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Kurzüberblick: Psychologische Schulen

NEU: Kleines Glossar zur Psychologie

Bis ins 19. Jahrhundert hatte die Psychologie oder Lehre von der Seele ihren Platz innerhalb der Philosophie und bestand in erster Linie aus mehr oder weniger systematischen Vorstellungen und Anschauungen und aus Erfahrungserkenntnis.  Jetzt aber sollen neu entwickelte naturwissenschaftliche Methoden zur Erforschung des Menschen eingesetzt werden.

Laut Charles Darwin (1809-1882) ist der Mensch nämlich ganz und gar ein Naturwesen. Somit sind grundsätzlich alle seine Funktionen, Reaktionen und Erlebensweisen mit Methoden und Mitteln der Naturwissenschaften erfassbar. Die "Seele" erweist sich plötzlich als überflüssige und hinderliche Annahme. Charles Darwin glaubte, dass die Arten konstant gewordene Varietäten der in Bildung begriffene Arten sind und der Kampf ums Dasein zufällig neue Rassen hervorbringt, indem er als natürliche Zuchtwahl gewisse Exemplare begünstigt. Konkurrenz entscheidet somit, dass der Passendste überleb. So kommt es zu ständigem Fortschritt, wobei sich der Kampf ums Dasein in langsamen Übergängen durch Siege der Mehrheiten vollzieht. Aber Darwins Annahme, dass die Natur sich kontinuierlich entwickelt und keine Sprünge macht, ist nach neueren Erkenntnissen falsch. Das System der Gene eines jeden Organismus, das Genom, verfügt nach diesen Erkenntnissen über Werkzeuge, mit denen es sich selbst in Richtung zunehmender Komplexität verändern kann. Zahlreiche Änderungen traten in der Evolution unvermittelt auf, neue Arten waren plötzlich da. Das erklärt auch, weshalb fossile Organismen keineswegs weniger spezialisiert und kompliziert sind als die heute lebenden. Damit ist jede Art optimal an ihren Lebensraum angepasst, und die Natur hat erst dann Bedarf an neuen Geschöpfen, wenn sich deren Umwelt radikal ändert. Dann greift sie auf einen genetischen Mechanismus zurück, der an den kreativen Prozess eines Künstlers erinnert, sodass man der Natur eine Art zweckgerichtete Intelligenz zuschreiben könnte. Die These vom "intelligenten Genom" lässt sich mit neuen Erkenntnissen der Genetik erklären, denn im Erbgut gibt es zwei Bereiche: Der eine enthält die stabilen Gen-Sequenzen, die die Evolution seit der Entstehung mehrzelligen Lebens vor 600 Millionen Jahren unverändert bewahrt hat. In einem zweiten Bereich, der gewisse Sequenzen zur "Bearbeitung" freigibt, liegen Gensegmente, die scheinbar keine unmittelbare Aufgabe haben (früher fälschlich bezeichnet als Genmüll oder egoistische Gene). Diese Gene stellen vielmehr das aktive Potenzial der Zelle dar und agieren auf einer übergeordneten Ebene. Sie besitzen die Fähigkeit, genetisches Material zu verdoppeln, zu fusionieren oder auszuschalten. Sie sind in der DNA codiert und werden von der Zelle unter Kontrolle gehalten. Tritt nun massiver Umweltstress auf, hebt die Zelle diese Kontrolle auf, diese Transpositionselemente werden aktiviert und treten mit den aktiven Genen in eine Art Kommunikation. Der Genverband findet findet schließlich eine gemeinsame Lösung, indem er gezielt bestimmte Sequenzen neu organisiert und bei Erfolg den gesamten Organismus verändert, sodass eine neue Spezies entsteht. Lebewesen mitsamt ihren Genen sind Akteure der Evolution, wobei deren Grundprinzipien Kooperation, Kommunikation und Kreativität darstellen (vgl. Bauer 2008).

Descartes ModellC.G. Lange (1834-1900) propagiert Ende des 19. Jht sogar eine "Psychologie ohne Seele". Wo sitzt die Seele im Leib, in einem bestimmten Organ, in jeder Zelle des Körpers?

Descartes (17. Jh) hatte behauptet, daß Körper und Geist über die Zirbeldrüse miteinander kommunizieren können. Reize werden seiner Ansicht nach von den Sinnesorganen weitergeleitet und erreichen die Epiphyse im Gehirn, wo sie dort auf den immateriellen Geist einwirken. Pascal (17. Jht) schließlich meinte, Körper und Geist seien über das Herz miteinander verbunden. Vom Gehirn wurde bis ins 19. Jht kaum Notiz genommen.

Als sich aber der Vorarbeiter Gage in den USA bei einem Arbeitsunfall 1848 mit einem Eisenstab derart das Gehirn durchbohrte, daß der Stab hinten und vorne herausschaute, geschah die kleine Revolution: Gage wurde nur kurz bewußtlos und war nach einigen Monaten wieder arbeitsfähig. Äusserlich schien er vollkommen gesund zu sein, aber sein Charakter war verändert: Früher war er ruhig, fleissig und angenehm im Umgang, nach dem Unfall streitsüchtig und launisch. Sein Schädel und der Eisenstab sind im Museum der med. Fakultät Harvard ausgestellt. Untersuchungen haben später ergeben, daß beim Unfall die für Persönlichkeit, Gefühl und Verhalten zuständigen Zentren verletzt wurden. Das Gehirn hat also bestimmte Funktionen, die bestimmten Zentren zugeordnet werden können und diese werden bis heute eingehend untersucht: hauptsächlich in der Neuro-, in der Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie - allesamt schon weit spezialisierte Forschungsrichtungen.

Zunächst aber bildeten sich im 19. Jht von der Philosophie aus psychologische Schulen. Eine Schule versucht, ein methodisches oder theoretisches Prinzip zu propagieren oder zu allgemeiner Anerkennung zu bringen. Schulen warten mit u. U. völlig neuen Resultaten auf und stellen damit frühere Ergebnisse in Frage oder geben ihnen eine neue Deutung im Sinn ihrer eigenen Auffassung. Eine Schule muss kämpfen, um sich Geltung zu verschaffen. Ihre Mitglieder stehen in einem engen persönlichen Zusammenhang. Daher werden Schulen meist nach Universitätsorten oder nach ihren "Oberhäuptern" benannt. Rüttelt ein Mitglied an einem zentralen Grundsatz, kann es schnell aus der Schule herausfliegen. Erreicht eine Schule Ansehen, werden ihre Ergebnisse Allgemeingut, das in Lehrbücher eingeht. Damit beginnt auch schon ihr Niedergang. Die Oberhäupter der Schule werden zu "Klassikern", deren Einfluss auf die weitere Entwicklung aber nicht mehr erheblich ist (Traxel 1985).

Im 19. Jht ist die Psychologie an den Universitäten von Inhabern von Lehrstühlen der Philosophie vertreten.

Die Schriften Fechners, in denen dieser das Konzept Konzept eines "psycho-physischen Parallelismus" entwickelte, wonach Psychisches und Materielles "parallel" nebeneinander existieren und sich wechselseitig entsprechen, ohne daß deshalb eine kausale Beziehung zwischen beiden Sphären besteht, hatten einen erheblichen Einfluß auf Wilhelm Wundt, der in Deutschland endgültig die Trennung von Philosophie und Psychologie herbeiführte. Der auf dieser Grundlage erfolgende Versuch Fechners, eine irrationale Weltanschauung mit rationaler wissenschaftlicher Methodik zu verbinden, dürfte Wundt nachhaltig beeindruckt haben. Allerdings vermied Wundt die offenkundigen Schwächen und Naivitäten in Fechners Philosophie, deren Ziel er darin erkannte, "daß sich Glaube und Wissen zu einer einzigen, in sich harmonischen, den Wissenstrieb wie das Glücksbedürfnis des Menschen befriedigenden Weltanschauung vereinigen". Wundt wußte oder ahnte, daß ein derartiger Versuch, Philosophie und Wissenschaft zu einer harmonischen Weltanschauung zu vereinigen, unter den Bedingungen seiner Zeit und Gesellschaft scheitern mußte. Deshalb wies er der Philosophie eine neue ideologische Aufgabe zu: "Die Philosophie steht aber zugleich in der Mitte zwischen Religion und Wissenschaft. Sie hat beide zu versöhnen, indem sie eine Weltanschauung entwickelt, die mit den Ergebnissen der Wissenschaft im Einklang bleibt, während sie den religiösen Gemütsbedürfnissen Befriedigung schafft." Damit war die Philosophie erklärtermaßen ihrer Erkenntnisaufgabe beraubt. Sie diente fortan in erster Linie einem quasi-therapeutischen Zweck, indem sie den Bereich der Naturwissenschaften über die Geisteswissenschaften mit den "religiösen Gemütsbedürfnissen" versöhnte. Die Philosophie wurde zur "Lebensphilosophie". Damit war aber auch die Voraussetzung für die Anerkennung der Psychologie als eigenständiger Disziplin geschaffen.

Strukturalismus

Als Begründer der modernen Psychologie gilt daher gemeinhin der Deutsche Wilhelm Wundt. Er gründete 1879 das erste ausdrücklich so genannte psychologische Labor und zwar an der Universität Leipzig. Sein Denkansatz stammt aus den damals schnellen Fortschritten zum Beispiel der Chemie: Wenn die Chemie Fortschritte machte, indem sie Stoffe in ihre Elemente zerlegte, zum Beispiel Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, vielleicht konnte man dann Fortschritte in der Analyse des Denkens machen, indem man Wahrnehmungen (Perzeptionen) in ihre Elemente (Sensationen) zerlegte, zum Beispiel den Geschmack von Limonade in Süß, Bitter, Kalt und so fort?

Apparate zur Erforschung der Seele: Wundt und Mitarbeiter im Labor

Der Schwerpunkt dieser Schule lag auf der Analyse von Wahrnehmungen, mit dem Ziel, ihre Struktur zu ermitteln - daher der Name. Für Wilhelm Wund war in seinen 1863 veröffentlichten "Vorlesungen über die Menschen- und Tierseele" die Seelenlehre eine reine Geisteswissenschaft geworden, deren Prinzipien und Objekte von denen der Naturwissenschaft völlig verschieden sind, wie Ernst Haeckel in seinen 1899 veröffentlichten "Welträtseln" mißbilligend feststellte. Den prägnantesten Ausdruck von Wundts "Bekehrung" sah Haeckel im "Prinzip des psychophysischen Parallelismus, wonach zwar einem 'jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische Vorgänge entsprechen', beide aber völlig unabhängig voneinander sind und nicht in natürlichem Kausalzusammenhang stehen". Haeckel versäumte nicht den Hinweis, daß Wundt damit "den lebhaften Beifall der herrschenden Schulphilosophie" gefunden habe. Haeckel, der unerschütterlich am Vulgärmaterialismus festhielt, hat den Gesinnungswechsel solch namhafter Wissenschaftler wie Wundt, Virchow und Du Bois-Reymond mit "Trübung der Einsicht" aus Altersgründen und mutmaßlichen "Rückbildungen" in deren Gehirntätigkeit zu erklären versucht. Sein offenkundiger Grimm verrät, daß es hier um weit mehr als um einen wissenschaftlichen Meinungsstreit ging. Übrigens: Der Physiologe Bois-Reymond war zutiefst davon überzeugt, den Menschen werde für immer verschlossen bleiben, wie sie zu denken vermögen, d.h., die höheren Funktionen ihres Gehirns wären prinzipiell nicht zu enträtseln. Auch heute noch zeigen manche Philosophen diese Überzeugung, doch die meisten Neurowissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass sich die Gehirnfunktionen zumindest weitgehend entschlüsseln lassen.

Die Untersuchungsmethode der Wahl im Strukturalismus war die Introspektion, das heißt die Aufklärung der Tatbestände durch Nachdenken. Diese der Philosophie entlehnte Methode wurde jedoch nicht in Reinform benutzt (s.u.).

Als Introspektion wird ganz allgemein die Möglichkeit bezeichnet, durch einen direkten, also nicht schlußfolgernden, Zugriff auf eine Reihe mentaler Zustände zu Vertrautheit und Erkenntnis über diese Zustände zu kommen. Der Begriff wird sehr oft verbunden mit der Descartes'schen Auffassung, derzufolge die Bewußtheit, die jeder Geist im Hinblick auf seine eigenen gegenwärtigen Zustände und Prozesse zeigt, den größtmöglichen Grad an Gewißheit besitzt. Aufbauend auf dieser Auffassung läßt sich eine Theorie der Erkenntnis gründen, die sagt, daß jedes Erfahrungswissen letztlich in der direkten Kenntnis der eigenen Geisteszustände begründet ist. Eine notwendig mit dieser Auffassung verknüpfte Überzeugung besteht darin, daß Urteile über eigene mentale Zustände unkorrigierbar sind, also daß einem Menschen, der behauptet, daß er z.B. an Gott glaubt, nicht bewiesen werden könne, daß er in Wirklichkeit doch nicht an Gott glaubt.

In der Psychologie steht der Begriff der Introspektion für die Möglichkeit der systematischen Bezugnahme auf die Inhalte des eigenen Bewußtseins. Insbesondere Wilhelm Wundt entwickelte die Methode der experimentellen Selbstbeobachtung auf der Basis einer Psychologiekonzeption, die einerseits an der im 19. Jahrhundert entstehenden Auffassung einer geschlossenen Naturkausalität orientiert ist, die gleichzeitig aber einen psychophysischen Materialismus zurückweist, indem ein wesentlicher Zug des Cartesianismus beibehalten wird: Die Dichotomie zwischen der direkten Kenntnis der eigenen Bewußtseinszustände einerseits und dem vermittelten Charakter der Außenwelt. Insbesondere am Begriff der Introspektion der eigenen Bewußtseinszustände entzündete sich in der Folgezeit eine scharfe Auseinandersetzung innerhalb der Psychologie. Dies führte dazu, daß insbesondere in der angelsächsischen Psychologie das Programm des Methodologischen Behaviorismus, zur Hauptströmung der Psychologie der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde. Das zentrale Ziel der Psychologie sollte dabei sein, auf mentalistische Begriffe gänzlich zu verzichten und stattdessen eine streng naturwissenschaftliche, auf objektiver Verhaltensbeobachtung basierende Methodik anzuwenden. Für die moderne Kognitive Psychologie ist der Begriff der Introspizierbarkeit der eigenen mentalen Zustände wieder zu einem Thema geworden, weil sich die Erkenntnis durchsetzte, daß die Eliminierung mentaler Begrifflichkeiten den zentralen Zielen psychologischer Erkenntnis zuwiderläuft.

Franz Brentano (1838-1917) in Würzburg dagegen sagt, die Wahrnehmung der äusseren Welt lässt nicht auf die Erkenntnis der Psyche schliessen. Ein Gefühl z.B. kann zum Zeitpunkt seines Auftretens nicht analysiert werden. Es kann höchstens retrospektiv untersucht werden. Brentano begründet die Aktpsychologie, die später von den Gestaltpsychologen weitergeführt wird. Als Akte definiert er die Vorstellung, das Gefühl und das Urteil. Es sind dies Bewusstseinsakte, die laut Brentano immer intentional und auf etwas oder jemanden gerichtet sind. In der Schrift "Psychologie vom empirischen Standpunkt" (1874) befasste sich Franz Brentano mit dem Begriff des Wirklichen und formulierte einen Begriff der Intentionalität, der davon ausgeht, dass das menschliche Bewusstsein immer auf etwas gerichtet ist, stets geurteilt, vorgestellt, gehasst oder geliebt wird. Die Empirik war für ihn die Beobachtung und Beschreibung, nur die Gegenstände der inneren Wahrnehmung seien gewiss existent, während dieselben der äußeren Wahrnehmung stets spekulativ seien. Daher ist es zwar möglich, über Einhörner nachzudenken, ohne an deren Realität zu glauben, aber tatsächlich existent ist nur deren Denker. Psychischer Phänomene wie das Unbewusste Freuds weist er kategorisch zurück, denn für ihn ist diese Vorstellung ein Ding der Unmöglichkeit bzw. das Bewusstsein eines Unbewusstseins einfach paradox.

Der herausragende Forscher in Würzburg ist nach Franz Brentano Karl Bühler (1879-1963). Er fragt: "Was erleben wir, wenn wir denken?" und weist seine Versuchspersonen an, in Introspektion also Selbstbeobachtung ihre Erlebnisse während der Lösung von Denkaufgaben (etwa: "können Sie von hier in vier Stunden in Berlin sein?") genau zu beschreiben. Aufgrund der Auswertung der Ergebnisse kommt Bühler zum Schluss, dass nicht mechanische Assoziationen (Verknüpfungen) von Vorstellungsinhalten das Denken ausmachen, sondern "reine Gedanken", die unanschaulich sind. Die Problemlösung setzt als spezifisches "Aha Erlebnis" ein. Karl Bühler folgerte aus den Experimenten, dass die Denkeinheiten Gedanken und als solche unanschauliche Erlebnisinhalte sind, wobei die Beziehung zwischen den Gedanken durch den Sinn bzw. die Bedeutung für as Individuum hergestellt wird. Etwas wird verstanden, indem man es durch eine logische Platzanweisung - eben das "Aha-Erlebnis" - in die bisherige Erfahrungsstruktur einordnet. Aufgrund dieser Einbeziehung höherer Mechanismen kritisierte übrigens Wundt die Würzburger Schule als "Ausfragexperiment".

Eine Sammlung im Zentrum für Psychologie-Geschichte in Würzburg dokumentiert insbesondere die Entwicklung der Psychologie seit Mitte des 19. Jahrhunderts, die nun ihre Erkenntnisse vorrangig durch naturwissenschaftliche Methoden wie Beobachtung und Experiment zu gewinnen suchte. So wurde fortan mit so ausgefeilten und dekorativen Apparaten wie dem Hipp'schen Chronoskop - einer elektromagnetischen Uhr - bis auf die 1000stel Sekunde genau die Geschwindigkeit gemessen, mit der Reize im Nervensystem verarbeitet werden. Instrumente wie Tonhöhenvariatoren - mit denen festgestellt werden kann, wie fein das Gehör Tonhöhenunterschiede erkennt - erlaubten es, die Differenzierungsfähigkeit menschlicher Sinne zu messen. Immer ausgeklügelter wurden auch die Apparate zur Eignungsdiagnostik, die in der angewandten Psychologie zum Einsatz kamen. Das 1896 von Oswald Külpe begründete psychologische Institut der Universität Würzburg ist das älteste in Bayern und zählt es zu den erfolgreichsten in Deutschland. Die sogenannte "Würzburger Schule" der Psychologie, die Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals den Versuch unternahm, Denkprozesse mit der psychologischen Methode der systematischen Selbstbeobachtung zu untersuchen, ist weltberühmt. Der assoziationspsychologische Rahmen der bisherigen Psychologie wurde endgültig in der "Würzburger Schule" verlassen, daher gilt Würzburg als Geburtsort der Denkpsychologie mit seinem Begründer Oswald Külpe. Die Grundfrage bestand darin, zu erforschen, was Individuen erleben, wenn sie denken, urteilen und wollen.Man wollte die kleinsten Einheiten des Denkens und die Mechanismen ihrer Verknüpfung erforschen, wobei unbewusste Mechanismen des Denkens einbezogen wurden. Durch die Methode der Introspektion, die weiterhin einen hohen Stellenwert einnahm, wurde der Gedankenfluss beim Lösen einfacher und komplizierter Aufgaben untersucht.

Versuchsanordnung Reaktionszeit

Im Zentrum für Psychologie-Geschichte in Würzburg zu besichtigen: eine historische Versuchsanordnung zur Reaktionszeitmessung. Den Grundstock des Zentrums bildete eine der weltweit größten Sammlungen zur Geschichte der Psychologie, die seit 1981 an der Universität Passau zusammengetragen wurde. Rund 6500 Objekte, Dokumentensammlungen und Nachlässe, Bücher und Zeitschriften sowie das Film- und Fotoarchiv wurden von Passau nach Würzburg transferiert.

Reiseempfehlung für eine Bildungsreise

Information
Die Ausstellung im Würzburger Adolf-Würth-Zentrum, Pleicherwall 1, kann von Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 18 Uhr sowie freitags von 9 bis 14 Uhr besichtigt werden. Empfohlen wird die Kombination mit einer Führung. Anmeldung unter Telefon (0931) 3188683

Funktionalismus

Vorreiter des psychologischen Funktionalismus war gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts William James. Die Funktionalisten waren gegen das Schwergewicht des Strukturalismus auf der statischen Analyse von Bewusstsein. Sie wollten stattdessen mehr ein Verständnis für seinen fließenden Charakter entwickeln, Prozesse untersuchen. Der Forschungsschwerpunkt lag auf der Frage, wie das Bewusstsein. funktioniert, damit sich Individuen an ihre Umgebung anpassen können. Über den Begriff der Gewohnheit wurde hierbei erstmals das Lernen zu einem zentralen Begriff der Psychologie. Das große Interesse an der Anpassungsfähigkeit wurde vor allem durch die Arbeiten von Charles Darwin angeregt. Die Untersuchungsmethoden wurden verbreitert auf Untersuchungen zum Verhalten von Tieren und zur Entwicklung von Verhalten. Dennoch war die Introspektion immer noch das Hauptmittel der psychologischen Forschung.james Dieser Ansatz - der später vor allem auch die wissenschaftliche Soziologie lange dominierte - ist daran interessiert, wie die Institutionen und Teile der Gesellschaft funktionieren, und wie sie durch ihr Zusammenwirken soziale Prozesse ermöglichen. Es soll also z.B. analysiert werden, welchen Beitrag das Individuum zur Reproduktion der Gesellschaft als Ganzes leistet.

Schon in den „Principles of Psychology“ (1890) hielt William James bei aller Orientierung an methodischer Forschung und Darwins Evolutionstheorie eine Psychologie für von Anfang an verfehlt, die Bewusstseinszustände als anonyme Prozesse auffasst und nicht ihren Charakter als „je meine“ berücksichtigt. James hat mit seinen anschaulichen Schilderungen der Dramatik und der Zeitlichkeit des Bewusstseinslebens nicht nur der Psychologie den Weg gewiesen, sondern er hat auch philosophisch Türen aufgestoßen, doch blieb der frühe „Personalismus“ von James in diesem grundlegenden Werk ambivalent, daher wurde er von James im Lauf seines Lebens vom Studium des normalen und kognitiv wachen Bewusstseins zu dem weitergetrieben, was jenseits von dessen Grenzen liegt.

Es folgte eine empirische Beschäftigung mit Zeugnissen religiöser Erfahrung - bei Religionsstiftern und Heiligen, aber auch bei amerikanischen Mitbürgern seiner Zeit, in der er eine grundlegende Einheitlichkeit religiöser Erfahrung postulierte, wobei Innen- und Außenperspektive beim Studium des Religiösen zu kombinieren bzw. wechselseitig aneinander zu korrigieren wären. Religiöse Überzeugungen unterscheiden sich einerseits von wissenschaftlichen Wahrheitsansprüchen, aber sie sind andererseits nicht auf willkürliche Wahlentscheidungen oder bloß private Perspektiven reduzierbar, sondern sie sind auf Öffentlichkeit angewiesen, können daher nicht reduktionistisch auf einen rationalen Nenner gebracht werden, sondern bleiben sozial eingebettet. James vertrat einen zwar epistemologischen Realismus, interessierte sich aber vornehmlich für die Wahrheitsfähigkeit umfassender Lebensorientierungen und entwickelte dabei wichtige Gedanken zur intersubjektiven Verständlichkeit solcher Überzeugungen, die aber erst von anderen Psychologen zu einer Kommunikationstheorie ausgearbeitet wurden (vgl. Siebert 2009).

Ein Vorläufer des Funktionalismus war Emile Durkheim, wesentlich geprägt wurde diese theoretische Schule von Talcott Parsons und insbesondere Robert Merton, der an der Analyse sogenannter "manifester" und "latenter" Funktionen interessiert war, also den beabsichtigten und den nicht bewussten Folgen des Handelns.

Behaviorismus, S-R Psychologie

Etwa ab 1920 setzte sich rapide eine radikal neue Sicht der psychologischen Forschung durch: Die Behavioristen, also rein verhaltensorientierte Forscher, proklamierten eine Psychologie völlig ohne Introspektion. Ihr Vorreiter war John B. Watson, der 1913 ein behavioristisches Manifest veröffentlichte. Hauptmerkmal behavioristischer Psychologie ist es, keinerlei Annahmen über Struktur oder Funktionsweise des Geistes zu machen, sondern ausschließlich die Beobachtungen aus Experimenten zu sammeln und zu kategorisieren. Nur mit einer solchen Herangehensweise könne man, so die Behavioristen, einem echten wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden, weil der Vorgang der Introspektion keiner Nachuntersuchung durch andere zugänglich sei. Wissenschaftliche Daten müssen aber genau so eine öffentliche Inspektion zulassen.

Motor der behavioristischen Forschung waren zunächst vor allem die Arbeiten zur Konditionierung von Iwan Pawlow. Die konditionierte Reaktion wurde gewissermaßen als das Atom von Verhalten angesehen: kompliziertere Verhaltensweisen können als aus konditionierten Reaktionen zusammengesetzt betrachtet werden und die Umwelt formt ständig unser Verhalten durch Bestärkung gewisser Gewohnheiten - nichts anderes als Konditionierung. Der vielleicht berühmteste Vertreter dieser Richtung ist Burrhus Frederick Skinner.

Diese Mechanismen wurden in Strukturen von Reiz und Reaktion dargestellt, was zu der Bezeichnung "Reiz-Reaktions-Psychologie" (stimulus response psychology, S-R psychology) geführt hat. Die späteren Reiz-Reaktions-Psychologen gingen über die frühen Behavioristen insofern hinaus, dass sie bereit waren, auch Annahmen über Prozesse zu machen, die zwischen Reiz und Reaktion ablaufen. Damit entwickelte sich aus der Reiz-Reaktions-Psychologie eine Sprache, die geeignet ist, unabhängig von einer bestimmten Verhaltenstheorie psychologische Aussagen explizit zu formulieren und kommunizierbar zu machen. Diese Sprache ist bis heute vorherrschend in der Psychologie der meisten Schulen.

Gestaltpsychologie

Etwa zeitgleich mit der behavioristischen Revolution der Psychologie, die in Amerika ihren Anfang nahm, gab es eine weitere, die ebenfalls radikal dem Strukturalismus und Funktionalismus eine Absage erteilte, allerdings auf eine völlig andere Weise: 1912 proklamierte der Deutsche Max Wertheimer die Gestaltpsychologie. Die zentrale Annahme dieser Schule lautet, dass einem aus Teilen zusammengesetzen Bewusstseinsprozess eine Qualität zukommt, die die Summe der Einzelteile nicht hat - eben die Gestalt. Ihren Ursprung hat sie in den Erkenntnissen von Johann Wolfgang von Goethe und Ernst Mach. Weitere Vertreter dieser Schule sind Christian von Ehrenfels (1859-1932), Kurt Koffka (1886-1941) und Wolfgang Köhler (1887-1967). Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde die fruchtbare wissenschaftliche Entwicklung der Gestalttheorie im deutschen Sprachraum weitgehend unterbrochen: Wertheimer, Köhler und Lewin emigrierten oder wurden zur Flucht gezwungen, Koffka war schon vorher in die Vereinigten Staaten übergesiedelt.

Ursprünglich befasste sich die Gestaltpsychologie vor allem mit Wahrnehmungseffekten, vor allem dem Phi-Phänomen: Zwei Lichter, die nahe beieinander angeordnet sind und kurz hintereinander kurz aufblinken, werden als ein Licht wahrgenommen, das sich vom Ort des ersten zum Ort des zweiten bewegt. Die Gestaltpsychologie schließt aus diesem Effekt, dass unsere Erfahrungen von den Mustern abhängen, die von Reizen gebildet werden und davon, wie unsere Erfahrungen organisiert sind. Das Ganze besteht nicht nur aus Teilen, sondern aus Teilen und deren Beziehung zueinander. Problemlösen, Denken, Lernen sind Produkte einer "Umstrukturierung" des Feldes. Nicht "trial and error", Versuch und Irrtum im Sinne von Probieren führen zur Lösung, sondern Um Organisation von Gestalten. Wolfgang Köhler postuliert ein "Lernen durch Einsicht", das er auch den Affen in seinen Tierexperimenten zuschreibt. Diese benutzten die Gegenstände ihrer Umgebung als Hilfsmittel, um an Futter zu gelangen und strukturierten das Feld im Sinne einer "guten Gestalt" (der Lösung der Aufgabe) um.

Die Gestaltpsychologen lehnten die Introspektion als Hauptmethode ebenso ab wie die Behavioristen, bekämpften jene jedoch trotzdem entschieden: Die Gestaltpsychologie verlangte eine als "Phänomenologie" bezeichnete Form der Erkundung, die es unternahm, Menschen nach ihren subjektiven Wahrnehmungen und ihren Urteilen zu befragen und diese Antworten als Daten der Forschung zu behandeln.

Wegen dieser Vorgehensweise ist gestaltpsychologische Forschung überwiegend qualitativ, im Gegensatz zur quantitativen des Behaviorismus. Aus diesem Grund ist die Gestaltpsychologie oft als vage und unwissenschaftlich abgelehnt worden. Dennoch hat die Gestaltpsychologie durch ihre Betrachtungsweise wichtige Anstöße für viele heute aktuelle Erkenntnisse und Forschungsthemen geliefert.

Die Gestalttheorie ist heute eine fächerübergreifende allgemeine Theorie, die den Rahmen für unterschiedliche psychologische Erkenntnisse und deren Anwendung darstellt. Der Mensch wird dabei als offenes System verstanden, der aktiv in der Auseinandersetzung mit seiner Umwelt steht, und ist insbesondere ein Ansatz zum Verständnis der Entstehung von Ordnung im psychischen Geschehen. Gestalttheorie ist in diesem Sinn nicht nur auf den Begriff der Gestalt oder des Ganzen und die Gestaltfaktoren der Wahrnehmung beschränkt, sondern wesentlich breiter und umfassender zu verstehen.
  • Der Primat des Phänomenalen: Die Erlebniswelt des Menschen als einzige unmittelbar gegebene Wirklichkeit anzuerkennen und ernst zu nehmen und diese nicht wegzudiskutieren, ist eine Grundaussage der Gestalttheorie, deren Fruchtbarkeit für Psychologie und Psychotherapie noch keineswegs ausgeschöpft ist.
  • Die Interaktion von Individuum und Situation im Sinne eines dynamischen Feldes bestimmen Erleben und Verhalten und nicht allein "Triebe" (Psychoanalyse, Ethologie) oder außenliegende Kräfte (Behaviorismus, Skinner) oder feststehende Persönlichkeitseigenschaften (klassische Persönlichkeitstheorie).
  • Verbindungen psychischer Sachverhalte werden leichter und dauerhafter aufgrund sachlicher Beziehungen gestiftet und weniger gut durch Wiederholung und Bekräftigung.
  • Denken und Problemlösen sind durch sach- und gegenstandsangemessene Strukturierung, Umstrukturierung und Zentrierung des Gegebenen ("Einsicht") in Richtung auf das Geforderte gekennzeichnet.
  • Im Gedächtnis werden Strukturen aufgrund assoziativer Verknüpfungen ausgebildet und differenziert. Sie folgen einer Tendenz zu optimaler Organisation.
  • Nicht miteinander vereinbare Kognitionen einer Person führen zu dissonantem Erleben und zu kognitiven Prozessen, die diese Dissonanz zu reduzieren versuchen.
  • In einem überindividuellen Ganzen wie einer Gruppe besteht eine Tendenz zu ausgezeichneten Verhältnissen im Wechselspiel der Kräfte und Bedürfnisse.

Erkenntnistheoretisch entspricht dem gestalttheoretischen Ansatz ein kritisch-realistischer Standpunkt. Auf der methodischen Ebene wird eine sinnvolle Verbindung von experimentellem mit phänomenologischem Vorgehen (experimentell-phänomenologische Methode) versucht. Zentrale Phänomene werden ohne Verzicht auf experimentelle Strenge angegangen. Gestalttheorie ist nicht als fixierte wissenschaftliche Position zu verstehen, sondern als ein sich weiter entwickelndes Paradigma. Durch Entwicklungen wie die der Theorie der Selbstorganisation von Systemen gewinnt sie auch über den herkömmlichen Rahmen der Psychologie hinaus an Bedeutung.

Psychoanalyse

Aus der von Sigmund Freud zu Beginn des Jahrhunderts begründeten Psychoanalyse kann man hier am besten eine Hauptbetrachtungsweise herausgreifen, nämlich den Begriff des Unbewussten. Laut Freuds Theorie des Unbewussten. werden in der Kindheit alle unerlaubten oder unakzeptablen Wünsche aus dem Bewusstsein. verdrängt und werden Teil des Unbewussten. Das Unbewusste versucht dann zeitlebens, sich zu äußern, was sich in verschiedener Weise niederschlägt, zum Beispiel in Form von Träumen, Versprechern oder kleinen, kaum bewussten Angewohnheiten. Freuds ursprünglich fast ausschließliche Anwendung seiner Theorien auf sexuelle Bereiche hat die Annahme der richtigen Anteile seiner Theorien sehr erschwert. Heute bilden diese Anteile jedoch einen festen Bestandteil des psychologischen Wissens. Im Detail siehe dazu Kurzüberblick: Psychoanalytische Schulen.

Entwicklungspsychologie

Für die Frage wie sich das menschliche Bewusstsein entwickelt, interessiert sich der Genfer Jean Piaget (1886-1980). Ab 1920 leitet er das Genfer J.J. Rousseau-Institut, von 1952-1963 ist er Professor an der Sorbonne in Paris. In Genf gründet er zudem eine interdisziplinäre Forschungsrichtung. Psychologen, Linguisten, Mathematiker und Wissenschaftler anderer Forschungsrichtungen versuchen gemeinsam, die Geheimnisse des menschlichen Denkens zu verstehen. Die Erforschung der kognitiven Entwicklung des Kindes wird zu Piagets Lebenswerk. Dazu beobachtet er die Entwicklung seiner eigenen Kinder und beschreibt er deren Fortschritte aufs genaueste. Die nach Los Angeles ausgewanderte Charlotte Bühler will die ganze Lebensspanne des Menschen von der Geburt bis zum Tod erforschen und beschreibt ihre Erkenntnisse in Büchern und Studien zum menschlichen Lebenslauf. In der zweiten Lebenshälfte geht sie zum Therapieren über. Sie gehört der Richtung der humanistischen Psychologie an.

Humanistische Psychologie

Charlotte Bühler, Abraham Maslow (1880-1970) und Carl Rogers (1902-1970) sind die Vertreter der humanistischen Psychologie, die die menschlichen Bedürfnisse, nach Maslow hierarchisch geordnet und als entscheidend für die Motivationen des Menschen sieht. Sind Bedürfnisse wie Nahrung, Schutz, soziale Anerkennung befriedigt, kann der Mensch sein höchstes Gut, die Selbstverwirklichung erreichen. Charlotte Bühler kehrt anfangs 60er Jahre nach Deutschland zurück, um das Gedankengut der humanistischen Psychologie zu verbreiten. Carl Rogers entwickelt die Gesprächspsychotherapie.

Wirtschaftspsychologie: Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie

Diese Richtung hatte Anfang des Jahrhunderts in der "Psychotechnik" ihren Ursprung, einem Begriff, den William Stern 1903 einführte, um damit die Anwendung der Psychologie bzw. der "psychologischen Einwirkung" in allen Lebensbereichen von der "Psychognostik" zu unterscheiden. Siehe dazu im Detail das Arbeitsblatt Wirtschaftspsychologie.

Informationsverarbeitungssysteme, Psycholinguistik

Mit dem Aufkommen der Computer in den 1950er Jahren erhielt eine neue Sichtweise Einzug in die Psychologie: Viele Aspekte des Bewusstseins lassen sich als algorithmisch informationsverarbeitendes System interpretieren. Unter einer solchen Betrachtungsweise kann man den Computer einsetzen, um dieses System zu simulieren, so dass sich Theorien über die Struktur von Denkprozessen leichter überprüfen lassen. Entsprechende Arbeiten fanden in den 50er und 60er Jahren im interdisziplinären Forschungsbereich der künstlichen Intelligenz statt. In diesen Kontext lassen sich zum Teil auch Arbeiten an Schachprogrammen oder automatischen Theorembeweisern einordnen. Es ist mittlerweile offensichtlich, dass die Situation leider doch nicht ganz so einfach ist, wie viele damals annahmen, denn alle bislang gebauten computergestützten informationsverarbeitenden Systeme sind dermaßen viel primitiver als fast jeder einzelne Aspekt irgendwelcher Denkprozesse im Gehirn, dass sich kaum beurteilen lässt, ob sie zumindest einen essentiellen Teil davon korrekt modellieren. Zumindest hat aber die Informationsverarbeitungsperspektive dafür gesorgt, dass die Psychologie heute mit viel reicheren Beschreibungsmitteln für die inneren Prozesse des Bewusstseins operiert, als es nach der Einführung der S-R-Psychologie der Fall war.

Ein besonders wichtiger Teil dieser Forschung waren die Arbeiten von Chomsky und Nachfolgern. Chomskys 1957 erschienenes Buch "Syntactic Structures" lieferte die wesentliche Basis für eine aktive Zusammenarbeit von Psychologen und Linguisten für die ersten signifikanten psychologischen Analysen von Sprache, die Psycholinguistik.

Neuropsychologie

Eine Gegenbewegung zum Ansatz der Psychologie informationsverarbeitender Systeme entstand gleichzeitig aus Forschungen auf dem Gebiet der Neurophysiologie, die klar den Zusammenhang gewisser physiologischer Prozesse auf der Ebene einzelner Nervenzellen im Gehirn mit Denkvorgängen belegen. Somit setzt die an Symbolen und ihrer Manipulation orientierte Betrachtungsweise zu hoch an, denn einzelne Nervenzellen können nur erheblich primitivere Signale verarbeiten.

Aus der Möglichkeit physiologischer Erforschung ergibt sich eine Sichtweise der Psychologie, die besagt, dass für ein vollständiges Verständnis des Denkens auch die inneren Prozesse im Gehirn geklärt werden müssen und geklärt werden können und die behavioristische Reiz-Reaktionsbetrachtung nicht ausreicht. Entsprechende Forschungen sind seit einigen Jahren in vollem Gange.

In der ingenieurmäßig orientierten, also nützliche Anwendungen anstrebenden Informatik hat dieser Gegensatz zu einem Streit zwischen der sogenannten symbolischen KI, die den informationsverarbeitenden Ansatz vertritt, und dem sogenannten Konnektionismus, der die neurospychologische Richtung vertritt, geführt. Dieser Streit hielt viele Jahre an und wird erst in den letzten Jahren allmählich durch die Erkenntnis beigelegt, dass die erfolgreichsten Anwendungen meist Elemente beider Ansätze verbinden; beispielsweise regelbasierte Systeme und Neuronale Netze.

Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts vollzog sich in der Psychologie die kognitive Wende, die die Entwicklung vom Behaviorismus zum Kognitivismus bezeichnet. Sowohl die Gestalttheorien, als auch die Theorien zur Informationsverarbeitung durch das menschliche Gehirn, sind dem Kognitivismus zu zuordnen. Der Kognitivismus sieht Lernen als einen Prozess der Informationsverarbeitung des menschlichen Gehirns, d.h., es werden Methoden und Verfahren erlernt, um Antworten zu finden, wodurch auch soziale Lernprozesse und aktive Handlungsprozesse erklärbar werden.

Kognitive Psychologie

Seit Ende der 1970er Jahre ist eine Arbeitsrichtung entstanden, die sich kognitive Psychologie nennt und eine Abteilung der interdisziplinären Kognitionswissenschaften ist. Hierin werden alle psychologischen Teilschulen zusammengeführt, die nützliche Beiträge zum Verständnis zu liefern haben: Einerseits von "oben" her behavioristische Experimentalbeobachtungen ebenso wie strukturalistisch, funktionalistisch, gestaltpsychologisch oder informationsverarbeitungstheoretisch gebildete Hypothesen über die Struktur, die Organisation und den Ablauf von Wahrnehmungs- oder Denkprozessen. Andererseits von "unten" her Experimentaldaten aus der Neurophysiologie, die unmittelbar die Arbeitsweise des Gehirns (als Organ) beschreiben. Die kognitive Psychologie versucht nun, alle diese Daten in Modellen zu bestimmten Aspekten der Psychologie zu vereinigen. Diese Modelle werden in der Art von informationsverarbeitenden Systemen auf verschiedenen Abstraktionsebenen formuliert und können zum Teil durch Simulation auf Computern überprüft und verfeinert werden. Umgekehrt können solche Simulationen auch Anstöße liefern für gezielte Forschungen in den empirischen Bereichen.

Die durch den Behaviorismus aus der Psychologie verdrängte Introspektion wird in dieser neueren Tradition in umfangreicher Art und Weise eng verbunden mit experimentellen Vorgaben, beispielsweise in der Vorstellungsforschung. Im Unterschied zur traditionellen Sichtweise wird heute allerdings weniger von der Überzeugung ausgegangen, dass nur das Subjekt in der Lage sei, seine psychischen Erscheinungen zu beschreiben, sondern vor allem akzeptiert, dass zwar mentale Prozesse und Zustände von außen nicht erfassbar sind, nichtsdestoweniger aber im Rahmen naturwissenschaftlicher Erklärungsansätze beschrieben werden können. Heute steht, wie beispielsweise in den Untersuchungen zu mentalen Vorstellungsprozessen, im Vordergrund, durch experimentelle Kontrolle von Bedingungen zu klaren Berichten über das Eintreten bestimmter Zustände zu kommen, um dann die extern variierten Bedingungen zur Erklärung zu verwenden.

Introspektion liefert heutzutage also eher Daten und Beschreibungen, die im Hinblick auf die intersubjektiven äußeren Bedingungen erklärt werden: Wenn beispielsweise eine Person aufgefordert wird, einen um 90% gedrehten Buchstaben dahingehend zu beurteilen, ob der Buchstabe spiegelverkehrt oder nicht dargestellt ist, und sich ergibt, dass die Zeit, die für eine korrekte Antwort benötigt wird, proportional zum Drehwinkel des Buchstabens ist, lässt sich zum einen annehmen, dass im Bewusstsein. der Buchstabe überhaupt gedreht wird, und dass andererseits diese Mechanik auch einer gewissen Chronometrie gehorcht. Die von außen gesteuerte experimentelle Variation erlaubt es also, präzise Aussagen über die Winkelgeschwindigkeit mentaler Rotationen zu treffen, obwohl es keine Möglichkeit eines direkten Zugriffes auf die mentalen Prozesse der untersuchten Personen gibt. Weiterhin wurde auch die Möglichkeit des direkten Zugriffs auf die Inhalte der eigenen Bewusstseins zum Gegenstand weitreichender Untersuchungen. Beispielsweise konnten Nisbett und Wilson (1977) auf eine Vielzahl experimenteller Belege verweisen, wonach das vermeintliche Wissen, das Versuchsteilnehmer von ihren eigenen mentalen Zuständen zu haben glauben, tatsächlich von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst ist, derer sich die Versuchsteilnehmer meist völlig unbewusst sind. Ein bekanntes Beispiel ist die Bevorzugung von Reizen, die im rechtsseitigen Gesichtfeld liegen: Gefragt, welches von vier Paar Nylonstrümpfen - die faktisch identisch waren - sie denn bevorzugen würden, wählten überzufällig viele Versuchsteilnehmerinnen dasjenige Paar aus, dass auf der äußersten rechten Seite ihres Gesichtsfeldes lag. Diese und viele weitere Befunde der empirischen Psychologie überzeugten in den letzten Jahren viele Forscher von der Notwendigkeit, insbesondere auch unbewusste Prozesse zur Erklärung verschiedener psychologischer Phänomene (z.B. Blindsight) zu benötigen, was wiederum zu einem neuen Interesse der Psychologie am Bewusstsein. allgemein geführt hat.

Durch dieses Aufsaugen und Vereinigen vieler Forschungsrichtungen ist den kognitiven Wissenschaften die beste Chance einzuräumen, langfristig ein korrektes und umfassendes Bild von der Funktionsweise des Gehirns im Sinne der Psychologie zu verschaffen. Der moderne Kognitivismus ist ein eher ein Sammelbegriff für eine Reihe von psychologischen Ansätzen und knüpft manchmal an den Kognitivismus um die Jahrhundertwende an. Die moderne Kognitionspsychologie geht von der Selbstverantwortung, Entscheidungsfreiheit und Fähigkeit zur Selbsterkenntnis der Person aus, wobei Kognitionen als die Voraussetzungen für das Bewusstsein darstellen.

Anmerkung: Geschichtliche Einflüsse auf die Entwicklung der Psychologie

Für die deutsche Psychologie bedeutete die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 einen verhehrenden Einschnitt. Teils mit Berufsverbot belegt, teils verfolgt mussten die meisten der angesehenen Psychologieprofessoren ihre Lehrstühle räumen. Einige waren Juden, andere in politischer Opposition. Die meisten konnten emigrieren, nach den USA, Schweden oder England. Wenige der Emigranten konnten ihre früheren Forschungsarbeiten fortsetzen. Sie arbeiteten dort, wo man ihnen eine Stelle anbot. Eine neue Karriere starten konnten Charlotte Bühler, die sich der Therapie widmere und in den USA zu den Mitbegründern der Humanistischen Psychologie wurde und Kurt Lewin (1890 1947), der die später sehr beachteten Experimente zur Wirkung von Erziehungsstilen auf das Gruppenverhalten von Kindern durchführte und sich sozialpsychologischen Fragen zuwandte. Die Psychologie in Deutschland nach 1933, widmete sich vor allem den Feldern Typologie, Erbpsychologie und Rassenpsychologie. Die Wiedereröffnung der Universitäten nach Kriegsende zeigt bei der Professorenschaft der Psychologie wenig Veränderung: Die meisten der vor dem Krieg Tätigen wurden übernommen, nur bekannt begeisterte Parteigänger wurden ausgeschlossen. Nach den Erfahrungen des "kollektiven Massenwahns" scheint es auch verständlich, dass die Pflege des Individuellen und die Würde der Person als Lehr- und Forschungsgegenstände populär waren.

Ab 1950 etwa setzt sich auf unserem Kontinent ein neuer Trend durch. Ideen, Methoden und Ansätze fanden ihren Weg über den grossen Teich. Die meisten waren zum Zeitpunkt ihrer Rezeption bereits zwei bis drei Jahrzehnte alt und in den USA längst sozial anerkannt. Doch waren diese Forschungen in Europa nicht bekannt gewesen. Erst durch jüngere Wissenschaftler, die als Stipendiaten in den USA studieren konnten und durch wenige, zögernd zurückkehrende ehemalige Emigranten konnte davon Kenntnis genommen werden. Zudem sorgten von den Besetzungsmächten zur Verfügung gestellte Quellen (Bücher, Fachzeitschriften) für die Verbreitung vorher hier nicht bekannter Forschungsansatze. Die Lernpsychologie, die Sozialpsychologie und die Klinische Psychologie (vorher weitgehend den Psychiatern überlassen) wurden übernommen. Die Forschungen wurden teilweise repliziert. Vor allem entstand ein großes Anwendungsfeld: Coachingsstellen, Schulpsychologische Dienste und Therapiezentren wurden eingerichtet.

Obwohl inzwischen von einer Internationalisierung der psychologischen Forschung gesprochen wird, blieb die akademische Psychologie an den USA orientiert. Neben den Inhalten waren es vor allem die Methoden, die anfangs noch gegen den Widerstand der "Alten" übernommen wurden. Die Hochschätzung quantitativer Verfahren setzte sich durch, institutionell festzumachen an der ersten Tagung experimentell arbeitender Psychologen 1959 in Marburg. Qualitative Verfahren traten in den Hintergrund und wurden in ersten Ansätzen 1988 wieder entdeckt. 

Positive Psychologie

An den Anfängen der Psychologie stand oft abweichendes Verhalten und dessen Reparatur und beschäftigte die Mehrheit der Psychologen manchmal noch in der Gegenwart. Aber warum handeln wir gut, entwickeln Vertrauen, sind hilfsbereit und können verzeihen? Kennzeichnend für die vor allem in den letzten Jahren entstandene Positive Psychologie ist, dass sie gerade jene menschlichen Stärken entdeckt und hervorhebt und eine Psychologie "der Korrektur von Schäden" vernachlässigt. Menschliche Stärken können Tugenden sein, sie können als Ressourcen aufgefasst werden, auf die man sich stützen kann, wenn man eine Aufgabe bewältigt oder positive Lebensqualität herstellt, oder sie können in sozialen Einstellungen zum Ausdruck kommen, die Kooperation und Solidarität fördern. Das Buch "Sozialpsychologische Beiträge zur Positiven Psychologie" befasst sich unter anderem mit Glück und Zufriedenheit in Partnerschaften, mit Führung, Vertrauen und Commitment in der Arbeitswelt, mit Lebensqualität im Alter, Verwirklichung von Werten oder Vertrauen zu Fremden.

Quellen:
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/PsychologieSchulen.html
http://www.4real.ch/psy.html (01-11-17)
http://www.z000.org/Daten/Introspektion/Begriff%20Introspektion.htm (01-11-05)
http://www.enabling.org/ia/gestalt/gerhards/ (03-02-11)
http://idw-online.de/pages/de/news280899 (08-10-01)
Bauer, Joachim (2008). Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus. Hoffmann und Campe.
OÖnachrichten vom 04.10.2008
Seibert, Christoph (2009). Religion im Denken von William James. Eine Interpretation seiner Philosophie. Tübingen: Mohr Siebeck.



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