Was ist Emotion? Psychologische Erklärungsmodelle

Handle wie du fühlst,
und fühle, wie du handelst.
Plinius d.J.

Seit mehr als 2000 Jahren befaßten sich die Psychologie bzw. ihre Vorläuferwissenschaften mit Emotionen. Theodor Piderit schrieb eine wissenschaftliche Abhandlung mit dem Titel "Wissenschaftliches System der Mimik und Physiognomik", in der er behauptete, daß zwar die Sprache zwischen den Völkern verschieden sei, daß aber das Mienenspiel bei allen Menschen dasselbe wäre. In den Gesichtszügen des "Wilden" wie des europäischen Kulturmenschen, beim Kind wie beim Greis äußern sich Gefühle und Stimmungen, Begierden und Leidenschaften auf gleiche Weise.

Franz Brentano bezeichnete Gefühle als menschliches Grundvermögen, deren Verständnis auf der Vermögenslehre beruht, die von der weitgehenden Autonomie der Gefühlswelt ausgeht. Drei Klassen seelischer Akte betrachtete er als zentral: Vorstellung, Urteile und Gemütsbewegung.

Charles Darwin versuchte in seinem Werk "Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei den Menschen und Tieren", die sichtbaren mimischen Veränderungen mit der Aktivität bestimmter Gesichtsmuskeln zu erklären. Ihm zufolge offenbaren sich Emotionen nicht nur in der Mimik, sondern auch in typischen Verhaltensweisen wie Herumwälzen und Schreien bei Wut, und körperlichen Veränderungen wie z. B. durch schnellere Atmung. Er betrachtete den Grundgedanken der biologischen, psychischen und moralischen Entwicklung als Ergebnis von Selektion und Vererbung, von Auslese im Kampf um das Dasein.

Wilhelm Wundt (1896) stellte die Gefühle den Empfindungen gleichgewichtig zur Seite und stand so im Gegensatz zur damaligen Auffassung, Gefühle als bloße Begleiterscheinungen von Sinneselementen zu betrachten oder sie gar mit solchen gleichzusetzen. Bei seiner Analyse des Wesens der Gefühle erkannte er die Unzulänglichkeit der zu dieser Zeit vorherrschenden Tendenz, Gefühle nur als Lust- oder Unlustgefühle anzusehen. Er postulierte drei bipolare Hauptrichtungen der Gefühle: Lust-Unlust, Erregung-Hemmung und Spannung-Lösung. Damit hatte Wundt das Kontrast- oder Polaritätsprinzip der Gefühle geschaffen. Mithilfe der introspektiv-phänomenologische Methode wurden u. a. folgende Kriterien für Gefühlserlebnisse - vornehmlich zu ihrer Abhebung von anderen Erlebniseinheiten, insbesondere Empfindungen, erarbeitet (siehe dazu Bottenberg 1972. 35 ff.):

  • Besondere Ichzugehörigkeit, Ichzuständlichkeit oder Subjektivität (Wundt 1896; Lipps 1906; Krüger 1928)
  • Gegensätzlichkeit (Wundt 1896; Ebbinghaus 1905; Lipps 1907; Krüger 1918; Külpe 1922)
  • Universalität (Külpe 1922: Krüger 1928)
  • Aktualität (Wundt 1896: Lipps 1907)
  • Wandelbarkeit und Labilität (Krüger 1928)
  • Qualitätenreichtum (Krüger 1928)
  • Unlokalisierbarkeit (Lipps 1906; Stumpf 1907; Külpe 1922).

Motivationspsychologisch besonders bedeutsam ist die Frage nach einem möglichen Zusammenhang von Gefühlen und sonstigen Antriebserlebnissen wie Trieben, Strebungen oder Willensakten. Während bei Wundt der Wille praktisch voll auf gefühlshafte oder affektive seelische Gebilde reduziert wurde, sah man später Gefühl und Wille eher als distinkte Gegebenheiten oder Vorgänge an. Es wurden sehr enge Beziehungen zwischen Gefühlen und Trieben oder Strebungen angenommen.

William McDougall (1923) hat darauf verwiesen, daß die Begriffe Gefühl und Emotion zu unterscheiden wären, da eine Vermengung für Verwirrungen sorgt. Ein Gefühl bezieht sich auf das Erleben, etwa wenn jemand sagt, er habe Angst, eine Emotion aber ist globaler und schließt neben dem Gefühl auch einen körperlichen Zustand und den "Ausdruck" ein.

Bei McDougall findet man sowohl eine mentalistische Emotionsdefinition (Emotionen sind die zum Instinktprozeß bestimmter Emotionen gehörigen Erlebensqualitäten), als auch eine Syndromdefinition (Emotionen sind identisch mit dem Instinktprozeß einschließlich des Instinktverhalten). Die Gefühle beruhen auf der Empfindung der im zentralen Teil des Instinktmechanismus erzeugten viszeralen Veränderungen und der Intensität des erlebten Handlungsimpulses. Primäre Emotionen lassen sich aufgrund von Introspektion, aufgrund eines Vergleichs mit anderen Spezies und aufgrund des Studiums der Emotionen von Geisteskranken identifizieren.

Wilhem Wundt

 

Le coeur a ses raisons
que la raison ne connaît pas.
Blaise Pascal

Das Herz hat Gründe, von denen der Verstand

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Die menschlichen Emotionen


at.

Robert Plutchik entwickelte die Grundzüge seiner Emotionstheorie 1958 und modifizierte sie später öfter, wobei diese der Instinkttheorie von McDougall ähnelt, nur daß Plutchik die Kognition stärker betont und andere Primäremotionen annimmt (Furcht, Ärger, Freude, Traurigkeit, Akzeptieren, Ekel, Erwartung und Überraschung). Plutchik ordnete die Emotionen auf einem zweidimensionalen Kreis an (siehe unten) wobei qualitativ ähnliche Emotionen nebeneinander liegen und entgegengesetzte Emotionen gegenüberliegen. Mit der dritten Dimension Intensität baute er dieses Modell zu einem dreidimensionalen strukturellen Modell aus. Primäremotionen sind nach seiner Meinung durch genetische Selektion entstanden (also auf ererbten Mechanismen beruhen) und zwar durch grundlegende Anpassungsprobleme, deren Lösung das Überleben sicherstellen. Plutchik sieht Emotionen als Reaktionskette mit Rückmeldeschleifen, wobei der Reiz nicht Bestandteil der Emotion ist, sondern nur ihr Auslöser. Zuerst wird der Reiz bewertet (gut oder schlecht, nützlich oder schädlich), was die Gefühle auslöst, die von der kognitiven Einschätzung und den physiologischen Reaktionen determiniert werden. Der sich daraus ergebende Handlungsimpuls führt zu einer Handlung, die schließlich Auswirkungen auf die Situation hat. Sekundäre Emotionen sind Mischungen zwischen primären Emotionen, die auftreten, wenn ein Reiz bei der Bewertung mehr als eine primäre Emotion auslöst. Dies kann bei unähnlichen Primäremotionen einen Konflikt auslösen, der um so größer ist je unähnlicher die Primäremotionen sind. Die Primäremotionen mischen sich und eine komplexe Emotion entsteht. So entstehen Dyaden oder Triaden, wobei bei zwei benachbarten Primäremotionen von einer primären Dyade gesprochen wird und wenn eine Emotion zwischen den beiden liegt von einer sekundären Dyade. Wenn zwei entgegengesetzte Primäremotionen auftreten und gleich stark sind führt dies zur gegenseitigen Hemmung.

Interessanterweise fehlt in den meisten Modellen der primären Emotionen der Neid, der wohl zu den vielschichtigsten und auch den am meisten geleugneten Affekten zählt und daher in den seltensten Fällen offen geäußert wird - auch in der psychologischen Literatur ;-)

In Studien hatte sich gezeigt, dass es zwei Arten von Neid gibt: Zum einen kann Neid auf die Leistungen einer anderen Person dazu anspornen, sich selbst zu verbessern, in diesem Fall handelt es sich um eine Art konstruktiven Neid. Andererseits die Eifersucht auch dazu führen, die Leistungen des Besseren zu schmälern und ihn niedermachen zu wollen – der Neid ist hier also destruktiv.

Eifersucht kann zwar die Beziehung zwischen Individuen einer Gruppe belasten, ist aber vermutlich evolutionär bedingt, denn unter dieser Perspektive betrachtet ist dieses Gefühl durchaus sinnvoll und ist bei sozial lebenden Tieren nachgewiesen. Ähnlich wie bei Menschen geht es Tieren in erster Linie darum, die eigene Stellung innerhalb einer Gruppe und damit den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen zu sichern. Der Aufbau und die Sicherung von Kontakten und Partnerschaften ist eine gängige Strategie sozial lebender Tiere, der Gefahr von Angriffen durch Feinde zu begegnen oder um Konflikte um die Hierarchie innerhalb der eigenen Gruppe zu reduzieren.

Das Urbild des Neides ist die Geschwisterrivalität in der Familie, bei der es um frühe Verteilungskämpfe geht, in denen meist um die Liebe der Eltern gerungen wird. Der Neid ist ein Phänomen der sozialen Nähe und entsteht daher oft unter Geschwistern, KollegInnen oder Nachbarn. Hinzu kommt der paradoxe Umstand, dass der Neid an sich sinnlos ist, weil der beneidete Gegenstand, die Eigenschaft oder der soziale Status durch das Neiden selbst gar nicht gewonnen werden kann. Der "Leerlauf" dieser Emotion ist daher vorprogrammiert. Entgegen der landläufigen Auffassung, dass sich das Neid meist auf Materielles bezieht, bezieht sich das Neidgefühl selber meist gar nicht direkt auf Gegenstände, sondern es geht vielmehr um das Gefühl, das man bei demjenigen vermutet, der ein Objekt besitzt, das man auch gerne selber hätte. Dabei ist es durchaus fraglich, ob derjenige tatsächlich dieses positive Besitzgefühl hat, das man ihm in seiner Vorstellung zuschreibt. Meist geht der Neid mit einem lückenhaften, fragmentierten Selbst einher, sodass es, um diesem selbstzerstörerischen Gefühl zu entkommen, gilt, das Selbstbewusstsein zu stärken, die eigene Leistungen und Fähigkeiten bewusst zu machen. Jedoch lässt sich auch im Neid eine konstruktive Seite entdecken, wenn man ihn als Antrieb versteht, den Ehrgeiz anzustacheln, um genauso gut zu werden wie die Beneideten. Viele Menschen sehen den Neid durchaus als berechtigtes Gefühl, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. In einer neueren experimentellen Untersuchung zeigte sich auch, dass Beneidete eine gesteigerte Hilfsbereitschaft in Form eines Beschwichtigungsverhalten zeigen, denn die Angst vor dem Neid ermutigt dazu, sich so zu verhalten, dass das soziale Gefüge innerhalb einer Gruppe gestärkt wird, wobei eine zuvorkommende Haltung der Beneideten offensichtlich die zerstörerische Wirkung des Neids reduziert.

Plutchiks Emotionsmodell

 

[Modell der Basisemotionen nach Plutchik]

 

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Die menschlichen Emotionen

Die linksstehende grafische Darstellung bzw. Übertragung des Modells von Plutchik stammt von Maria Helena Oestreicher, die sie freundlicher Weise zur Veröffentlichung überlassen hat.

 

Das ist das Ärgerliche am Ärgern: dass man sich damit selbst bestraft.
Ernst Ferstl

Emotionen spielen auch für die Selbstwahrnehmung, die Wahrnehmung durch andere und die Regulation von Beziehungen zwischen Menschen eine häufig unterschätzte Rolle. Paradoxerweise fehlt den meisten Menschen eine Kultur des differenzierten Umgangs mit Emotionen, andererseits besteht aber ein ausgeprägtes Interesse an Emotionen, ihrem Ausdruck und der Teilnahme an Emotionen anderer Personen, das sich etwa in der "exhibitionistischen" Zurschaustellung im Rahmen von eigens für diesen "affektiven Austausch" entworfenen Talkshows zeigt. Durch diese wird das voyeuristisches Interesse der Zuschauer befriedigt, indem man am Schicksal von Menschen Anteil nehmen kann, zu denen aber keine unmittelbare, sondern nur eine medial vermittelte Beziehung besteht (Fernsehsendungen, Yellow Press).

Nach der Auffassung von Damasio (2000) sind Emotionen komplizierte Kombinationen von chemischen und neuralen Reaktionen des Gehirns, die eine regulatorische Rolle spielen mit dem ursprünglichen biologischen Zweck, günstige Umstände für das Überleben des Organismus zu schaffen. Emotionen benutzen den Körper (Eingeweide, Muskel-Sklett-System) als ihr Theater, haben aber auch einen Einfluss auf diverse Gehirnfunktionen. Emotionen beruhen auf angeborenen Gehirnfunktionen, die einer langen evolutionären Entwicklung entstammen. Individuelle Lernprozesse und kulturelle Einflüsse verändern jedoch die Emotionen hinsichtlich ihrer Auslöser und ihres Ausdrucks (Pohl 2001).

Literatur:
Plutchik, R. (1962). The emotions: Facts, theories, and a new model. New York: Random House.
Pohl, Wolf (2001). Antonio R. Damasio: "Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins". Eine Rezension. Aufklärung und Kritik, Heft 1.

Es ist erst in den letzten Jahren gelungen, diejenigen Gehirnzentren, die mit Gefühlen zu tun haben, und ihre Funktion genauer zu identifizieren. Wie bei allen anderen komplexeren Hirnfunktionen wird auch unser Gefühlshaushalt von vielen Zentren kontrolliert, die über große Teile des Gehirns verteilt sind und zusammen das "limbische System" ausmachen. Für das Negative in unserem Leben, das mit der Ausbildung von Furcht und Angst verbunden ist, ist vornehmlich der Mandelkern (Amygdala) zuständig, für das Positive, Beglückende und Lustvolle hingegen sind es vor allem Strukturen, die ventrales tegmentales Areal und Nucleus accumbens heißen.

Dieses System beginnt seine Arbeit bereits im Mutterleib und setzt sie verstärkt in den ersten Wochen, Monaten und Jahren unseres Lebens fort, - in einer Zeit also, in der die für uns wichtigsten Dinge passieren. In dieser Weise formt sich das, was man Charakter oder Persönlichkeit nennt, sehr früh und weitestgehend vorbewußt und wird zunehmend resistent gegen spätere Erfahrungen. Das Ich, welches sich in seinen typisch menschlichen Erscheinungsformen erst vom dritten oder gar vierten Lebensjahr an zu entwickeln beginnt, wird in diese "limbische" Persönlichkeit hineingestellt und von ihr getragen. Das bedeutet nicht, daß unser Charakter bereits mit drei Jahren völlig festgelegt ist, aber der Aufwand, ihn zu ändern, wird mit zunehmendem Alter größer; im Erwachsenenalter erfordert es "emotionale Revolutionen" (etwa die berühmten Lebenskrisen oder eine stark fordernde neue Partnerschaft), damit sich an unserer Persönlichkeit noch etwas ändert.

Viele Psychotherapeuten und insbesondere Psychoanalytiker stehen der Parallelität oder gar Identifizierung von psychischen Vorgängen und Hirnfunktionen nach wie vor ablehnend gegenüber. Sie betonen dabei eine fundamentale Verschiedenheit der Erforschung psychischer Vorgänge einerseits und neurobiologischer Strukturen und Funktionen andererseits, ganz im Einklang mit dem klassischen Gegensatz von geisteswissenschaftlicher Hermeneutik und naturwissenschaftlicher Analytik. Entsprechend sehen sie einen grundlegenden Gegensatz zwischen einer Behandlung, die auf dem therapeutischen Gespräch beruht, und der Verabreichung von Psychopharmaka. Die moderne Hirnforschung geht hingegen davon aus, daß Worte über das Hörsystem und seine Verbindungen zum limbischen System genauso auf dieses System eingreifen können wie Psychopharmaka.

Unter philosophischer Perspektive ist der aktuelle Stand der Forschung, dass bisher niemand wirklich befriedigend erklären kann, wie aus einem biochemischen Prozeß eine subjektiv empfundende Emotion werden kann. Wirklich überzeugende Belege für einen reinen Physikalismus gibt es bisher nicht. Ein Dualismus à la Descartes ist nach dem aktuellen Forschungsstand ebenso ausgeschlossen, da die Wissenschaften inzwischen genug über die Rolle wissen, die das Gehirn bei bestimmten Prozessen spielt. Daher ist ein "methodischer" Dualismus wohl derzeit die einzig sinnvolle Option, da psychische Prozesse nicht auf die Neurobiologie und schon gar nicht auf Physik reduzierbar sind, wobei erkenntnistheoretisch ein "ontologischer" Dualismus aber nicht zwingend ist, womit wir beim Versuch einer philosophischen Grundlegung auf eine Glaubensüberzeugung verwiesen bleiben (btw: der Physikalismus ist letztlich auch nichts anderes). Einige Phänomene in psychologischen Grenzbereichen (z.B. Todesnähe-Erfahrungen) könnten als Hinweis auf die Gültigkeit eines Interaktionismus genommen werden.

Die in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen häufig vertretene Meinung, daß vorwiegend die rechte Gehirnhälfte an der Entstehung von Gefühlen beteiligt ist, wurde von Guy Vingerhoets (Ghenter Zentrum für Neuropsychologie) und Mitarbeitern widerlegt: Die Forscher spielten Versuchspersonen gesprochene Sätze mit verschiedenen emotionalen Gehalten vor, wie freudige Aussagen: "Er mochte den Witz", traurige: "Das Mädchen verlor seine Eltern" sachliche: "Nach Gebrauch die CD wieder in ihre Hülle stecken". Sollten sich die Probanden innerlich auf die sachliche Seite der Aussagen konzentrieren, stieg der Blutfluß wie erwartet zur linken Hirnhälfte. Konzentrierten sich die Versuchspersonen auf den emotionalen Gehalt der Aussagen, stieg der Blutfluß zur rechten Gehirnhälfte deutlich an, jedoch stieg auch gleichzeitig der Blutfluß zur linken Gehirnhälfte. An Emotionen sind daher beide Hirnhälften beteiligt, denn vermutlich "erkennt" die linke Hirnhälfte den Anlaß für die Emotionen, die erst dann von der rechte Hirnhälfte für die Person fühlbar gemacht werden.
Neuropsychology 17, 1, 2003.

Forscher am Fraunhofer-Institut haben einen Spezialhandschuh mit Sensoren für Hautwiderstand, Temperatur und Puls entwickelt, der den Gemütszustand eines Computeranwenders erkennen kann. Die gemessenen Daten werden an eine Applikation gesendet, die aus den Messewerten den Gemütszustand des Users errechnet. In Kombination mit Techniken, mit denen Mimik erkannt und emotionsbezogene Merkmale aus Sprachsignalen extrahiert werden können, werden praktische Nutzungsmöglichkeiten für Bildschirmanwender gesucht. So könnte man Programme dahingehend optimieren, indem der Handschuh nervende Zusatzfenster schließt oder den User durch Musik, passende Gestaltung der Desktopoberfläche oder eine geeignete Hintergrundfarbe entspannt. Da sich UserInnen aber in ihren Emotionen sehr stark unterscheiden, muss der Nutzer den Computer vorab trainieren.
Quelle: http://www.rostock.igd.fraunhofer.de (05-12-20)

Aus früheren Studien weiß man, dass Menschen die Zukunft überwiegend optimistischer beurteilen als sie tatsächlich ist. So überschätzen sie etwa ihren Gesundheitsstatus und glauben, dass sie länger leben als sie es tatsächlich tun, wobei das Risiko einer Scheidung vom Partner oder ein berufliches Scheitern wieder eher geringer eingeschätzt wird. Die Psychologin Tali Sharot (New York University) lokalisierte nun zwei Arreale im Gehirn, deren Aktivität mit einer optimistischen Lebenseinstellung in Verbindung steht. Depressive Menschen, die eher pessimistisch veranlagt sind, zeigen früheren Untersuchungen zufolge Auffälligkeiten in genau diesen Hirnregionen.

Versuchspersonen wurden in den Versuchen gebeten, sich entweder an ein intensives emotionales Erlebnis der Vergangenheit zu erinnern oder sich ein zukünftiges Ereignis in den schönsten Farben auszumalen. Dabei zeichneten die Wissenschaftler die Aktivität des Gehirns auf. Auch in diesem Experiment beurteilten wurden die positiven Ereignisse positiver als solche der Vergangenheit beurteilt, negative Zukunftsvorstellungen hingegen wurden eher distanziert bewertet und wenig mit den eigenen Erfahrungen in Verbindung gebracht. Bei positiven Vorstellungen stieg die Aktivität in der der Amygdala und im rostralen anterioren cingulären Cortex (rACC).

Traurigkeit ist etwas Natürliches. Es ist wohl ein Atemholen zur Freude, ein Vorbereiten der Seele dazu.
Paula Modersohn-Becker

 

Quelle: Neural mechanisms mediating optimism bias".
"Nature" (doi:10.1038/nature06280; 25.10.07)


Emotionen lassen sich unter verschiedenen Perspektiven betrachten,

  • der subjektive Ebene (Erlebnismitteilung aufgrund von Introspektion)
  • der Verhaltensebene (Ausdrucksverhalten) und
  • der physiologisch-biochemischen Ebene (zentrales und vegetatives Nervensystem, endokrines System).

Probleme der Emotionsforschung sind im Wesentlichen, daß

  • unterschiedliche Lebensgeschichten das emotionale Erleben determinieren,
  • eine beschränkte Verbalisationsmöglichkeit von Emotionen besteht,
  • sich mit physiologischen Maßen (endokrine Prozesse, EEG) nicht eindeutig bestimmen lassen,
  • eine Parallelisierung der Intensität bei unterschiedlichen Emotionsqualitäten nicht möglich ist,
  • nur geringe empirische Zusammenhänge zwischen psychologischen und physiologischen Messungen bestehen.

Nach Ekman (1973) gibt es eine Gruppe von Basisemotionen (basic emotions), deren spezifische und gemeinsamen Eigenschaften hinsichtlich ihrer Funktionen größtenteils das Resultat evolutionärer Entwicklungsprozesse sind, wie etwa Ärger, Angst, Trauer, Freude, Ekel, Überraschung, Verachtung, Scham, Schuld, Verlegenheit und Scheu.

Averill & Nunley (1980) sehen Emotionen als Produkte kultureller Prozesse an, wobei sich dieser Einfluß nicht nur auf ein Überlagern und Regulieren natürlicher und biologisch vorgegebener Muster beschränkt, sondern postulieren, daß Emotionen im Wesentlichen nur aus der sozialen Perspektive heraus verstanden werden können.

Informationen über andere Menschen oder über einen selbst sind immer auch emotionaler Natur. Meist werden sie nicht bewusst verarbeitet, was auch nicht ökonomisch wäre angesichts der Fülle von Wahrnehmungen, die ständig das menschliche Gehirn erreichen. Ein wichtiger Weg, Emotionen zu verarbeiten, ist der Körperausdruck.

Perspektiven der Erforschung

Emotionsinduktion

Sofern man Emotionen im Labor untersucht, ist man darauf angewiesen, bei den ProbandInnen Emotionen zu induzieren, die etwa über verbale Methoden (z.B. Lesen eines lustigen Textes) oder nonverbale Methoden erfolgen kann( Bilder und vor Filme wie Slapsticks, Erotika, Kriegsszenen, Beschneidungsrituale etc.).

Messung der Gefühlsqualität

Der Erlebnisaspekt eines Gefühls ist eine private, nur über den Selbstbericht kommunizierbare Erfahrung. Daraus lassen sich verschiedene Probleme ableiten:

  • Die Introspektion kann misslingen („Ich bin enttäuscht“ statt vielleicht: „Ich bin wütend und traurig“).
  • Der "wahre" Gefühlszustand kann aus verschiedenen Gründen – z.B. in Bewerbungssituationen - bewusst verfälscht werden („Ich freue mich über diese Rückmeldung!“ statt: „Das ärgert mich aber jetzt, das ist wirklich ungerecht!“).
  • Anstelle einer Gefühlsbeschreibung äußert man Hypothesen über seine Empfindungen („Wahrscheinlich war ich damals ziemlich wütend, sonst hätte ich mich darauf gar nicht eingelassen!“) oder es kann auch zu sprachlichen Missverständnissen zwischen "Sender" und "Empfänger" kommen.

Gefühlsqualitäten werden oft mittels standardisierter Verfahren erfasst wie Fragebogen, Rating-Skalen, Semantische Differentiale. Allerdings existiert auch eine Reihe von meist aus dem Bereich der Klinischen Psychologie stammende Skalen, die sich zur Messung spezifischer Emotionsdimensionen bewährt haben.

Messung der physiologischen Aspekte

Abhängig von der Forschungsfrage kommen unterschiedliche Messverfahren zur Anwendung, wie physiologische Maße wie Herzfrequenz, Blutdruck, Hautleitfähigkeit. Die Messung sexueller Erregung kann mittels Messung der Veränderungen des Volumens bzw. Gewebeumfangs als Korrelat des lokalen Durchblutungsgrades erfolgen. Im Zusammenhang mit der Erhebung von Selbstberichten über emotionale Zustände werden im Bereich des ZNS beispielsweise EEG- und Positronenemissionstomographie- (PET) -Variablen erhoben.

Ebenfalls kommen biochemische Methoden zum Einsatz, wenn im Zusammenhang mit Verhaltens- oder Erlebnisdaten anhand von Urin- oder Blutplasmaproben die Konzentration von Adrenalin oder Dopamin erhoben wird.

Messung der Ausdrucks- und Verhaltensdimension

Neben der Erfassung allgemeiner, beobachtbarer Verhaltensdaten (z.B. Hautrötungen, Zittern, Körperhaltung, Gestik, Anspannung der Nackenmuskulatur etc.) gibt es Verfahren zur Erfassung des mimischen Ausdrucks, etwa die Facial Affect Scoring Technique (FAST) von Ekman, Friesen und Tomkins (1971).

Methoden der Emotionsforschung

Auch auf dem Gebiet psychischer Störungen spielen Emotionen eine wichtige Rolle. Angststörungen sind eine der am meisten behandelten psychischen Erkrankungen. Angst spielt auch eine zentrale Rolle bei Zwangsstörungen, sie tritt dann auf, wenn die Zwangshandlungen oder die Zwangsgedanken nicht ausgeführt werden können.

Zwangshandlungen sind in der Regel Rituale, die von den Betroffenen in immer der gleichen Art und Weise ausgeführt und ständig wiederholt werden müssen. Obwohl diese Handlungen an sich nicht als angenehm erlebt werden, verbringen die Betroffenen zum Teil viel Zeit mit ihnen.Bekannt sind vor allem zwanghafte Putz- und Waschhandlungen oder der Zwang, etwas dauernd zu kontrollieren und zu überprüfen, etwa, ob die Wohnungstüre nach dem Verlassen der Wohnung auch tatsächlich verschlossen ist. Andere Personen verspüren wieder das zwanghafte Bedürfnis, Dinge in einer bestimmten Weise zu ordnen oder sie zu zählen, etwa die Anzahl der vorbeifahrenden Autos oder das Bilden der Quersummen von Telefonnummern. Mit dem Begriff Zwangsgedanken werden Vorstellungen oder Impulse bezeichnet, an die die Betroffenen immer und immer wieder denken müssen, obwohl sie das nicht wollen. Solche Zwangsgedanken machen zumeist Angst und werden oft von den Betroffenen selbst als sinnlos oder gar abstoßend empfunden. Häufig anzutreffen ist etwa die Erwartung, etwas besonders Schlimmes werde geschehen, für das man dann verantwortlich wäre, obwohl objektiv keine Verbindung dazu besteht.

Posttraumatische Belastungsreaktionen werden als Folge emotional nicht verarbeiteter Traumata angesehen. Trauer und Wut findet man in der Symptomatologie und Ätiologie der Depression, wobei die Trauer chronifiziert ist und langfristig als Stimmung vorherrscht. Wut und Verlust der Impulskontrolle tritt bei unterschiedlichen Arten von Persönlichkeitsstörungen auf, wie beim Wechsel zwischen positiven Gefühlen und der unbändigen Wut gegenüber einer Person in der Borderlinepersönlichkeit.

Die Arousal-Theorie nimmt an, dass die Unterschiede zwischen Extravertierten und Introvertierten durch unterschiedliche Grade an Erregung (Arousal) des Neocortex zustande kommen. Introvertierte sollen chronisch erregter sein als Extravertierte, weil eine im Hirnstamm befindliche Struktur, das aufsteigende retikuläre Aktivationssystem (ARAS), den Neocortex stärker erregt, als dies bei den Extravertierten der Fall ist. Man nimmt an, dass Menschen bestrebt sind, auf den für sie optimalen Erregungsniveau zu sein: nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz führt eine optimale Erregung auch zu einer optimalen Leistung. Zu große, aber auch zu geringe Erregung im Vergleich zu "typischen" Optimalstatus wirkt unangenehm.

Da Introvertierte bereits chronisch relativ hochgradig erregt sind, streben sie keine weitere Erregung an und beschäftigen sich lieber mit wenig anregenden Tätigkeiten. Extravertierte befinden sich dagegen chronisch auf einem relativ niedrigen Erregungsniveau und streben daher weitere Erregung an, so daß sie aktiv und unternehmungsfreudig sind. Der Extravertierte benötigt infolgedessen, um zu einem optimalen Erregungsniveau zu gelangen, stärkere äußere Stimulation als der normal ambivertierte Mensch, während der Introvertierte weniger äußere Stimulation benötigt als der Normale (Ambivertierte) (Eysenck 1976, S. 22).

Aufgrund ihrer chronisch höheren Erregung sind Introvertierte dagegen leichter konditionierbar und lernten daher leichter soziale Regeln. Extravertiere reagierten stattdessen eher sozial unangemessen und weisen extremere soziale Einstellungen auf. Sie tendieren eher zu körperlichen Strafen und zur Todesstrafe, führten tendenziell ein abwechslungsreicheres und riskanteres Sexualleben und befürworten daher liberale Ehe- und Abtreibungsgesetze. Aufgrund ihrer niedrigeren Erregung und ihres Bedürfnisses nach einer Erregungssteigerung sollen Extravertierte eher stimulierende Drogen verwenden und auch häufiger rauchen als Introvertierte.

Neben der Erklärung der Unterschiede zwischen Extravertierten und Introvertierten bietet die Arousal-Theorie auch eine Erklärung für den Neurotizismus an: Kortikale Erregung kommt nicht nur durch die Aktivierung des ARAS zustande, sondern auch durch die Erregung (Aktivation) des Limbischen Systems. Menschen mit hochgradigem Neurotizismus zeichnen sich durch eine hohe Aktivation, Menschen mit gering ausgeprägten Neurotizismus durch eine niedrige Aktivation aus. Da Aktivation v.a. in Stresssituationen entsteht, übt sie allerdings keinen andauernden Einfluß auf das Verhalten aus. Erst unter Streß kann man daher Unterschiede zwischen Menschen mit hoch und niedrig ausgeprägtem Neurotizismus in ihrer Aktivation finden.

Emotion und Persönlichkeit

Quelle:

Walter, Oliver (2005). Persönlichkeit.

http://people.freenet.de/oliverwalter/
Psychologie/Personlichkeit/personlichkeit.htm (05-11-11)


Mees, Ulrich (1991). Die Struktur der Emotionen. Göttingen: Hogrefe.
Ekman, P. (1973). Darwin and facial expression: A century of research in review. New York: Academic Press.
Averill, J.R. & Nunley, E.P. (1992). Die Entdeckung der Gefühle. Ursprung und Entwicklung unserer Emotionen. Hamburg: Kabel.
Ekman, P., Friesen, W.V. & Tomkins, S.S. (1971). Facial affect scoring technique: A first validity study. Semiotica, 1, 37-53.
Schmidt-Atzert, Lothar (1996). Lehrbuch der Emotionspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.
Plutchik, R. (1962). The emotions: Facts, theories, and a new model. New York: Random House.
Kleinginna, P.R. Jr. & Kleinginna, A.M. (1981). A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. Motivation and Emotion, 5, S. 345-355.
Petri, H.L. (1996). Motivation: Theory, Research, and Application. Belmont, CA: Wadsworth.

Literatur


Quellen:
http://www.stud.uni-wuppertal.de/~ya0023/phys_psy/emotion.htm (01-12-24)
Sponsel, Rudolf (2002). Gefühle als Grundelemente des Psychischen. Ein Reader aus: Keller, Josef A. (1981). Grundlagen der Motivation. IP-GIPT. Erlangen: http://www.sgipt.org/gipt/allpsy/fuehl/reader/keller.htm (02-06-29)
Bildquellen: http://www.voll-psychologisch.de/2002/Studium&Beruf/hoersaal/Emotionen/1-ekman.jpg (03-11-30)
http://seminarserver.fb14.uni-dortmund.de/boehm/SS_2003/SE_EmoMot/02_Gesichtsausdruck_Basisemotionen.pdf (03-06-28)
http://www.teachsam.de/psy/psy_emotion/psy_emotion_1.htm (05-05-02)

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