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Körpersprache im Unterricht

Interaktion und Kommunikation finden auch in der Schule innerhalb und außerhalb des Unterrichts in hohem Maße nonverbal über den Körper statt. Das ist nicht neu, aber inzwischen hat sich ein Bewusstsein für die Komplexität körperlichen Handelns entwickelt.

Der Lehrer produziert mit seinem Körper eine Sprache, die die Schüler verstehen lernen müssen, um erfolgreich durch den Schulalltag zu kommen. Umgekehrt ist es für den Lehrer nützlich, wenn er die Körpersprache seiner Schüler entschlüsseln kann. Allerdings belegen Untersuchungen. dass diese Fähigkeit bei Lehrern nicht in sehr hohem Maße ausgeprägt ist. Rosenbusch führt Lehrer an 5. 5telle an; die vorderen Rangplätze besetzen Schauspieler, Wissenschaftler, die sich mit nonverbaler Kommunikation befassen, Studenten der bildenden Künste, gefolgt von Medizinern und Collegestudenten. In 80% der Fälle schnitten Frauen besser beim Dekodieren von Körpersprache ab als die beteiligten männlichen Versuchspersonen. Unterrichtliche Verhaltenssteuerung läuft auf zwei Ebenen ab, der verbalen und der nonverbalen. Dabei steht die Körpersprache des Lehrers in einer komplexen Wechselwirkung zu seiner Verbalsprache. Sowohl die Verbal- als auch die Körpersprache kann Inhalts-, Beziehungs- und Prozeßbotschaften übermitteln, die Gewichte sind aber ungleich verteilt: Inhaltsbotschaften werden im alltäglichen Unterricht überwiegend über die Verbalsprache, Beziehungsbotschaften überwiegend über die Körpersprache, Prozeßbotschaften sowohl über die Verbal- als auch über die Körpersprache vermittelt.

Der Erfolg des Unterrichts hängt in besonderem Maße davon ab, inwieweit es dem Lehrer gelingt. zwischen seiner Verbalsprache und seiner Körpersprache einen Gleichklang zu erzielen. Wenn die Verbalsprache anderes vermittelt als die zeitgleich ausgesandte Körpersprache, können sich die zu übermittelnden Botschaften im harmloseren Fall gegenseitig neutralisieren. Im ungünstigsten Fall erzeugt das auseinanderklaffen von Verbal- und Körpersprache Verunsicherung und Verwirrung bei den Schülern, sie wissen nicht, wie sie beim Lehrer "dran" sind. Häufig resultieren Unterrichtsstörungen aus diesem Phänomen. Bittet beispielsweise ein Lehrer seine Schüler mit zitternder, unsicherer und leiser Stimme um Ruhe, so schließen Schüler daraus, der Lehrer habe Probleme, seine Forderungen durchzusetzen, also könne man weiter stören. Ähnlich schwer dürfte es der Lehrer haben, der sich hinter seinem Pult verbarrikadiert, sich verbal aber um guten Kontakt zur Klasse bemüht. Kommunikation ohne nonverbale Signale ist zerstörerisch. Man kann nicht miteinander reden, Unterricht halten, aber durch den Blick, die Gestik und die Körperhaltung zeigen, dass man weg möchte oder die Nähe nicht aushält.

Das dreijähriges Forschungsprojekt „Leibliche Kommunikation im Schulunterricht“ von Bernd Hackl (2016), Leiter des Instituts für Schulpädagogik an der Universität Graz, hat gezeigt, dass Worte und Körpersprache der Lehrenden harmonieren müssen,damit die Botschaft beim Schüler ankommt und sich ein Lernerfolg einstellt. Wenn etwa die Lehrerin mit der Antwort des Schülers nicht einverstanden ist, erkennt man das an den hochgezogenen Augenbrauen und dem ernsten Gesicht, doch gleichzeitig legt sie den Kopf schräg und hebt den Finger und signalisiert so, dass sie den Schüler ernst nimmt und über seine Antwort nachdenkt. Wenn sie dann noch eine präzise und vorsichtige Antwort gibt, die vielleicht auch noch fragend ist, schafft sie einen Ansporn für den Schüler, selbst zu argumentieren, womit erst der Lernprozess ausgelöst wird. Allgemein gilt, dass eine bestimmte Atmosphäre, sei es Spannung, sei es Nachdenklichkeit, immer auch körperlich inszeniert wird, wobei es nicht um aufgesetzte oder übertriebene Mimik oder Gestik geht, die manchmal in Rhetorik- oder Verkaufstrainings empfohlen werden, sondern um die individuellen und authentischen Ausdrucksmöglichkeiten der einzelnen Person. Körpersprache zeichnet sich dadurch aus, dass man sie nicht kontrollieren kann, aber glaubwürdig ist Körpersprache nur dann, wenn sie zum Ausdruck bringt, dass die Person selbst von dem überzeugt und begeistert ist, worüber sie spricht. Im Unterricht kommt es demnach darauf an, authentisch zu vermitteln, dass der behandelte Stoff den Aufwand lohnt. Stimme, Gestik, Mimik und Körperhaltung können dies unterstützen. Nur wenn Lehrer mit ihrer gesamten Persönlichkeit die Relevanz des Themas zum Ausdruck bringen, können sie Schüler davon überzeugen. Bernd Hackt glaubt, dass man jeden Inhalt spannend inszenieren kann, denn der Lehrer bzw. die Lehrerin muss herausfinden und zeigen, was das Interessante an einem Thema ist, eventuell indem man es nicht als Pflichtenliste präsentiert, sondern vorführt, wie man damit umgehen kann, um spannende Erkenntnisse zu gewinnen. Hackl wendet sich auch gegen die zunehmende Tendenz, Unterricht als Unterhaltung bzw. Entertainment zu gestalten, d. h., häufig wird darauf verzichtet, von der Sache her zu motivieren und Schülern etwas abzuverlangen, sondern es wird eine opportunistische Strategie gewählt und mit Spielen oder Spektakulärem versucht, mit Unterhaltungsmedien zu konkurrieren. Doch das sei der falsche Weg, denn es geht vielmehr darum, gemeinsam mit der Klasse tiefer zu graben. Damit das gelingt, ist die persönliche Glaubwürdigkeit nötig, wobei Lehrerinnen und Lehrer auch körperlich zum Ausdruck bringen können, dass etwas wichtig ist und es sich lohnt, sich dafür anzustrengen. Gleichzeitig spürten Schüler auch Widersprüche zwischen dem Interesse der Lehrenden und den Anforderungen des Unterrichts, d. h., Gesagtes und Körpersprache driften dann auseinander, was zu Frustration und gereizter Stimmung auf beiden Seiten führen kann. Die Atmosphäre in der Klasse soll einen Schonraum bilden, in dem die Lehrenden sich als Teil der Gruppe freundlich und zugewandt präsentieren, denn so kann spürbar werden, dass man, ohne sanktioniert zu werden, experimentieren und Fehler machen kann, dass man als Mitwirkender gebraucht und anerkannt wird, und wie man mit Inhalten aufschlussreich methodisch umgehen kann.

Man hat in diesem Projekt die Körpersprache österreichischer Lehrer analysiert und festgestellt, dass unter den aktuellen Rahmenbedingungen es diesen oft schwer fällt, ihren Unterricht authentisch als wichtig und spannend in Szene zu setzen, denn der Druck auf die Lehrer ist in ihrer Körpersprache erkennbar. Vor allem Kinder und Jugendliche können diese Signale tendenziell in der Regel gut deuten. Mittels umfangreicher Videoanalysen unterschiedlicher Lehrer aus verschiedenen Schulformen hat man dabei entdeckt, dass die Hauptfunktion des körperlichen Ausdrucks darin besteht, zu rechtfertigen, was pädagogisch geschieht, also, den Schülern gegenüber glaubhaft zu machen, dass was hier passiert für sie sinnvoll ist. Um das zu leisten, muss man den Heranwachsenden vermitteln, dass sie im Unterricht gebraucht, anerkannt und einbezogen werden, dass sie nicht unter Druck gesetzt werden, dass ihnen der Unterricht neue Erkenntnisse bringt und sie der Lehrer an seinen Fähigkeiten zur Problemlösung aktiv teilhaben lässt. Bei diesen Prozessen spielt die nonverbale Kommunikation eine entscheidende Rolle, wobei es wichtig ist, dass Lehrer ihre Botschaften authentisch inszenieren und etwa die Schüler mit echter, sichtbar gezeigter Begeisterung einbeziehen. Trägt ein Lehrer oder Lehrerin etwas gut vor, kann man das fast körperlich spüren und es ist schwer, sich dem als Schüler oder Schülerin zu entziehen. In den analysierten Unterrichtseinheiten gelang das jedoch eher selten, weil sich am körperlichen Ausdruck nämlich oft ablesen ließ, unter welchem Druck ein Lehrer steht. Selten hätten Pädagogen das Gefühl, auch Fehler machen zu können, ohne dass ihnen das bei PISA-Test oder Zentralmatura später auf den Kopf fällt. Darunter, dass einerseits die Schule bei der Selbstentfaltung helfen und andererseits eng umschriebene Kompetenzen nachweisbar vermitteln soll, leidet die Unterrichtsqualität: Die Lehrer arbeiten in einer Situation, die widersprüchlich ist und aus der sie nicht hinaus können. SchülerInnen reagieren sehr sensibel auf das Auseinanderdriften zwischen dem Gesagten und der Körpersprache und wenden sich vom Unterricht ab, was dazu führt, dass Lehrer auf opportunistische Strategien setzen, indem sie immer mehr Entertainment-Elemente in ihren Unterricht einbauen. Das ist aber eine Strategie, die sehr schlecht aufgeht, denn wenn man in der Mathematikstunde auch spielen darf, bekommt man nicht mehr Motivation für die Mathematik, sondern eher noch mehr Motivation zu spielen. Ob eine Lehrerin oder ein Lehrer authentisch ist oder nicht, kommt nur durch ihre bzw. seine wirkliche Haltung zu seiner Tätigkeit zustande.

Buchempfehlung

Die Grundlage des Buches "Körperkompetenzen und Interaktion in pädagogischen Berufen: Konzepte - Training - Praxis" von Julia Kosinár bilden die Erfahrungen der Autorin aus zehn Jahren Tätigkeit als Körperpädagogin in der Lehreraus- und -fortbildung und Erkenntnisse, die sie als Erziehungswissenschaftlerin durch Beobachtungen, Befragungen und Evaluationen gewinnen konnte. Die Bedeutung körperlichen Handelns für Interaktionen, Beziehungsstrukturen und die eigene emotionale Verfassung werden im ersten Teil des Buches vorgestellt. Ein umfangreiches Trainingsprogramm bietet Übungen und Anleitungen für AusbilderIinnen, aber auch Lehrkräfte, ReferendarInnen und Studierende, die helfen eine gelingende Interaktion und Schüler-Lehrer-Beziehung aufzubauen, innerlich stabil zu sein und selbstsicher auftreten zu können. Die Autorin betont jedoch wiederholt, dass es sich bei ihrer Arbeit nicht um ein Selbsthilfehandbuch oder rezeptartig anzuwendendes Wissen handelt, wie es bisher in der vergleichbaren Literatur zum Thema Körpersprache im Unterricht häufig zu finden war. Sie schreibt daher in einem Handout zu ihren Seminaren: "Viele Lehrerinnen und Lehrer oder Studierende im Praktikum wissen nicht, wie sie ihre Körpersprache adäquat einsetzen können, um sich Gehör zu verschaffen, andere zu motivieren oder Raum zur Selbsttätigkeit zu geben. Sie erleben Probleme in ihrer Beziehung zu Schülerinnen und Schülern, Missverständnisse in der Kommunikation und die Begrenzung einer bewussten Handhabe ihres körperlichen Ausdrucksrepertoires.

Daher wünschen sich viele Lehrende und v.a. Lehramtsstudierende Tipps zur Übernahme einer vermeintlich richtigen Körpersprache, ohne zu bedenken, dass es eine Verallgemeinerung gar nicht geben kann, sondern nur ein individuell authentisches und kongruentes Verhalten, das gemäß des persönlichen Ausdrucks und der Intention seine eigene Bedeutung erhält. Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, es ließen sich Muster angeblicher optimaler Posen und Gesten einfach übernehmen. Auch wenn es zunächst enttäuschen mag: Das ist nur sehr begrenzt so. Jeder Mensch muss sich auf den Weg machen, seine ganz eigene Körpersprache zu reflektieren, eigene Verhaltensweisen zu beobachten und, zu allererst, die Wahrnehmung für sich selbst wieder zu entwickeln. Dies kann anhand von Seminaren, durch Bücher, durch Austausch mit Familienmitgliedern, Bekannten, Kolleginnen und Kollegen oder durch regelmäßige Selbstbeobachtung in Gang gebracht und mittels kontinuierlicher Übung professionalisiert werden.

Der Begriff Körperkompetenzen umfasst Auftritts- und Interaktionskompetenzen auf der Außenwirkungsebene und zum anderen die Fähigkeit zur Selbststärkung auf der Innenwirkungsebene. Beide bedingen einen bewussten und selbstreflektierten Umgang mit dem Körper und ein Bewusstsein für den Umgang mit stressigen beruflichen Situationen."

Quellen & Literatur

Hackl, Bernd (2014). Körper, Ausdruck, Sinn. Methodologische Überlegungen zur hermeneutischen Rekonstruktion nonverbaler Kommunikation. Journal für LehrerInnenbildung, 1, 15-24.

Meyer, Hilbert (1989). UnterrichtsMethoden II. Scriptor.

Rosenbusch, Heinz (1986). Körpersprache in der schulischen Erziehung. Otto Schober Burgbücherei Schneider.

Schwab, Rita (o.J.). Körpersprache im Unterricht.
WWW: http://www.informationstechnikadam.de/inft/themen/07SchwabKorrperprache.htm (05-07-10)

http://www.koerperkompetenzen.de/JK_Handout_Koerperkompetenzen.pdf (10-07-17)

Die Presse vom 10. September 2016.
WWW: http://diepresse.com/home/Wissenschaft/5082826/ (16-09-10)

 

Überblick: Was ist nonverbale Kommunikation?



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