[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Die Phänomenologie
oder
der Phänomenalismus

von griech. phainomenon, Erscheinung, Erscheinendes

Gemeinsam ist phänomenalistischen Auffassungen die Voraussetzung, eine wenigstens begriffliche Unterscheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich sei sinnvoll. Erscheinungen (Sinnesdaten, Sinneseindrücke) bilden dem Phänomenalismus zufolge den primären (oder sogar einzigen) Gegenstand der Wahrnehmung und das Fundament der Erfahrungserkenntnis. Die Frage, ob ein Ding an sich (etwa als materieller Gegenstand) wirklich existiert, kann dann noch in unterschiedlicher Weise beantwortet werden:

Ein Phänomenalismus wird durch eine gewisse Beschreibung von Sinnestäuschungen nahegelegt. Wir glauben oft etwas wahrzunehmen, was es jedoch so nicht oder überhaupt nicht gibt. Einen in Wasser getauchten geraden Stab sehen wir geknickt, obwohl es einen geknickten Stab in diesem Fall nicht gibt. Von dieser Beschreibung ist es nur noch ein kleiner Schritt zu der Auffassung, daß wir - wenn wir uns beim Sehen täuschen - nicht (materielle) Gegenstände sehen, sondern daß uns nur Sinnesdaten gegeben sind. Da zudem täuschende und zuverlässige Sinneserfahrungen für uns qualitativ ununterscheidbar zu sein scheinen, liegt es nahe, allgemein davon auszugehen, daß wir unmittelbar nur Sinnesdaten wahrnehmen, von denen wir allenfalls (problematische) Rückschlüsse auf die Existenz und die Eigenschaften materieller Gegenstände machen können. Es scheint sicherer und einfacher, nicht nur bei täuschenden, sondern bei allen Wahrnehmungen davon auszugehen, daß uns unmittelbar bloß Erscheinungen zugänglich sind. (Manche Phänomenalisten gingen weiter und erklärten die Annahme materieller Dinge für überflüssig.)

Auf den Gedanken, Erscheinungen oder Sinnesdaten bildeten das Fundament des empirischen Wissens, kann man durch die folgende Betrachtung kommen: Aussagen über Phänomenales haftet eine besondere Sicherheit an. Während Behauptungen über materielle Gegenstände niemals vollkommen sicher sein können, kann man mir doch nicht streitig machen, daß mir etwas so oder so erscheint. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung liegt es nahe, das Gebäude des Erfahrungswissens auf der sicheren Grundlage solcher minimalen Gewißheiten zu errichten. Da sich der Phänomenalismus durch verhältnismäßig naheliegende Betrachtungen empfiehlt, verwundert es nicht, daß er sich in der Geschichte der Philos. weiter Verbreitung erfreut.

Im 19. und 20. Jh. wurde ein Ðkonstruktionalistischer Phänomenalismusð entwickelt. B. Russell war bestrebt, die gesamte geistige und körperliche Wirklichkeit aus Sinnesdaten logisch zu konstruieren. Mit größerer Präzision konstruierten R. Carnap und N. Goodman phänomenalistische Systeme. Bei ihnen steht jedoch noch deutlicher als bei Russell das Konstruktionsinteresse im Vordergrund; die Wahl einer phänomenalistischen Basis ist demgegenüber zweitrangig und wird in ihrer Relativität kenntlich gemacht.

Literatur

J. L. Austin: Sinn und Sinneserfahrung, 1975.

H. Barth: Philos. der Erscheinung, 2 Bde., 1947/59.

R. Carnap: Der logische Aufbau der Welt, 1928.

N. Goodman: The Structure of Appearance, 1951.

H. Kleinpeter: Der Phänomenalismus, 1913.

B. Russell: Unser Wissen von der Außenwelt, 1926 (Orig. 1914).

Die zahlreichen Spielarten des Phänomenalismus sind mit einer Reihe von Einwänden konfrontiert worden. Man hat in Zweifel gezogen, ob die vorausgesetzte Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich wirklich klar ist, und gefragt, ob der Phänomenalismus nicht Erscheinungen in unzulässiger Weise vergegenständlicht. Ferner ist bestritten worden, daß der Phänomenalismus eine zureichende Analyse der Wahrnehmung, insbesondere der Trugwahrnehmung liefert. Schließlich ist die Auffassung der Erscheinungen als privater Gegenstände im Geist fragwürdig, da unter dieser Annahme unerklärlich wird, wie man über Empfindungen sprechen kann.

  



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