[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Die Lernkartei

Eine "klassische" Methode der Mnemotechnik ist die Lernkartei, ein Kasten oder eine Schachtel mit fünf Fächern, die jeweils etwa 1 cm, 2 cm, 4 cm, 8 cm und 16 cm breit sind. Das lernpsychologische Prinzip dahinter ist neben dem assoziativen Lernen vor allem das verteilte und regelmäßige Lernen und das Gedächtnisprinzip des Vergessens, d.h., daß man den einzelnen Karten immer die "Chance" geben muß, wieder vergessen zu werden! Schematisch betrachtet schaut ein solcher Karteikasten so aus:

 

Tipp: Den Karteikasten kann man selber basteln, indem man eine Schachtel (schmale Schuhschachteln eignen sich recht gut, auch wenn sie manchmal etwas zu breit sind, doch das kann man durch ein wenig Basteln ändern ;) mit fünf Unterteilungen versieht und viele Zettel aus festerem Papier in passender Größe zurecht schneidet - am Beginn genügen sicher zweihundert Stück davon - der Autor hat gute Erfahrungen beim Vokabelpauken mit Kärtchen von 7 mal 3 cm und einem Karteikasten mit sechs Unterteilungen, wobei in diesen zusätzlichen größeren Abschnitt die leeren Zettel kommen. Man sollte keine fertigen Karteikästen kaufen, auch wenn sie natürlich auch geeignet sind, denn es ist psychologisch günstig, mit einem selber verfertigten Arbeitsbehelf zu arbeiten. Vor allem sollte man keine teuren Karteikarten kaufen, denn sie müssen eines Tages doch "entsorgt" werden.

Siehe dazu auch
Benjamins & Werners Lernmaschine

 

NEU:
Seit Beginn 2005 steht den BesucherInnen auch ein
FORUM zu Fragen des Lernens und der Lerntechnik zur Verfügung, in dem einschlägige Methoden und Probleme diskutiert werden können.

 

Die Lernkartei ist eine einfache "Lernmaschine" und mit ihr kann man fast alles lernen, was von der Grundschule bis zum Gymnasium, während der Berufsausbildung oder an der Universität gelernt werden muß. Denn alles, was man nachhaltig und dauerhaft lernen möchte, schreibt man auf kleine Zettel: Auf die Vorderseite jeder Karteikarte kommt immer die Frage, auf die Rückseite die Antwort.

Das sorgfältige Beschriften der Karteikarten genügt oft schon, um die Karte am nächsten Tag noch zu kennen. Gelernt wird dann täglich so - und diese Regelmäßigkeit bzw. Disziplin ist wichtig, auch wenn es schon einmal vorkommen kann, daß man einen Tag aussetzt:

Mit Hilfe der Lernkartei kann man sich also immer selbst abhören, d.h., man entscheidet allein, wie lange man überlegt, bevor man die Karte umdreht und wie viele Karten man hintereinander bearbeitet. Das ist psychologisch insofern bedeutsam, indem man den Lernprozeß (Lerntempo, Lernaufwand) selber unter Kontrolle hat, denn man entscheidet auch allein, ob man die Antwort noch als "richtig" gelten läßt oder als "falsch" werten muß. Am Anfang fällt es einem vielleicht schwer, eine "fast" richtige Antwort als "falsch" einzuordnen und es macht auch gar nichts, wenn man zu Beginn etwas großzügiger ist und sich darüber freut, wie viele Kärtchen man richtig beantwortet hat.

Hinweis für LehrerInnen: Bei der Vermittlung dieser Arbeitsmethode sollte kein Schüler dazu gezwungen werden, mit dieser Methode zu arbeiten, vielmehr sollte nach der Beschreibung der Methode und etwaigen Hilfestellungen bei Anfangsschwierigkeiten die Selbsttätigkeit der SchülerInnen im Mittelpunkt stehen. Das Arbeiten mit der Lernkartei ist generell eine individuelle Angelegenheit, denn ein Schüler merkt sich eine Vokabel beim ersten Hören und die Kartei wandert innerhalb kürzester Zeit (mindestens aber vier Wochen!) durch die Fächer, während sie bei einem zweiten nach mehrmaligem Vor- und Zurückwandern erst nach einem halben Jahr aus dem fünften Abschnitt endgültig entsorgt werden kann.

Der Ablauf des Lernens

Alle neu beschrifteten Kärtchen kommen in Fach 1. Wenn man sie am nächsten Tag kontrolliert (Frage lesen, Antwort überlegen, Karte drehen und Antwort überprüfen, Karte ablegen), dann kann die gedachte Antwort richtig oder falsch gewesen sein.

Fach 2 wird erst dann bearbeitet, wenn es fast voll ist! Das wird frühestens nach drei bis vier Tagen der Fall sein! Wenn man sich jetzt diese Kärtchen vornimmt, geht man so vor wie bei Fach 1:

Jetzt wird deutlich, daß es nicht viel hilft, wenn man am Anfang großzügig war, denn wenn man nicht genau die richtige Antwort gewußt hat, dann merkt man es spätestens jetzt: Das Kärtchen wandert zurück in Fach 1 - und muß dann doch wieder gelernt werden -, das schadet aber auch nichts, denn die Lernkartei soll auch das wiederholende Lernen insofern ökonomisch gestalten, als jeweils blockweise nur eine überschaubare Menge an Stoff abgearbeitet wird.

Grundregel ist aber: Fach 1 wird jeden Tag wiederholt. J e d e n Tag!

Also noch einmal das Prinzip:

Oder - ganz kurz:

Damit dieses Lernverfahren so sinnvoll wie möglich angewendet werden kann, sind noch einige ergänzende Hinweise nötig.

Das Geheimnis der 5 Fächer

Auffallend beim Lernkarteikasten sind die verschieden großen Fächer. Vorn in Fach 1 passen nur wenige Zettel oder Kärtchen hinein, weiter hinten werden die Fächer immer länger.

Der Grund dafür ist ein Arbeitsprinzip unseres Gedächtnisses: Da jedes Fach (bis auf das erste) erst dann bearbeitet wird, wenn es voll ist, wiederholen wir den Stoff nach immer längeren Zeitabständen, denn da die Fächer immer länger werden, dauert es auch immer länger, bis ein Fach mit den vorher richtig beantworteten Karten gefüllt ist. Dadurch wird der Lernstoff auf den Kärtchen immer erst dann in unserem Kopf wieder verstärkt, wenn er zu verblassen droht, wenn man sich also nicht mehr so gut an ihn erinnert. Und wenn man nach etwa einem Monat - in diesem zeitlichen Abstand sollte man erst an die letzten Karten in Abschnitt fünf herangehen - die Kartenfrage sofort beantworten kann, dann ist das beinahe eine gedächtnispsychologische Garantie dafür, daß man das auch nach einem Jahr noch können wird!

Praktischer Hinweis: Zwar sollte man sich an das zeitliche Ablaufschema halten, aber es schadet auch nichts, wenn man etwa nach einer Woche den dritten Abschnitt einer Sonderbehandlung zuführt und schon bevor der Kastenabschnitt ganz gefüllt ist, einmal überprüft, wieviel man davon beherrscht bzw. wieviel Zettel zurückwandern müssen! Man kann auch - um auf Nummer Sicher zu gehen - die Kärtchen auf einen Spaziergang mitnehmen und "durchradeln", sie aber dann noch einmal im selben Fach wieder ablegen und erst bei der "offiziellen" Überprüfung nach der erforderlichen Zeit weiter vor- oder zurück reihen.

Einige Tipps für das Erstellen der Karten

"Gelochte" Karteikarten

Man kann seine Karteikarten auch in einer Ecke mit einem Loch versehen und mit einer Schnur zusammenhalten, sodass man sie leichter in die Hosentasche stecken und bei Gelegenheit (warten auf den Bus oder die FreundIn) rasch "durchradeln" kann. Der Autor der Arbeitsblätter hat diese Methode vor vielen Jahren für das Erlernen der lateinischen Präpositionen verwendet.

Tipps aus der Praxis von StudentInnen

Sabine K.: Ich führe drei Karteien: eine für gelesene Literatur (DIN A7), eine für Fremdwörter und Definitionen (DIN A7) mit je nach Fach farbigen Karteikarten (weiß für allgemeine Fremdwörter). Die dritte Kartei (DIN A6) bezieht sich auf einzelne Themen. Oben schreibe ich auf die Karte das Thema (z.B. Lernen) und darunter in welchen Büchern und auf welchen Seiten ich etwas dazu gefunden habe. Diesen Tipp habe ich aus dem Buch von Manuel R. Theisen: Wissenschaftliches Arbeiten.

Marianne K.: Ich schreibe mir jeden Namen, den ich im laufenden Text finde auf DIN A 7 -Karten. Dazu auch ob Psychologe,Soziologe etc.Dazu noch, welches Buch von diesem Autor wichtig ist. Auf eine größere Karte schreibe ich Fachbegriffe wie "Social Facilitation" oder "Kompensation" und schreibe mir eine kurze Definition plus den entsprechenden Autor dazu. Andere Daten werden sicher noch folgen.Ich habe zur Zeit eine extra Karte für alle Fremdworte, die ich nicht zu den Fachbegriffen rechnen möchte, wie "Syllogismus" etc. Weiterhin schneide ich mir große Karten zurecht (DIN A 5), die ich mit Oberbegriffen beschrifte:"Sozialpsychologie" (Farbe weiß. Für andere Gebiete andere Farben). Dazu schreibe ich mir die Definitionen oder andere entscheidende Aussagen, die ich beim Lesen des Kurses und in Büchern finde. Außerdem hefte ich Haftetiketten daran, die Teilgebiete bezeichnen - immer dem laufenden Text folgend. Diese Haftetiketten kann ich später wieder zu den einzelnen Untergruppen zusammenfassen und auf gesonderten Karten ablegen.

Angela H.: Auf der vorderen Seite einer A7 Karte schreibe ich ganz oben z.B. das Fachwort. Darunter, möglichst in (meinen eigenen Worten) die Definition dazu. Auf der Rückseite schreibe ich dann den/die Autor(in), Buchtitel und Seitenangabe. Ich versuche immer höchsten einen Gedanke pro Karte zu erfassen. Für Bezugsgruppen habe ich eine Karte für die Definition und eine für die Funktionen angelegt. Zusätzlich nehme ich bunte Karten. Blau für Bücher, Gelb für Gesetze/Theorie usw.

Quelle:
http://www.stud.fernuni-hagen.de/q3661032/faq3.htm (03-11-04)

Siehe auch das Arbeitsblatt Lernkartei am Computer und im Internet

Lernkartei in der Legasthenietherapie

Da Wörter im Langzeitgedächtnis auch als Wortbilder abgespeichert werden, d.h., beim Schreiben eines bestimmten Wortes wird das dazugehörige Wortbild abgerufen, und ohne über die richtige Schreibweise nachzudenken einfach hingeschrieben. Manche Menschen behelfen sich bekanntlich bei einer unsicheren Erinnerung an die richtige Rechtschreibung eines Wortes dadurch, dass sie dieses Wort einfach ohne Nachzudenken hinschreiben und am so erstellten Wortbild die Richtigkeit ableiten. Da nach dieser Theorie vor allem Kinder mit Rechtschreibschwierigkeiten Probleme haben, sich Wortbilder einzuprägen bzw. aus dem Gedächtnis abzurufen, wird die Lernkartei auch in der Legasthenietherapie eingesetzt. So wurde etwa das Münchner Rechtschreibtraining für Kinder mit einer Lese-Rechtschreibstörung entwickelt, das das Üben mit der Lernkartei mit orthografischem Strategiewissen kombiniert.

Mit Hilfe der Lernkartei und des damit verbundenen intensiven Trainings ist es häufig auch für Kinder möglich, sich die Wörter in der richtigen Rechtschreibung nachhaltig einzuprägen, sodass sie auch noch Monate später in der Lage sind, die so gelernten Wörter richtig zu schreiben. Nach Untersuchungen liegt die Reproduktionsquote geübter Wörter nach nach sechs Wochen bei 75 Prozent und nach sechs Monaten noch bei 60 Prozent. Auch in der wissenschaftlichen Literatur wird das regelmäßige Üben mit der Lernkartei als ein effektives therapeutisches Vorgehen beschrieben. Beim Einsatz der Lernkartei in der Legasthenietherapie sollte man vier bis fünf Übungsdurchgänge pro Woche ansetzen. Wichtig ist, dass die Wörter im Karteikasten der Rechtschreibfähigkeit des Kindes entsprechen bzw. nur leicht darüber liegen. Es macht keinen Sinn, zu Beginn allzu schwierige und zu lange Wörter zu üben, sondern sich auf Wörter zu beschränken, die dem Wortschatz des Kindes entsprechen. Man sollte sich auch bewusst sein, dass bei allen Kindern die Rechtschreibung deutlichen Leistungsschwankungen unterliegt.

Reuter-Liehr, C. (1993). Lautgetreue Lese-Rechtschreibförderung nach der Grundschulzeit: Anwendung und Überprüfung eines Konzeptes. Zeitschrift für Kinder und Jugendpsychiatrie, 135-147.

Hinweise für LehrerInnen,

nachdem den Autor der Arbeitsblätter bzw. den Co-Autor von Benjamins & Werners "Praktischen Lerntipps" folgende kritische e-mail eines Lehrers erreichte:

Hallo Werner,
auf euren Seiten empfehlt ihr u.a. das Wortschatzlernen mit der Lernkartei. In angehängtem Artikel befasse ich mich kritisch mit dieser Methode. Eure Site wird als Beispiel für Websites zum Thema "Lernen lernen" genannt.
Viele Grüße
Jochen

Aus diesem Artikel finden sich mit Erlaubnis des Autors einige Textpassagen. Das Original kann im web unter http://www.Jochen-Lueders.de/misc/vokabelheft_lernkartei.pdf (07-01-04) gefunden werden.

Die Lernkartei ist - auch wenn man zu zweit oder in kleinen Gruppen damit ebenfalls arbeiten kann - genuin eine Methode für den Einzelnen und kann bei einer "flächendeckenden" Anwendung in einer Schulklasse auch zu einem "Horrorszenario" für alle Beteiligten führen, wenn man glaubt, diese Methode als allgemeine Unterrichtsmethode einführen und um jeden Preis auch in einer 30-Schüler-Klasse anwenden zu müssen, noch dazu unter ständiger Kontrolle durch den Lehrer.

Ein wesentliches Prinzip dieser Lernmethode ist neben allen gedächtnis- und lernpsychologischen Prinzipien, die man damit zu seinem Vorteil ausnützen kann, auch das Erlernen von Disziplin und Regelmäßigkeit, die unter dem uralten "Repetitio est mater studiorum!" stehen. Diese Arbeitstugenden anzuregen ist neben der Vermittlung der Methode mittels eines Arbeitsblattes oder einer "Bastelstunde" nebst Erklärungen - die man auch in einer Fremdsprache abhalten kann! - die Aufgabe des Lehrenden. Vielleicht sind die ersten Vokabeln, die man in die box einfüllt auch zugleich jene Begriffe, die man beim Basteln und beim Reden darüber benötigt - diese Begriffe werden übrigens aus lernpsychologischer Sicht im äußerst günstigen Kontext des eigenen Tuns erlernt und geübt, sodaß sie wohl zu den Kandidaten mit kürzester Durchlaufzeit im System Lernkartei zählen.

Unabdingbar ist auch das eigenhändige Verfertigen der Karten. Daher sind gekaufte Karteisysteme mit vorgedruckten Vokabeln ungeeignet. Auch Computerlernsysteme, die oft nach diesem Prinzip beim Vokabeldrill helfen sollen, verstoßen gegen das Prinzip, daß Sprache in unterschiedlichen Kontexten und wenn möglich unter Bewegung erlernt werden soll - wobei das ein realer Spaziergang genauso sein kann wie ein virtueller, ein Laufspiel in einer Klasse oder ein memorierendes Verteilen und Einsammeln der Zettel in der eigenen Wohnung des Schülers. Der Karteikasten ist nur der Aufbewahrungs- und Organisationsort der Zettel, in keinem Fall aber der eigentliche Lernort!

Diese Lernmethode kann auch sinnvoll mit anderen Mnemotechniken verknüpft werden, etwa mit der bildhaften Darstellung, mit mind-maps oder der Loci-Methode.

Zum Abschluß

Ohne zusätzliche Erklärungen für die Wirksamkeit der Methode und deren hier im Kontext der Lerntechniken geleisteten Begründungen, einige unkommentierte Textpassagen aus dem Bericht eines Lehrers, aus denen wohl deutlich werden sollte, wie man die Lernkartei eher nicht verwendet:

(...) Aufgrund jahrelanger Erfahrung als Lehrer (und Vater von drei Kindern) ist der Verfasser der Meinung, dass die angeblichen Vorteile der Lernkartei einer kritischen Überprüfung in den meisten Fällen nicht standhalten. (...)

In schöner Regelmäßigkeit taucht die Lernkartei in Handreichungen zum Thema Lernen lernen und den entsprechenden skills auf und auch ansonsten ausgezeichnete, praxisnahe Websites [1] empfehlen sie meistens völlig unkritisch. Verfechter der Lernkartei treten häufig mit dem Anspruch auf, dass das Medium nicht nur in einigen Details sondern grundsätzlich dem Lernen mit dem Vokabelheft bzw. Buch überlegen sei. Dabei wird so gut wie nie thematisiert, dass die Hauptarbeit des Abschreibens zunächst einmal exakt die gleiche ist. Es wird suggeriert, dass das Abschreiben automatisch motivierender und reizvoller wird, weil man nicht mehr in ein kleines (billiges) Heftchen sondern beidseitig auf (relativ teure) Karteikärtchen schreibt. Das mechanische Übertragen der Vokabeln bleibt jedoch genauso stupide und langweilig wie beim Vokabelheft, das ewige Umdrehen der Karten macht das Ganze sogar noch nerviger und zeitaufwändiger, was erfahrungsgemäß die Zahl der Fehler eher noch erhöht. Um das ständige Umdrehen der Karten zu vermeiden, beschriften darüber hinaus eine Reihe von Schülern durchaus "ökonomisch" zunächst einmal nur die "englische" Seite und erst danach in einem zweiten Durchgang die Rückseite der Karte. Dabei kommt es natürlich leicht (exakt wie beim Vokabelheft) zu völlig falschen und unsinnigen Kombinationen.

Die Arbeit mit Lernkarteien läuft nach meiner Erfahrung häufig nach einem bestimmten, vorhersehbaren Muster ab. Zu Beginn des Schuljahres erläutert der Lehrer den Umgang und die Vorteile der Kartei. In den folgenden Wochen werden noch keine bzw. wenige Stegreifaufgaben und Schulaufgaben geschrieben und der Lehrer hat noch viel Zeit, die Karteikarten von allen Schülern regelmäßig zu kontrollieren und zu verbessern. Aufgrund einer simplen Multiplikation (wie z.B. 33 Schüler multipliziert mit der Zahl der Vokabeln einer Unit) lässt sich leicht nachvollziehen, dass diese Konsequenz nicht allzu lange durchzuhalten ist. Hinzu kommt, dass Schüler natürlich ständig ihre Karten zu Hause vergessen, dass der Transport der Kärtchen-Pakete (im Vergleich zu den Vokabelheften) ausgesprochen umständlich ist usw. Der Lehrer kommt gerade bei großen Klassen mit der Korrektur der Karteikarten nicht mehr nach, weil die Korrektur von Stegreifaufgaben und Schulaufgaben, Unterrichtsvor- und -nachbereitung etc. bereits (zu) viel Zeit in Anspruch nimmt. Nach kürzester Zeit befinden sich auf den Karten so viele Fehler, dass ein Lernen völlig unsinnig geworden ist. Es ist deshalb sinnvoll und intelligent, dass Schüler spätestens in diesem Stadium nicht mehr mit ihren Karteikarten lernen, sondern mit dem Buch, in dem schließlich alles "richtig" ist. Das Gleiche gilt übrigens ja auch für das Vokabelheft; wer regelmäßig (wie der Verfasser) mit vielen Schülern zur Arbeit fährt, wird bestätigen können, dass praktisch alle sinnvollerweise aus dem Buch (und nicht aus ihrem fehlerhaften Vokabelheft) lernen. Nach ein paar weiteren Wochen versandet die ganze Sache meistens, der Lehrer hat resigniert, die Schüler schreiben (falls überhaupt noch) ihre Kärtchen nur noch, wenn Kontrollen drohen.

(...) Während es noch relativ einfach ist, während des Unterrichts in ein großformatiges DIN A4 Wortschatzheft (...) fehlende Beispielsätze eintragen zu lassen, stellt sich das Ganze mit Karteikarten wesentlich schwieriger dar. Voraussetzung wäre, dass alle Schüler alle jeweiligen Karteikarten in die Schule mitbringen. Jeder, der schon einmal erlebt hat, wie unorganisiert und vergesslich viele Schüler (vor allem in der Unterstufe) heute sind, weiß, dass dies in der Praxis schlicht illusorisch ist. Angesichts dieses Problems schieben viele Lehrer das Ganze auf die Schüler ab, indem die Kinder z.B. aufgefordert werden "sich einen eigenen sinnvollen Beispielsatz auszudenken". Es ist wohl völlig klar, dass durchschnittliche Schüler damit hoffnungslos überfordert sind. Die (didaktisch so wertvollen) Beispielsätze werden entweder einfach weggelassen ("der Lehrer kontrolliert frühestens wieder in drei Wochen") oder es entstehen größtenteils falsche bzw. unsinnige "Kontexte".

Selbst wenn man annimmt, dass der Lehrer ständig alle Karten kontrolliert, korrigiert und (mit sinnvollen und richtigen Beispielsätzen) ergänzt, ergeben sich im trüben Alltag erhebliche Probleme. (...) Wenn man nun aber im zweiten Halbjahr eine Hausaufgabe wie "Revise the vocab of Unit 2" stellt, ergibt sich für den Schüler das Problem, wie er denn nun den über die diversen Fächer verstreuten Wortschatz der Unit 2 überhaupt finden soll. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass er anfängt Hunderte von Karteikarten zu durchsuchen, wird er in einer vertretbaren Zeit nur fündig, wenn er beim Beschriften der Karteikarten (z.B. rechts oben) die Nummer der Unit notiert hat. Einige Lehrer versuchen dieses Problem zu umgehen, indem sie ihren Schülern raten, für jede Unit einen eigenen Karteikasten anzulegen. Wer eigene Kinder im Teenageralter hat und weiß wie es in ihren Zimmern normalerweise aussieht, ahnt, wie absurd und wirklichkeitsfremd dieser Vorschlag ist. Auch der Auftrag die über u.U. fünf Fächer verteilten Karten zu durchsuchen um semantisch zusammengehörige Karten zusammenzustellen (z.B. für ein mind-map) erweist sich als wirklichkeitsfremd. Es geht wesentlich schneller wenn man hinten im Buch das Vokabelverzeichnis "scannt" und die entsprechenden Wörter herausschreibt.

(...) Merkwürdigerweise wird jedoch kaum kritisiert, dass auch die Lernkartei zumindest am Anfang exakt genauso "linear" ist, wie das Vokabelheft, schließlich werden die Wörter ja genau in der vorgegebenen Reihenfolge vom Buch abgeschrieben und beim ersten Durchgang durchgearbeitet. Im Verlauf der Arbeit mit den Karteikarten löst sich diese anfängliche Reihenfolge zwar auf, es ergibt sich jedoch eine mindestens ebenso willkürliche bzw. unsinnige Reihenfolge. Das einzige Kriterium für das "Wandern" einer Karte ist ja bekanntlich, ob das Wort "gekonnt" wurde oder nicht. Ob das Wort z.B. "assoziativ in Bezugsbündeln verankert" (...) wird, spielt für den Verbleib in einem bestimmten Fach des Kastens keinerlei Rolle. Durch die Vermischung der Karten wird zwar das sog. "Positionslernen" (das sinnlose Einprägen des Seitenlayouts) vermieden, die neue Anordnung bringt jedoch aus lernpsychologischer Sicht (Vernetzung isolierter Items, Erstellen von semantischen Feldern etc.) keinerlei Vorteile.

Der einzige Vorteil der Lernkartei ist m.E. (unter idealen Voraussetzungen) die Fokussierung auf "nicht gekonnte" Wörter. Diese Konzentration auf die eigenen "Problemwörter" und das Vermeiden des lernpsychologisch unsinnigen "Überlernens" von bereits "gekonnten" Wörtern lässt sich jedoch wesentlich einfacher bewerkstelligen (...). Dieser "Vorteil" steht m.E. jedoch in keinem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand. Jeder Lehrer, der seine Schüler zwingt eine Lernkartei zu führen, sollte selber immer mal wieder eine Zeit lang Karteikarten sorgfältig beschriften, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, wie langweilig und (zumindest bei sorgfältiger Arbeitsweise) enorm zeitaufwändig allein das Übertragen des Wortschatzes ist. Besonders ineffizient wird das Ganze aufgrund der Tatsache, dass mindestens die Hälfte der Zeit auf das Schreiben deutscher Wörter verwendet wird, während die eigentliche Fokussierung ja auf die Schwierigkeiten der englischen Rechtschreibung gerichtet sein sollte.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Aufwand und Ertrag von konventionellen Lernkarteien (...) oft in keinem sinnvollen Verhältnis stehen. Selbstverständlich sollte man Lernkarteien im Rahmen eines entsprechenden "Lernen lernen" Trainings vorstellen und die Funktionsweise erklären. Es sollte Schülern jedoch freigestellt werden, ob sie damit arbeiten wollen (der Lehrer könnte dann ggf. als "Service" die Karten durchsehen). Als Zwangsmaßnahme für die ganze Klasse ist die Lernkartei, wie das "traditionelle" Vokabelheft jedoch abzulehnen. (...)

 

Alternativen zur Lernkartei

Falls man sich die Vokabeln in ein Heft abgeschrieben hat, oder falls man ein eigenes Vokabelbuch besitzt, kann man sich die Vokabeln, die man sich schlecht merken kann, mit Bleistift am Rand anstreichen. Diese Striche kann man verschieden dick machen (je dicker, desto schwerer zu lernen). Gerade die dick angestrichenen Vokabeln wiederholt man dann häufiger. Außerdem sollte man die Vokabeln um so häufiger wiederholen, je dicker der Strich ist. Nach meiner Erfahrung vergisst man eine Vokabel auch wieder leicht, wenn man sie nur mühsam lernen konnte. Die Bleistiftmarkierungen bleiben erhalten. Sollte man sich doch einmal sicher sein, eine Vokabel perfekt zu beherrschen, so kann man die Markierung wieder wegradieren.

Vor Klassenarbeiten sollte man alle Vokabeln der letzten paar Lektionen sowie sämtliche angestrichenen Vokabeln der letzten Jahre noch einmal wiederholen. Sehr nützlich ist auch ein kurzes erneutes Durchlesen/Durchtesten der Vokabeln des gesamten letzten Jahres oder der gesamten bisherigen Vokabeln zusätzlich zum gesonderten Lernen der markierten Vokabeln vor Klassenarbeiten.

Das Abschreiben von Vokabeln hat mir nie viel gebracht. Viel wichtiger ist meines Erachtens die möglichst gute Konzentration beim Lernen. Wenn man voll konzentriert ist, kann man auch die Vokabeln von Jahren innerhalb eines Nachmittages wiederholen. Denn bei voller Konzentration fallen sie einem leichter ein bzw. man lernt vergessene Vokabeln leichter und besser. Beim Schreiben bin ich jedoch immer mehr auf Nebensächlichkeiten wie das Treffen der Linien und das Hin- und Hersehen zwischen Heft und Vorlage konzentriert. Man wird also abgelenkt und kann nicht mehr gut lernen.

Quelle:
Foevenyi, Juergen (o.J.). Lerntechniken und Lernstrategien - Alternativen zur Lernkartei.
WWW: http://www.lerntechnik-seminar.gmxhome.de/lern07.htm (03-04-27)



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