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Der hermeneutische Zirkel

von griech. hermeneuein, deuten, interpretieren
und
kirkos, Kreis

Der "hermeneutischer Zirkel" kennzeichnet wohl das zentrale Problem der geisteswissenschaftlich orientierten Wissenschaftstheorien. Die Prägung, des Begriffs ist so alt wie die Reflexion über den Verstehensprozess überhaupt. Er erklärt das Zustandekommen höheren Verstehens aus dem elementaren Verstehen.

Der hermeneutische Prozeß bzw. Zirkel enthält ein Paradox: das, was verstanden werden soll, muß schon vorher irgendwie verstanden worden sein

Beispiel: Theorie (Erziehungsreflexion, versucht die Praxis zu verstehen, geht aber gleichzeitig von ihr aus) und Praxis (Erziehungswirklichkeit).

Verstehen im hermeneutischen Sinn ist nicht geradlinig sondern zirkelförmig!

Wesentlich im Zusammenhang mit empirischen Methoden ist die Hermeneutik für die Hypothesenbildung. Ein Problem muß erst gesehen, erkannt und verstanden werden, der Sinn und die Bedeutung einer Situation muß erfaßt werden. Etwas ist nur problematisch im Hinblick auf bestimmte Normen, Werte und Zielvorstellungen, diese sind aber nur hermeneutisch zugänglich. Es muß ein bestimmtes Erkenntnis- und Veränderungsinteresse vorhanden sein! Bei der empirischen Überprüfung von Sachverhalten spielt die Hermeneutik eine wesentliche Rolle bei der Operationalisierung (qualitative Aussagen werden quantitfizierbar gemacht), aber auch die Interpretation von empirischen Resultaten ist ein hermeneutischer Vorgang.

1. In der klassischen Hermeneutik von ca. 1500-1800 entspricht der hermeneutische Zirkel dem Verhältnis zwischen der Bedeutungsganzheit eines Textes und einem Bedeutungsteil. Um den Sinn eines Textes als ganzen zu verstehen, muß man den Sinn seiner Teile verstehen - und umgekehrt. Ganzheit und Teil stehen damit zueinander in einem Zirkelverhältnis: Sie bedingen sich gegenseitig.

2. Bei Schleiermacher (sowie später bei den Historisten und bei Dilthey) erhält der hermeneutische Zirkel einen neuen Inhalt. Er bezieht sich auf das Verhältnis zwischen einem Teil des Bewusstseins- und Handlungslebens einer Person und der Ganzheit ihres Lebens, des sozialen Milieus oder der historischen Epoche. Schleiermacher bezeichnet damit die Form von hin und her verlaufenden Bewegungen des Verstehens zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen, die sich ständig erweitern und das Allgemeine und die Teile in immer neuen Zusammenhängen erscheinen lassen. Er ordnet den beiden Polen des Vollzugs ein divinatorisches und ein komparatives Verstehen zu. Der divinatorische Akt leistet ein mehr intuitives Verständnis, das sich einfühlend in den zu Verstehenden zu versetzen und sich mit ihm gleichzeitig zu machen sucht; der komparative Akt leistet die eigentliche Ausarbeitung des Verstehens, indem er die Einzelerkenntnisse der Erratung durch Vergleichung zu einer Gesamtauslegung zusammenfügt. Insofern beide Verstehensakte sich wechselseitig bedingende Phasenmomente ein und desselben Verstehensprozesses sind, spricht Schleiermacher von der Zirkelstruktur des Verstehens. Die Divination und die Komparation vollziehen sich gemäß der Methode des hermeneutischen Zirkels.

Auch nach Dilthey vollzieht sich Verstehen als nacherlebendes Einfühlen in die Äußerungen des produktiven Lebens als deren Objektivationen auf dem Wege des hermeneutischen Zirkels. Das zu verstehende einzelne Lebensmoment hat nur Bedeutung durch seinen Zusammenhang mit dem Ganzen der Lebenseinheit, wie diese nur aus seinen einzelnen Äußerungen verständlich wird. Wurde seit Schleiermacher die Zirkelstruktur zwischen dem Einzelnen und Ganzen lediglich "als Verhältnis zwischen dem ‚objektiven' Sinngehalt und seinen Sinnbezügen in einem ebenso ,objektiven' Zusammenhang beachtet", so radikalisiert sich die Problematik durch Heidegger, der den Verstehenden

3. Bei Heidegger und Gadamer besteht der hermeneutische Zirkel in dem Verhältnis zwischen der konkreten Teilauslegung von etwas und der Verstehensganzheit (dem Sinnhorizont), in dem sich die Auslegung immer schon befindet. Um ein bestimmtes Etwas zu verstehen, muß ich schon ein Vorverständnis des Zusammenhangs, in dem sich dieses Etwas befindet, mitbringen. Um von dem Zusammenhang ein Vorverständnis zu haben, muß ich einzelne seiner Teile (Momente) schon verstanden haben.

Martin Heidegger hat in "Sein und Zeit" die fundamentale Zirkelstruktur des Verstehens aufgezeigt. Danach gehört Verstehen zur existentialen Verfassung des menschlichen Daseins, das immer ein verstehendes In-der-Welt-Sein ist. Das Dasein entwirft als Verstehen sein Sein auf Möglichkeiten. Entwerfend bildet sich Verstehen aus. Die Ausbildung des Verstehens nennt Heidegger Auslegung, die somit ein ursprüngliches Verstehen voraussetzt. In ihr eignet sich das Verstehen sein Verständnis verstehend zu. Auslegung bringt nicht etwas zum Verstehen, sondern bedeutet Ausarbeitung des im Verstehen immer schon Verstandenen; die schon verstandene Welt wird ausgelegt. Aus dem Ganzen der Verständniswelt als "Bewandtnisganzheit" resultieren "Vorhabe", "Vorsicht" und "Vorgriff-". In ihnen ist die bestimmte Art und Weise des "Hinblicks" fundiert, innerhalb dessen sich etwas als etwas erschließt. Der Zirkel des Verstehens besteht darin, dass alle Auslegung, die Verständnis beistellen soll, schon das Auszulegende verstanden haben muss. Dieser Zirkel des Verstehens ist nach Heidegger aber nicht ein Kreis, in dem sich eine beliebige Erkenntnisart bewegt, sondern es ist der Ausdruck der existentialen Vor-Struktur des Daseins selbst. Der Zirkel darf nicht zu einem vitiosum und sei es auch zu einem geduldeten herabgezogen werden. In ihm verbirgt sich eine positive Möglichkeit ursprünglichsten Erkennens, die freilich in echter Weise nur dann ergriffen ist, wenn die Auslegung verstanden hat, dass ihre erste, ständige und letzte Aufgabe bleibt, sich jeweils Vorhabe, Vorsicht und Vorgriff nicht durch Einfälle und Volksbegriffe vorgeben zu lassen, sondern in deren Ausarbeitung aus den Sachen selbst her das wissenschaftliche Thema zu sichern.

Heideggers Aufdeckung der Vorstruktur des Verstehens hat Gadamer für das historische und geisteswissenschaftliche Verstehen fruchtbar gemacht und im einzelnen näher ausgearbeitet. Gemäß seinem wirkungsgeschichtlichen Hermeneutikkonzept bindet Gadamer den hermeneutischen Zirkel an das positive und produktive Vorurteil. Die Sinnverständigung (Sinn) mit den Lebenden und das Sinnverstehen der Vergangenheit sind in eine Wirkungsgeschichte integriert, die sowohl den Lebens- und Erkenntnishorizont des Verstehenden als auch den Objekt-Horizont umgreift. Sie haben daher im wirkungsgeschichtlich geprägten Urteilen und Meinen ihren Ausgangspunkt und implizieren immer schon Vorurteile und Vormeinungen. Daher setzt jede Auslegung "weder sachliche ,Neutralität' noch gar Selbstauslöschung voraus, sondern schließt die abhebende Aneignung der eigenen Vormeinungen und Vorurteile ein". Verstehende Auslegung vollzieht sich nur durch sachliche Überprüfung der Vorurteile als Vorentwürfe und deren Modifikation, Vertiefung und Revision. Damit gewinnt der Mensch nur im Lichte eines Vorverständnisses (Vormeinungen und Vorurteile) neue Erfahrungen und Einsichten, die einen Wandel des individuellen Horizontes bewirken. Der hermeneutische Zirkel leistet die Vermittlung der Spannung zwischen dem Verstehenden und der zu verstehenden Sache.

Im Gegensatz zu Schleiermacher und Dilthey betont Gadamer, dass der Zirkel des Verstehens kein "methodischer Zirkel" ist, sondern ein "ontologisches Strukturmoment des Verstehens" beschreibt. "Der Zirkel ist also nicht formaler Natur, er ist weder subjektiv noch objektiv, sondern beschreibt das Verstehen als das Ineinanderspiel der Bewegung der Überlieferung und der Bewegung des Interpreten. Die Antizipation von Sinn, die unser Verständnis eines Textes leitet, ist nicht eine Handlung der Subjektivität, sondern bestimmt sich aus der Gemeinsamkeit, die uns mit der Überlieferung verbindet. Diese Gemeinsamkeit aber ist in unserem Verhältnis zur Überlieferung in beständiger Bildung begriffen. Sie ist nicht einfach eine Voraussetzung, unter der mir schon immer stehen, sondern wir erstellen sie selbst, sofern wir verstehen, am Überlieferungsgeschehen teilhaben und es dadurch selber weiterbestimmen".

Was die Struktur des hermeneutischen Zirkels betrifft, so handelt es sich gemäß dem Selbstverständnis der Hermeneutik nicht um einen Circulus vitiosus, weil das Verstehen sich logisch nicht vom Vorverständnis herleitet; denn entgegen dem Beweisverfahren, bei dem die Prämissen, aus denen sich die Folgerung herleitet, unverändert vorausgesetzt bleiben, wird im hermeneutischen Zirkel das Vorverständnis stets durch neue Einsichten vertieft, modifiziert und revidiert.

Literatur: H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode, 1960, S.250ff., 275ff.

Wilhelm Dilthey Der hermeneutische Zirkel
Die Entstehung der Hermeneutik
[Grafik: Benjamin Stangl 2009]

Die zwei hermeneutischen Zirkel

Verstehen ist nach Dilthey ein gewöhnliches Gewahrwerden des sozialen Lebens aber auch, wenn verfeinert und kritisch kontrolliert, eine Untersuchungsmethode der Humanwissenschaften. Die wissenschaftlich kontrollierte Interpretation stellt eine höhere Form des Verstehens dar, die durch den hermeneutischen Zirkel (ein besonderes Vorgehen) gerechtfertigt ist. Es handelt sich dabei um eine wiederkehrende, kreisförmig verlaufende Bewegung, eben eine Zirkelbewegung, bei der die Einzelelemente nur aus dem Gesamtzusammenhang verständlich sind und sich das Ganze wiederum nur aus den Teilen ergibt.

Andererseits kann man einen Text nur dann verstehen, wenn bereits ein gewisses Vorverständnis vorhanden ist. Man kann nicht vollkommen voraussetzungslos an einen Text herangehen, sondern muß das eigene Vorverständnis in seiner Geschichtlichkeit erkennen. Mit dem Verstehen des Textes erfährt das zugehörige Vorverständnis eine Korrektur und Erweiterung, so daß wiederum ein besseres Textverständnis entsteht usw.: "Nur wo der Interpret sich selbst in der Wirklichkeit versteht, die erkannt werden soll, kam, es zu dem Austausch kommen, in dem das Vor-Verständnis in wiederholtem Wechsel von dem Textsinn überwunden wird und die Wahrheit des Textes sich durchsetzt" (Heidegger 1963).

Außer dem hermeneutische Zirkel I, der sich auf das Verhältnis von Vorverständnis und Textverständnis bezog, ist beim Verstehen von Texten ein weiterer hermeneutischer Zirkel anzuwenden, der innerhalb des beschriebenen Interpretationsvorgangs liegt (quasi auch parallel zu diesem ist) und ihn ergänzt Es handelt sich bei diesem Zirkel um die Erkenntniserweiterung im Verstehen durch die Relation zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen oder zwischen den Teilen und dem Ganzen (hermeneutischer Zirkel II).

Korrekterweise sollte man beim hermeneutischen Verstehen eher von einer spiralförmigen als von einer zirkelartigen Bewegung sprechen, denn die Momente, zwischen denen das Verstehen hin- und herläuft, erfahren eine ständige Korrektur und Erweiterung. Das erste Verständnis eines Textes wird durch nochmaliges Lesen erweitert; der Leser ist nun in der Lage, sein anfängliches Verständnis unter Berücksichtigung des erweiterten Verständnisses zu beurteilen

Die Oberwindung der hermeneutischen Differenz geschieht somit in der Bewegung der hermeneutischen Spirale Eine spiralförmige Bewegung charakterisiert aber nicht nur das Verhältnis zwischen Vorverständnis und Textverständnis, sondern auch das zwischen Textteil und Textganzem.

Beispiel

Ein naturwissenschaftlicher Laie kann mit einem Buch über Atomphysik nicht viel anfangen, ein Fremdsprachenunkundiger nichts mit einem fremdsprachigen Text usw. Um zu verstehen, bedarf es der Aneignung bestimmter Grundbegriffe bzw. Vokabeln, die - zusammen mit bestimmten invarianten Regeln (z. B. Logik oder Grammatik) - dazu beitragen. weitere Zusammenhänge zu erschließen.
Das ursprüngliche Vorverständnis, auch wenn es noch so rudimentär ist, muß zur Auslegung des Textes herangezogen werden denn es ist notwendige Voraussetzung für das Verstehen. Durch das Verstehen des Textes eignet man sich ein Wissen über das behandelte Gebiet an, mit dem das ursprüngliche Vorverständnis erweitert und korrigiert wird. Mit diesem somit erweiterten Vorverständnis läßt sich der Text wiederum besser verstehen und das ursprüngliche Textverständnis wird erweitert. Dieser Prozeß läuft entsprechend weiter, so daß der Text schließlich so verstanden wird, wie dies von seinem Produzenten beabsichtigt wurde. Die Differenz zwischen dem ursprünglichen und dem erweiterten Textverständnis bzw. dem Verständnis des Autors wird durch die abgebildete zirkelförmige Bewegung überwunden. Dennoch ist eine absolute Kongruenz zwischen dem Verstehenden und dem Autor des Textes kaum herzustellen. Deshalb muß die hermeneutische Differenz als Strukturelement des hermeneutischen Verstehens betrachtet werden.

Beispiel

"ltem so eyn mensch mit eynem vihe, mann mit mann, weib mit weib, vnkeusch treiben, die haben auch das leinen verwürckt, vnd man soll sie der gemeynen gewonheyt nach mit dem fewer vom leben zum todt richten" (aus Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karl V. von 1532; ' 116) Einzelne Wörter, wie "vihe", "verwürckt" oder "fewer" sind für sich allein heute unverständlich. Aber im Zusammenhang des Textes wird ihre Bedeutung schnell erkannt und verstanden, so wird dann der gesamte Text verstanden.
Einzelne, wichtige Begriffe lassen sich häufig erst aus dem Zusammenhang, aus dem Textganzen erschließen, während das vollständige Verstehen des Gesamttextes das Verstehen dieser Begriffe zur Voraussetzung hat Die hermeneutische Spirale besteht also auch darin, daß der Teil vom Ganzen her verstanden, korrigiert oder erweitert wird und sich umgekehrt das Ganze von den Teilen her bestimmt.

Beispiel

Menschen die wiederholt die Erfahrung machen in bestimmten sozialen Positionen herablassend behandelt zu werden, können dazu angeregt wereden über Bestimmungsgrunde und Erscheinungsformen von sozialer Ungleichheit nachzudenken. Wenn so entstandene Theorien aufgegriffen und gesellschaftlich wirksam werden, z.B. wenn eine revolutionäre Bewegung entsteht, werden die Inhaber von Machtpositionen darauf reagieren, etwa durch verstärkte Repression oder subtilere Gestaltung der Diskriminierung. Letztere bleibt vielfach unbemerkt, doch wird sie möglicherweise langfristig durchschaut. Dann würde eine neue Theorie über verborgene bzw. informelle Diskriminierung entstehen, die eines Tages ebenfalls gesellschaftlich wirksam werden könnte.
Bei der hermeneutischen Spirale handelt es sich nicht um einen additiven Prozeß, also werden nicht die Wortbedeutungen nacheinander geklärt, danach der Textzusammenhang und schließlich der historische Kontext hinzugenommen. Es ist eher ein wechselseitiges Verstehen, ein Hin- und Herspiel von Grammatik und Satz, Wort und Satz, ... Das heißt das unverständliches zunächst zurückgestellt werden kann bis man sich nach dem Fortschreiten des Verstehensprozesses wieder daran macht das unverständliche zu verstehen.
Das bedeutet also, daß sich bei diesem Zirkel das Verstehen von Teilen aus dem Ganzen ergibt und das verstehen des ganzen aus den Teilen. Auf Sprache bezogen heißt das: Viele Wörter sind äquivok (sie haben mehrere Bedeutungen). Wie zum Beispiel der Begriff "Rolle". Man kann aus dem Zusammenhang erkennen ob es sich um eine Tapetenrolle, eine Turnrolle, eine Schauspielrolle oder den soziologischen Rollenbegriff handelt. Viele Wörter erhalten ihre Bedeutung erst durch den Bezug auf andere Wörter (Indexikalität).
"Wörter können sowohl als Signifikant (Bedeutungsträger) als auck als Signifikat (Sinn) stehen" (Merten 1983, S.64). Z.B.: Auto bedeutet als Signifikant ein Beförderungsmittel, aber als Signifikat könnte es ein Statussymbol bedeuten. Wenn man sich die Sprache ansieht fällt es schnell auf, daß für einen Signifikanten (ein Wort) mehr als einen Signifikaten (eine Bedeutung) und dafür wiederum mehr als einen Signifikanten (Synonyme) geben kann.
Der Sinn einer Gesamtaussage kann erst dann erkannt werden, wenn die einzelnen Teile einer Aussage bekannt sind und verstanden werden. Dies schließt nicht aus, daß der Sinn der unbekannten Wörter durch den Zusammenhang erkannt werden kann.

Beispiel

Ein französischer Pionieroffizier der Expeditionsarmee Napoleons fand 1799 in Ägypten in der Nähe von Rosette (70 km östlich von Alexandria) einen Stein mit Inschriften in Griechisch, Demotisch und den bis dahin nicht identifizierbaren Hieroglyphen Mit Hilfe der Überlegung, daß es sich beim griechischen Text um eine Übersetzung der Hieroglyphen handeln könnte und mit Hilfe der bekannten Eigennamen von Königen gelang eine schrittweise Entzifferung der Hieroglyphenschrift, die Erstellung einer "Grammatik" und eines Wörterbuches.
Anhand des hermeneutischen Zirkels läßt sich das Verhältnis von Theorie und Praxis darstellen: Überlegungen über gesellschaftliche Zusammenhänge (=Theorie) gehen von einer gesellschaftlichen Wirklichkeit und deren Wahrnehmung (=Praxis) aus und versuchen, diese zu verstehen. Dabei ergeben sich allgemeine Sätze und Ordnungsschemata, die wiederum zu einem besseren Verständnis der Praxis beitragen können.

 

Quelle: http://www.wu-wien.ac.at/usr/h96b/h9651177/Arbeit3.html (01-05-11)

Aus Ingeborg Bachmanns "Das dreißigste Jahr"

Einmal, als er kaum zwanzig Jahre alt war, hatte er in der Wiener Nationalbibliothek alle Dinge zu Ende gedacht und dann erfahren, daß er ja lebte. Er lag über den Büchern wie ein Ertrinkender und dachte, während die kleinen grünen Lampen brannten und die Leser auf leisen Sohlen schlichen, leise husteten, leise umblätterten, als fürchteten sie, die Geister zu wecken, die zwischen den Buchdeckeln hausten. Er d a c h t e - wenn jemand versteht, was das heißt! Er weiß noch genau den Augenblick, als er einem Problem der Erkenntis nachging und alle Begriffe locker und handlich in seinem Kopf lagen. Und als er d a c h t e und d a c h t e und wie auf einer Schaukel hoch und höher flog, ohne Schwindelgefühl, und als er sich den herrlichsten Schwung gab, da fühlte er sich gegen eine Decke fliegen, durch die er oben durchstoßen mußte. Ein Glücksgefühl wie nie zuvor hatte ihn erfaßt, weil er in diesem Augenblick daran war, etwas das sich auf alles und aufs Letzte bezog, zu begreifen. Er würde durchstoßen mit dem nächsten Gedanken! Da geschah es. Da traf und rührte ihn ein Schlag, inwendig im Kopf; ein Schmerz entstand, der ihn ablassen ließ, er verlangsamte sein Denken, verwirrte sich und sprang von der Schaukel ab. Er hatte seine Kapazität zu denken überschritten oder konnte dort kein Mensch weiterdenken, wo er gewesen war. Oben, im Kopf, an seiner Schädeldecke, klickte etwas, es klickte beängstigend und hörte nicht auf, einige Sekunden lang. Er meinte, irrsinnig geworden zu sein, und umkrallte sein Buch mit den Händen. Er ließ den Kopf vornüber senken und schloß die Augen, ohnmächtig bei vollem Bewußtsein.

Er war am Ende.

Der Ausdruck hermeneutische Differenz (auch Distanz) macht auf ein Grundproblem aller sprachlichen Kommunikation wie auch der reflektierten Interpretation aufmerksam: Das was verstanden bzw. gedeutet werden soll, ist zunächst fremd, abständig, distanziert, und muß erst im Verstehens- bzw. Deutungsakt angeeignet werden.

Dabei sind graduelle Unterschiede sehr erheblich: In der eingelebten Alltagskommunikation wird die hermeneutische Differenz nicht oder nur punktuell, im Falle einer Störung bewußt. Deshalb ist, wie schon der Philosoph Schleiermacher bemerkte, bei "Wettergesprächen" in der Regel keine Hermeneutik nötig (die Differenz gleich Null).

Am anderen Extrem ist keine Hermeneutik möglich, wo die Differenz unendlich wird: etwa bei einer Äußerung in einer mir völlig unbekannten Sprache. Hermeneutik findet demnach, einer berühmten Formulierung von Hans-Georg Gadamer folgend, "zwischen Fremdheit und Vertrautheit" statt: "In diesem Zwischen ist der wahre Ort der Hermeneutik" (Gadamer 1972, S. 279).

In literaturwissenschaftlicher Sicht sind drei verschiedene Varianten oder Komponenten der hermeneutischen Differenz von besonderem Gewicht. Zunächst die linguistische Differenz: Verstehen und Auslegung setzten die Zugehörigkeit zur Sprachgemeinschaft der jeweiligen Äußerung bzw. die spezifische Sprachkompetenz voraus. Deshalb ist die Übersetzung von Werken in eine andere Sprache einerseits Voraussetzung der Interpretation, aber auch selbst schon ein interpretierender Akt.
Sodann die historische Differenz. Sie gerät oft als erste in den Blick und bringt erhebliche Schwierigkeiten für Textverständnis und Interpretation dar: Jeder einmal fixierte Text altert unaufhaltsam - die historische Differenz zwischen ihm und dem (gegenwärtigen) Interpreten wächst also. Verständnisschwierigkeiten entstehen in sprachlicher Hinsicht (z.B. veraltete Wörter und Ausdrucksformen, Bedeutungsveränderungen) wie in sachlicher (z.B. erklärungsbedürftige Fakten, Namen, Zusammenhänge). Diese Erklärungen bereitzustellen ist traditionell Aufgabe des philologischen Kommentars.
Schließlich ist, besonders für die literaturwissenschaftliche Hermeneutik, auch eine poetologisch/rhetorische Differenz zum üblichen Sprachgebrauch relevant: die Tatsache also, daß besonders (aber nicht nur) dichterische Texte 'künstliche' Ausdrucksformen, z.B. rhetorische Mitteln benutzen. Deren Funktion und Bedeutungspotential muß erkennen, wer den Text verstehen und angemessen interpretieren will.

Vielfach spielen diese Differenz-Komponenten ineinander: So muß etwa der Text der Bibel aus dem Hebräischen bzw. Griechischen ins Deutsche übersetzt werden, um dort zur Textgrundlage einer theologischen Hermeneutik zu werden, die dann auch die inhaltlichen Verstehensprobleme bearbeiten kann und eine spezifisch protestantische Auslegung ermöglichen. Dabei sind auch die sprachlichen, peotologischen und rhethorischen Mittel des Textes zu beachten. So benutzt etwa das biblische Hohe Lied eine ausgeprägte erotische Metaphorik, die jedoch auf religiöse Sachverhalte verweist und deshalb angemessen ausgelegt werden muß.

Wilhelm Dilthey glaubte noch, in einem Akt der Einfühlung die hermeneutische Differenz überspringen und unmittelbares Verstehen gewinnen zu könnnen. Seit Gadamer hat sich jedoch eine Auffassung durchgesetzt, die den "Abstand der Zeit als eine positive und produktive Möglichkeit des Verstehens" nutzbar zu machen und "immer auch [...] die geschichtliche Situation des Interpreten" zu reflektieren (S.280f.). Die Einsicht in diese historische Gebundenheit nicht nur des zu verstehenden Textes, sondern auch des jeweiligen Verstehens selbst öffnet - Gadamer zufolge - die Dimension der Wirkungsgeschichte.

Hermeneutische Differenz

Gadamer, Hans-Georg (1972). Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen.

Quelle:
http://www.uni-essen.de/
literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/
hermeneutik/hermdif.htm

 

 

 

Wolfgang Stegmüller bezeichnet die Theorie des hermeneutischen Zirkels als eine Mythologie. Die Bezeichnung "der Zirkel des Verstehens" hält er in dreifacher Hinsicht für falsch:

  • erstens ist der bestimmte Artikel unangebracht, weil es sich "nicht um ein bestimmtes, scharf umrissenes Phänomen" handelt,
  • zweitens ist der Ausdruck "Verstehen" fehl am Platz, "weil der Zirkel des nichts für irgendeine Form des Verstehens Spezifisches" ist,
  • drittens ist die Verwendung des Wortes "Zirkel" falsch, "weil der "Zirkel des Verstehens' nichts mit einem Zirkel zu schaffen  hat.

An sechs verschiedenen Bedeutungen der Wendung "hermeneutischer Zirkel" weist er nach, dass es sich in jeder dieser Bedeutungen um eine bestimmte Form eines Dilemmas handelt, von der die Naturwissenschaften ebenso wie die historischen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen betroffen sind. Es handelt sich sich dabei um

  • das eigensprachliche Interpretationsdilemma,
  • das Problem des theoretischen Zirkels,
  • das Dilemma der Standortgebundenheit des Betrachter",
  • das Bestätigungsdilemma,
  • das Dilemma in der Unterscheidung von Hintergrundwissen und Fakten.

Stegmüller, Wolfgang (1973). Der so genannte Zirkel des Verstehens". In K. Hübner & A. Menne (Hrsg.), Natur und Geschichte. Hamburg.
 

Entstanden unter Verwendung von http://culturitalia.uibk.ac.at/ (03-12-02)

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