Wechselhaftigkeit und Veränderlichkeit

Kommunikation zwischen verschiedenen Individuen hat sich im Verlaufe der Evolution immer weiterentwickelt. Dies war die Grundlage des Aufstiegs der Arten. Kommunikation gibt es somit nicht erst auf der menschlichen Stufe, sondern bereits auf wesentlichen niedrigeren Stufen der Evolutionsgeschichte. Die verschiedenen Tierarten haben sehr differenzierte Repertoires von Signalen herausgebildet, um den Artgenossen bestimmte Bedürfnisse, Gefahren usw. mitzuteilen. 

Das Mitglied einer Affenhorde, das ein gefährliches Raubtier erspäht hat, stößt spontan einen schrillen Angstschrei aus, das die übrigen Hordenmitglieder warnt. Ein Wolf, der einem Artgenossen seine Unterwürfigkeit zum Ausdruck bringen will, nimmt eine andere Körperhaltung ein als das Leittier, das Dominanz demonstriert.

Zu den umfangreichen Möglichkeiten der vorsprachlichen Kommunikation sind auf der Ebene menschlicher Kommunikation die spezifisch sprachlichen Formen hinzugekommen. Damit sind die nonverbalen Formen jedoch nicht außer Kraft gesetzt. Auch im menschlichen Miteinander demonstrieren wir mehr oder minder unbewusst oder automatisiert durch unsere Körperhaltungen, unsere Gesichtszüge, durch den Ton, die Lautstärke unserer Stimme, was wir eigentlich wollen, was in uns vor sich geht.

Musiker hören übrigens nach Studien von Dana Strait et al. (Northwestern University, Evanston) Gefühlsnuancen aus der Stimme eines Gesprächspartners heraus, denn ihr Gehirn ist durch die musikalische Ausbildung darauf trainiert, äußerst effizient komplexe akustische Signale zu erfassen und zu verarbeiten. Die Musikergehirne erfassen vor allem die komplexen Anteile des Geräuschs, die am meisten zusätzliche Information transportieren, während sie die offensichtlichen Informationen wie etwa die Tonhöhe größtenteils ausblendeten. Dadurch reagieren Musiker schneller und exakter auf die akustischen Elemente, die beim Sprechen Informationen über die Gefühlslage des Sprechers transportieren.
Quelle: European Journal of Neuroscience, Bd. 29, S. 661

Nonverbale Signale und Hinweise sind in vielen Situationen mindestens so wichtig, oft noch viel einflussreicher als die ausgetauschten sprachlichen Inhalte. Denn die nonverbalen Signale sind meist unmittelbarer, unkontrollierter, unzensierter mit unseren tatsächlichen Empfindungen verbunden. Sie sind meist ehrlicher, direkter, unverfälschter und vor allem dann von sehr großem Einfluss, wenn sich nonverbale und sprachliche Information widersprechen.  Und dies ist im Alltag keineswegs selten. Denn die verschiedenen Situationen erfordern mehr oder minder die Beachtung und Einhaltung von sozialen Regeln und Normen, die vielfach ein spontanes Ausleben der Gefühle, Empfindungen nicht zulassen. Wir versuchen somit ständig, uns im Einklang mit sozialen Normen, mit weiterreichenden Zielen und Absichten zu verhalten. Oft ist es außerdem keineswegs sinnvoll, all unsere Vorhaben und Ziel offen auszusprechen. In vielen Situationen möchten wir außerdem einen ganz bestimmten Eindruck erwecken (Impressions-Management). 

Unser nonverbales Verhalten spiegelt somit keineswegs immer gradlinig unseren unbewussten oder hintergründigen Emotionen wider. Oft bemühen wir uns sogar gezielt darum, unser äußeres Verhalten aktiv so zu kontrollieren, dass wir bei unserer Umgebung ganz bestimmte, erwünschte Effekte erzielen. 

Direkte Informationsbeschaffung

Die Kommunikation zwischen Menschen kann auf zwei verschiedene Arten vor sich gehen: auf direkte und auf indirekte Art. Der einfachste und häufig beschrittene Weg ist, die betreffenden Personen direkt zu befragen: was sie will, worum es ihr geht, welche Ziele und Absichten sie verfolgt usw. Diese Strategie führt jedoch häufig nicht zum Ziel, da andere Personen oft nicht gewillt oder in der Lage sind, über ihre persönlichen Motive, Absichten, Stimmungen und Gefühle offen Auskunft zu geben. Nicht selten machen Personen sogar die Erfahrung, dass andere bemüht sind, ihre eigenen persönlichen Stimmungen und Gefühle vor uns, vor der Außenwelt zu verbergen. Manchmal haben sie sogar Gründe, uns zu täuschen, in die Irre zu führen.

Aber auch wenn sie willens sind, über sich Auskunft zu geben, gewährleistet dies keineswegs eine umfassende und fundierte Aufklärung. Denn ein wesentlicher Teil menschlicher Motive entzieht sich dem bewussten Zugriff und Verstehen. Unsere eigentlichen Motive sind uns oft selbst nicht klar. Oft können wir nur vordergründige, stark rationalisierte und selbstwertdienliche (und damit mehr oder minder verzerrte) Erklärungen über unser Verhalten geben. 

Schließlich ist die direkte Informationsbeschaffung oft einfach nur lästig, situationsunangemessen und vor allem unnötig verkomplizierend. In laufenden Interaktionen sind wir vielfach darauf eingestellt, dass ein wesentlicher Teil wechselseitigen Austauschens und Verstehens wie von allein, relativ nebenher abläuft. 

Dieses intuitive (und damit sehr ökonomische) Interaktionsverstehen wird einfach voraussgesetzt, gilt als selbstverständlicher Bestandteil einer erworbenen Interaktionskompetenz. Ständiges Nachfragen und Andeuten von Unklarheiten würde das reibungslose Miteinanderumgehen, das schnelle und unmittelbare Begreifen von sozialen Situationen stören, behindern und in unangenehmer Weise blockieren.

Indirekte Informationsbeschaffung

In der Mehrzahl von Alltags-Situationen sind wir auf mehr indirekte Methoden der Informationsbeschaffung angewiesen. Wir achten bewusst oder auch intuitiv um so mehr auf das nonverbale Verhalten: auf Veränderungen des Gesichtsausdrucks, des Augenkontaktes, der Körperhaltung, Körperbewegungen und andere nonverbale Ausdrucksweisen. Solches Verhalten ist vergleichsweise weniger bewusst kontrolliert und kontrollierbar (DePaulo 1992).

Selbst wenn die beobachteten Personen sich anstrengen, bestimmte Empfindungen und Gefühle zu verbergen, dringen diese doch mehr oder minder über nonverbale Reaktionen an die "Oberfläche" und werden für andere sichtbar und erkennbar. 

Die Informationen, die über den nonverbalen Kanal an die Oberfläche dringen, bedürfen allerdings oft der Interpretation, der besonderen Empathie, um ihren Sinn zu entschlüsseln. Dieser Bereich des nonverbalen Austausches und der Aufschlüsselung oder Decodierung der zugrundeliegenden Informationen wird in der Sozialpsychologie als "nonverbale Kommunikation" bezeichnet.

Benimm-Regeln als Aspekt guter Kommunikation

Ein Aspekt indirekter Kommunikation sind auch gute Manieren, sowohl beruflich als auch privat. Wer in bestimmten Situationen Höflichkeitsformen und Umgangsregeln nicht beherrscht, kann sein Gesicht verlieren, und das meist, ohne es sofort zu bemerken. Das beginnt schon bei der Bekleidung. Wie lässig die Garderobe im Job ausfallen darf, hängt von Branche und Firmenkultur ab. Grundsätzlich gilt: Was man am Strand trägt, bleibt besser im Schrank. Angemessene Kleidung ist oft auch ein Synonym für gehobene Umgangsformen, wobei durch die Sichtbarkeit diese Form der Kommunikation schon auf große Distanz wirkt. In vielen Unternehmen gehört das Du heute zum normalen Umgangston, was allerdings auch Nachteile hat, denn dadurch wird persönliche Nähe im Job vorgetäuscht, die oft nicht vorhanden ist. Was keinesfalls erlaubt ist: dem Vorgesetzten oder älteren Kollegen das Du-Wort anbieten. Auch beim Grüßen kann Einiges von Anbeginn verkehrt laufen: Es grüßt immer der, der den anderen zuerst sieht. Bei der Begrüßung im Berufsleben stehen Damen - privat dürfen sie sitzen bleiben! - und Herren auf. Sich selbst stellt man stets ohne Titel, andere aber immer mit akademischen Graden vor. Dabei verwendet man stets den vollen Namen. Ranghöhere werden zuerst vorgestellt, bei Gleichrangigen gilt: Dame vor Herr, Alter vor Jugend. Damen dürfen sich übrigens auch selbst vorstellen.

Emotionaler Gehalt

Die starke Beschäftigung mit der nonverbalen Kommunikation rührt daher, dass der Großteil davon emotionale Informationen enthält, die ihrerseits ein mächtiger Motivfaktor des menschlichen Verhaltens ist: wie 

Wir basieren unsere Gefühle und emotionalen Reaktionen nicht so sehr darauf, was wir anderen sagen, sondern darauf, was andere tun. Nonverbales Verhalten gilt für gewöhnlich als verlässlicher, echter. Vor allem wenn verbales und nicht-verbales Verhalten einander widersprechen, neigen wir dazu, uns mehr auf das nonverbale zu verlassen.

Unmittelbarkeit

Erstens unterliegt nonverbales Verhalten in geringerem Maße der (durch kontrollierte Eingriffe unseres Denkens zustande kommenden) Verfälschung. Nonverbales Verhalten verläuft immer (parallel) auf mehreren Ebenen bzw. Kanälen, und zwar aus der Sicht des Agierenden mehr oder minder intuitiv und automatisiert.  Zwar ist es möglich, sich bewusst in das nonverbale Verhalten einzuschalten, Teilabläufe bewusst im Sinne bestimmter Wirkungsabsichten zu gestalten, allerdings nur in begrenzter Form. Es ist untypisch für das Alltagsverhalten und für den Durchschnittsmenschen, dass er sein gesamtes nonverbales Verhalten bewusst kontrolliert. Dies gelingt nur sehr eingeschränkt. 

Das gleiche gilt für den Beobachter. Auch er nimmt die überwiegende Mehrzahl der nonverbalen Signale mehr oder minder unbewusst wahr und deutet deren Sinn auch weitestgehend unbewusst bzw. intuitiv und spontan aus. Der bewusste und kontrolliert-sprachliche Austausch ist eine Form codierter Kommunikation. Es handelt sich um keine Primärinformationen, sondern um begrifflich decodierte Beschreibungen. Es geht nicht um den Austausch primärer Informationen, sondern um sprachlich-begrifflich verarbeitete Informationen, die durch ein Raster verbaler Gewohnheiten, Regelungen und begriffliche Ordnungssysteme gefiltert, bewertet sind.

Man kann beispielsweise über Gefühle reden, versuchen, sie in Worte zu fassen. Dies ist allerdings keine Primärinformation, sondern eine codierte Form. Die Primärform ist das unmittelbare Erleben der Gefühle. Dieses Erleben kann nur begrenzt in Worte gefasst werden. Die Beschreibung bleibt immer hinter dem Primärerleben zurück, ist so etwas wie eine Kurzfassung, eine Art Schnappschuß, eine Verkürzung, eine qualitativ begrenzte Reproduktion, eine Übersetzung.

Noch näher dran ist der Beobachter der emotionalen Lage einer Person. Der mit den Gefühlen einhergehende Ausdruck des Gesichtes, der Körperbewegungen, der Stimmlage usw. vermittelt dem Beobachter einen unmittelbaren Zugang zu den Emotionen.  Aber auch diese bloße Wahrnehmung ist nur eine Sekundärinformation. Immerhin aber schließt sie einen "anschaulicheren" Zugang ein, insbesondere eine größere Chance, das Wahrgenommene empathisch nachzuerleben und dadurch einen direkteren Zugang zu den Emotionen zu haben.

Der erste Eindruck

Eine wichtige Rolle spielen nonverbale Signale beim ersten Eindruck, den wir von jemand haben, wenn wir ihn kennenlernen. Etwa 95 % des ersten Eindrucks werden bestimmt von Aussehen, Kleidung, Haltung, Gestik und Mimik, Sprechgeschwindigkeit, Stimmlage, Betonung und Modulation (Dialekt) und nur 3 % von dem, was jemand sagt. Die Qualität des ersten Eindrucks ist aber auch von äusseren Umständen wie der eigenen Stimmung und physischen und psychologischen Befindlichkeit und der des anderen, der Situation, Phantasien, Gefühlen und positiven bzw. negativen Erlebnissen in der Vergangenheit beeinflusst. Diese Abhängigkeit von einer Vielzahl von Faktoren ist auch gleichzeitig das grösste Problem des ersten Eindrucks. Er kann leicht vollkommen falsch sein, wenn unter ungünstigen Bedingungen nonverbale Signale des Gesprächspartner fehlinterpretiert werden. Fehleinschätzungen unseres Gegenübers können dazu führen, dass wir die Person nach unserem Bild von ihr verändern. Ein negativer erster Eindruck löst unter Umständen feindselige Signale bei uns aus, die beim anderen Unsicherheit bewirken, was unseren negativen Eindruck bei einer weiteren Fehlinterpretation der Unsicherheit des anderen noch verstärkt. Naumann et al. (2009) legte Probanden Ganzkörperfotos von 123 männlichen und weiblichen Studenten vor. Eine Hälfte der Teilnehmer sollten gestellte Fotos beurteilen, die anderen sechs ungekünstelte Aufnahmen, wobei am Gesichtsausdruck, der Körperhaltung sowie der Kleidung verschiedene Persönlichkeitsmerkmale (Offenheit, Pflichtbewusstsein, Freundlichkeit, Extrovertiertheit und Neurotizismus - die Big Five der Persönlichkeitspsychologie) bzw. Merkmale wie Selbstbewusstsein, Einsamkeit und Religiosität der Fotografierten eingeschätzt werden sollten. Die Ergebnisse wurden mit der persönlichen Selbsteinschätzung der Fotografierten und deren Einstufung durch jeweils drei gute Freunde verglichen. Die Teilnehmer konnten dabei recht zuverlässige Aussagen über die fünf genannten Persönlichkeitsaspekte treffen, wobei die ungekünstelten Portraits sogar Rückschlüsse über neun der zehn untersuchten Wesenszüge erlaubten, nur der Grad des Pflichtbewusstseins ließ sich nicht anhand der Fotos ermitteln. Offensichtlich besitzt der erste Eindruck für die Beurteilung einer Person eine größere Treffsicherheit als bisher angenommen wurde, auch wenn sich mit der Nähe der Bekanntschaft die Einschätzunen noch erheblich verbessern lassen.

Ähnliches ist bei der häufigen Unterschätzung von Behinderten oder Ausländern der Fall: Man spricht in einer Art Babysprache und macht damit oft den anderen erst zu dem, den man haben will. Dieser Effekt wird zu 95 % durch körpersprachliche Signale ausgelöst. Dieser "Rosenthal-Effekt" - auch manchmal poetischer als "Pygmalion-Effekt" bezeichnet - muss jedoch nicht immer negative Folgen haben: Zur Motivation von Mitarbeitern wird Führungskräften häufig geraten, diese so zu behandeln, wie sie sein könnten, nicht unbedingt, wie sie sind.

Siehe dazu Werner Stangl: Der "Rosenthal-Effekt"
(http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/experimentbsprosenthal.html; 03-06-23)

Neuropsychologen haben herausgefunden, dass zu Beginn einer jeden Begegnung und eines jeden Gesprächs die Glaubhaftigkeit des Partners eingeschätzt wird. Dies geschieht innerhalb ca. einer Sekunde völlig unbewusst über eine Analyse des Gesichtsausdrucks (besonders Augen- und Mundstellung), der Tönung der Stimme (Prosodie) und der Körperhaltung. Beteiligt hieran sind vor allem die Amygdala und der insuläre Cortex (besonders rechtsseitig) sowie der rechte temporal-parietale Cortex (Gesichterwahrnehmung) und der orbitofrontale Cortex. Unbewusst wahrgenommener emotional gesteuerter Körpergeruch, der Furcht und Unsicherheit vermittelt, könnte ebenfalls eine Rolle spielen; auch dies wird in der Amygdala verarbeitet.

Beim ersten Eindruck spielt auch die Symmetrie eine wichtige Rolle, den die wollen wir in Gesichtern von Menschen sehen. Dies ist ein altes Erbe, das man bei vielen Tieren beobachtet hat, aber auch bei Menschen: Die Partnerwahl urteilt nach der Symmetrie des Gesichts, denn die Symmetrie zeigt offenbar Gesundheit, Kraft und gute Gene. William Brown (Evolutionäre Psychologie, Uxbridge) hat auch den ganzen Körper untersucht: 77 Personen ließen sich scannen – 40 Männer, 37 Frauen, alle Anfang 20 –, daraus wurden 3D-Darstellungen genereriert, die sich aus beliebigen Blickwinkeln betrachten lassen. 87 Personen bewerteten dann die Körper des jeweils anderen Geschlechts auf einer Attraktivitätsskala. Beide Geschlechter bevorzugen symmetrisch gebaute Partner, besonders auffällig zeigte sich das beim Blick auf die Beine, denn diese müssen gleich lang sein. Man fand auch geschlechtsspezifische Unterschiede: Der ideale Männerkörper ist hoch, hat breite Schultern und eine kleine Brust, die Beine sind eher kurz. Eher lang sind sie bei der idealen Frau, die Hüften breit, die Taillen schmal. Bekanntlich zieht ein attraktives Frauengesicht Männer an und seit der Antike forschte man nach einer Formel für die Schönheit. ForscherInnen der Universitäten von Kalifornien, San Diego und Toronto untersuchten, wie unterschiedliche Positionen von Augen und Mund bei Fotos von Frauen wirken, indem männliche Studenten Bilder bewerteten, an denen der Abstand zwischen den Augen sowie zwischen Augenpartie und Mund künstlich variiert worden war. Attraktiv war ein Frauengesicht dann, wenn der Abstand zwischen Augenpartie und Mund in etwa 36 Prozent der Gesichtslänge und gleichzeitig die Distanz zwischen den Augen 46 Prozent der Gesichtsbreite entspricht. Diese Verhältnisse eines Frauengesichts sind auch jene, die besonders häufig vorkommen, woraus sich auch erklärt, warum manche Menschen durch eine neue Frisur weniger attraktiv wirken, denn Haarschnitte verändern diese Proportionen. Menschen übersetzen vermutlich alle Gesichter, die sie sehen, in Mittelwerte, d.h., die Gesichtsmaße werden in einem kognitiven Prozess zu idealen Längen- und Breitenverhältnisse gemittelt, die schließlich Attraktivität bedeuten. Durchschnittlichkeit ist vermutlich ebenso wie Symmetrie ein Merkmal, über das Menschen auf die Gesundheit eines Gegenübers schließen.

Beim Lernen in der Schule ist dies genauso, denn Schüler stellen schnell und zumindest im ersten Schritt unbewusst fest, ob der Lehrer motiviert ist, seinen Stoff beherrscht und sich mit dem Gesagten auch identifiziert. Dem Lehrer sind die von ihm ausgesandten Signale meist überhaupt nicht bewusst, und er kann sie deshalb nicht oder nur nach großem Training willentlich steuern. Wenn also ein in vielen Jahren des Lehrerdaseins ermüdeter, unmotivierter Lehrer Wissensinhalte vorträgt, von denen er selbst nicht weiß, ob sie überhaupt noch zutreffen, so ist dies in den Gehirnen der Schüler die direkte Aufforderung zum Weghören.

 

Verbindung mit dem verbalen Verhalten

Dennoch ist nonverbales Verhalten mit dem verbalen Verhalten eng verwoben. Nonverbale Signale können das Verbale ersetzen, unterstreichen, betonen, ihm widersprechen, es abschwächen. Wenn wir beschreiben wollen, wie groß der geangelte Fisch war, nehmen wir womöglich die Hände zu Hilfe, um dessen Größe zu veranschaulichen. 

Häufig versuchen wir auch, das Gesagte mit Hilfe des gesamten Körpers zu verdeutlichen. Unser Körper stellt symbolisch das Gesagte dar. Wir beschreiben das Vorbeirauschen eines Motorrads, indem wir einen entsprechendes Geräusch nachahmen und mit den Händen oder gar dem ganzen Körper das Vorbeizischen nachmalen. 

Die Bedeutung von nonverbalen Signalen ist nicht generell festgelegt, sondern variiert mehr oder minder je nach Kultur und Kontext, je nach Anteil des Gelernten. 

In der Universität Chicago (Susan Goldin-Meadow & Meredith Rowe) wurde von Psychologen ein Zusammenhang zwischen Gestikulieren und dem späteren Wortschatz von Kleinkindern hergestellt. 50 Familien wurden über drei Jahre hinweg beobachtet. Es wurden die Gebärden untersucht, die Eltern und Kinder spontan zeigen, wenn sie im Alltag miteinander umgehen. Das waren ganz einfache Gesten, etewa auf einen Gegenstand deuten - auf eine Tasse, einen Teddy, auf sich selbst, auf die Mutter. Damit drücken sie unterschiedliche Bedeutungsinhalte aus. Dazu gehört auch, dass sie nickten oder den Kopf schüttelten - für ,Nein' - oder die Arme nach oben recken, weil sie hoch gehoben werden wollen. Aber bei der Mehrheit der Gesten, 60 Prozent, handelte es sich um Deuten auf Gegenstände. Wurde mit den Kindern häufig nonverbal kommuniziert, entwickelte sich parallel auch die sprachliche Fähigkeit des Kindes. Auch das Phänomen, dass Kinder aus wohlhabenden Familien einen größeren Wortschatz entwickeln, konnte damit bestätigt werden, da die Gesten der bis 14 Monate alten Kleinkinder durch wohlhabende Eltern mehr unterstützt wurden. Die Forscherinnen haben die Kinder im Alter von knapp fünf Jahren nochmals untersuucht. Diesmal wurden nicht die nonverbalen Fähigkeiten untersucht, sondern den Wortschatz, den die Kinder benutzen, wenn sie sich unterhalten. Und auch hier schneiden die Kinder aus wohlhabenden Familien besser ab. In 90 Minuten schafften die Kinder ärmerer Familien 13 verschiedene Gesten, Kinder von wohlhabenden Eltern kamen im gleichen Zeitraumauf 24 Gesten. Die Wissenschaftler vermuten, dass sich der Wortschatz durch die Kommunikation mit Gesten besser ausbilden kann, denn ein neues Wort zu entlocken gelingt leichter, wenn sich ein Kind auf einem anderen Kommunikationskanal schon besser verständigen und so nach Begriffen fragen kann. Die Psychologinnen ziehen daraus den Schluss, dass das Gestikulieren zumindest einen gewissen Anteil daran hat und raten dazu, das Sprechen mit Händen und Füßen bei kleinen Kindern zu fördern.

Psychologen der Universität Aberdeen haben in Versuchen entdeckt, dass sich Menschen, die an die Zukunft denken, sich einige Millimeter nach vorn beugen, während sie bei Gedanken an die Vergangenheit sich leicht nach hinten lehnen. Offensichtlich sind nicht nur in der Physik Raum und Zeit miteinander verknüpft, sondern auch im Gehirn gibt es einen Zusammenhang zwischen der Wahrnehmung von Raum und Zeit. Noch nicht untersucht ist allerdings, ob dieser Effekt auch bei Menschen anderer Kulturkreise zu finden ist.

Stellenwert und relatives Gewicht

Nonverbale Signale spielen in der Kommunikation eine mindestens ebenso wichtige und zuweilen sogar wichtigere Rolle als die Sprache. Im Alltag gilt der Satz: "Der Ton macht die Musik". Der Volksmund steht mit seiner Aussage nicht allein, dass es normalerweise wichtiger sei, auf Informationen zu achten, die nonverbales Verhalten über eine Person liefert, als auf verbal übermittelte Informationen. Schon die Vertreter der Psychoanalyse (Freud, Ferencizi und Reich) waren davon überzeugt, dass die genaue Beobachtung nonverbalen Verhaltens wie Körperhaltungen und Gesten Einblick in Probleme einer Person erlauben kann, und zwar sogar lange bevor diese Person in der Lage ist, die Probleme auch verbal darzustellen. 

In der neueren Kommunikationsforschung haben besonders die Arbeiten von Albert Mehrabian die Annahme unterstützt, dass es vielfach wichtiger sei, nonverbales als verbales Verhalten zu betrachten. In weithin beachteten Untersuchungen zur Entstehung von Urteilen über Einstellungen und Persönlichkeitsbilder ergaben, dass nur etwa 7 Prozent der emotionalen Bedeutung einer Botschaft durch den expliziten verbalen Kanal transportiert werden. Über 38 Prozent wird per Paralinguistik (Tonhöhe, Sprachmelodie, Wortbetonung usw.) kommuniziert. Über 55 Prozent der Bedeutungen gelangen über das non-verbale Verhalten in Gestalt von Gesten, Körperhaltungen, Gesichtsausdruck usw. zum Kommunikationspartner (Mehrabian 1972).

Wie in einer Untersuchung von Vivien Zuta am Frankfurter Institute for Advanced Studies herausgefunden wurde, macht nicht die Tiefe macht eine Männerstimme attraktiv, sondern ihre Sprachmelodie und -geschwindigkeit. Relevant ist auch, ob die Stimme souverän klingt und in einem angemessenen Tempo spricht. Das gilt auch für die Attraktivität von Frauenstimmen. Unattraktiv hingegen wirken auf beide Geschlechter zu langsames Sprechen und Verzögerungslaute wie "Äh".

Thomas Ethofer (Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie) hat Menschen Pseudoworte wie «Ne kalibam sut molem» in fröhlichem, ärgerlichem, neutralem, erleichtertem oder traurigem Tonfall vorgespielt. Dabei zeigte sich, dass die emotionalen Information durch spezifische Aktivierungsmuster im Gehirn verarbeitet werden, sodass man bei der Betrachtung des gesamten Aktivierungsmuster erkennen kann, welche Emotion das Gehirn gerade verarbeitet. Hauptergebnis war, dass das menschliche Gehirn allein anhand der Stimmmelodie die Laune eines Gesprächspartners erkennen kann, was etwa bei Telefongesprächen wichtig ist, wenn man die Mimik des anderen nicht sieht. Bei manchen Menschen mit psychiatrischen Krankheiten ist diese Fähigkeit oft eingeschränkt, sodass diese häufig nur noch schlecht am Sozialleben teilnehmen können.

"Musik" in der Stimme - Dur ist heiter und Moll ist traurig

Wenn ein Redner, der einen traurigen Text mit angemessener Bewegung in der Stimme verliest, verwendet Intervalle, wie sie auch in der Moll-Tonleiter auftreten, während ein heiterer Text dagegen viele Dur-Intervalle in der Satzmelodie enthält. Zusätzlich ordnen sich die verschiedenen Obertöne der Vokale in deren Frequenzspektrum so an, dass sie Dur-Akkorden ähneln. Dieser Zusammenhang gilt kulturübergreifend, findet sich also zum Beispiel auch im Chinesischen, obwohl traditionelle chinesische Musik nicht nach Dur und Moll differenziert werden kann und eher wie die Blues-Tonleiter eine eher "gemischte" Stimmung ausdrückt. Es sind also primär sprachliche und nicht musikalische Merkmale, die Dur und Moll ihre emotionale Färbung verleihen.
QUelle: Magazin GEO 2009/Februar.

Ihre Effektivität beweisen nonverbale Signale vor allem dann, wenn es darum geht, Einstellungen, Emotionen und Sympathien zu kommunizieren, Botschaften, die sich verbal oft nur schwer oder umständlich ausdrücken lassen. Soweit zur sozialen Interaktion auch das unaufhörliche Auf und Ab positiver und negativer affektiver Reaktionen gehört, sind nonverbale Botschaften die vielleicht wichtigsten Träger dieser Information. 

Zu weitgehend ähnlichen Ergebnissen sind eine Reihe von Untersuchungen nach dem Multikanal-Paradigma gekommen. Dabei werden Äußerungen verschiedenen Gruppen von Beurteilern in unterschiedlichen Formen der Informationsreduktion vorgegeben: einer Beurteilergruppe wird die gesamte Information zugänglich gemacht (Videoaufnahme mit Ton), andere sehen oder hören nur Teilkomponenten (z.B. das Videobild ohne Ton oder nur den Ton ohne zugehöriges Bild), wobei zusätzlich im Tonbereich noch Manipulationen vorgenommen werden, um vokale und verbale Informationskomponenten zu trennen. Dazu gehört das Unkenntlichmachen der verbalen Inhalte, während die Informationen über den Intonationsverlauf oder zeitliche Strukturierungsmerkmale der Sprache erhalten bleiben (Tiefpass-Filterung). 

Ein anderes Verfahren bezeichnet man als randomized splicing, bei der mit Hilfe digitaler Rechnertechniken die Sprachaufnahme in kurze Stücke segmentiert und nach Zufall wieder kombiniert wird. Dabei bleiben die Stimmqualität und die Stimmhöhe erhalten, gehen jedoch zeitliche Strukturierung und Sprachinhalt verloren (Wallbott 1998, S. 199f). 

Allerdings sollte man nicht von einer generellen Dominanz des non-verbalen über das verbale Kommunizieren sprechen. Menschliche Interaktionen sind in besonderem Maße interessengeleitet und von unterschiedlichen Informationsbedürfnissen bestimmt. Je nach Situation kann es sein, dass wir den Blick mehr darauf richten, was wir zwischen den Zeilen zu erkennen glauben, was unser Gegenüber uns nicht direkt mitteilt. 

Ein sehr aufgeschlossener Kommunikationspartner, der sich sehr offen verhält und keine Schwierigkeiten damit hat, auch von sich zu erzählen, wenn dieses gewünscht wird, motiviert weniger dazu, besonders auf das non-verbale Verhalten zu achten. Hält unser Gesprächspartner viele Informationen hinter dem Berg, von denen wir jedoch etwas wissen möchten, oder ist es ihm einfach nicht möglich, über sich die entsprechenden Informationen zu liefern, ist somit das Gesagte für uns eigentlich nicht aufschlussreich, eher unergiebig und womöglich sogar unglaubwürdig, liegt es nahe, dass wir unser Augenmerk stärker auf jene Kommunikationskanäle richten, die vielleicht deutlicher diejenigen Informationen vermitteln, die wir haben möchten. 

Dies führt zu der Schlussfolgerung, dass der relative Einfluß einzelner Informationskanäle nicht unabhängig von den situativen Bedingungen ist. Wenn die verbale Mitteilung situationsangemessen und normenkonform und damit erwartungsgemäß ist und wenig über die zu beurteilende Personen liefert, ist der Beurteiler geneigt, seine Aufmerksamkeit verstärkt anderen Informationsquellen zuzuwenden. Das heißt, stellt das vorgegebene verbale Verhalten für den Beurteiler eine informationsleere oder informationsarme Schablone dar, wird seine Aufmerksamkeit auf das nonverbale Verhalten gelenkt, und umgekehrt (Wallbott 1998). Wir dürften immer dem Verhaltensbereich (sei es verbal, vokal oder visuell) die größte Aufmerksamkeit schenken, der für unser Informationsbedürfnis am wichtigsten ist. Dies sind üblicherweise jene beobachteten bzw. gehörten Vorgänge, die nicht redundant oder situationskonform sind. 

Beispielsweise konnte nachgewiesen werden, dass in einer Interviewsituation, in der eine positive Aussage über sich selbst sozial gefordert wird und damit für einen Beobachter von recht geringem Informationswert ist, nonverbales Verhalten dann die Urteile determiniert, wenn der verbale Inhalte positiv ist. Ist dagegen der verbale Inhalt negativ (im Sinne einer negativen Selbstdarstellung), verliert nonverbales Verhalten völlig an Bedeutung, da dann die verbal übermittelte, unerwartete Information ein so großes Gewicht gewinnt, dass eine Einbeziehung nonverbal übermittelter Information für den Beurteiler unnötig und unökonomisch wird (Domangue 1978; n. Wallbott 1998, S. 202). 

Quellen

http://sozialarbeitspsychologie.de/nonvkom.htm (01-01-19)
http://www.uni-saarland.de/fak5/krause/nonverb.htm (03-06-05)
http://www.rp-online.de (03-01-10)

http://www.welt.de/welt_print/article2567714/Wissenschaft.html (08-10-13)
http://www.mastel.ch/projekt-ada1/ (03-06-23)
http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/news/
psychologie-berechenbares-schoenheitsideal_aid_464437.html (09-12-20)
OÖnachrichten vom 23.10.2008
http://www.magic-point.net/fingerzeig/grundlagen-deutsch/kommunikation/
koerperspr/koerperspr.html (02-01-20)
Frey, Siegfried (1984). Die nonverbale Kommunikation. Stuttgart.
Molcho, Samy (1988). Körpersprache als Dialog: Mosaik-Verlag.
Mehrabian, Albert (1972). Nonverbal Communication. Chicago.
Naumann, Laura P., Vazire, Simine, Rentfrow, Peter J. & Gosling, Samuel D. (2009). Personality Judgments Based on Physical Appearance. Personality and Social Psychology Bulletin, 35, 1661 - 1671.

Überblick: Was ist nonverbale Kommunikation?


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