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Ralf Gesellensetter

MORALENTWICKLUNG

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Kritiken, Erweiterungen und Alternativen zur Kohlberg-Theorie

1. Einleitung

Nachdem die theoretischen Grundlagen der Moralentwicklung nach Kohlberg sowie deren pädagogischen Umsetzungen bereits dargestellt worden sind,1 befaßt sich diese Arbeit mit der Kritik und den durch sie hervorgerufenen Erweiterungen der Kohlberg-Theorie. Nach einigen Überlegungen zu den allgemeinen Problemen strukturalistischer Stufentheorien - denn um eine solche handelt es sich hier - in Kapitel 2 geht Kapitel 3 ein auf den Streit um die Anzahl der zu durchlaufenden Stufen bzw. um die Beschaffenheit der höchsten Stufe. Als Hauptteil dieser Arbeit widmet sich Kapitel 4 dem Problem der Urteil-Verhaltens-Diskrepanz. In diesem Zusammenhang werden neben Erweiterungen, die von Kohlberg selber stammen, auch verschiedene, teilweise selbständige Ansätze vorgestellt, die den Übergang vom moralischen Urteil zu seiner Umsetzung unterschiedlich erklären. Kapitel 5 schließlich stellt eine "Moral der Fürsorge" vor, wie sie Carol Gilligan als Anpassung der Kohlberg-Theorie auf die weibliche Perspektive kritisch einfordert. Darin wird Gerechtigkeit - bei Kohlberg oberstes Prinzip - der Verantwortung untergeordnet.

 2. Allgemeine Kritik an Stufenmodellen

Kohlbergs Modell der Moralentwicklung gehört zur Kategorie der progressiven Stufenmodelle. Darin besteht seine Verwandtschaft zu anderen Entwicklungstheorien - bspw. der Kulturgesellschaft (Bobek), der politischen Ökonomie (Marx), von Staaten (Rostow) und der kindlichen Intelligenz (Piaget).

Verdienst all jener Theorien war es zunächst, Abschied zu nehmen von der Idee einer stetig-linearen Entwicklung, die krisenhafte Umbrüche nicht fassen konnte. Eine weitere Stärke war die Stringenz der strukturell angelegten inneren Logik, mit der die einzelnen Stufen einander ablösen.

Eben diese Stärke wurde bei vielen der genannten Theorien gleichzeitig zum Anlaß für Kritik: In der Soziologie etwa ist man heute von der These der einpfadigen Entwicklung abgewichen: Es werden mehrere Entwicklungspfade von einem Zustand A zu einem Zustand B zugestanden; insbesondere können sich z.B. Staaten sowohl divergent als auch konvergent entwickeln,2 und wenn auch Entwicklung im allgemeinen nicht umkehrbar ist, so ist sie doch nicht implizit progressiv.

Die Idee, daß Entwicklung progressiv sei, die Metapher vom "Erklimmen" einer höheren Stufe, wonach auf überwundene Stadien herabgeblickt werden kann, bildet einen weiteren wichtigen Kristallisationspunkt für Kritik an progressiven Stufentheorien. Auch wenn Oser immer wieder betont, daß das moralische Urteilsvermögen von Kindern nicht minderwertig, sondern anders als das von Erwachsenen sei (wohl in Erinnerung an Montessori)3 - die Tatsache, daß Personen auf einer höheren Stufe die Argumente von solchen auf einer darunterliegenden Stufe verstehen können (nicht aber umgekehrt), vermittelt den Eindruck deutlicher Überlegenheit.

Nun läßt sich sagen, daß Erziehung als ein asymmetrischer Prozeß per se ein - wie auch immer geartetes - Gefälle zwischen Erziehenden und Erzogenen impliziert. Und ein wichtiger Punkt der Kohlbergschen Entwicklungstheorie ist, daß dieses Gefälle nicht auf inhaltlicher Ebene vorliegt, was eine Indoktrination rechtfertigen würde, sondern allein auf struktureller Ebene. Somit besteht allein eine formale Progression, die zu abstrakt ist, um ein Gefühl der Überlegenheit zu rechtfertigen: Daß eine Person auf einer "höheren Stufe steht, [...] garantiert nicht, daß sie die absolute Wahrheit" hat.4

Ein weiterer Kritikpunkt "für alle universalistischen, formalistischen und kognitivistischen Theorien"5 betrifft das Verhältnis von universellen zu kulturspezifischen Regeln: Oft wurde Kohlberg vorgeworfen, er sei voreingenommen in Richtung westlich-liberalistischer Wertsysteme.6 Vor allem aber wird diskutiert, weshalb oder aufgrund welchen Zusammenangs kulturspezifisch beobachtete Regeln auf höherer Ebene verallgemeinerbar sein sollen: Was sind die gemeinsamen Mechanismen, die die Stufenübergänge bewirken? Sind es die strukturellen (inhaltslosen) Merkmale von Konflikten oder "latente Erfahrungsgemeinsamkeiten über kulturspezifische Inhalte hinweg, welche konvergierende Übergänge zu höheren Formalstrukturen erzeugen ..."?7 Die oft naiv angewandte Metapher von Entwicklung als Reifungsprozeß hätte Kohlberg sicher abgelehnt.

Die allgemeinen Kritiken an strukturalistischen Stufentheorien sind also durchaus auch für Kohlberg zu berücksichtigen und müssen weiter diskutiert werden. Soweit sie sich jedoch allein aus der Natur des Ansatzes ergeben, schmälern sie die Aussagekraft der Theorie nicht wirklich ein. Allerdings fordern sie dazu auf, die Frage nach der Verhältnismäßigkeit des Stufenmodells in bezug auf seine erklärende Momente immer wieder neu zu stellen.

3. Das Problem der höchsten Stufe

Kohlbergs theoretisches Modell der Moralentwicklung, wie es in der ersten Hausarbeit zu diesem Thema eingeführt wurde,8 umfaßt sechs Entwicklungsstufen. In empirischen Untersuchungen sowie pädagogischen Umsetzungen der Theorie9 spielt die höchste Stufe jedoch keine nennenswerte Rolle, erreichen doch Schulkinder in entspechenden Tests kaum das Niveau der vierten Stufe.10

In der theoretischen Diskussion hingegen vertritt Kohlberg die These, daß der Gipfel jeder Moralentwicklung durch den auf Stufe 6 erreichten Zustand beschrieben wird: Personen auf dieser Stufe gelangen hiernach bei den meisten Dilemmata unabhängig ("autonom") zu jeweils übereinstimmenden Urteilen; denn die auf Stufe 6 maßgeblichen Prinzipien zeichnen sich durch ihre universelle Gültigkeit aus.

Hier setzt die (systemimmanente) Kritik von Autoren an, die ein Stufenmodell grundsätzlich akzeptieren, denen aber der von Kohlberg als Stufe 6 festgelegte Gipfel des Modells als entweder zu gewagt, oder aber nicht weitgehend genug erscheint.

3.1 Eine siebte Stufe?

So fordert Habermas eine Diskursethik als Erweiterung des Kategorischen Imperativs (Stufe 6): Nur solche Normen haben demnach Gültigkeit, die Zustimmung aller Betroffenen finden könnten.11 Die autonom entscheidende Person als Endziel der Moralentwicklung wird als unzureichend abgelehnt. Vielmehr wird eine Stufe 7 angestrebt, die Habermas im Vergleich zu Stufe 6 folgendermaßen charakterisiert:

"Das Prinzip der Rechtfertigung von Normen ist nun nicht mehr der monologisch anwendbare Grundsatz der Verallgemeinerungsfähigkeit, sondern das gemeinschaftlich verfolgte Verfahren der diskursiven Einlösung von normativen Geltungsansprüchen" (Habermas 1976)

Hierzu ist zu bemerken, daß auch Kohlberg nicht glaubt, daß eine moralische Entwicklung ohne Auseinandersetzungen stattfinden könnte. In Erwiderung auf Habermas integriert er die Möglichkeit eines "potentiell universellen Diskurses" (Habermas) in die sechste Stufe seiner Theorie. Trotz dieser Annäherung bleibt die philosophische Debatte um der Moral letzter Stufe offen. Zwei jüngere Theorieentwicklungen haben sich in den Vordergrund gedrängt: Einerseits mußten Fälle, in denen Personen der Stufe 6 zugeteilt worden waren, revidiert werden, so daß sich Vertreter der Auffassung bestärkt sahen, Stufe 5 bilde bereits einen befriedigenden Endpunkt moralischer Entwicklung (vgl. 3.2). Andererseits gibt es Kritik an der zentralen Rolle von Gerechtigkeit in Kohlbergs Modell (vgl. 5).

3.2 Die Bedeutung der sechsten Stufe

Es wurde bereits erwähnt, daß empirische Untersuchungen Vertreter der Stufe 6 in der Normalbevölkerung nicht nachweisen konnten. Auch der Utilitarismus (nach Bentham/Mill) verfolgt ein moralphilosophisches Ziel, das mit den durch Stufe 5 repräsentierten Merkmalen auskommt.13 Es wird davon ausgegangen, daß jeder Mensch nach seinem Glück strebt und einsehen muß, daß dies nur erreicht werden kann, wenn stets das größtmögliche Glück aller (oder von möglichst vielen) Betroffenen angestrebt wird.14 Die Stärke des Utilitarismus ist zum einen die Forderung nach Altruismus, andererseits stellt er analytisch-empirische Methoden zur Verfügung (etwa die Nutzwertanalyse), die ihn auf dem Gebiet der kollektiven (politischen) Anwendung gegenüber einer autonomen Ethik, wie sie von Kohlberg (oder bereits von Kant) vertreten wird, praktikabler macht.

Andererseits gewährleistet eine rein numerische Summierung des Glücks zunächst keinen Schutz von Minderheiten, wie es etwa Kant durch seinen kategorischen Imperativ15 in der Form unveräußerlicher Menschenrechte tut. Vielmehr kann bei solchen Rechenspielen die Versklavung einer Minderheit erstrebenswert erscheinen, wenn dadurch die Mehrheit überproportional profitiert. Dieses Problem ist allerdings auch eine Frage der methodischen Ausfüllung des utilitaristischen Grundsatzes, "möglichst vielen Personen soll möglichst großes Glück zukommen", der ja in sich zunächst paradox ist.16 Ohne Frage steht die an Stufe 6 geknüpfte Autonomie dem Utilitarismus jedoch entgegen, ist in ihm doch das Einzelinteresse dem Gemeinwohl untergeordnet.

Die Grundannahmen Kohlbergs (Unumkehrbarkeit der Stufenabfolge, Verbindlichkeit der Zwischenstufen) bleiben vom Utilitarismus unangefochten. Dennoch betont Höffe die pädagogische Relevanz der höchsten Stufe: Nicht als empirischer Endpunkt individueller Moralentwicklung sei sie zu sehen, sondern in einer "teleologischen Lesart"17 bestimme sie das Leitziel der Erziehung. Während Utilitaristen sich am allgemeinen Wohlergehen und Diskursethiker sich am Diskurs orientierten, müsse für Anhänger Kohlbergs das "Prinzip Freiheit " an oberster Stelle stehen:

" ... die moralische Entwicklung eines Menschen oder einer Gesellschaft, insbesondere einer Rechts- und Staatsordnung, kann erst dann als abgeschlossen gelten, wenn sie das Prinzip Freiheit als Maßstab der moralischen Beurteilung des persönlichen und des öffentlichen Handelns ... anerkannt hat" (S.61)

Dieses Bekenntnis motiviert Höffe dazu, moralphilosophisch darzulegen, daß der Begriff Moral in sich einen sowohl auffordernden (imperativen) als auch unbedingten (kategorischen) Charakter trage, und daß diese mit Stufe 6 verknüpften, nötigen Merkmale von Moral diese zugleich hinreichend bestimmten (also keiner Erweiterung - etwa durch eine siebte Stufe - bedürften).

7. Literatur

Bröring, Regine 1993: Pädagogische Grundmodelle zur Moralentwicklung, Göttingen (unveröffentliche Hausarbeit)

Edelstein, Wolfgang 1986: Moralische Intervention in der Schule. Skeptische Überlegungen. IN: OSER/FATKE/HÖFFE 1986, S. 327-349

Fittkau, B. (Hrsg.) 1983: Pädagogisch-psychologische Hilfen für Erziehung, Unterricht und Beratung (2 Bände), Braunschweig

Garz, Detlef 1992: Die Diskussion um eine höchste Stufe der Moral. IN: OSER/ALTHOF 1992, S.256-292

Gilligan, Carol 1983: Verantwortung für die anderen und für sich selbst - das moralische Bewußtsein von Frauen. IN: SCHREINER 1983, S. 133 ff.

Höffe, Ottfried 1986: Autonomie und Verallgemeinerung als Moralprinzipien - Eine Auseinandersetzung mit Kohlberg, dem Utilitarismus und der Diskursethik. IN: OSER/FATKE/HÖFFE 1986, S. 56-86

Keller, Monika und Siegfried Reuss 1986: Der Prozeß moralischer Entscheidungsfindung. IN: OSER/FATKE/HÖFFE 1986, S. 124-148

Nisan, Mordecai 1986: Begrenzte Morailtät. Ein Konzept und seine erzieherische Implikation IN: OSER/FATKE/HÖFFE 1986, S. 192-214

Oser, Fritz 1981: Moralisches Urteil in Gruppen - Soziales Handeln - Verteilungsgerechtigkeit, Frankfurt (Main)

Oser, F., W. Althof und D. Garz 1986: Moralische Zugänge zum Menschen - Zugänge zum moralischen Menschen, München

Oser, Fritz und W. Althof (Hrsg.) 1992: Moralische Selbstbestimmung, Stuttgart

Oser, Fritz, Reinhard Fatke und Ottfried Höffe (Hrsg.) 1986: Transformation und Entwicklung. Grundlagen der Moralerziehung, Frankfurt (Main)

Schreiner, Günter (Hrsg.) 1983: Moralische Entwicklung und Erziehung, Braunschweig. (DARIN S. 103ff.: Auf dem Weg zu immer gerechteren Konfliktlösungen - Neue Anmerkungen zur Kohlberg-Theorie)

Schulze, Swantje 1983: Das Stufenmodell der Moralentwicklung nach Kohlberg - Theoretische Grundlagen, Göttingen (unveröffentliche Hausarbeit)

Turiel/Smetana 1986: Soziales Wissen und Handeln - Die Koordination von Bereichen. IN: OSER/ALTHOF/GARZ 1986, S. 108 ff.

 

Anmerkungen

1 gemeint sind die Hausarbeiten von Swantje SCHULZE und Regine BRÖRING (1993), an die sich diese Arbeit anschließt.

2 Beispielhaft zu nennen ist hier etwa PIORE/SABEL, The Second Industrial Divide, 1984

3 vgl. OSER/ALTHOF 1992: 39.

4 OSER/ALTHOF 1992, S.114

5 EDELSTEIN 1986, S.333

6 ders. S.332

7 ders. S.333

8 Swantje SCHULZE 1993

9 vgl. hierzu die Hausarbeit von Regine BRÖRING 1993

10 vgl. OSER/ALTHOF 1992: Tabelle S. 79 .

11 D. GARZ, "Die Diskussion um eine höchste Stufe der Moral", S.283ff. - in: OSER/ALTHOF, "Moralische Selbstbestimmung", Stuttgart 1992. (S.256-292)

12 zitiert nach GARZ a.a.O. S.284

13 Im folgenden vergleiche HÖFFE 1986.

14 a.a.O. S.73

15 "Handele nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, daß sie allgemeines Gesetz wird!"

16 Je mehr Personen ich Glück zukommen lasse, desto weniger GlÅck erhält unter Umständen jeder einzelne...

17 HÖFFE 1986: 60

18 nach OSER/ALTHOF 1992: 224ff.

 19 Vgl. hierzu wiederum die zweite Hausarbeit: Pädagogische Grundmodelle zur Moralentwicklung von Regine Bröring.

20 Typ A: eher heteronomes Urteil; Typ B: eher autonomes Urteil.

21 nach OSER/ALTHOF 1992: 236ff.

22 Anmerkung: Vgl. die Äquilibrationstendenz bei Piaget sowie die Rolle des Bedürfnisses nach Selbstverwirklichung bzw. -aktualisierung bei C. R. ROGERS.

23 a.a.O. S. 244

24 a.a.O. S. 245

25 a.a.O. S. 246

26 a.a.O. S. 247; vgl. auch TURIEL/SMETANA, "Soziales Wissen und Handeln - Die Koordination von Bereichen" (in OSER/ALTHOF/GARZ 1986:108)

27 nach OSER/ALTHOF 1992: 248

28 Mordecai NISAN, "Begrenzte Moralität. Ein Konzept und seine erzieherischen Implikationen" (in OSER/ALTHOF/GARZ 1986, S.192-214)

29 nach OSER/ALTHOF 1992: 248 f.

30 nach OSER/ALTHOF 1992: 249 f.

31 nach OSER/ALTHOF 1992: 250/51; die wörtliche Übersetzung "moralischer Mut", wie sie bei Oser und Althof erscheint, wird im folgendene weiter verwendet - anstelle des vielleicht in der deut schen Alltagssprache geläufigeren Begriffs "Zivilcourage".

32 nach OSER/ALTHOF 1992: 252

33 a.a.O. S.253

34 a.a.O. S.254

35 nach OSER/ALTHOF 1992, S 293ff: "Viel Lärm um nichts? Zur These zweier moralischer Orientierungen" (Kap.9).

36 vgl. SCHREINER 1983

37 OSER/ALTHOF 1992, S. 255

38 vorgestellt in der Hausarbeit von Regine BRÖRING 1993

 

Autor: Ralf Gesellensetter, Bielefeld - http://www.Gesellensetter.de/ [mit Erlaubnis des Autors gespiegelt]

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