[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Geschichte der Hermeneutik

Hermes, in der griechischen Mythologie der Botschafter der Götter, Sohn von Zeus und Maia, der Tochter des Titanen Atlas. Als spezieller Diener und Kurier von Zeus besaß Hermes geflügelte Sandalen, einen geflügelten Hut und trug einen goldenen Kerykeion oder magischen Stab, der von Schlangen umwunden und von Flügeln gekrönt war. Er führte die Seelen der Toten in die Unterwelt, und man glaubte, dass er magische Kräfte über Schlaf und Träume besaß. Hermes war auch der Gott des Handels sowie der Beschützer der Händler und Herden. Als Gott der Athleten sorgte er für den Schutz der Sportstätten, und man glaubte, dass er für Glück und Wohlstand verantwortlich war. Trotz seiner tugendhaften Eigenschaften war Hermes auch ein Gauner und Dieb. Am Tage seiner Geburt stahl er das Vieh seines Bruders, des Sonnengottes Apollon, und verwischte die Spuren, indem er die Herde rückwärts laufen ließ. Als er von Apollon gestellt wurde, stritt Hermes den Diebstahl ab. Die Brüder wurden schließlich wieder versöhnt, als Hermes Apollon seine neuerfundene Leier gab. In der frühen griechischen Kunst wurde Hermes als erwachsener, bärtiger Mann dargestellt. In Darstellungen der klassischen Kunst erscheint er als athletischer junger Mann, nackt und ohne Bart.
Quelle: "Hermes". Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie. 1993-1997. Microsoft Corporation.

1. Aufgrund der Überzeugung, daß die Bibel und die klassischen antiken Texte einen besonderen Wahrheitsgehalt haben, zu dem es vorzudringen gilt, stellt sich die Hermeneutik um das Jahr 1500 zur Aufgabe, Methodenregeln für die korrekte Auslegung theologischer und klassisch-humanistischer Texte anzugeben.

2. Bei Schleiermacher wird das Gebiet der Hermeneutik erweitert und umfaßt nun alle Texte oder Geistesprodukte - und nicht nur besonders ausgewählte, "klassische", "autoritative" oder "heilige" Schriften. Mit dieser Erweiterung verliert die Hermeneutik ihre traditionelle Beziehung zu Texten als Wahrheitsvermittler. Statt dessen werden diese als der Ausdruck der Psyche, des Lebens und der geschichtlichen Epoche des Verfassers aufgefaßt, und das Verstehen wird gleichgesetzt mit einem Wiedererleben und Einleben in das Bewußtsein, das Leben und die geschichtliche Epoche, der die Texte entstammen. Die Hermeneutik wird zu einer allgemeinen Kunstlehre, Mißverständnisse zu vermeiden beim Versuch, sich in das Leben einzufühlen, das hinter einem gegebenen Geistesprodukt steht. Bei Schleiermacher ist diese Theorie des "Einlebens" mit einer allgemeinen metaphysischen Theorie verbunden, nach der Verfasser und Leser beide Ausdruck ein und desselben überindividuellen Lebens (des Geistes) sind, welches sich durch die Weltgeschichte entwickelt. Dieses Leben garantiert letzten Endes die Möglichkeit und Sinnfülle des Verstehens.

3. In der letzten Hälfte des 19. Jh. wird diese metaphysische Theorie des überindividuellen Lebens wieder aufgegeben, und die Hermeneutik wird im Historismus (oder Historizismus) schlechthin als eine Kunstlehre aufgefaßt, die die richtige Rekonstruktion der psychologischen Zustände anderer in objektiv vorliegenden Texten (Quellen) sichern soll.

4. Zentral wird der Begriff der Hermeneutik bei Wilhelm Dilthey, der zwischen "erklären" und "verstehen" unterscheidet. Während die Naturwissenschaften bestrebt sind, die "positiv" erkennbaren Gegebenheiten der Welt von außen zu erklären, ist es Aufgabe der Geisteswissenschaften, die "Erscheinungen" der Welt von innen zu verstehen. Diltheys Bestreben, eine universelle Methodik der auf "geschichtlichen Seelenvorgängen" beruhenden Geisteswissenschaften zu entwickeln und diese abzugrenzen von den Gegenständen und Arbeitsweisen der Naturwissenschaften, hat einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt, besonders auf die Literaturwissenschaft, die sich u. a. mit der Auslegung von Texten beschäftigt.

5. Bei Heidegger und später bei Gadamer erhält der Begriff Hermeneutik eine noch unfassendere Bedeutung, indem sie behaupten, daß nicht nur unser Wissen über Texte und geistige Produkte, sondern alles Wissen auf einem Verstehen beruht, das in einer Auslegung unseres Wissens erläutert (oder artikuliert) wird. Die Philos. muß bei diesem Verstehen ihren Ausgangspunkt nehmen und wird damit zu einer Hermeneutik Mit dieser Erweiterung des H.-Begriffs entsteht erneut eine Beziehung zum Wahrheitsbegriff. Die auslegende Verstehensaneignung wird zu einer Aneignung der Wahrheit dessen, auf das wir uns verstehen, und nur weil wir auf diese Weise "bereits in Wahrheit sind", können wir überhaupt irren. Die hermeneutische Philosophie wird zu einer Lehre von der Historizität des Menschen, d. h. zu der Lehre, daß sich der Mensch als ein In-der-Welt-Sein "immer schon" in Verstehenssituationen befindet, die er in einem geschichtlichen Verstehensprozeß auslegen und korrigieren muß.

6. Paul Ricoeur führt die hermeneutische Philos. mit ihrer Betonung des sprachlichen und geschichtlichen Charakters des menschlichen In-der-Welt-Seins weiter. Aber er geht dabei wesentlich über Gadamer hinaus. Um sich selbst und seine eigenen Erzeugnisse zu verstehen, muß der Mensch sich von sich selbst distanzieren; er muß sich "objektivieren" mit Hilfe kultureller Symbole und sozialer Institutionen. Ein solches vermitteltes Verständnis nennt Ricoeur Auslegung. In diesem Zusammenhang betont er- im Unterschied zu Heidegger und Gadamer - die Beziehung zwischen der hermeneutischen Philosophie und dem linguistischen Strukturalismus sowie der Psychoanalyse.

Siehe auch: Hermeneutische Differenz

Im Original: Wilhelm Dilthey. Die Entstehung der Hermeneutik [1900]

Literatur

Karl-Otto Apel: Die Erklären-Verstehen-Kontroverse in transzendental-pragmatischer Sicht, 1979.

Emilio Betti: Die Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften, 2 1972.

Rüdiger Bubner/K. Camer/R. Wiehl (Hg.): Hermeneutik und Dialektik, I-II, 1970.

Wilhelm Dilthey: Gesammelte Schriften, I-XII, 1914-36, fortgeführt 1962ff. (bisher 18 Bde.). J. G. Droysen: Historik, I-III, 1937.

M. Fuhrmann/H. R. Jauss/W. Pannenberg (Hg.): Text und Applikation, 1971.

Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode, 1960.

Hans-Georg Gadamer & Gottfried Boehm: Seminar: Philosophische Hermeneutik. Frankfurt am Main 1979.

Jung, Matthias: Hermeneutik zur Einführung. Hamburg 2001.

Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema



inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::
navigation: