[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Menschenmodelle der Entwicklungspsychologie

Was ist das Wesen des Menschen? Was ist das Wesen von Entwicklung?

Die Geschichte der Entwicklungspsychologie ist auch als ein Ringen um die angemessenen anthropologischen Kernannahmen zu beschreiben: Was ist das Wesen des Menschen? Was ist das Wesen von Entwicklung? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen erst, welche Fragen in Forschung und Praxis zu stellen und welche methodischen Zugangsweisen zu wählen sind. Vielfach wird diese Vorfrage nach dem Wesen des Menschen und dem seiner Entwicklung vom einzelnen Forscher weder explizit gestellt noch explizit beantwortet: Forscher bewegen sich oft in einer Forschungstradition, in die sie sozusagen hineinwachsen, ohne daß sie sich deren anthropologische Vorentscheidung bewußt machen. Im letzten Jahrzehnt hat aber weithin ein Nachdenken über die impliziten Anthropologien von Forschungstraditionen eingesetzt, so daß heute Entscheidungen getroffen werden, wo früher schulenspezifische Selbstverständlichkeiten herrschten.

Menschenbildhypothesen und anthropologische Kernannahmen

Es ist heute allgemeine Einsicht, daß Forschungsprogramme und Theorien eingebettet sind in Menschenbildhypothesen, die ein Vorverständnis über den Gegenstand schaffen, ja diesen Gegenstand als Ausschnitt oder Aspekt der Realität erst bestimmen. Da dies, bewußt oder nicht, eine Bestimmungs- oder Definitionsleistung im voraus ist, bleibt sie innerhalb des Forschungsprogramms selbst einer direkten empirischen Uberprüfung entzogen. Solche definitorischen Kernannahmen bestimmen die Forschungsfragen, die Wahl von Beschreibungs- und Erklärungsmodellen, die Datenerhebungs- und Auswertungsstrategien, und sie leiten vor allem die Interpretation der Befunde. Kernannahmen wirken selektiv und generativ: Sie bestimmen, was gefragt, gesehen, untersucht wird und wie interpretiert wird. Wir müssen also auf spezifische Voreingenommenheiten gefaßt sein. In der Entwicklungspsychologie wuchs das Wissen um die Bedeutung anthropologischer Kernannahmen mit der vergleichenden Würdigung von Entwicklungstheorien. Die Diskussion wurde durch die Perspektiven der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne sehr befruchtet.

Vorannahmen über Aktivität und Passivität des Subjektes

Je nachdem, ob dem Subjekt und/oder der Umwelt ein gestaltender Beitrag zur Entwicklung zugebilligt wird oder nicht, lassen sich vier prototypische Theoriefamilien unterscheiden:

Aktivität und Passivität des Subjektes Menschenmodelle der Entwicklungspsychologie

Eine erste Kernfrage lautet: Ist das Subjekt Gestalter seiner Entwicklung oder wird seine Entwicklung von inneren und äußeren Kräften gelenkt?

Kinder sind eigenständige Menschen mit eigenen Vorstellungen, Erlebnissen und Sichtweisen über sich und ihre Umwelt.Sie leben in einem Umfeld, in dem sie organisatorisch, psychologisch, rechtlich, ökonomisch, geschichtlich und im täglichen Ablauf eingebettet sind. Darin orientieren sie sich, lernen wahrzunehmen, zu differenzieren, zu begreifen, zu spüren, vieles davon zu benennen und auch damit umzugehen. Sie lernen Verbindungen herzustellen zwischen dem, was um sie passiert und dem, was sie sich selber vorstellen, woraus sie sich selber einen Reim machen oder was sie durch ihre Phantasie und im Spiel mit anderen erschaffen. Ihre inneren Bilder werden immer wieder durch Erfahrungen angeglichen, um dann wieder differenzierter wahrzunehmen und zu handeln, was wiederum Feedback für ihre Sichtweisen von außen und über das Außen schafft. Kinder nehmen so wahr, wie sie eben wahrnehmen können, aus und mit ihrer eigenen Perspektive und ihren Vorstellungen von dem, was um sie geschieht, von den Menschen, deren Absichten und der Welt allgemein.  

Je jünger das Kind ist, desto weniger kann es außer mit Protest, Symptom und "geschickter" Manipulation diese Umwelt miterzeugen bzw mitformen. Umso wichtiger ist es, dem Kind eine ihm bewältigbare Umwelt zu bieten bzw zu garantieren. Dies wird durch die Verantwortlichkeit von Erwachsenen für ein Kind geregelt. Jemand obsorgt das Kind. Jemand wird auch verantwortlich gemacht, wenn dies nicht in ausreichendem Maße passiert. Erst in vielen Jahren lernen sie, daß die Umwelt um sie auch veränderbar erscheint, sich Menschen aktiv um Veränderungen bemühen können und es nicht nur um das Lernen, Zurechtfinden, Anpassen und Arrangieren geht, wobei bei Nichtgelingen oft Versagensängste und Schuldgefühle entstehen. Die aktive Auseinandersetzung wird langsam immer mehr möglich und Alternativen werden sichtbar. (...) Je mehr Kinder unterschiedliche Erfahrungen machen, desto mehr Möglichkeiten der Wahl, der Einschätzung, wer und was ihnen gut tut, stehen den Kindern selber zur Verfügung. Doch diese Unterschiedlichkeiten gilt es erst einmal wahrzunehmen, zur Kenntnis zu nehmen, und durch Erfahrungen auch bestätigt zu bekommen, um sie als Alternativen überhaupt annehmen zu können.

Die innere Welt von Menschen ist nicht bloß Abbild der äußeren Wirklichkeit, sondern sie bildet sich im sozialen Wechselspiel, im grundsätzlich konflikthaften Spannungsfeld zwischen äußerer Realität und subjektiver innerer Realität. Systemiker und Sozialkonstruktionisten gehen so weit, daß sie die Spaltung von innen und außen als Intervention bereits begreifen und sagen, daß das Selbst, die inneren Prozesse sozial vermittelt und in sie eingebettet sind, ja sogar sozial erzeugt werden (Gergen 1994). Die Abgrenzung von ich und anderen wird erst in der Reflexion sichtbar. Das in Beziehung Sein ist ein gemeinsames Produkt. Umso wichtiger wird der Aspekt einer anschlußfähigen, respektvollen Umgang schaffenden, Platz gebenden Umwelt, mit der es gilt in Kontakt zu kommen und in Kontakt zu bleiben.

Bei Kindern kommt noch ein weiterer Aspekt dazu - sie sehen die Welt nicht immer so rational und in gleicher Weise wie Erwachsene und sie verwenden vielfältigere Sprachen des Ausdrucks und unterschiedliche Kommunikationsformen. Sie sind sehr handlungsorientiert und knüpfen an ihre unmittelbaren Erfahrungen an. Kinder zu verstehen heißt oft auch, Verhalten und Symptome lesen zu lernen, ihre Anliegen zu enträtseln und diese dann auch in verantwortungsvoller Weise zu beantworten. Sie haben ein Recht auf Unterstützung und Lenkung, ohne daß sie dadurch eine Entmündigung erfahren. Oft sind Symptome und Eskalationen Ausdruck von Mißverstehen und geben Hinweise, daß es noch etwas zu verstehen und zu berücksichtigen gibt. 

Was brauchen Kinder?

Gergen, Kenneth (1994). Realities and Relationships. Soundings in social construction. Harvard: University Press. 

Gekürzt aus: Klammer, Gerda (o.J.). Innere und äußere Realitäten des Kindes und Bewältigungshilfen - Strukturelle Überlegungen und narrative Haltungen. Psychologie in Österreich.
WWW: http://www.boep.or.at/html/artikel6.htm (02-01-16)

Werner Stangl: Anlage und Umwelt in der kindlichen Entwicklung. Versuch über die Veränderung der psychologischen Perspektive

Quelle: Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (1995). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.



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