[werner.stangl]s arbeitsblätter 

 

Spekulation als Glücksspiel *)

Ich kann die Bahn der Himmelskörper auf Zentimeter
und Sekunden berechnen, aber nicht
wohin die verrückte Menge einen Börsenkurs treiben kann.
Sir Isaac Newton

Da dieser Aspekt bisher in der Fachliteratur kaum Beachtung fand, scheint es unabdingbar zuerst festzustellen, ob die Spekulation, bzw. welche Arten der Spekulation Gemeinsamkeiten mit dem Glücksspiel aufweisen. Geld bzw. der Gewinn ist eines der wichtigsten Motive für Glückspiel – der Traum seine monetären Verhältnisse grundlegend zu verändern. Auf den einführenden Seiten eines Börsenratgebers, welcher vor allem „Anfänger“ ansprechen soll, findet man folgende Aussage. 

„Eines Tages stellt sich der sogenannte „Geldschock“ ein, wenn wir feststellen, dass wir zu geringe monetäre Mittel für die Befriedigung unserer Bedürfnisse besitzen bzw. verdienen. Ab sofort quält uns die Frage ‚Wie kommt endlich Geld in unsere Kasse?’ Tag und Nacht martern wir damit unser Gehirn, bis unsere Analysen eine erste, wiederum folgenschwere Erkenntnis Liefern:

Zu Geld zu kommen ist eine schwierige Sache. Die meisten versuchen es mit Arbeit – das Ergebnis kennen wir! Sollte Ihnen das zynisch vorkommen, so schauen Sie sich in Ihrem Bekanntenkreis und in der Welt um. Die meisten werden einer beruflichen Tätigkeit nachgehen und bestreiten dadurch ihren Lebensunterhalt. Reich werden sie davon jedenfalls nicht. (…) Ohne vollen Einsatz, ohne intellektuelle und seelische Energie bleibt die Kasse jedoch leer. Sollten Sie zu Ihrer Kasse auch Geldbörse sagen, so ist der erste Schritt bereits getan, und wir kommen vom Geld zur Börse. Nirgendwo kann man seinen Geldschock rascher überwinden. Es sei denn, man sucht das schnelle Glück im Spielkasino. Das wahrscheinlichere Ergebnis dürfte dann allerdings Geldschock II heißen. Dies ist selbstverständlich auch an der Börse möglich, doch man kann sich hier besser vorbereiten und intelligentere Strategien austüfteln“ (Rapf, 1996, S. 13ff).

Rapf unterscheidet also die Börsenspekulation sehr wohl von Arbeit, aber er rechnet sie auch nicht dem Glückspiel zu. Als ausschlaggebender Grund wird die mögliche, persönliche Einflussnahme auf das Ergebnis der Spekulation durch die Anwendung  von selbst- oder fremdentwickelten Strategien angeführt, wo hingegen beim Glücksspiel die Chancen immer gegen den Spieler stehen. Ist es wirklich so einfach? Lassen sich an der Börse, wie von Rap schon im Titel seines Buches angedeutet, wirklich riesen Gewinne realisieren, wenn man einfach nur intelligent genug ist? Sind Kurse vorhersagbar? Wenn dies der Fall ist, warum macht es nicht schon längst jeder?

In diesem Text wird die Börsenspekulation nach den Merkmalen des Glückspiels analysiert. Dabei werden vor allem Theorien und Untersuchungen aus den Finanzwissenschaften herangezogen und nach eventuellen Parallelen durchleuchtet. 


Grundregel an der Börse: Das Geld ist nicht weg, das haben jetzt einfach nur andere.
Matthias Deutschmann

Zufallscharakter der Kursbewegungen  (The Random Walk)

Die Theorie des Random Walks stützt sich auf die These des effizienten Marktes und besagt, dass die Kurse alle bis jetzt verfügbaren Informationen beinhalten und somit den fundamentalen Wert einer Aktie widerspiegeln, bzw. um diesen schwanken (lediglich Anpassung von Angebot und Nachfrage). Kursbewegungen würden nur dann stattfinden, wenn neue kursrelevante Informationen den inneren Wert des Unternehmens verändern (vgl. Steiner & Bruns, 1998, S. 200). „Efficient capital markets have no memory.“ (Brealey & Myers, 1988 zit. nach Thaler, 1994, S. 152).  In der Literatur werden drei Formen von effizienten Märkten unterschieden (vgl.  Fama, 1970,  S. 383):

  1. schwache Effizienz Die Information umfasst nur vergangene Preise.
  2. mittel-starke Effizienz Die Informationsmenge beinhaltet neben den vergangenen Preisen auch sämtliche verfügbaren, öffentlichen Daten.
  3. starke Effizienz Starke Effizienz liegt dann vor, wenn sogar die nicht öffentlichen Informationen (Insiderinformationen) in den Preisen berücksichtigt sind.

In einem schwach effizienten Markt lassen sich somit aus vergangen Kursen  keine Prognosen für die Zukunft entwickeln, aufgrund der man überdurchschnittliche Renditen erzielen könnte, da die aktuellen Kurse bereits die historischen Preise berücksichtigen. Die mittel-starke Effizienz schließt, wie oben angeführt, neben den historischen Kursen auch alle kursrelevanten öffentlichen Informationen mit ein und in der starken Form werden sogar Insiderinformationen berücksichtigt (vgl. Kiehling, 2001, S. 5). Dies würde bedeuten, dass sowohl technische als auch fundamentale Aktienanalysen sinnlos wären, da kursverändernde Informationen immer zufällig auf den Markt gelangen und dieser Umstand eine Kursprognose unmöglich gestalten würde (vgl. Perridon & Steiner, 2002, S. 221f).

Die Theorie des Random Walks erfuhr durchaus vielseitige Kritik im Laufe der Jahre.  So wiederholten French und Roll Fama’s Test von 1965, und schlossen  auf die Unvorhersagbarkeit von Kursänderungen,  indem die täglichen Erträge von NYSE und AMEX Aktien in einem Zeitraum von 1963 -1982 verglichen wurden. Dabei stellte sich eine kleine, aber signifikante negative Korrelation zwischen den täglichen Renditen heraus (vgl. zit. nach Thaler, 1994, S. 153f). So ist es wahrscheinlich, dass Kursgewinnen an einem Tag Kursverluste am nächsten Tag folgen und umgekehrt (vgl. French & Roll 1986 zit. nach Fama, 1991, S. 1609). Jedoch ist anzunehmen, dass die Transaktionskosten, bei einer derart geringen Korrelation, die erwirtschafteten Gewinne übersteigen würden und somit wird es unmöglich sein, Nettogewinne aus einer solchen Strategie zu ziehen. Wesentlich höhere negative Korrelationen lassen sich feststellen, wenn Erträge in einem Zeitraum von 18 Monaten bis 5 Jahre miteinander verglichen werden (vgl. Fama & French, 1988, zit. nach Thaler, 1994, S. 154) Diese Zeiträume würden aber nicht mehr der Definition von Spekulation und somit dem versuchten Profitieren von kurzfristigen Preisänderungen entsprechen.

Einer der größten Kritikpunkte liegt jedoch im Informationsparadoxem. Denn der Random Walk schlussfolgert, dass aufgrund der Zufallsbewegungen der Kurse Informationssuche und –verarbeitung zwecklos wäre, da die Preise – wie oben bereits erwähnt – die Informationen bereits beinhalten (vgl. Götte, 2006, S. 4f). Aber wenn aus Informationen kein Ertrag generiert werden kann, dann würde der rationale Akteur keine Informationen mehr suchen und verarbeiten, da dies mit Kosten verbunden ist. Werden keine Informationen verarbeitet, wie können diese dann in den Kursen enthalten sein?

Adaptiert man das klassische Modell der vollkommenen Märkte nun vermehrt an die Realität, wird der Markt nach Widdel in gewissen Grenzen unvollkommen und  es dürfte doch Gewinner und Verlierer am Aktienmarkt geben. Die beiden Gruppen unterscheiden sich in ihrer Begabung voneinander, d.h. in ihrer Fähigkeit Prognoseinstrumente auszuwählen bzw. zu erstellen und diese zu handhaben. Unter dem Gewinn- begriff versteht man hier Bruttogewinne, also ohne Abzug von Transaktions, Personal- und Opportunitätskosten. Um von einer erfolgreichen Spekulation sprechen zu können, muss der Nettogewinn jedoch größer Null sein. Als Abzugsgröße vom Bruttogewinn werden 10% p.a. (risikolose Anlage + 2% Risikoprämie) angesehen. Diese durchschnittliche Rendite sollte ein Begabter Spekulant in der Lage sein über  20 – 30 Jahre zu realisieren. Dies erscheint Weddel als durchwegs geeignete Benchmark, auch wenn der Dow Jones zwischen 1965 – 1995 ein Wachstum von 5,9% p.a. aufweist, weil ein erfolgreicher Spekulant auch antizyklisch agiert und auch von fallenden Kursen profitieren kann. Die Fähigkeit eben diese Überrendite langfristig zu erzielen spricht Widdel nur besonders begabten und erfahrenen Spekulanten, die große Ideen haben, zu und verweist dabei auf Allzeitgrößen wie Tvede, Lynch und Kostolany (vgl. 1996, S. xff). Auch zitiert er Peter Lynch:

„Wenn schon professionelle Ökonomen die Wirtschaft nicht prognostizieren und Börsenprofis die Kursentwicklungen nicht vorhersagen können, welche Chance hat dann überhaupt ein Amateuranleger“ (Lynch, XXXX, zit. nach Widdel, 1996, S.X).

Elsenhuber findet in ihrer Studie über die Performence von aktiv gemanagten Fonds heraus, dass auch nur wenige bis gar keine fähig sind längerfristig signifikant den Benchmark zu schlagen und widerspricht hier teilweise Widdel. Wenn man nun Fondmanager, deren Berufsbild  aus einem durchaus großen Anteil von Analyse- und Informationssammlungstätigkeiten besteht, als die bestinformierte Gruppe auf den Märkten betrachtet und es ihnen trotzdem nicht gelingt, überdurchschnittliche Renditen zu erzielen, könnte dies durchaus ein Indiz für effiziente Märkte sein, auch wenn eine starke Form der effizienten Märkte nicht nachzuweisen war und über die Existenz der mittel-starken Informationseffizienz eine rege Diskussion geführt wird (vgl. Elsenhuber, 2003, S. 229ff). Natürlich wird, weil ein gesetzliches Verbot von Insidergeschäften besteht, bzw. ist es Personen, die Insiderinformationen besitzen, in verschiedenen Formen verboten, Wertpapiergeschäfte mit diesen Werten zu tätigen, das Vorhandensein eines stark effizienten Marktes im Vorhinein reglementiert.

Abschließend kann gesagt werden, dass eine Vorhersagbarkeit von kurzfristigen Kursbewegungen schon aus einfachen ökonomischen Gründen eine zu große Gewinnmöglichkeit darstellen würde um wahr zu sein (Shiller, 2000, S. 184). Denn wie auch schon Friedman bemerkte: „There is no such thing, like a free lunch.”  


Milchmädchen und Lemminge - die Psychologie der Börse

Ein ganz eigenes Feld beim Spekulieren mit Wertpapieren ist die Psychologie der Börse, denn anhaltend steigende Kurse („Hausse“) verleiten weite Teile der Bevölkerung in der Regel zunächst dazu, sich für Aktienerwerb zu interessieren. In der Folge werden diese Menschen, die sich sonst nicht für Wertpapiere interessieren und die kein Hintergrundwissen besitzen, verstärkt zu Aktienbesitzern. Diese „Milchmädchen-Hausse“ ist für Profi-Anleger das ultimative Signal auszusteigen, denn überbewertete Papiere kündigen den baldigen Absturz an. Ist die Blase schließlich geplatzt, kommen die „Börsenlemminge“ zum Zug. Erschrocken und panisch verkauft die breite Masse und beschleunigt so den Absturz, vor dem man sich eigentlich zu retten versucht. Erfahrene Anleger raten hingegen, Emotionen wie Gier oder Angst aus dem Spiel zu lassen, Verluste rechtzeitig zu begrenzen und nie so viel einzusetzen, dass man ruiniert ist, wenn die Spekulation nicht aufgeht.

Jens Klatt, ein Marktanalyst in einem Trader Forum, bestätigt in einem Beitrag zum Thema Trading-Psychologie, dass die Psychologie beim Trading die vielleicht wichtigste Komponente darstellt. Vor allem bei Anfängern sind es seiner Meinung nach drei Emotionen, die sinnvolle, logische Entscheidungen beim Trading stören: Gier, Furcht und Rache. Während Gier und Furcht leicht nachzuvollziehen sind, ist es vor allem auch das Gefühl der Rache, das manche Trader beherrscht. Klatt schreibt: "Vom sogenannten Revenge-Trading (…) ist dann die Rede, wenn ein Trader nach einem Verlust-Trade bzw. einer Reihe von Verlust-Trades auf Gedeih und Verderb seine Verluste wieder gut zu machen versucht. Hierbei ignoriert der Trader seine Strategie und alle klaren Regeln."

Erfolgreiche Aktienhändler verkaufen übrigens Anteile, noch während der Preis einer Aktie steigt, wobei diese emotional schwierige Entscheidung durch ein spezielles Warnsystem im Gehirn ermöglicht wird, denn sie bemerken als erste, wenn ein Markt überbewertet ist. Die vielen anderen Händler ohne dieses Warnsystem hingegen laufen der Marktbewegung hinterher und machen Verluste. In Experimenten untersuchte man die Gehirnaktivität und das Verhalten von Probanden, die 100 Einheiten einer fiktiven Währung und sechs Anteile eines fiktiven riskanten Vermögenswertes erhielten. Innerhalb von fünfzig Handelssitzungen mussten die Teilnehmer entscheiden, ob sie kaufen, verkaufen oder halten. Der Wert eines riskanten Anteils lag bei 14 Währungseinheiten, dennoch stieg der Preis im Verlauf des Experiments vorübergehend auf das Fünffache, sodass eine Blase entstand. Man fand drei Gruppen von Teilnehmern. Die Teilnehmer in der ersten Gruppe machten enorme Verluste, d. h., sie begannen zu kaufen, als die Preise stiegen, und kauften immer weiter bis zum Platzen der Blase. Die Teilnehmer in der zweiten Gruppe gingen kaum Risiken ein und machten kaum Gewinne oder Verluste. Am meisten verdienten die Teilnehmer der dritten Gruppe, denn sie kauften früh, als die Preise niedrig waren, und verkauften, als die Preise stiegen, machten also etwas emotional sehr Schwieriges, denn sie verkauften in einem steigenden Markt.

Quellen

Ebert, Johannes (2010). Die Psychologie der Börse. Wirtschaft vor Ort, 21.12.2010, DerWesten.

Klatt, J. (2013). Einführung in das Thema Trading-Psychologie.
WWW: http://forexforums.dailyfx.com/trading-psychologie/ 599811-einfuehrung-das-thema-trading-psychologie.html (13-02-04)


Empfehlungen von Banken sollten skeptisch machen

Privatanleger sollten vor dem Kauf von teuren Produkten überlegen, mit welchen die Banken das meiste Geld verdienen, besonders dann, wenn sie ihre Wertpapiere oder Fondsanteile durch häufiges Kaufen und Verkaufe umschichten, denn Kauf- und Verkaufsprovisionen sind wichtige Einnahmequellen für Banken und MaklerInnen. Die Analysten von Banken bedienen mit Kauf- und Verkaufsempfehlungen die Illusion der AnlegerInnen, man könne durch geschickte Aktienauswahl den Anlageerfolg steigern. Man sollte daher die Rolle der Kostenstrukturen nie vernachlässigen und vor allem die teilweise äußerst hohen Kosten von Investmentfonds und Zertifikaten beachten.

Psychologische Marken

Nach Ansicht von Experten reagiert die Börse höchstens zu zehn Prozent auf Fakten, während alles andere psychologische Phänomene darstellen wie Massenpanik, Herdentrieb, Angst und Gier, d.h., es sind diese Faktoren, die die Märkte nach oben treiben oder sie abstürzen lassen.

Vor allem ist der Herdentrieb nicht zu unterschätzen, denn Investoren bekommen massenweise Anlagetipps von Banken, Anlegermagazinen und vor allem Internetseiten, d. h., zwangsläufig erinnert man sich an die letzte Anlageempfehlung und steigt bei dieser Aktie ein. Jedoch rückt eine Aktie wegen ihrer guten Kursentwicklung in den Blick der Öffentlichkeit, und nicht, weil sich das Geschäft des dahinter stehenden Unternehmens gut entwickelt hat. Es ist offensichtlich, dass viele Privatanleger und oft auch Profis, die es besser wissen müssten, sich schaden, wenn sie der Herde folgen. Auch wenn es kurzzeitig verlockend sein kann, der Herde oder dem Rat eines Anlagegurus zu folgen, schmälert ein solches Verhalten meist die Performance und führt dazu, dass man in Wertpapiere investiert, die gar nicht zu den Anlagezielen passen.

Nach Ansicht des Wirtschaftspsychologen Winfried Neun ist die Verdrängung ein wichtiger Faktor, der bei Börsenentscheidungen mitspielt. Vor allem eine Art psychologischer Marken bzw. Orientierungspunkte im menschlichen Gehirn sind es, auf die jeder wartet, gehen die Kurse darüber oder fallen sie darunter: dann kommt es zu sehr irrationalen Verhaltensweisen von den Anlegern, beziehungsweise derjenigen, die sich damit beschäftigen, also auch von Experten. Genau solche meist hektischen Entscheidungen von Anlegern führen zu jenen Wellenbewegungen, die einem Abwärtstrend anstoßen.

Ein Großteil auch des Investmentverhaltens des Menschen wird von Mechanismen gesteuert, die aus einer Zeit stammen, als es nur um um Fressen und Gefressen werden ging. Daher beeinflussen die uralten Verhaltensmuster Kampf, Flucht oder Angriff bis heute die Menschen, was bei Geldentscheidungen kontraproduktiv ist, denn spontane Entscheidungen in diesem Bereich sind selten richtig, sondern 90% eines Anlageerfolgs bestehen darin, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten.

 

Behavioral Finance, die Börsenwissenschaft

Kernstück der Börsenwissenschaft ist nach Expertenansicht die Einschätzung, wie man Gewinne und Verluste wahrnimmt, denn Verluste wiegen nach Ansicht von Verhaltensforschern viel schwerer als Gewinne, und zwar etwa zweieinhalbmal so hoch. Deshalb nehmen Anleger Gewinne schnell mal mit und halten Verluste selten aus, ohne sich selbst zu betrügen. Dabei sind nach Hagstrom (2011) die größten Fehler der Anleger:

Risikotoleranz, denn die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie man sich bei der Geldanlage entscheidet und wie man bei der Verwaltung seiner Anlage entscheidet, hängt sehr davon ab, wie man über Geld denkt. Marktwerte werden nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt, sondern auch davon, wie Menschen diese Informationen verarbeiten.Während weniger risikofreudige Anleger gerne in Sachwerte wie Anlagediamanten oder Goldbarren investieren, die über einen langen Zeitraum gehalten werden, greift das andere Extrem der Anleger eher auf stark fluktuierende Werte zurück, die schnelle Gewinne versprechen, aber auch leicht zu hohen Verlusten führen können.

Übertriebene Zuversicht, denn obwohl Zuversicht nicht schlecht ist, ist aber übertriebene Zuversicht etwas ganz anderes, denn sie kann besonders im Umgang mit Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst schlechte Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken, denn Menschen legen zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse und meinen, sie können darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion bedeutet, dass der Schmerz durch einen Verlust viel größer ist als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. Menschen wollen immer glauben, sie hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen sie viel zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich doch noch wenden.

Verdrängen, denn Menschen neigen dazu, Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und das bestimmt dann, wie sie es verwenden. Diese geistige Buchhaltung führt dazu, dass Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen, denn in ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Echte Anleger sind hingegen gelassen, denn sie wissen, dass Aktienkurse von allen möglichen unvernünftigen Kräften beeinflusst werden, dass sie ebenso fallen wie steigen können und dass das auch für Aktien gilt, die sie selbst besitzen. Wenn das passiert, reagieren sie darauf mit Gleichmut. Sie wissen, dass der Preis wieder zurückkommt, solange das Unternehmen die Eigenschaften behält, die sie als Anleger zunächst angezogen hatten. Echte Anleger sind aber auch geduldig, denn anstatt sich von der Begeisterung der Menge mitreißen zu lassen, warten echte Anleger die richtige Gelegenheit ab. Sie sagen öfter Nein als Ja. Und vor allem handeln Anleger rational, d. h., sie gehen auf der Basis klaren Denkens an den Markt und die Welt heran. Sie sind weder übermäßig pessimistisch noch irrational optimistisch, sondern sie sind vielmehr logisch und rational.

In den letzten Jahren hat sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass soziale Netzwerke viele Informationen über die Stimmung an der Börse liefern können, wobei etwa nach viralen Gerüchten gesucht wird, die den Kurs einer Aktie erheblich beeinflussen können. Dafür werden etwa Kommunikation über Finanzmärkte in Wirtschaftsnachrichtenbeiträgne, Diskussionen aus Finanzforen und Twitter ausgewertet, denn auf Twitter wird seit einigen Jahren sehr intensiv über Aktien und andere Finanzthemen geschrieben und diskutiert. Für das Einsammeln der Daten werden Crawler benutzt, also Computerprogramme, die Webseiten nach Schlüsselworten durchsuchen. Ein Crawler durchsucht tausende Internetseiten pro Tag und verarbeitet täglich mehrere Millionen Datensätze, wobei mit subtilen Methoden der Künstlichen Intelligenz Spam-Nachrichten und irrelevante Daten ausgefiltert werden. Auch beim Filtern wird mit Schlüsselworten gearbeitet, wobei sich Spam-Nachrichten häufig daran erkennen lassen, dass sie bestimmte Worte enthalten, die normale Nachrichten nicht enthalten. Auffälligen Werten wird in der Regel manuell nachgegangen, denn steigt etwa die Zahl der Nachrichten zu einem Wertpapier ohne erkennbaren Grund deutlich an, wird analysiert, was genau zu dem Anstieg geführt hat und es wird nach Auffälligkeiten gesucht. Bei Twitter können das zum Beispiel Accounts sein, die erst vor kurzem angelegt wurden, aber schon hunderte Tweets gesendet haben, also möglicherweise genau zu diesem Zweck eingerichtet worden sind. Man hat bereits viele Netzwerke von falschen Nutzern entdeckt, die massenhaft Tweets verbreiteten und das Gesprächsaufkommen zu einer Aktie künstlich in die Höhe trieben. Solche Nutzer müssen vom System gesperrt ihre Nachrichten automatisch aussortiert werden und dürfen nicht mehr in der Analyse berücksichtigt werden.

Quelle: Hagstrom, R. G. (2011). Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie. Börsenbuchverlag.


Dieser Text ist teilweise folgender Arbeit entnommen: Breuer, R. (2008). Suchtpotenzial von Börsenspekulation. Linz: Institut für Pädagogik und Psychologie, Johannes Kepler Universität.

Literatur zu Spekulation und Glücksspiel



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