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Keine Macht den Drogen - No DrugsHalluzinogene

Unter Halluzinogene versteht man Stoffe natürlicher oder chemischer Herkunft, die geeignet sind, die Bewußtseinslage und die Sinnesempfindungen für eine bestimmte Zeit zu verändern: LSD, Mescalin, Psilocybin. Halluzinogene erweitern also das Bewusstsein, die Sinneswahrnehmung und das Ich-Gefühl, sodass die meisten dieser Psychedelika verboten wurden und seither selbst für Forschungszwecke nur mit besonderer Genehmigung erhältlich sind. Allerdings haben einige der Substanzen ein hohes therapeutisches Potenzial bei psychischen Erkrankungen haben, denn klinische Studien deuten darauf hin, dass Psilocybin, der Wirkstoff aus Magic Mushrooms, unter kontrollierten Bedingungen gegen Depressionen helfen kann, LSD wird etwa eine positive Wirkung gegen Schmerzen zugeschrieben. Kim et al. (2020) ist es gelungen, mit bildgebenden Techniken (Kristallstrukturanalyse und Kryoelektronenmikroskopie) darzustellen, wie Halluzinogene wie LSD und Psilocybin im Gehirn mit dem Serotonin-Rezeptor 5-HT2A interagieren, der normalerweise als Andockstelle für den Hirnbotenstoff Serotonin dient, der unter anderem als Stimmungsaufheller und Glückshormon gilt, aber auch eine Vielzahl weiterer Hirnfunktionen beeinflusst. Auf Basis dieser Ergebnisse könnte man neue Wirkstoffe gegen psychische Erkrankungen entwickeln, auch wenn noch unklar ist, wie diese Drpgen ihre therapeutische Wirkung entfalten Die ersten Einblicke, wie Halluzinogene auf molekularer Ebene mit den Rezeptoren interagieren, ist ein wichtiger Schlüssel, um zu verstehen, wie sie wirken. Je besser man versteht, wie diese Drogen an die Rezeptoren binden, desto besser kann man ihre Eigenschaften bei der Signalweiterleitung im Gehirn verstehen.

In Studien etwa fand man eine antidepressive Reaktion auf Psilocybin, die mit einer Abnahme der funktionellen Magnetresonanztomographie-Modularität der Gehirnnetzwerke korrelierte, was darauf hindeutet, dass die antidepressive Wirkung von Psilocybin von einer globalen Zunahme der Integration der Gehirnnetzwerke abhängen könnte. Es zeigte sich auch eine erhöhte Konnektivität zwischen den Gehirnarealen, wobei die erhöhte funktionelle Verbindung einer beschriebenen subjektiven erhöhten Flexibilität und emotionaler Entspannung entsprechen könnte. Konsistente, mit der Wirksamkeit zusammenhängende Veränderungen im Gehirn, die mit robusten antidepressiven Wirkungen in zwei Studien korrelieren, legen daher einen antidepressiven Mechanismus für die Psilocybin-Therapie nahe, und zwar durch eine globale Zunahme der Integration von Gehirnnetzwerken (Stangl, 2021).

Aus wissenschaftlicher Sicht ist aber noch immer nicht abschließend geklärt, was die erhöhte funktionelle Verbindung nach der Einnahme von Psilocybin genau bedeutet oder reflektiert, denn in anderen Studien wurde gezeigt, dass ähnliche Veränderungen auch durch andere serotonerge Substanzen ausgelöst werden können und möglicherweise nicht spezifisch für Psychedelika sind. Damit Psychedelika in der Therapie von Depressionen zugelassen werden können, fehlen noch größere Phase-III-Studien, die die Wirksamkeit und Sicherheit an großen Probandengruppen überprüften. Bestenfalls würde diese Forschung auch in einem Biomarker resultieren, der schon vor der Behandlung vorhersagen lässt, ob ein Betroffener bzw. eine Betroffene von der Therapie profitieren kann.

LSD  (Lysergsäurediethylamid)

Alkaloid des Mutterkornpilzes und der Trichterwinde. Erstmalig 1938 von Albert Hofmann in den Labors von Sandoz (Basel) extrahiert und 1943 in seiner Wirkung von demselben entdeckt. Ist die Substanz mit der stärksten bekannten psychoaktiven Wirkung. Liegt zumeist als LSD-getränkte Löschpapier-Blättchen ("Trips"), seltener als Pillen ("Micros") vor. LSD ist bereits in sehr geringer Dosierung wirksam Rausch: etwa 0,1 mg). Einnahme : oral oder intravenös. Akute Wirkung

Gefahren des LSD-Konsums

Halluzinationen unter LSD-Einfluss

Menschen unter dem Einfluss von LSD wissen, soferne die Droge nicht heimlich verabreicht wurde, dass ihre Halluzinationen durch eine psychotrope Substanz verursacht wurden und verwechseln sie im Allgemeinen nicht mit der Wirklichkeit - in der Regel auch nicht auf dem Höhepunkt der Drogenwirkung. Dies unterscheidet drogeninduzierte Halluzinationen von den Halluzinationen etwa der Schizophrenien. Aber auch den Betroffenen wird nach Abklingen der akuten Phase häufig bewusst, dass sie halluziniert haben. Experimente haben gezeigt, dass Schizophrene die Wirkung von LSD und anderen Halluzinogenen von der schizophrenen Symptomatik klar unterscheiden können.

Wirkungsforschung auf neuronaler Ebene

Lysergsäurediethylamid wurde als starke halluzinogene Substanz von Psychiatern in den 1950er und 1960er Jahren umfassend untersucht, wobei man sich für die einzigartigen Effekte, die durch diese Substanz hervorgerufen werden, von denen einige den Symptomen der Schizophrenie ähneln, interessierte. Darüber hinaus wurde LSD während dieser Zeit zur Behandlung verschiedener psychischer Störungen wie Depressionen, Angstzuständen, Süchten und Persönlichkeitsstörungen eingesetzt. Trotz dieser langen Forschungsgeschichte war relativ unklar, welche spezifischen Auswirkungen dieses Suchtmittel auf neuronaler Ebene induziert. Vor allem aber will man wissen, wie dieses Halluzinogen auf der Ebene der einzelnen Nervenzellen wirkt, wenn man die Substanz gesunden Freiwilligen verabreicht und die Wirkungen auf das Gehirn beobachtet. In den letzten Jahren hat die Forschung zu halluzinogenen Medikamenten und ihren möglichen klinischen Anwendungen wieder an Bedeutung gewonnen, wobei vor allem Neuroimaging-Studien mittels der funktionellen Magnetresonanztomographie immer zahlreicher werden. Müller & Borgwardt (2019) haben diese Untersuchungen gesammelt und versucht, diese zu interpretieren. Insgesamt deuten frühere Ergebnisse in allen Studien darauf hin, dass die LSD-Verabreichung mit umfangreichen Veränderungen in der funktionellen Gehirnvernetzung verbunden ist, indem sie die korrelierten Aktivitäten zwischen verschiedenen Gehirnregionen darstellt. Die Studien berichteten hauptsächlich über eine Zunahme der Konnektivität zwischen den Regionen und fanden insbesondere eine erhöhte Konnektivität innerhalb des thalamocortikalen Systems, was im Einklang mit Modellen steht, die davon ausgehen, dass halluzinogene Drogen ihre Wirkung entfalten, indem sie die zerebrale Filterung externer und interner Daten hemmen. In der Regel fungiert der Thalamus als Filter und entscheidet, welche Sinneseindrücke an die Hirnrinde weitergegeben werden sollen, und lässt dieser Filter sämtliche Eindrücke passieren, führt das zu einer intensiveren Wahrnehmung des Selbst und der äußeren Umwelt ähnlich einem LSD-Trip. Eine solche erhöhte Konnektivität der verschiedenen Gehirnareale kann daher die therapeutische Wirkung des Halluzinogens erklären, doch gibt es zahlreiche Einschränkungen der Interpretation aufgrund potenzieller Verzerrungen bei solchen Messungen. Auch müsste geklärt werden, welchen Einfluss die Dosis etwa auf die Vernetzung der Hirnareale hat, wobei zahlreiche physiologische Parameter wie Herzfrequenz und Blutdruck verändert werden, was dann die mittels funktioneller Magnetresonanztomographie gefundenen Messdaten beeinflussen könnte.

Kunst, Künstler und Künstlerinnen und LSD

Künstler nehmen häufig LSD und andere psychedelische Substanzen, doch wider Erwarten steigt die Kreativität dabei kaum, doch Wahrnehmung, Denken und Spiritualität verändern sich, das Unterbewusstsein setzt sich dabei durch. Nach einer neueren Studie an 120 Künstlern (Iszaj et al., 2012) sieht sich fast ein Drittel der Künstler außer Stande, unter dem Einfluss von LSD aber auch anderen Psychedelika überhaupt zu arbeiten, doch mehr als zwei Drittel meinen, dass ein veränderter mentaler Zustand in der Inspirationsphase des kreativen Prozesses hilfreich sein könnte. Drei Viertel berichten, dass sie sich im veränderten Bewusstseinszustand nicht als kreativer empfinden, doch als Folge ihrer veränderten Perspektive würden sie besser verstehen, wie Dinge in Wechselbeziehungen einander fließend dynamisieren. Drei Viertel der untersuchten Künstler glauben, dass Psychedelika ihnen helfen, eine Sicht von Spiritualität zu entwickeln, und berichten eine besondere Art von Bewusstsein, das Gefühle von Ruhe und Vollständigkeit erzeugt. Zwei Drittel der Studienteilnehmer berichten über eine Veränderung in ihren Denkprozessen und meinen, dass Psychedelika die Wahrnehmung durch Veränderung des Denkens ändern könnten und dass dies auch noch anhält, nachdem die Wirkung der Substanz nachgelassen hat. Sie glauben, dass die Substanzen das Bewusstsein fördern. Zwei Drittel der Künstler fühlen eine so starke Einheit mit ihrem Kunstwerk, dass sie in manchen Momenten des Schaffens nicht separat vom Werk existieren.

Seit Jahrhunderten ist das Mutterkorn bekannt, ein Pilz und Schmarotzer (Claviceps Purpurea), der sich an Getreideähren ansiedelt und in feuchtwarmen Sommern ganze Kornfelder und Ernten verderben kann. Überlieferte Bezeichnungen für das Mutterkorn sind: 'Antonius-Feuer' oder 'Gottesrache'. Früher geriet der Pilz häufig ins Brot und führte zu epidemischen Vergiftungen. Diese äußerten sich bei den Vergifteten in starken Krämpfen und Durchblutungsstörungen (Gefäßverschlüßen), die ganze Gliedmaßen absterben ließen. Dieses als 'Brand' bekannte Symptom erklärt die Bezeichnung Antonius Feuer. Claviceps Purpurea enthält neben einigen anderen Alkaloiden die Lysergsäure. Nach einer Untersuchung von Preller et al. (2018) lässt LSD die Grenzen zwischen der eigenen Person und anderen Personen während einer sozialen Interaktion verschwimmen, wofür im Gehirn der Serotonin 2A-Rezeptor (5-HT2A-Rezeptor) verantwortlich zeichnet. Probanden mussten durch Augenbewegungen einem virtuellen Avatar folgen, wobei die Unterscheidung zwischen der eigenen und anderen Personen unter LSD-Einfluss weniger aktiv war, wodurch sich auch die soziale Interaktion veränderte. Offenbar hängen Selbstwahrnehmung und sozialen Interaktion eng zusammen.

Quellen

Literatur

Iszaj, Fruzsina, Ehmann, Bea & Demetrovics, Zsolt (2012). Psychedelische Substanzen und ihre Auswirkungen auf das künstlerische Schaffen. Rausch - Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, 4/12, 205-213.

Kim, Kuglae, Che, Tao, Panova, Ouliana, DiBerto, Jeffrey F., Lyu, Jiankun, Krumm, Brian E., Wacker, Daniel, Robertson, Michael J., Seven, Alpay B., Nichols, David E., Shoichet, Brian K., Skiniotis, Georgios & Roth, Bryan L. (2020). Structure of a Hallucinogen-Activated Gq-Coupled 5-HT2A Serotonin Receptor. Cell, 182, 1574-1588.

Müller, F. & Borgwardt, S. (2019). Acute effects of lysergic acid diethylamide (LSD) on resting brain function. Swiss Med Wkly, 149, doi:10.4414/smw.2019.20124.

Preller, K. H., Schilbach, L., Pokorny, T., Flemming, J., Seifritz, E. & Vollenweider, F. X. (2018). Role of the 5-HT2A receptor in self- and other-initiated social interaction in LSD-induced states - a pharmacological fMRI study. J. Neuoscience.
Stangl, W. (2021, 17. April). Halluzinogene. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
https://lexikon.stangl.eu/3616/halluzinogene.

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