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Die Peergroup

Der Mensch ist im Lauf seiner physischen, psychischen und sozialen Entwicklung vielfältigen Einflüssen ausgesetzt. Der Familie kommt dabei eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie beeinflusst wie keine andere Sozialisationsinstanz die Lebensbedingungen und somit die Einstellungen und das Verhalten.

Die Jugend ist die Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsen sein. In dieser Phase kommt es zu großen Veränderungen und Belastungen vor allem im psychischen Bereich (Individuation, Lebensplanentwicklung, Wertsystementwicklung). Der junge Mensch ist auf der Suche nach seiner Identität, die freilich das ganze Leben nie abgeschlossen wird. Die große Bedeutung erhält die Identitätssuche der Pubertät durch den Übergang zwischen der „Fremd“bestimmtheit durch die Eltern und der Selbstverantwortlichkeit als Erwachsener.

In der Phase der Identitätsfindung setzt sich der Jugendliche mit Berufs-und Geschlechterrollen, mit der Ablösung vom Elternhaus und mit den in der Gesellschaft herrschenden Werten auseinander. Die Identitätsfindung verläuft in vier Ebenen:

  1. Reflexiv (Produktion des ersten Selbstbildes): Korrektur bzw. Bestätigung durch Kontakt mit anderen
  2. Optativ (Kreation von Wunschvorstellungen über die eigene Person): Jetzt weiß der Mensch bereits, wo er sich zugehörig fühlt. Vorbilder spielen eine wichtige Rolle.
  3. Akzeptiv (Akzeptanz der eigenen Person steht im Mittelpunkt): Die Anerkennung der persönlichen Schwächen und Stärken gelingt vor allem Personen, die von ihrer Umwelt akzeptiert werden, leichter. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Beruf, da dieser ja einer Aufgabe in der Gesellschaft entspricht (Problem der Jugendarbeitslosigkeit).
  4. Sozial (Identitätsbildung in einer Gruppe): „Der Heranwachsende, der sich allmählich aus dem Elternhaus zu lösen beginnt, um nach neuen Zielvorstellungen ein Leben aufzubauen, sucht nach neuen Bindungen, die er in der Gruppe der Gleichaltrigen findet. Die Vorbilder, Leitbilder und Wertebegriffe, die ihm diese Gruppe anbietet, formen und prägen ihn." (Heinelt 1982, S. 107). Mögliches Problem: Gruppendruck

Im späten Kindesalter, in der Pubertät und im Jugendalter verstärkt sich der Einfluss der gleichaltrigen Freundinnen und Freunde. Diese Peergroups (Jugendgruppen, Cliquen, Banden) beeinflussen das Verhalten von Kindern und Jugendlichen und leisten so einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Persönlichkeit und Identität (vgl. Oerter & Montada 1995, S. 369).

Kennzeichen von Peergroups

Organisation von Peergroups

Studie von Savin-Williams (1987) zu Dominanz und Altruismus in der Peergroup:

Dauer: 5 Wochen, in Freizeitcamps, sechs männliche und vier weibliche Gruppen mit je 4-6 Personen im Alter von 12-17
Ergebnisse: Die dominantesten Gruppenmitglieder (die Gruppenführer/Alphas) zeigten auch am ausgeprägtesten prosoziales Verhalten. Die Merkmale der Führer: körperlich weiter entwickelt, größer und schwerer, etwas älter als die anderen. Von den Gruppenmitgliedern wurden sie als körperlich attraktiv, intelligent und sportlich-athletisch beschrieben; von den Betreuern als konstruktive und integrierende Personen eingestuft.
Schlussfolgerungen von Savin-William: Da die Dominanzhierarchie eine stabilisierende und stressmindernde Funktion in der Gruppe hat, wird das Konflikt- und Stresspotential durch die Verwendung dieser Organisationsstruktur vermindert. (analog zur Evolution des Menschen)

Funktionen von Peergroups

Physisch: Vergleich von körperlichen Entwicklungen (à emotionale Probleme und Verhaltensprobleme)

Psychisch:

Sozial:

Kommunikation innerhalb der Peergroup

Peergruppe bietet Sicherheit

Durch Sozialisationseinflüsse wird sowohl das Risikoverhalten als auch das Sicherheits- oder Präventionsverhalten von Kindern und Jugendlichen beeinflusst und ausgeformt. Die Auswirkungen einzelner sozialisierender Faktoren wurden in dem Vortrag von Maria Limbourg dargestellt.

Viele jugendtypische riskante Verhaltensweisen (Mutproben, Drogenkonsum, schnelles oder alkoholisiertes Fahren) werden durch die Clique oder Gruppe beeinflusst. Das riskante Modellverhalten der Peers wird von den Jugendlichen häufig imitiert, weil die Konformität mit Peer-Normen in dieser Zeit sehr ausgeprägt ist. Die Jugendlichen stehen unter einem starken Gruppendruck. Für die Gruppenzugehörigkeit tut man alles - daher werden auch erhebliche Risiken in Kauf genommen. Gruppenkonforme riskante Verhaltensweisen stellen für die Jugendlichen häufig einen Weg dar, von der jeweiligen Bezugsgruppe akzeptiert zu werden und eine Identität innerhalb der jugendlichen Subkultur aufzubauen (Vgl. Limbourg, 1998).

Nicht alle Jugendlichen lassen sich von ihrer Peer-Gruppe in Bezug auf das Risikoverhalten gleich stark beeinflussen. Und nicht alle Peer-Gruppen zeigen solche riskanten Verhaltensweisen. Es gibt sogenannte „Problem Kids'', bei denen das riskante Verhalten zum „Problemverhalten'' wird. So ein Problemverhalten (z. B. alkoholisiertes Mofa-Fahren) tritt vor allem dann auf, wenn es in der Peer-Gruppe gebilligt wird, wenn der Jugendliche viele Peer-Modelle mit dem gleichen Problemverhalten kennt und wenn er stärker unter dem Einfluss der Peers als unter dem elterlichen Einfluss steht. Männliche Jugendliche sind in diesem Bereich sehr viel häufiger vertreten als Mädchen. Neben dem Geschlecht spielen auch noch der sozioökonomische Status, die Schulbildung und die berufliche Ausbildung eine wichtige Rolle. So verunglücken Jugendliche aus Sonderschulen oder aus Hauptschulen wesentlich häufiger als Realschüler und Gymnasiasten bei sog. „Mutproben'' wie z. B. S-Bahn-Surfen, Auto-Surfen, Überqueren der Autobahn vor den herannahenden Fahrzeugen,…

Auf der Grundlage dieser Forschungserkenntnisse sollten sich die Präventionsansätze im Jugendalter an die Jugendlichen in ihrem sozialen Kontext richten (vgl. Limbourg, 1998). Das bedeutet, dass Jugendgruppen wie Fußball-Fans, Schulklassen, Jugendclubs, Lehrlinge einer bestimmten Firma, Besucher einer Disco usw. als Gesamtheit angesprochen werden müssen. Dabei sind besonders solche Gruppen von Bedeutung, die ein erhöhtes Sicherheitsrisiko aufweisen (Risiko- oder Problemgruppen). Außerdem sollten bei der Unfallprävention die Jugendlichen selbst sehr viel stärker als bisher einbezogen werden.

Peer-Education

Warum Peer-Education?

Jugendforscher beobachten seit einigen Jahren zunehmende "Demoralisierungs- und Ohnmachtgefühle" bei Jugendlichen. Immer mehr Jugendliche haben das Gefühl, selbst keinen Einfluss auf politische und gesellschaftliche Prozesse zu haben und sehen ihre Zukunftsperspektiven wenig optimistisch. Deshalb wird gefordert, sie stärker als bisher in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, partizipative Arbeitsformen in der Jugendarbeit zu fördern und die Einflussnahme von Jugendlichen zu stärken. Peer Education-Ansätze erscheinen gerade in der Präventionsarbeit als sinnvolle Alternative zu bisherigen Präventionsansätzen, da sie "partizipativ angelegt" sind und Jugendlichen Möglichkeiten eröffnen, Projekte mit zu gestalten und aktiv Einfluss auf Ziele und Arbeitsformen zu nehmen.

Wie funktioniert Peer-education?

In den letzten fünf Jahren hat das Interesse an Peer-Ansätzen auch in Europa stark zugenommen. Derzeit bemüht man sich nicht nur national, sondern auch auf EU-Ebene darum, Peer Education-Programme zu qualifizieren und sie miteinander zu vernetzen (EUROPEER). Einige sehen in diesen Aktivitäten die Anfänge einer (neuen) "Peer Education-Bewegung".

Peer-Education-Ansätze gehen davon aus, dass spezifisch Jugendliche Inhalte der Gesundheitsförderung und Lebensgestaltung eher in ihr Erkenntnis- und Verhaltensrepertoire aufnehmen, wenn ihnen diese von Gleichaltrigen vermittelt werden. In Peer Education werden oftmals eigens trainierte Jugendliche (Peers) eingesetzt, um eine Gruppe (z.B. Schulklasse, Besucher einer Jugendfreizeiteinrichtung, Diskobesucher, etc.) über ein Thema zu informieren und ihre Einstellungen und Verhaltensweisen zu beeinflussen. Peer Education Ansätze setzen auf einen Multiplikatoreneffekt, der von den Peers ausgeht. Bevorzugte Einsatzgebiete waren bisher die Raucherprävention, Drogenprävention, das Sexual- und Verhütungsverhalten und die AIDS-Prävention.

Ziele

  1. Eigenverantwortung der Schüler stärken
  2. Hilfestellung beim Aufbau eines eigenen Wert- und Normensystem
  3. Frühere Konflikterkennung und -deeskalation
  4. Konfliktbewältigungsstrategien etablieren
  5. Gewaltbereitschaft abbauen
  6. Klassen-/Schulklima verbessern

Chancen von Peer-Ansätzen

In Peerbeziehungen werden untereinander gleiche Sprachcodes verwendet. Dadurch ist ein direkterer Umgang miteinander möglich als zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Peers, so wird vermutet, seien im Umgang miteinander motivierter als Erwachsene, Unterschiede zwischen sich und den anderen auszugleichen. Während gemeinsamer Handlungen findet implizites Lernen statt, das besonders zum Erwerb extrafunktionaler Qualifikationen beiträgt. So werden Problemlösefertigkeiten und Denkstrategien voneinander übernommen; die Peer Group zwingt zur wechselseitigen Kompromissbildung. Entsprechend wird vermutet, dass Peer Unterricht und Peer Tutorien besonders dazu geeignet sind, die Motivation von leistungsschwächeren Schülern zu stärken, zur Selbstwertsteigerung und zur Förderung kreativer Problemlösungsstrategien beizutragen und konstruktives Sozialverhalten zu fördern.

Entwicklungsperspektiven

Noch fehlen vor allem kontrollierte Studien, die auch Auskunft über Langzeiteffekte von Peer-Ansätzen geben. Ein von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gefördertes und in Berlin realisiertes Peer Education-Projekt zu "Liebe Sexualität und Schwangerschaftsverhütung" hat hier insofern eine Modellfunktion, als in einer quasiexperimentell angelegten begleitenden Prozess- und längsschnittlich angelegten, summativen Evaluation Chancen, Wirkungsweise und Nutzen von Peer-Education-Programmen im Präventionsbereich nachgewiesen werden konnten (vgl. Kleiber u. Appel, 1998). Es gilt nun, die Frage der Erreichbarkeit von benachteiligten Zielgruppen und die Übertragbarkeit des Peer-Ansatzes auf neue Settings zu prüfen. Wenn es auch im EU-Raum gelingt, Praxisteams zu fördern, die für maximale Transparenz der Abläufe sorgen und eine Begleitforschung aktiv einfordern und diese zur Selbstreflexion und als Instrument in der Auseinandersetzung mit Außenstehenden nutzen, kann Peer-Education erfolgreich weiterentwickelt werden. Gute Chancen haben Peer-Ansätze, wenn sie nicht nur partiell in Zeiten ökonomischer Krisen, sondern im Rahmen einer partizipativ angelegten, empowerment-orientierten Jugendarbeit etabliert werden, auf die jeder demokratische Staat stolz sein kann.

Verwendete Literatur

Anastasiou, K., March, A., Sury, P., (2002). Handybesitz und die soziale Integration von Jugendlichen. Online im Internet: WWW: http://visor.unibe.ch/WS02/cvk/arbeiten/Handybesitz_und_soziale_Integration.pdf (2002-10-18)

Großegger, B. (2005). Schriftenreihe Jugendpolitik. Online im Internet: https://broschuerenservice.bmsg.gv.at/PubAttachments/Generationen%20Beziehungl.pdf (07-11-04).

Limbourg, Maria (1998). Die Bedeutung von Familie und Freunden für Sicherheit und Gefahr im Kindes- und Jugendalter. Online im Internet: WWW:
http://www.uni-essen.de/traffic_education/texte.ml/Familie.html (2002-10-17)

Kleiber, Dieter (1999). Empowerment und Partizipation. Chancen von Peer Education in der Präventionsarbeit. Online im Internet: http://www.aktion-jugendschutz-bayern.de/projugen/leit4_99.htm (2002-10-17)

Kraak, B. (1997). Bullying, das Quälen von Mitschülern. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 44, 71-77

Kruse, J. (2000). Erziehungsstil und kindliche Entwicklung: Wechselwirkungsprozesse im Längsschnitt. In S. Walper & R. Pekrun (Hrsg.), Familie und Entwicklung (S. 1-8). Göttingen: Hogrefe.

Mietzel, G. (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie. Verlagsgruppe Beltz: Weinheim.

Oerter, R. & Dreher, E. (2002). Jugendalter. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 258-318).Weinheim: Beltz.

Preiser, S. (1994). Jugend und Politik. Anpassung – Partizipation - Extremismus. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 874 - 884).Weinheim: Beltz.

Reinders, H. (2004). Freundschaften im Jugendhalter. Online im Internet: http://www.familienhandbuch.de/cms//Jugendforschung-Freundschaften.pdf (07-11-01).

Schneewind, K. (2002). Familienentwicklung. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 105-127).Weinheim: Beltz.

Schneewind, K. (1998). Familienentwicklung. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 129-170).Weinheim: Beltz.

Silbereisen, R. & Ahnert, L. (2000). Soziale Kognition: Entwicklung von sozialem Wissen und Verstehen. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 509-682).Weinheim: Beltz.

Stangl W. (2007). Entwicklungsaufgaben im Jugendalter: Online im Internet: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungsaufgabeJugend.shtml (07-11-01).

Uhlendorff, H. (1996). Elterliche soziale Netzwerke in ihrer Wirkung auf die Freundschaftsbeziehungen der Kinder. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 43, 127-140.

Zimmermann, P., Gliwitzky, J., Becker-Stoll, F. (1996). Bindung und Freundschaftsbeziehungen im Jugendalter. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 43, 141-154

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