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Beziehung zwischen Eltern und ihren jugendlichen Kindern

Die Rolle der Eltern als Erzieher

„Frei sein wie ein Vogel“, „Die irrsten Klamotten kaufen, um die Eltern in Erstaunen zu versetzen“ oder „ Junge Menschen wollen ihren Lebensweg selbst bestimmen und sich nicht von den Eltern gängeln lassen“ (Mietzel 2002, S. 379). Solche und viele ähnliche Aussagen sind für Jugendliche typisch. Somit wollen sie eine größtmögliche Unabhängigkeit von genau diesen Personen erlangen, die sie in ihrer Kindheit hauptsächlich bevormundet haben, den Eltern. Ob Konflikte überhaupt entstehen, hängt einerseits von den Eltern ab, die die Selbstständigkeitsbemühungen der Kinder hemmen oder fördern, aber auch von der Unterstützung der Gleichaltrigen – den Peers (vgl. Mietzel 2002, S. 379).
Die Eltern – Kind Beziehung hat sich im Laufe der Zeit auf mehrere verschiedene Arten gewandelt. Eltern haben einen deutlichen Autoritätsverlust gegenüber früher zu verzeichnen. Damals haben Eltern noch viel mehr Macht besessen als heute, und somit mussten auch Kinder, die in das Alter der Adoleszenz kamen, gegen die Autorität der Eltern rebellieren. Oft passierte dies sogar in öffentlichen Aufruhren. Heute aber hat sich das Bild der Eltern deutlich verändert, denn diese wollen ihre adoleszenten Kinder verstehen. Anstatt von autoritärem Verhalten, wie die Anpassung an die eigenen Prinzipien oder gewisse Verhaltensmuster zu verlangen, werden heute Kompromisse ausgehandelt und Entscheidungen gemeinsam getroffen (vgl. Mietzel 2002, S. 380).
Außerdem gibt es eine Intensivierung der Gefühlsbindungen zwischen Eltern und Kindern. Jugendliche haben zwar heute einen wesentlich größeren Freiraum, aber dennoch müssen Väter und Mütter Verantwortung übernehmen und dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder eine möglichst gute Ausbildung bekommen. Dadurch wohnen Jugendliche auch länger zuhause und dies bewirkt eine emotionale Aufladung der Eltern – Kind – Beziehung. Dieser Entwicklung kann auch problematisch werden, da sie der Bildung einer selbstständigen und unabhängigen Persönlichkeit zuwiderlaufen kann (vgl. Mietzel 2002, S. 380f).

Das Mesosystem Familie – Peergruppe: rivalisierend oder komplementär?

Die These, dass Peergruppen die Sozialisation der Jugendlichen an Stelle der Eltern übernehmen würden, konnte durch die „Situationshypothese“ und die „Interaktionshypothese“ widerlegt werden. Bei der „Situationshypothese“ wurden Mädchen der neunten bis elften Klasse Geschichten vorgelegt, die Konflikte zwischen den Erwartungen der Eltern und der Peergruppen beschrieben. Ging es um Entscheidungen, die die Zukunft betrafen, entschieden sich die Befragten zu Gunsten der Eltern. Betrafen die Konflikte Status- und Identitätsprobleme, hielten die Mädchen zu den Peergruppen. Bei der „Interaktionshypothese“ ergab sich aus der persönlichen Sicht der Jugendlichen ein Zusammenhang zwischen guten Beziehungen zu den Eltern und guten Beziehungen zu den Peergruppen (vgl. Oerter 2002, S. 317).

Konflikte als wichtige Komponenten zur Identitätsfindung

Konflikte finden in jeder sozialen Beziehung statt, vor allem aber im Alter zwischen 12 und 15 kommt es häufig zu Auseinandersetzungen und das auf der ganzen Welt. Das erfolgreiche Sich – Widersetzen eines Jugendlichen ist für die Entwicklung der eigenen Identität nicht zu unterschätzen. Würde er dies nicht tun, würde er eine andere, gegebene, Identität annehmen (vgl. Mietzel 2002, S. 381).
Mit der Frage, warum es genau am Beginn der Adoleszenz zu häufigen Konflikten kommt, hat sich Judith Smetana (1995) befasst und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: Eltern und ihre Söhne bzw. Töchter besitzen unterschiedliche Sichtweisen. Somit sehen Eltern das Verhalten ihrer Kinder meist in einer sozio – kulturellen oder moralischen Weise. Sie glauben dafür sorgen zu müssen, dass ihr Kind keine Konventionen verletzt. Jugendliche hingegen deuten die elterliche Kontrolle als einen Eingriff in ihre persönlichen Angelegenheiten. Eltern wären erfreut, wenn sich die Jugendlichen Freunde nach den Wertvorstellungen der Familie aussuchen würden. Dies sehen Gleichaltrige und Gesinnte jedoch anders, denn sie sind der Meinung, dass die Entscheidung über ihre sozialen Kontakte nur an ihnen liege und diese ihnen auch zustehe (vgl. Mietzel 2002, S. 382f).
Im Normalfall übernehmen Peers Funktionen, die die Eltern nicht so gut übernehmen können, wie zum Beispiel Gespräche über erste sexuelle Erfahrungen und Freizeitgestaltung. Jugendliche erleben bei den Peers, dass sie gleichberechtigte Interaktionspartner sind. Diese Gleichberechtigung fordern die Jugendlichen auch im immer stärkeren Ausmaß von den Eltern. Diese müssen erleben, dass ihre Kinder neue Rechte einfordern und bei Diskussionen nun Wert auf Argumente und nicht mehr auf Machtpositionen legen (vgl. Youniss & Smoll zit. nach Reinders 2004).
Für Eltern ist diese Zeit sehr belastend, da sie stets aufgefordert werden, ihre eigenen Vorstellungen, Anordnungen und Standpunkte zu rechtfertigen. Dieses Austragen der Konflikte hat aber eine wichtige entwicklungspsychologische Funktion für die Jugendlichen (vgl. Mietzel 2002, S. 383).

Erziehungsstile

Die verschiedenen Erziehungsstile haben auch einen wesentlichen Einfluss auf die Jugendlichen und ihr Konfliktrisiko. Autoritative Eltern wollen zwar, dass sich ihre Kinder nach ihren Regeln, Normen und Werten verhalten, hören aber gleichzeitig ihren Kindern zu und versuchen andere Standpunkte zu verstehen. Dieser Stil wirkt sich sehr positiv auf die Adoleszenz aus und lässt somit Jugendliche reifer und leistungsorientierter erscheinen. Autoritative Eltern kontrollieren weniger und fördern somit das Selbstvertrauen und die Selbstständigkeit ihrer Sprösslinge. Außerdem können sie durch Unterhaltungen ihre Regeln und Erwartungen vermitteln und fördern das Verständnis für soziale Systeme und Beziehungen. Weiters sind autoritative Eltern bereit, selbstständige Meinungsäußerungen der Kinder zu tolerieren. Durch die enge Eltern – Kind – Beziehung identifizieren sich Kinder mit den Eltern und somit wird eine gute Bindung aufrecht gehalten (vgl. Mietzel 2002, S. 383ff). Jugendliche, die autoritativ erzogen wurden, zeigten weniger Anfälligkeit zum Drogenmissbrauch und legten sozialeres Verhalten an den Tag (vgl. Kruse 2000, S. 3). Baumrind (vgl. Mietzel 2002 S. 289f) erwähnt des Weiteren den autoritären und permissiven oder laissez-faire Erziehungsstil. Beim autoritären Führungsstil üben die Eltern viel Macht aus, die Kinder bekommen sehr wenig eigenen Freiraum. Positive Verstärker werden äußerst sparsam eingesetzt, dagegen werden die Kinder für Fehlverhalten bestraft. Kinder die autoritär erzogen wurden, können sich nur wenig Selbstvertrauen und soziale Kompetenzen aneignen. Jugendliche die autoritär erzogen wurden, neigen eher zum Drogenmissbrauch, so wie zum asozialen Verhalten (vgl. Kruse 2000 S. 4).
Der permissive oder laissez-faire Erziehungsstil von Eltern zeichnet sich durch Nicht-Bestrafung und Akzeptanz aus. Dieser Erziehungsstil unterstützt die kindlichen Bedürfnisse und Wünsche. Die kindlichen Aktivitäten werden nicht gesteuert, das Kind ist auf sich gestellt und es herrschen sehr wenige Normen und Standards (vgl. Baumrind zit. nach Mietzel 2002, S. 289f). Diese Kinder haben ein großes Selbstvertrauen. Jedoch sind sie in der Schule vermehrt auffällig und neigen mehr zur Drogenabhängigkeit. Sie werden aber nicht öfter straffällig als Kinder von autoritären oder autoritativen Eltern (vgl. Kruse 2000, S. 3).
Der permissive oder laissez-faire Erziehungsstil von Baumrind, wurde von Maccoby und Martin noch erweitert um den vernachlässigenden Erziehungsstil (vgl. Maccoby & Martin zit. nach Schneewind 2002, S. 119). Bei diesem Erziehungsstil entwickeln die Kinder ein sehr geringes Selbstwertgefühl. Aufgrund der geringen Aufsicht, neigen sie zu mehr Delinquenz, als Kinder, die einen anderen Erziehungsstil genossen haben. Hier wurde gezeigt, dass Entwicklungsprozesse bei Jugendlichen, unterschiedlich verlaufen, je nachdem welcher Erziehungsstil praktiziert wird.
Sind Kinder pflegeleicht und kognitiv aufnahmefähig manifestiert sich das in der von Schneewind gezeigten Eltern-Kind-Interaktion, dem so genannten „Engelskreis“ (vgl. Schneewind 1998, S. 156). Das Kind verhält sich offen und kooperativ, sodass die Elternperson zufrieden ist und die positive Wirkung des Erziehungsverhaltens erlebt. Daraus folgt, dass sich die Elternperson einfühlsam dem Kind gegenüber verhält, das Kind sich verstanden fühlt und sich wiederum kooperativ verhält. Hat ein Kind dagegen ein schwieriges Temperament, so reagieren viele Eltern mit strafendem, abweisendem Verhalten. Das Kind fühlt sich unverstanden und nicht akzeptiert und verhält sich verschlossen und aggressiv. Dies nennt Schneewind (1998, S. 156) einen „Teufelskreis“ der Eltern-Kind- Interaktionen.

Einflussfaktoren auf den elterlichen Erziehungsstil

Das elterliche Erziehungsverhalten und der Erziehungsstil unterliegen vielen Einflüssen. Diese Einflussgrößen sind keine unabhängigen Determinanten. Belskys Prozessmodell des elterlichen Erziehungsverhaltens zeigt diese Sichtweise auf (vgl. Belsky zit. nach Schneewind 1998, S. 159). Einflussfaktoren auf das Elternverhalten sind in Belskys Prozessmodell die Persönlichkeit der Eltern, die Partnerbeziehung, das soziale Netzwerk, die Arbeitssituation und die Kindermerkmale selber. Auf Seiten des Kindes hat man zum Beispiel die Temperamentsmerkmale und das Geschlecht als wichtige Faktoren identifiziert. All diese Einflüsse sind nicht unabhängig voneinander. Sie wirken auf komplexe Weise zusammen und können so die Erziehungskompetenz der Eltern schmälern (vgl. Schneewind 1998, S. 160).
Die Qualität der Eltern-Kindbeziehung hat einen entscheidenden Einfluss, wie sich der Ablösungsprozess von Jugendlichen vom Elternhaus gestaltet. Schneewind hat dies kurz und prägnant folgendermaßen formuliert: „Kompetente Eltern haben auch kompetente Kinder“ (Schneewind 1998, S. 229). Das heißt wie sich Eltern in der Erziehung verhalten, zum Beispiel die Art der emotionalen Wärme, die sie vermitteln, das Aufstellen von Regeln und vor allem das Gewähren von Handlungsspielräumen. Diese Punkte spiegeln sich, wie bereits erwähnt, vor allem im autoritativen Erziehungsstil wider (vgl. Mietzel 2002, S. 383ff).

Einfluss der Eltern auf die Peerbeziehung

Modellwirkung und Sozialisation

„Der Begriff soziale Kognition umfasst sowohl das Wissen über die Welt sozialer Geschehnisse, als auch den Prozess des Verstehens von Menschen, ihrer Beziehungen sowie der sozialen Gruppen und Institutionen, an denen sie teilhaben“ (Silberreisen & Ahnert 2002, S. 610). Über die Lebensspanne verändern sich soziale Kognitionen. Eine zentrale Rolle von elterlichen Unterstützungsmaßnahmen ist die Erreichung dieser sozialen Fertigkeit. Die Eltern prägen durch ihr soziales Netzwerk, also ihrer Freunde und auch Verwandten, das soziale Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen. Bei Kindern, die am intakten sozialen Netzwerk ihrer Eltern teilnehmen, fördert dies ihre Entwicklung und ist Voraussetzung für die Eroberung der Gleichaltrigenwelt. Die Eltern üben somit eine Modellwirkung auf künftige Interaktionsformen ihrer Kinder aus. Das wirkt sich auf die soziale Kompetenz der Jugendlichen aus und unterstützt das Kind in der Entwicklung seiner Fähigkeiten, Freundschaften zu schließen (vgl. Uhlendorff zit. nach Schneewind 2002, S. 122).
Vor allem die frühen Mutter-Kind-Beziehungen wirken sich aus, und so können hier schon Voraussagen über das künftige Verhalten gemacht werden. Ist eine Mutter sehr um ihr eigenes Wohl bemüht, das heißt sehr ichbezogen, wirkt sich das auf die Kinder in Form von mangelnder Empathie aus (vgl. Fabes et al. zit. nach Silbereisen & Ahnert 2002, S. 609).

Direkte Einflussnahme der Eltern

Eltern versuchen auch direkt auf den Umgang ihrer Kinder Einfluss zu nehmen. Oft wird es von den Eltern als Aufgabe gesehen, ihre Kinder vom „schlechten Umgang“ fernzuhalten. Diese Überwachungstendenz kann anfangs positiv gewertet werden. Wird dieser Einfluss aber zu stark, kann dies wiederum hinderlich für die Sozialentwicklung sein (vgl. Schneewind 2002, S. 123). Es wurde in einer Studie (vgl. Golter zit. nach Schneewind 2002, S. 123) nachgewiesen, dass Kindergartenkinder, deren Mütter sich oft bei den Spielen einmischten, nicht so beliebt waren, wie Kinder, deren Mütter sich im Hintergrund hielten und nicht eingriffen.

Jugendkultur / Subkultur

Kennzeichen von Jugendgruppen

Subkulturen werden im Wesentlichen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen getragen und haben vor allem Einfluss auf Musik, Sprache, Mode und Lebensstil. Laut Oerter (2002, S. 311) sind Subkulturen Teilbereiche der Gesamtkultur und weisen folgende Kennzeichen auf:

Als „Gegenkultur“ wird eine Subkultur dann bezeichnet, wenn ihre Normen der Gesamtkultur widersprechen. Die „Jugendkultur“ beinhaltet Bereiche aus Subkultur und Gegenkultur (vgl. Oerter 2002, S. 311), wobei jedoch radikales Gedankengut gegenüber der Gesellschaft im Gegensatz zu den 1960er und 1970er Jahren heutzutage nur mehr bei einigen wenigen Gruppen angetroffen werden kann. Heutzutage umfasst die Jugendkultur hauptsächlich den Freizeitbereich (vgl. Großegger & Heinzlmaier 2004, S. 7). Als wichtige Szenen führen Großegger und Heinzlmaier (2004, S. 10) die Musik-Szene an, die unter anderem die Techno- die Metal- oder die Hip-Hop-Szene umfasst, die Fun-Sport-Szene, zu der sich Snowboarder, Skateboarder oder Beachvolleyballer zählen oder auch die Computer-Szene.
Viele Jugendgruppen entwickeln ihren eigenen Sprachstil, den so genannten „Jargon“. Dieser ermöglicht es, Dinge auszudrücken, die mit der bisherigen Sprache nicht vermittelt werden konnten (vgl. Oerter 2002, S. 314). Darüber hinaus bewirkt er ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Oerter (2002, S. 314) gibt als Beispiel das Wort „cool“ an.
Verschiedene Gruppen verwenden „integrale Objekte“, z. B. Motorräder, Computer oder Musikgruppen, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen. So genannte „homologe Objekte“, wie z. B. Kleidung, Accessoires unterstützen das Zusammengehörigkeitsgefühl (vgl. Oerter, 2002, S. 314).
Da die Lebensstile der Jugendlichen von aktuellen Modeströmungen beeinflusst werden, müssen die Lebensstile im Erwachsenenalter nicht diesen Vorstellungen entsprechen. Im Gegenteil, die Lebensstile werden mit Eintritt in das Erwachsenenleben rasch an die Hauptkultur angepasst (vgl. Oerter 2002, S. 313).
Jugendliche, die einen kleinen Freundeskreis haben und Jugendliche, die relativ wenige soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen aufweisen, zeigen laut Untersuchungen „weniger Risiko- und Problemverhalten“ (Oerter 2002, S. 314). Jugendliche, die sich in Cliquen befinden, rebellieren am häufigsten gegen die Normen der Erwachsenenwelt (vgl. Oerter 2002, S. 314).

Beweggründe für den Kontakt zu Gleichaltrigen

Welche Gründe bewegen nun Jugendliche sich einer Jugendgruppe anzuschließen?
Die so genannten Peergruppen, also Gleichaltrige und Gleichgesinnte, übernehmen wichtige Funktionen: Wie bereits erwähnt, versuchen Jugendliche, sich von ihren Eltern loszulösen und unabhängig zu werden. Sie wünschen in der Phase der Adoleszenz das Verhältnis zu ihren Eltern zu verändern und neu zu ordnen, um mehr Autonomie zu gewinnen. Die Eltern dagegen wollen die Beziehungen mit den Kindern erhalten und sind nur bedingt bereit, mehr Autonomie zuzugestehen (vgl. Mietzel 2002, S. 379). Die Rollen der einzelnen Familienmitglieder verändern sich im Laufe der Zeit. In der Adoleszenzzeit der Kinder verändert sich der Status der Eltern-Kind-Beziehung. Dadurch wird es den Jugendlichen ermöglicht, sich selbstständig außerhalb des Familiensystems zu bewegen (vgl. Schneewind 2002, S 109). Die Beziehung des Jugendlichen zu seiner Familie ändert sich: Die Autorität der Eltern wird in Frage gestellt. Peers überbrücken die dadurch entstehende Einsamkeit (vgl. Mietzel 2002, S. 362f). Sie geben Rückhalt bei Problemen mit der Familie und helfen bei Entscheidungsfindungen. Außerdem ermöglichen sie es, festgesetzte Schranken zu durchbrechen „z. B. beim abendlichen Ausgang: Die anderen dürfen auch so lange wegbleiben“ (Oerter 2002, S. 310).
Während der Pubertät verändert sich der Körper des Jugendlichen. Laut Mietzel (2002, S. 354) beginnt der Wachstumsschub bei Mädchen großteils im Alter zwischen 9 ½ und 14 ½ Jahren, bei Burschen zwischen 10 ½ und 16 Jahren. Das Wachstum erfolgt allerdings unregelmäßig: So vergrößert sich zuerst der Kopf, gefolgt von Händen und Füßen, bis sich schließlich auch Rumpf und Oberkörper weiten. Das Gesamtbild wirkt dadurch für eine gewisse Zeitspanne wenig harmonisch. Bei Mädchen erfolgt schließlich die erste Regelblutung, bei Jungen der erste Samenerguss (vgl. Mietzel 2002, S. 354). Die Veränderungen des eigenen Körpers bringen eine Vielzahl an Fragen mit sich, Gleichaltrige, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, gewinnen deshalb an Bedeutung (vgl. Mietzel 2002, S. 361).
Innerhalb der Peergruppen gibt es Regeln, die jeder einzelne erwerben und mit den anderen Gruppenmitgliedern abstimmen muss, wobei ein Spielraum für Interpretationen besteht. Der Jugendliche kann verschiedenen Gruppen angehören (vgl. Oerter 2002, S. 311). So zählen sich 68% der 14 bis 19-jährigen ÖsterreicherInnen, die sich als Cliquenmitglieder bezeichnen, nur zu einer Clique, 17% gehören zwei Cliquen an, 9% sind in drei Cliquen und 5 % sind in vier oder mehr Cliquen vertreten (vgl. Großegger 2005, S. 9). Die Entwicklung einer Freundschaft im Jugendalter hängt von den Persönlichkeitsmerkmalen der Gleichaltrigen ab. Wertschätzung und unbedingte Akzeptanz spielen eine große Rolle. Während allerdings Jungen mit ihren Freunde kaum intime Gespräche führen, wünschen sich Mädchen vermehrt vertrauliche Gespräche (vgl. Mietzel 2002, S. 364).
Im Kontakt mit Gleichaltrigen werden soziale Fertigkeiten, wie z. B. gegenseitige Anerkennung geübt. Der Vergleich des eigenen Verhaltens, der eigenen Einstellung etc. mit dem Verhalten, den Einstellungen anderer Personen, kann dem Jugendlichen helfen, sein eigenes Selbstbild zu entwickeln. Cliquen und Freunde können zum Aufbau einer vorübergehenden Identität beitragen (vgl. Mietzel 2002, S. 363).

Jugend und Politik

Schon im Grundschulalter entwickeln Jugendliche „in einer latenten politischen Sozialisation grundlegende persönliche und soziale Kompetenzen, die später manifest auf die Politik übertragen werden können“ (Fend 2000, zitiert nach Oerter 2002, S. 874). So werden in dieser Zeit schon affektive Bindungen an Nationen, Regierung und Parteien von ihren Eltern übernommen. Jedoch werden erst im Jugendalter die zentralen Entwicklungsaufgaben der politischen Sozialisation begonnen. Somit stellt die Politik, vor allem in Gesellschaften mit hohem Politisierungsgrad, einen Bereich zur Identitätsentwicklung dar.
Bei der politischen Sozialisation kann zwischen verschiedenen Haltungen unterschieden werden: Einerseits könnten Jugendliche völliges Desinteresse verspüren, andererseits aber könnten sie auch politische Partizipation, Mitbestimmung und Mitgestaltung wollen. Eine weitere Haltung könnte das völlig unreflektierte Übernehmen der Meinung der Eltern sein. Eine andere Möglichkeit ist noch, dass sie zu Extremismus neigen und verbal – radikal oder auch gewaltbereit revolutionäre Ablehnung gegenüber den politischen Verhältnissen kundtun. Eine letzte Variante besteht darin, dass sich Jugendliche aus der Politik resignativ zurückziehen und somit Politikverdrossenheit herrscht (vgl. Oerter 2002, S. 874f).
Extremistische Gewaltbereitschaft, Desinteresse, Rückzug aus der Politik und kritiklose Unterordnung gelten heute im Verständnis der Politik als demokratiefeindlich. Das Ziel aller sollte hingegen Partizipation sein. Ein verbal – radikales Verhalten wird als konstruktive Bereicherung angesehen, die zur politischen Diskussion einlädt (vgl. Oerter 2002, S. 874f).
Die politische Sozialisation der Jugendlichen wird aus entwicklungspsychologischer und sozialkognitiver Perspektive dahingehend beeinflusst, dass die Entwicklung einer politischen Haltung eng im Zusammenhang mit der kognitiven und moralischen Entwicklung steht. Somit wird die politische Überzeugung und Aktivität als ein Teil zur Identitätsfindung betrachtet (vgl. Oerter 2002, S. 879).
Aus der „Sozialisationsperspektive“ wird neben der Sozialisierung durch Medien, politischer Bildung sowie „Schlüsselerlebnissen“ unter anderem die Eltern – Kind – Interaktion als potentielle Bedingung für Engagement bezeichnet (vgl. Oerter 2002, S. 879).
Die „psychopathologische Perspektive“ sagt, dass politischer Extremismus als pathologischer Prozess interpretiert wird und zum Beispiel Entwicklungsdefizite oder unbewältigte familiäre Konflikte widerspiegelt (vgl. Oerter 2002, S. 880).

Verwendete Literatur

Großegger, B. & Heinzlmaier, B. (2004). Jugendkultur Guide. Wien: öbv&hpt VerlagsgmbH & Co.KG.

Großegger, B. (2005). Schriftenreihe Jugendpolitik. Online im Internet: https://broschuerenservice.bmsg.gv.at/PubAttachments/Generationen%20Beziehungl.pdf (07-11-04).

Kruse, J. (2000). Erziehungsstil und kindliche Entwicklung: Wechselwirkungsprozesse im Längsschnitt. In S. Walper & R. Pekrun (Hrsg.), Familie und Entwicklung (S. 1-8). Göttingen: Hogrefe.

Mietzel, G. (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie. Verlagsgruppe Beltz: Weinheim.

Oerter, R. & Dreher, E. (2002). Jugendalter. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 258-318).Weinheim: Beltz.

Preiser, S. (1994). Jugend und Politik. Anpassung – Partizipation - Extremismus. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 874 - 884).Weinheim: Beltz.

Reinders, H. (2004). Freundschaften im Jugendhalter. Online im Internet: http://www.familienhandbuch.de/cms//Jugendforschung-Freundschaften.pdf (07-11-01).

Schneewind, K. (2002). Familienentwicklung. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 105-127).Weinheim: Beltz.

Schneewind, K. (1998). Familienentwicklung. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 129-170).Weinheim: Beltz.

Silbereisen, R. & Ahnert, L. (2000). Soziale Kognition: Entwicklung von sozialem Wissen und Verstehen. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 509-682).Weinheim: Beltz.

Stangl W. (2007). Entwicklungsaufgaben im Jugendalter: Online im Internet: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/EntwicklungsaufgabeJugend.shtml (07-11-01).



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