile bestätigt bekommen, dass ich nicht die einzige bin, die das gespürt hat. Ich habe mich darüber mit meinen engen deutschen Freunden unterhalten und für sie war es am Anfang auch komisch, da mein Tonfall ihnen fremd war. In Bezug auf dieses Thema muss ich an das Frühstück denken. (...) Ich habe in Heidelberg 15 Monate in einem Studentenwohnheim gewohnt und seit zwei Jahren wohne ich in einer Wohngemeinschaft in Saarbrücken, und immer mit deutschen Mitbewohnern. Mit denen habe ich viele Frühstücke gemacht, die Stunden am Wochenende dauerten, mit allen Delikatessen, die man sich wünschen kann: Nutella, frischen Croissants, leckerem Brot, Käse, selbst gemachten Marmeladen u.a. Und ich musste immer denken: Wie viel Zeit wird verloren und wie viele Gespräche werden unterbrochen, um jemanden um die Milch, das Brot etc. zu bitten. Für mich waren diese Wörter, und diese ganzen Sätze unnötig und überflüssig, da ich einfach dachte: Wenn er mir nicht die Milch gibt, dann gebe ich ihm nachher auch nicht die Butter. Ich hätte es einfach mit einer Geste verlangt, oder mit so wenigen Worten wie möglich, z. B.: Gib mir die Milch, oder einfach: die Milch.

Mateship in Australien

Das Wort Mate (Freund) wird z. B. in Australien als freundliche Grußform verwendet, wobei praktisch jeder in Australien als Mate bezeichnet wird. Als Reisender in Australien muss man sich daher darauf einstellen, mit einem "How is it going mate?" begrüßt zu werden, wobei der Begriff geschlechtsneutral ist und für Männer wie Frauen gleichermaßen verwendet wird. Mateship kennt keine Klassenunterschiede, denn ob im Outback, in der Stadt, in Büros, in Clubs, Pubs, Parks oder in Supermärkten Australien teilen Menschen die tiefverwurzelten Werte des Mateship, wobei Mateship auf die ersten Sträflingslager im 18. Jahrhundert zurückgeht und für Gleichheit, Loyalität und Freundschaft steht.

Der richtige Händedruck beim Händeschütteln

Geoffrey Beattie (London) stellte zwölf Grundregeln für den richtigen Händedruck auf, denn schließlich ist das Händeschütteln eines der wesentlichsten Elemente für den ersten Eindruck bei Begegnungen und dient zusätzlich als Informationsquelle, sich ein Urteil über den anderen Menschen zu bilden. Wichtig ist ein fester Händedruck mit der ganzen Hand, und zwar mit der rechten Hand, denn ein schlaffer Händedruck deutet auf Unsicherheit hin, aber ein allzu forscher Händedruck verweist auf Überheblichkeit. Die beiden Hände solchen sich optimal auf halber Höhe treffen, wobei ein dreimaliges Schütteln angemessen sei, denn länger als zwei oder drei Sekunden sollte man die Hand des Gegenübers nicht festhalten. Die Handfläche sollte beim Händeschütteln kühl und trocken sein. Während des Händeschüttelns sollte man dem Anderen in die Augen schauen und den Blick halten, wobei ein natürliches Lächeln auch gut ankommt.

Manche Menschen halten beim Verabschieden die linke Hand hinter dem Rücken, sind dabei leicht nach vorne gelehnt und reichen die rechte Hand zum Händeschütteln. Diese Haltung bzw. Geste stammt aus dem späten Mittelalter, denn damals war es nicht unüblich, einen Gegner zum Essen einzuladen und dann mit der linken Hand Gift in den Becher zu gießen oder in der linken Hand ein Messer zu halten, mit dem man zustechen konnte. War das Ziel der Einladung jedoch nur ein freundschaftliches Treffen, wollte man durch diese Geste seinem Gast versichern, dass er in Sicherheit war. Dazu band man den Sklaven oder Dienern, die das Essen servierten, die linke Hand auf den Rücken, sodass der Gast sah, dass die Diener ihm nicht das Essen vergiften oder ihn gar erstechen konnten, und fühlte sich in Sicherheit. Diese Geste gilt heute noch in der gehobenen Gastronomie und bis heute gilt es als Zeichen der Höflichkeit die linke Hand auf den Rücken zu legen, wenn man serviert oder sich zu verabschieden. Übrigens: Schon im alten Ägypten hielten die Diener nicht nur beim Einschenken die linke Hand hinter dem Rücken. Im antiken Rom wurde dem bedienenden Sklaven die linke Hand auf den Rücken gebunden, und in der Ritterzeit gab es das Anstoßen mit den Sitznachbarn, wobei darauf geachtet wurde, dass einige Tropfen des eigenen Getränks in das Glas des Nachbarn schwappten, denn hätte der Nebenmann seinem Gegenüber heimlich Gift ins Getränk geschüttet, würde er sein eigenes Getränk nach dem Anstoßen nicht mehr anrühren.

Bei der Begrüßung sind Berührungen am Unter- oder Oberarm ein territorialer Übergriff, denn so wird nonverbal ein Führungsanspruch deutlich gemacht. Dasselbe gilt, wenn ein Partner beim Händeschütteln seine Hand nach oben dreht und den anderen dadurch in den Griff nimmt, wodurch eine dominante Handlungsabsicht deutlich wird, die der andere als Herabsetzung interpretieren muss. Übrigens ist auch eine nur angedeutete Verbeugung vor dem Gesprächspartner eine Unterwerfungsgeste, denn wer sich schon beim Handschlag auf diese Weise klein macht, verspielt seinen Status, sodass das folgende Gespräch dann kaum auf Augenhöhe ablaufen wird.

Wissenschaftler in Israel wollen in einem Experiment herausgefunden haben, warum Menschen einander überhaupt bei einer Begrüßung die Hände schütteln, denn angeblich schnuppern Menschen danach völlig unbewusst an ihren Händen, wodurch der Nase chemische Duftstoffe zugeführt werden, die viel über das Gegenüber verraten, also ähnlich, wie auch Hunde einander beschnuppern. Für die Studie wurde eine Gruppe von Probanden von einem Versuchsleiter per Handschlag willkommen geheißen, eine Kontrollgruppe wurde nur mit Worten begrüßt. Als die Teilnehmer danach vermeintlich unbeobachtet in einem Raum warten sollten, waren sowohl Länge als auch Intensität des unbewussten Schnüffelns an der Hand bei den mit Handschlag begrüßten Probanden deutlich länger.

Bekanntlich kann ein Händedruck kräftig, feucht oder schwach sein, wobei dieser neben Unsicherheit und körperlicher Schwäche auch einiges über die mentale Gesundheit preisgibt. Wissenschaftler der Boston University untersuchten in der Framingham-Offspring-Studie bei über zweitausend Männern und Frauen (Durchschnittsaltern 62 Jahre) im Zeitraum von 1999 und 2005 den Zusammenhang zwischen der körperlichen Fitness und möglichen Hirnerkrankungen. Dabei konnte man einen Zusammenhang zwischen dem Händedruck und Demenz beziehungsweise Alzheimer feststellen, denn TeilnehmerInnen, deren Händedruck besonders schwach war, also unter einer Stärke des zehnten Perzentils (für Frauen unter 15 kg, für Männer unter 30 kg) lag, erkrankten später eher daran. Menschen mit einem schwachen Handschlag haben dabei ein 2,5-fach höheres Risiko, an Alzheimer zu erkranken, wobei TeilnehmerInnen über 66 Jahre zudem anfälliger für einen Schlaganfall waren. Man vermutet daher, dass die Stärke des Händedrucks als Indikator für die Struktur und Funktion des Gehirns dient.

Gestik der rechten und linken Hand

"Gut" und "böse" sind in vielen Kulturen jeweils mit rechts und links assoziiert, wobei wie im Englischen "right" sowohl für richtig als auch für rechts steht. Mit dieser kulturellen Prägung lässt sich nach neuere Forschungen von Casasanto & Jasmin (2010) allerdings nur die Gestik von Rechtshändern erklären, denn Menschen verbinden positive Botschaften nicht mit einer bestimmten Körperseite, sondern mit der Seite, die bei ihnen persönlich dominiert. Menschen nutzen die nichtdominante Hand häufig für negative Botschaften und unterstreichen damit die negative Inhalte häufiger als mit der nichtdominanten Hand. Die Hand, die ein Sprecher für seine Gestik bevorzugt benutzt, sagt also viel darüber aus, was er tatsächlich über seine Botschaften denkt, wobei sich kaum ein Sprecher dabei bewusst ist, welche Botschaft er mit seinen Gesten an die ZuhörerInnen sendet.

Tiere kraulen

Ein Tier zu kraulen entspannt nicht nur das Tier, sondern auch den Menschen, denn eine Streicheleinheit von acht Minuten am Tag, hilft den Blutdruck zu senken und den Puls zu beruhigen, das Immunsystem zu stärken und die Stimmung zu heben. Verantwortlich dafür sind wie immer Endorphine, also Glückshormone, die der menschliche Körper ausschüttet, sobald sich Hand durch das Fell eines Tieres wühlt. Katzen schneiden in ihrer beruhigend-heilsamen Wirkung nach Untersuchungen doppelt so gut ab wie Hunde, denn ihr Schnurren entfaltet eine therapeutische Wirkung. Katzen schnurren nicht nur, wenn sie sich wohlfühlen, sondern auch, wenn sie verletzt sind, d.h., das tieffrequente Schnurren unterstützt Gelenke und Muskeln beim Heilen.

Quellen

Alonso, Laura Rodríguez (2005). Das Leben in Deutschland aus spanischer Sicht.
WWW: http://www.g-daf-es.net/lesen_und_sehen/germanistik/lra1.htm (06-11-12)

Casasanto, D. & Jasmin, K. (2010). Good and Bad in the Hands of Politicians: Spontaneous Gestures during Positive and Negative Speech. PLoS ONE 5(7): e11805. doi:10.1371/journal.pone.0011805.
WWW: http://www.plosone.org/article/fetchObjectAttachment.action;jsessionid= C750F16D8041DF129A0D00E032BA9894.ambra01?uri=info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0011805&representation=PDF (10-07-28)

http://www.nachrichten.at/ratgeber/familie/art124,429992 (10-07-19)

http://www.welt.de/print/wams/lifestyle/article13839482/Neuigkeiten-aus-der-Tierwelt.html (12-01-28)

http://www.focus.de/gesundheit/news/was-die-begruessung-verraet-schwacher-haendedruck-das-koennte-ein-hinweis-auf-ihr-demenzrisiko-sein_id_5856507.html (16-08-26)

Siehe auch Die elf Todsünden der Kommunikation - und wie man es besser macht ...

Überblick: Was ist nonverbale Kommunikation?



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