[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Kriminalität bei Jugendlichen

Literatur

Pressemitteilung: Langzeituntersuchung zur Jugendkriminalität in Duisburg
WWW: http://cgi.uni-muenster.de/exec/
Rektorat/upm.php?
rubrik=Alle&neu=0&monat=
200809&nummer=10262 (08-09-11)

(gekürzt; W. S.)

Siehe auch
Kriminalitšt bei Kindern und Jugendlichen

Präventive und korrektive Maßnahmen zur Jugenddelinquenz
Jugendkriminalität

Jugendkriminalität und Jugendgewalt haben in den letzten Jahren nicht zugenommen, sondern es gab ein Hoch in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts, doch seit der Jahrtausendwende normalisiert es sich wieder. Die Ursachen, weshalb Jugendliche gewalttätig werden, sind immer vielschichtig, , wobei es eine Fülle an Bedingungen und nicht einzelne Faktoren gibt, sodass man präventiv an vielen Stellen ansetzen kann. Obwohl aber viele öffentliche Maßnahmen gesetzt werden, handelt es sich meist um Krisenmanagement und um punktuelle Eingriffe, aber um keine längerfristigen Projekte. Zwar nehmen in den Statistiken die Körperverletzungen zu, doch die Zahlen für Mord und Totschlag gehen zurück. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass die Gesellschaft sensibler geworden ist, und je sensibler, desto schneller wird eine Körperverletzung angezeigt. Eine bedeutsame Rolle bei der steigenden Bereitschaft zur Gewalt spielt der Alkohol, wobei die Präventionsversuche wie Aktionen gegen Komasaufen oder gegen das Vorglühen wenig erfolgversprechend sind, denn die Prävention scheitert daran, dass Erwachsene Alkohol trinken, und solange diese das öfentlich und praktisch ohne Sanktionen tun, tun es Kinder und Jugendlichen auch. Auch die Flut an Bildern gehört zu den aktuellen Problemfelder der Jugendkriminalität, denn jeder Jugendliche hat ein Mobiltelefon, mit dem er Bilder machen und Videos drehen kann. Wenn ein Mitschüler geprügelt oder eine junge Frau sexuell belästigt wird, halten viele die Kamera drauf und schicken diese Bilder blitzschnell weiter. Manche Opfer werden zu einem späteren und vielleicht auch ungünstigen Moment mit diesen Bildern konfrontiert.

Jugendliche und Heranwachsende zählen überproportional häufig zu den Tatverdächtigen. Die sogenannte Tatverdächtigen-Belastungszahl, die aussagt, wie viele Tatverdächtige es pro 100 000 Personen eines Jahrgangs gibt, ist bei den unter 21-Jährigen doppelt so hoch wie bei Erwachsenen.

Das Kinder- und Jugendalter gibt oft Aufschluss über die zukünftige Entwicklung bezüglich der Straffälligkeit. In der Jugendphase sind leichte und mittlere Straftaten nicht ungewöhnlich. Bei den meisten Jugendlichen geht es um das Ausprobieren von Grenzen, und sie lernen dadurch die Geltung von Regeln und Normen. Selten beginnt Delinquenz also erst im Erwachsenenalter, wobei die Delinquenz in der Gruppe der 16- bis 20-Jährigen am höchsten ist, diese jedoch später relativ stark und beständig abnimmt. Polizei und Justiz widmen sich daher in Berlin besonders den Intensivtätern, also jenen Straftätern, die innerhalb eines Jahres in mindestens zehn Fällen Straftaten von einigem Gewicht begangen haben. Besonders bei diesen besteht die Gefahr einer sich verfestigenden kriminellen Karriere. Die Berliner Staatsanwaltschaft führt 499 Intensivtäter, darunter 86 Erwachsen. 51 Prozent davon sind Deutsche, 20 Prozent stammen aus der Türkei, knapp neun Prozent aus dem ehemaligen Jugoslawien (vorwiegend Serbien) und sieben Prozent aus dem Libanon. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 20 Jahren.

Generell ist die Jugenddelinquenz in den letzten 50 Jahren stark angestiegen ist. Besonders deutlich kann man dies bei den verübten Gewaltdelikten zwischen 1984 und 2000 erkennen, wo es zu einer Verdreifachung der Tatverdächtigen zwischen 14 und 18 Jahren kam.

Eine neuere kriminologische Langzeituntersuchung zur Jugendkriminalität in Duisburg von Klaus Boers (Universität Münster) und Reinecke(Universität Bielefeld), bei der seit 2002 3.400 Duisburgerinnen und Duisburger zwischen ihrem 13. und bislang 19. Lebensjahr jedes Jahr befragtwurden, versuchte den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Die Ergebnisse beziehen sich auf das Dunkelfeld (Taten, die nicht entdeckt oder zur Anzeige gebracht werden) der Jugendkriminalität, wenn man die Jugendlichen direkt nach den von ihnen begangenen Taten fragt. Da nur die wenigsten Taten bei der Polizei angezeigt werden, ist das Dunkelfeld erheblich größer als die Polizeistatistik. Den Ergebnissen der Dunkelfeldforschung zufolge , begehen in der BRD 90 Prozent der Jugendlichen und Heranwachsenden während ihrer Kindheit und Jugend Straftaten. Mehr als die Hälfte aller von diesen begangenen Straftaten sind Diebstähle (etwa 50 Prozent). Weitere Delikte, die in dieser Altersgruppe häufig vorkommen, sind Schwarzfahren, Sachbeschädigung, einfache Körperverletzung und Drogenmissbrauch. Gewalterfahrungen sind zwar verbreitet, aber der überwiegende Teil der Delikte wird von den Jugendlichen nicht angezeigt. Die Täter sind meist männlich und die Straftaten finden vor allem unter Gleichaltrigen statt. Zu Gewalt unter Jugendlichen kommt es besonders häufig, wenn Täter und Opfer verschiedenen ethnischen Gruppen angehören. Viele jugendliche Täter waren oft selbst Opfer von Gewalt in der Familie. Dies gilt vor allem für Migranten türkischer Herkunft. Bemerkenswert ist, dass nach den Dunkelfelduntersuchungen die höchste Kriminalitätsbelastung früher als bislang angenommen liegt und der Kriminalitätsrückgang bereits im 15. Lebensjahr einsetzt. Die meisten Jugendlichen begehen nur ein bis zwei Taten, davon ein geringerer Teil drei Taten, und davon wiederum nur ein Teil vier Taten: Der allergrößte Teil der Jugendkriminalität regelt sich aufgrund von angemessenen Reaktionen in den Familien und Schulen von selbst. Problematisch sind jugendliche Intensivtäter mit fünf und mehr Gewaltdelikten pro Jahr. Diese Gruppe ist mit etwa. fünf Prozent zwar klein, gab aber die Hälfte aller Taten und den größten Teil der Gewaltdelikte zu. Allerdings geht auch deren Anteil früher als bislang angenommen, nämlich bereits ab dem 16. Lebensjahr, wieder deutlich zurück.

Der Alkoholkonsum ist insgesamt recht hoch und steigt, im Unterschied zur Delinquenzentwicklung, während des Jugendalters stetig an. Ein Viertel der Befragten hatte im 17. Lebensjahr einen intensiveren Konsum (mehr als einmal im Monat betrunken), was allerdings um ein Drittel unter den Raten von Jugendlichen in Münster lag. Problematisch ist, dass der intensive Alkoholkonsum mit deutlich erhöhten Gewaltraten zusammenhängt, dies allerdings nur bis zur Mitte des Jugendalters. Schon ab dem 15. Lebensjahr geht der Anteil der Gewalttäter unter den Intensivkonsumenten zurück. Im Hinblick auf die Gewaltkriminalität wird der Alkoholkonsum mit zunehmendem Alter besser beherrscht. Im Unterschied zum Alkoholkonsum nimmt der Drogenkonsum, dabei handelt es sich ganz überwiegend um Cannabisprodukte, schon ab dem 16. Lebensjahr wieder ab. Allerdings ist hier der Anteil der Gewalttäter unter den Intensivkonsumenten noch höher als beim Alkohol, geht aber ebenfalls ab dem 15. Lebensjahr wieder zurück.

Die Schule ist insgesamt ein sicherer und für viele Schüler auch angenehmer Ort. Nur bis zu einem Achtel aller Taten wurde in der Schule begangen. Am häufigsten einfacher Diebstahl sowie einfache Körperverletzung und Sachbeschädigung, seit jeher schultypische Delikte. Gefährliche Köperverletzungen wurden nur zu unter einem Zehntel in der Schule begangen. Allerdings wurde auch bei durchschnittlich einem Achtel der Raubdelikte die Schule als Tatort genannt. "Offenbar ist manchem Jugendlichen die Schwere dieses häufig als 'Abziehen' verharmlosten Delikts nicht klar", meint Prof. Boers. Nahezu alle Schüler fühlten sich in der Schule, auf dem Schulhof und dem Schulweg sicher. Auch das Schulklima sowie das Verhältnis zu den Lehrern wurden insgesamt positiv, an den Hauptschulen allerdings weniger gut als an den anderen Schulen, beurteilt.

Dass Gewaltspiele und Gewaltfilme Jugendliche zunehmend aggressiv machen, ist in der internationalen Forschung nur schwach belegt. Der Inhalt der meisten Gewaltspiele, insbesondere der Ego-Shooter, ist Besorgnis erregend. Auch, dass vor allem Jungen aller Schulformen einen großen Teil ihrer Zeit mit solchen Spielen verbringen. Die allermeisten Spieler könnten zwischen realen und virtuellen Welten aber sicher unterscheiden. Gewaltmedien könnten sich bei gewaltsam oder gleichgültig erzogenen Jugendlichen allerdings etwas negativer auswirken.

Dass vor allem jugendliche Migranten kriminell werden, konnten die Wissenschaftler nicht pauschal nachweisen. Es geht hier vor allem um die Gewaltkriminalität. Bei anderen Delikten sind jugendliche Migranten ohnehin weniger auffällig. Eine erhöhte Verbreitung von Gewalt findet sich meist unter den sozial Schwächeren, mit weniger Bildung, aus benachteiligten Wohnvierteln und mit schlechteren Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Solche Jugendliche mit Migrationshintergrund sind allerdings kaum gewalttätiger als ähnlich benachteiligte deutsche Jugendliche. In Duisburg konnten die Forscher kaum Unterschiede zwischen Jugendlichen türkischer und deutscher Herkunft im Hinblick auf gewalttätiges Verhalten feststellen.

In einer Studie von Richard E. Tremblay (Universität Montreal) interviewte man 20 Jahre lang in regelmäßigen Abständen 800 Jugendliche aus Schulen ärmerer Wohnviertel mit erhöhten Risikofaktoren für Kriminalität wie soziale Benachteiligung, schlechte Versorgung und zweifelhafte Freundschaften. Als die Untersuchten um die 25 Jahre alt waren, besaß jeder sechste bereits einen Eintrag im Strafregister, für Verbrechen wie Mord (18 Prozent), Brandstiftung (31 Prozent), Prostitution (25 Prozent), Drogenbesitz (16 Prozent) oder Autofahren unter Beeinträchtigung (neun Prozent). Die untersuchten Faktoren bestätigten sich einerseits als typische Wegbereiter der Kriminalität, doch zeigte sich auch, dass manche Interventionen des Jugendgerichtes die kriminelle Laufbahn der Untersuchten weiter verschlechterten. Offensichtlich wirkt die Gruppendynamik in Gefängnissen, indem verurteilte Jugendliche in einen Kreis von Gleichaltrigen kommen, die ihr Schicksal der Ausgeschlossenheit von der Gesellschaft teilen. Die Prestigeordnung im Gefängnis orientiert sich meist nach der Schwere des Verbrechens, wodurch unbeabsichtigte Lerneffekte eintreten, indem die Jugendlichen "Unterricht" für künftig noch ausgeklügeltere Straftaten erhalten. Nach Ansicht von Tremblay ist Prävention Aufgabe der Schule und nicht der Jugendgerichtsbarkeit, denn ein hoher Prozentsatz aller jugendlichen Straftäter scheitern in der Schule, was zum Ausgangspunkt für kriminelles Verhalten werden kann.

Insgesamt sind Mädchen deutlich weniger gewalttätig als Jungen und treten im Jugendalter drei- bis zehnmal seltener als Intensivtäterinnen in Erscheinung. Türkische Mädchen sind dabei noch weniger gewalttätig als deutsche. 

Kurz gefasst die wichtigsten Ergebnisse:

Literatur

Tremblay, Richard E. (2006). Prevention of youth violence: Why not start at the beginning? Journal of Abnornal Child Psychology, 34, 481-487.
Pressemitteilung: Langzeituntersuchung zur Jugendkriminalität in Duisburg
WWW: http://cgi.uni-muenster.de/exec/Rektorat/upm.php?
rubrik=Alle&neu=0&monat=200809&nummer=10262 (08-09-11)
NORDWEST-ZEITUNG vom MITTWOCH, 21. NOVEMBER 2007 (08-09-11)



inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::
navigation: