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Die berüchtigte "Emotionale Intelligenz"

soziale kompetenzGoleman (1995) konstruiert ebenfalls einen Gegenpol zur rationalen Intelligenz, indem er eine "Emotionale Intelligenz" umschreibt, die einerseits die Fähigkeit umfasst, eigene Gefühle richtig wahrzunehmen, d. h. auf sie zu achten, ohne sich von ihnen fortreißen zu lassen oder überzureagieren. und andererseits die Fähigkeit betrifft, Gefühle angemessen handhaben zu können, also sie nicht zu unterdrücken, ohne aber die emotionale Stabilität zu untergraben. Zu dieser inneren Ausgeglichenheit gehört vor allem die Fähigkeit, mit beunruhigenden Emotionen sinnvoll und konstruktiv umzugehen. Ein wichtiger Aspekt der emotionalen Intelligenz ist somit die Empathie, also die Fähigkeit, die Gefühle anderer Menschen nachzuempfinden, Anteil zu nehmen und dadurch die Beziehungen zu anderen Menschen positiv zu gestalten. Goleman selber verwendet den Begriff für eine Vielzahl von Konstrukten, die nur bedingt als eine Einheit angesehen werden können, sodass in dieser Hinsicht emotionale Intelligenz dem Intelligenzquotienten verwandt ist. Nach Goleman setzt sich Emotionale Intelligenz aus fünf Teilkonstrukten zusammen:

Diese Kompetenzen bauen aufeinander auf und können von jedem gesunden Menschen jeden Alters erlernt bzw. ausgebaut werden. Nicht das Vorhandensein von Gefühlen, Emotionen, Stimmungen und Affekten, sondern der bewusste Umgang mit ihnen macht eine hohe emotionale Intelligenz aus. Darüber hinaus zählen hierzu Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit, Innovationsfreude, Motivationsfähigkeit und vor allem das Vermögen, Gefühle und Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Dabei werden Befähigungen wie Teamführung, Selbstvertrauen, die Fähigkeit, sich selbst und andere aufzubauen sowie politisches Bewusstsein betrachtet.

Golemans Konzept ist wie bei Gardner ein Versuch, eine bestimmte Intelligenzform kulturell aufzuwerten, da die gesellschaftspolitischen Schattenseiten einer einseitig favorisierten rationalen Intelligenzform seiner Meinung nach heute deutlich zu Tage treten. Golemans "Emotionale Intelligenz" deckt sich mit Gardners intrapersonaler oder intrapsychischer Seite der sozialen Intelligenz, also mit der Fähigkeit, sich selbst so umfassend wie möglich zu verstehen.

Nach Degen (2001) wurde das Konzept der Emotionalen Intelligenz jedoch schon im Jahr 1990 von John D. Mayer und Peter Salovey entwickelt, wobei es sich wie bei der klassischen Intelligenz um eine eng umschriebene Kompetenz handelt, emotionale Informationen wie etwa fremde Gefühlsausdrücke korrekt und effizient zu verstehen. "Goleman hat diese ursprüngliche Anregung aufgegriffen und mit einem Wust von unbewiesenen Zusatzannahmen aufgebläht. Nach seiner Definition setzt sich die Emotionale Intelligenz aus einem ganzen Warenkorb von Tugenden zusammen: Selbstkenntnis, der Fähigkeit, Gefühle und Stimmungen zu managen, Selbstmotivation, der Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und Beziehungen zu handhaben. Goleman hat das, was ursprünglich aus einer abgrenzbaren Fertigkeit bestand, um eine ganze Latte von sozial erwünschten Persönlichkeitsmerkmalen erweitert (…) Die emotionale "Intelligenzbestie" ist belastbar und flexibel; sie ist führungsstark und einfühlsam; sie ist fantasievoll, zuverlässig und moralischen Werten verpflichtet. Diese neue Akzentuierung verwandelte die Emotionale Intelligenz in ein Sammelbecken für alles, was irgendwie Motivation, Emotion oder guten Charakter betrifft. Dadurch, dass Goleman Fertigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale zusammenwirft, ging die Einheitlichkeit der ursprünglichen Konzeption völlig verloren, was sich leicht im heutigen inflationären Sprachgebrauch nachvollziehen läßt.


Literatur



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