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Phänomenologie zwischen Deutschland und Frankreich

Iris Därmann & Antje Kapust

Wer sich heute mit der phänomenologischen Philosophie befaßt, kann sich nicht ersparen, eine vielleicht wenig originelle, aber unerläßliche Arbeit der Lektüre aufzunehmen, die die Stationen und umweglichen Wege eines epochemachenden Denkens durchläuft, das sich mit der Aufforderung verbindet, nicht nur "zu den Sachen selbst" zurückzukehren, sondern ihnen diesseits aller theoretischen Konstruktionen oder metaphysischen Spekulationen das erste und das letzte Wort zu lassen. Der Traum von einer phänomenologischen Untersuchung, deren Autor hinter der Darstellung so weit verschwindet, daß diese gewissermaßen nichts anderes als eine von der Sache selbst diktierte Darstellung zu sein hätte, benennt ein Innehalten und ein Ansichhalten, eine Form der Enthaltung seitens des Schreibenden - Husserl nannte sie die "Epoché" - bei der die zu erforschenden Dinge sich niemals direkt und frontal unter der Frage "Was ist?" zu erkennen geben, sondern sich im Zuge eines Verfahrens der Reduktion in dem Maße in "Phänomene" verwandeln, in dem sie nach der Art und Weise ihres Erscheines wie Nichterscheinens, ihrer Gegebenheit wie Nichtgegebenheit (Wie ist?) thematisiert und problematisiert werden.

Ein Maler oder Schriftsteller, der weniger sich selbst darstellt, als vielmehr, wie etwa Cézanne oder Flaubert, detailgetreu und detailgenau den Dingen zu einem unaufkündbaren Ausdruck verhilft, der bildet sie niemals einfach nur ab; seine ganz und gar in den Dienst an der Sache gestellte Darstellung zeigt vielmehr die Dinge in dem Augenblick, da sie ins Unabsehbare, ins Uneinsehbare, ins Unsichtbare oder ins Undarstellbare hinabgleiten. Man kann die Folgen dieses ebenso schlichten wie subversiven Blickwechsel mit der Levinas'schen Formel angeben: "Anders wahrnehmen, ist Anderes wahrnehmen."

Französische Phänomenologie, Existenzialismus, Strukturalismus und Dekonstruktion antworten auf ihre Weise auf die von der Phänomenologie freigelegte Herausforderung, die zur Radikalisierung und Erweiterung der Vernunft zwingt. Während die klassische Vernunft eine umfassende Ordnung darstellt, in der jedes Seiende nach einem vorgegebenen und unwandelbaren Maßstab eingeordnet ist, zerbricht in der Neuzeit diese totalisierende Geste und zerfällt in einen Plural von Rationalitäten, der Raum für Kontingentes, Unbestimmtes und Heterogenes eröffnet. Doch was bedeutet Subjektsein, Wissen, Handeln oder Verantwortung angesichts dieser aufklaffenden Legitimationslücken?

Eiffelturm

Levinas'sche Formel: "Anders wahrnehmen, ist Anderes wahrnehmen."

 

Nicht zuletzt auf Grund ihrer unbestechlichen Treue zu den zu erforschenden Gegenständen ist die Phänomenologie eine philosophische Wissenschaft der Verfremdung, Verrätselung, Verzauberung, Verdächtigung und Verunheimlichung, dank der das selbstverständliche, vertraute und geltende Sein der Dinge erschüttert zu werden vermag. Dieser wesentliche Zug zu den Dingen bewahrt die phänomenologische Philosophie vor dem Schicksal einer bloß immanenten Interpretation, kommentierenden Auslegung, eines Systemzwanges oder einer historisch-philologisch orientierten Nachlaßverwaltung ihres umfangreichen textuellen Archivs.

Wie die Freudsche Psychoanalyse muß die Phänomenologie Husserls als eine Diskursivitätsbegründung im Sinne Foucaults begriffen werden. Eine bestimmte Diskusivität zu stiften, heißt für Foucault, die Bildungsgesetze für andere Texte einzuräumen, für Texte, die jener Diskusivität zugehören, durch die sie begründet worden sind, und die doch ganz anders sind als das sie begründende Werk. Die durch Husserl um 1900 gestiftete Diskursivität stellt selbst alle Mittel und Möglichkeiten bereit, sie zu überschreiten, so daß der unter einer spezifischen Sachfrage erfolgende Rückgang auf das begründende Werk dieses selbst verändert. Wer im Zeichen der Phänomenologie an bestimmten Phänomenen arbeitet, leistet nicht nur Arbeit mit Hilfe der Phänomenologie, sondern immer auch Arbeit an der Phänomenologie und ihren Grenzen. In diesem von Husserl selbst vorgeschlagenen Sinn einer "Arbeitsphilosophie" gibt es keine klassische und keine klassifizierende Lektüre der Phänomenologie. Heidegger war von einer solchen Lesart jedenfalls ebenso weit entfernt, wie - unter jeweils anderen Gesichtspunkten - die Texte Merleau-Pontys, Lacans, Levinas', Lyotards, Derridas und Waldenfels'.

Edmund Husserl

Edmund Husserl

Der französische Phänomenologe M. Merleau-Ponty nähert sich diesem Problem mit einer Philosophie der (Inter-)Leiblichkeit als einer dritten Dimension jenseits des klassischen Erbes von Empirismus und Rationalismus. Sie entbindet die Phänomene aus ihrer objektivistisch-naturalistischen und subjektivistisch-kritizistischen Reduktion und restituiert ihren Überschuß an Andersheit und Fremdheit. Mit diesem Stichwort motiviert Merleau-Ponty den Strukturalismus und einen 'Humanismus des anderen Menschen' in verschiedener Auslegung.

M. Merleau-Ponty

Während der Strukturalismus von C. Lévi-Strauss den Weg für eine grundlegende Revision des europäischen Okulozentrismus bahnt, der den Fremden mit der Brille der logozentrischen und eurozentrischen Ordnung des westlichen Abendlandes betrachtet und ihn in dieser Perspektive seiner genuinen Fremdheit beraubt, entfaltet Levinas eine Kritik der abendländischen Ontologien gerade aus der Transzendenz des Anderen heraus. Die Erschütterungen dieses Jahrhunderts hinterließen Spuren in einem Denken, das eine Ethik als erste Philosophie (prima philosophia) entwickelt, die nicht wie in der klassischen Vernunftlehre Rechtfertigung des "Bösen" ist, sondern in der das Mensch-Sein bedeutet, für den Anderen eine Verantwortung zu haben, die meiner Entscheidung vorursprünglich vorausgeht. Die Krise der abendländischen Kultur und Zivilisation wird nicht wie bei Husserl durch eine Archäologie der Vernunft umkreist, sondern in den Formen totalitärer Vernunftentfaltung hinterfragt, die den Anderen in die eigene Ordnung eingliedert, sei diese der Kosmos, das Cogito, der Weltgeist, eine Menschengattung, ein rationalistisches System oder ein Heilssystem. Die Vorarbeit konnte ein französischer Existentialismus leisten, der das Ich in seine unvergleichliche Singularität zurückversetzte.

Lévi-Strauss vs. Levinas

 

 

Der bei E. Levinas entwickelte 'Humanismus des anderen Menschen' findet eine Erweiterung bei den Denkern der zweiten Generation wie M. Foucault und J. Derrida. Angesichts der Infragestellung der eigenen "Macht" und der daraus resultierenden Legitimationslücken beleuchtet Foucault den totalitären Ausgriff und die genealogische Verfertigung des neuzeitlichen Subjekts, das das ursprünglich unendliche Projekt der alten Vernunft nun mit endlichen Mitteln auszuführen sucht. Er zeigt die Momente von Macht und Gewalt in diversen Praktiken und Disziplinen auf. Auch Derrida radikalisiert die Frage der Vernunft durch Dekonstruktionsbewegungen, die jene der Metaphysik zugrundeliegenden Strategien, hierarchischen Oppositionsbildungen und Ausschlußverfahren ebenso bloßlegen, wie sie ihre Logik in der Absicht destabilisieren, eine Ethik jenseits der "Technik als Kalkulierbarkeit" anzuschreiben, die in letzter Instanz ebenfalls von einer "Sorge um die Verantwortlichkeit" getragen wird.

Wenn sich jedoch die Fragen an die Vernunft nicht selbst systematisieren lassen, öffnet sich unter den alten pyramidalen Vernunftordnungen ein Abgrund: Die Realisierung der Vernunft vollzieht sich selektiv und exklusiv und zwingt zu einem "anderen" Denken von Rationalität, Subjekt und Ordnung. Steht dann nicht ein unumgänglicher Anspruch in Frage, auf den ich zu antworten habe?

E. Levinas

Quelle: WWW: http://www.ruhr-uni-bochum.de/www-public/pullilbe/gktext1.htm (98-01-16) 

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