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Der kritische Theorieansatz

Die Didaktik in den 60er Jahren des 20. Jh. war geprägt von verschiedenen wissenschaftstheoretischen Standpunkten. Dabei hatte das Modell der Bildungstheoretischen Didaktik eine geisteswissenschaftliche Ausrichtung und damit ein Bezug zu geisteswissenschaftlichen Methoden wie Hermeneutik, Dialektik und Phänomenologie. Grundlegend für das Verständnis dieses Ansatzes ist der Bildungsbegriff in der Tradition von Nohl und Flitner, wonach sich der Mensch in Begegnung mit der kulturellen Wirklichkeit bildet.

Heute lässt sich die Bildungstheoretische Didaktik in der Weiterführung durch die Kritisch-konstruktive Didaktik nicht mehr in dieses Schema pressen, vielmehr liegt eine didaktische Theorie vor, die sich anderen Forschungsmethoden geöffnet hat und deshalb eine Mischtheorie ist. So integriert die kritisch-konstruktive Didaktik auch die Empirie und Ideologiekritik.

Die Frankfurter Schule

Schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg und zwar etwa zur gleichen Zeit wie der Wiener Kreis entstand das Frankfurter Institut für Sozialforschung, dem u.a. Theodor Adorno, Erich Fromm, Max Horkheimer und Herbert Marcuse angehörten. Diese sogenannte Frankfurter Schule versuchte die Gesellschaftstheorie von Karl Marx philosophisch, historisch und psychoanalytisch neu zu interpretieren. Durch den Nationalsozialismus kam es in Deutschland erst sehr spät, nämlich ab ca. 1961 zu einer intensiven wissenschaftstheoretischen Diskussion zwischen Vertretern der Frankfurter Schule mit Vertretern des Neopositivismus.

Die kritische Theorie stellt eine Art Metatheorie dar, die einmal in ideologiekritischer Absicht, andere theoretische Ansätze kritisiert, aber auch zugleich bestehende gesellschaftliche Verhältnisse verändern will. Sie ist also Metatheorie, weil sie die Gründe und Begründungen anderer Theorien in einem gesellschaftlich-historischen Kontext zu erklären versucht. Bei der Absicht zur Veränderung geht sie nicht von wissenschaftlichen Hypothesen aus, sondern von gesellschaftlichen Widersprüchen, will diese keineswegs aber nur erklären sondern auch verändern. Als Motor dieser Veränderung dient die Kraft der kritischen Analyse und Reflexion. Ansatzpunkt dieses Reflexionsprozesses stellt die Analyse des eigenen Tuns der Wissenschaft dar. Der Klärung der Frage z.B.: Warum Wissenschaft als Vermittlerin von Wissen nicht mehr Aufklärung und Befreiung bewirkt, sondern auch Abhängigkeit und Einengung des Menschen unter Sachzwang und Sachgesetzlichkeit.

Positivismusstreit

Im sogenannten Positivismusstreit zwischen den Vertretern dieser beiden Ansätze, versuchte die Frankfurter Schule herauszustellen, daß jeder Theoriebildung immer schon ein Erkenntnisinteresse vorausgeht und daß Theorien von Herrschaftsinteressen durchsetzt seien. Den Neopositivisten wurde eine verschleiert normative Funktion vorgeworfen. Der Forscher sei stets Teil der Gesellschaft und könne sich nicht außerhalb seiner selbst stellen. Er müsse sein Verhältnis zu Gesellschaft, Forschung und Wissenschaft mitreflektieren. Ausgehend von Marx verwies u.a. M. Horkheimer bezüglich der herkömmlichen Theorieansätze darauf, daß wissenschaftliche Theorien ja nicht im luftleeren Raum zustande kommen und unabhängig von allen geschichtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen seien. Theorie sei also kein Produkt willkürlicher Setzungen von Individuen. "Die Beziehung von Hypothesen auf Tatsachen vollzieht sich schließlich nicht im Kopf von Gelehrten, sondern in der Industrie" (Horkheimer 1970, S. 17).

Schon sehr früh haben die Vertreter der Frankfurter Schule herausgestellt, daß auch Wissenschaft einen ambivalenten Charakter trägt. Zwar hat Wissenschaft zunächst die Befreiung des Menschen von blinden Naturgewalten gebracht, aber auch Technologien erzeugt, mit ihnen einen arbeitsteiligen Produktionsprozeß und in ihm den Menschen in neue Abhängigkeiten geführt. Adorno und Horkheimer nennen diesen doppeldeutigen Prozeß "Dialektik der Aufklärung" und meinen damit die grundsätzliche Möglichkeit des Scheiterns und Umschlagens von Emanzipationsprozessen. So schlägt Aufklärung über Entfremdung um in neue Entfremdung.

   

Quellen:
Stigler, Hubert (1996). Methodologie. Vorlesungskriptum. Universität Graz.
WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/materialien/meth.doc (98-01-03)
Moser, Heinz (o.J.). Das Erforschen der eigenen Praxis als Möglichkeit kritischer Unterrichtsreflexion.
WWW: http://www.schulnetz.ch/unterrichten/fachbereiche/
medienseminar/kridida.htm (03-03-10)

Eine ausführliche Darstellung der wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Erziehungswissenschaft findet sich bei

Gregor Rébel: Wissenschaftstheorie für die Erziehungswissenschaften



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