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Die Prokrastination - Aufschieberitis

Theorie und Erklärungsversuche

Procrastination ist für manche ein Fluch oder eine Krankheit, für andere eine Charaktereigenschaft oder gar eine Kunst: Die Kunst des Verschleppens und Verzögerns.

Aufschiebeverhalten, Aufschieberitis, Handlungsaufschub, Procrastination, Prokrastination ist eine Bezeichnung für das Verhalten von Menschen, welche regelmäßig das Erledigen ihnen wichtiger Dinge immer wieder in die Zukunft hinaus verschieben. Manche Menschen sind wesensbedingt erhöht motivationsabhängig, sie schaffen es nur unter großer Überwindung, Tätigkeiten, die als langweilig empfunden werden (und deren Gewinn erst sekundär oder zukünftig entsteht) in Angriff zu nehmen. Dabei sind sich die Betroffenen der ihnen durch das Verschieben entstehenden persönlichen Nachteile durchaus bewusst, was Unlust oder sogar Angst auslöst, die aber als Negativgefühle ihrerseits das In-Aktion-Treten erschweren oder gar verunmöglichen. Ein Teufelskreis entsteht: Die Betroffenen nehmen sich immer neu vor, diese unangenehmen Aufgaben zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen und lassen diese Zeitpunkte verstreichen, wodurch Angst, Scham und Druckgefühl stark anwachsen, die als Negativgefühle aber ihrerseits zusätzlich das in Aktion treten untergraben. Allein durch den immer neuen Vorsatz sich zu bessern (mehr Selbstdisziplin) lässt sich das Problem des Aufschiebens oft nicht lösen. Psychologische Beratung ist häufig notwendig und geboten. Auch eine medikamentöse Behandlung zur Anhebung des Selbstregulationsniveaus kann in Betracht gezogen werden. Bei einer Umfrage in den USA (ca. 1999) gaben 40% der Befragten an, dass ihnen wegen ihres Aufschiebens bereits Nachteile entstanden sind, 25% litten sogar unter chronischem Handlungsaufschub. Man schätzt, dass diese Zahlen unter Studenten deutlich höher liegen. In diesem Zusammenhang etablierte Eliyahu M. Goldratt in seinem Buch Die kritische Kette für das Phänomen des Aufschiebeverhaltens und der schlechten Arbeitsplanung den Begriff "Studentensyndrom". Er übertrug damit seine Theory of Constraints auch auf das Projektmanagement.

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Die unangenehmen Gefühle, welche den Betroffenen von einer Aufgabe abhalten, entstehen u. a. durch unklare Prioritätensetzung, schlechte Organisation, Impulsivität, mangelnde Sorgfalt, Abneigung gegen Aufgaben durch Langeweile, Ängste und Perfektionismus. Kognitiv gesehen findet häufig eine dysfunktionale Verzerrung beim Betroffenen statt: Schlechte Einschätzung von Zeiten, Überschätzen der Wirkung zukünftiger emotionaler Zustände, Unterschätzen des Zusammenhanges zwischen einer Aufgabe und den Gefühlen, die zu dieser in Verbindung stehen. Oder der Betroffene denkt sich, dass Arbeit nur etwas bringe, wenn man in der „richtigen Stimmung“ sei. Betrachtet man die emotionale Seite genauer, lassen sich weitere Erklärungsmöglichkeiten finden. Gründe sind zum Beispiel mangelnde Aufmerksamkeit und Impulsivität. Diese können dazu führen, dass der Betroffene auf der Suche nach Reizen bzw. Erregung ist, sich nicht durch Hinweisreize beeinflussen lässt oder unfähig ist Belohnungen aufzuschieben. Es besteht also ein Mangel an Selbstkontrolle, Motivation und Organisiertheit. Des Weiteren spielen Versagensängste und Neurotizismus eine große Rolle, die sich u. a. in Discomfort anxiety (Angst davor, dass das eigene Wohlbehagen gefährdet ist), Mangel an Self-Efficacy und Selbstachtung, External-variable Attribution von Erfolg und Vermeiden von Feedback und Selbsterkenntnis äußern.

Außerdem gibt es noch ein psychodynamisches Erklärungsmodell. Dieses sieht das Aufschieben als Symptom von Persönlichkeitsstörungen und neurotischen Konflikten in den Bereichen Angst (vor Versagen, Erfolg, Alleinsein, Nähe, Ablehnung), Ärger/Wut, Perfektionismus, Abhängigkeit/Ohnmacht, Scham und Selbstwert. Weitere Erklärungsmöglichkeiten liefern noch die PSI-Theorie (Kuhl) oder das Vorhandensein von ADS/ADHS.

Die Wissenschaft hat zwei grundlegende Aufschiebe-Typen identifiziert:

Der arousal procrastinator (Erregungsaufschieber) behauptet von sich, erst im letzten Moment kreativ sein zu können. Er genießt den Rausch, in den er kurz vor (oder nach) der Deadline gerät, und schwört Stein und Bein, dass er zwei Wochen früher keinen sinnvollen Gedanken hätte fassen können. Hans-Werner Rückert erkennt darin das Prinzip der Autosuggestion: "Wenn man sich das oft genug gesagt hat, gibt es Gehirnprozesse, die dafür sorgen, dass einem zwei Wochen vorher tatsächlich kein vernünftiger Satz einfällt. Die Qualität geplanter Arbeit ist - zumindest im akademischen Bereich - höher. Aber wir glauben es nicht. Weil uns nach diesen Druckphasen das Adrenalin aus den Ohren läuft, haben wir ein Hochgefühl, das nur durch diese gehäufte Arbeit zu kriegen ist.2

Der avoidance procrastinator (Vermeidungsaufschieber) drückt sich nicht nur vor Unangenehmem, sondern auch vor allen Aufgaben, deren Ergebnis ihm oder seiner Umgebung minderwertig erscheinen könnte. Mit dem verspäteten Arbeitsbeginn spannt er sich ein Sicherheitsnetz - für alle Fälle. "Er zieht es vor, dass die anderen glauben, es habe ihm an Anstrengung gemangelt statt an Fähigkeit", sagt Joe Ferrari. "Es wirkt weniger negativ, sich zu wenig angestrengt zu haben. Wenn die Fähigkeiten nicht ausreichen, ist es egal, wie sehr man sich bemüht - man würde es nie schaffen. So kann man sagen: Ich hätte das gekonnt - ich hatte nur zu wenig Zeit! Ich war nicht schuld."

Aufschieben als Selbstschutz

Die ständige Informationsflut stört nicht nur die Konzentration, sondern siie bringt Menschen vermehrt dazu, Arbeitsprozesse abzubrechen und Aufgaben immer weiter aufzuschieben. Das Phänomen der Prokrastinationist vermutlich sogar eine Zwangsläufigkeit im Gebrauch neuer Medien, denn statt eine Denkpause einzulegen, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, beantwortet der moderne Mensch lieber neu empfangene E-Mails oder surft im Internet. Danach kehrt er erst sehr viel später oder auch gar nicht zu seiner ursprünglichen Aufgabe zurück. Nach einer Studie der DePaul University (Chicago) leidet etwa jeder Fünfte so stark an den Folgen der Aufschieberei, dass eine Therapie nötig wäre.

Bei hoher Motivation kann Prokrastination kreativitätsfördernd wirken

Obwohl angenommen wird, dass Prokrastination generell kontraproduktiv ist, kann die Verzögerung von Aufgabenerfüllungen auch Vorteile für die Kreativität haben. In Anlehnung an Theorien zur Inkubation sind Shin & Grant (2020) der Ansicht, dass moderate Prokrastination die Kreativität fördern kann, wenn Menschen dabei die intrinsische Motivation und die Möglichkeit haben, neue Ideen zu entwickeln. Die Phase der Inkubation im Rahmen des Kreativitätsprozesses ist bisher noch am wenigsten erforscht, wobei es in dieser Phase scheinbar zu einem von emotionaler Entspannung begleiteten Vergessen des Problems kommt. Dabei vollzieht sich eine nicht in Sprache übersetzte, sondern anschauliche oder symbolhafte Neuorganisation von Erfahrungen und Versuchen. Die Inkubationsphase geschieht dabei in jenen Arealen des Gehirns, die man als Default Mode Netzwerk oder Ruhezustandsnetzwerk bezeichnet. Dieses Ruhezustandsnetzwerk ist dann besonders aktiv, wenn Menschen gerade gar nichts tun, etwa sich entspannen oder auch Tagträumen. In zwei Experimenten brachte man Probanden in unterschiedlichem Ausmaß zum Prokrastinieren, indem man diesen eine bestimmte Anzahl von heiteren YouTube-Videos zugänglich machte, während sie eigentlich berufliche Probleme lösen sollten. Dabei zeigte sich, dass die Probanden mehr kreative Ideen in der moderaten als in der niedrigen oder hohen Prokrastinationsbedingung entwickelten, wobei dieser kurvilineare Effekt teilweise durch Problemrestrukturierung und die Aktivierung neuen Wissens vermittelt wurde. Man konnte diesen kurvilinearen Effekt konstruktiv in einer Feldstudie mit koreanischen Angestellten erhärten: Prokrastination sagte dabei eine geringere Aufgabeneffizienz voraus, hatte aber eine invertiert-U-förmige Beziehung zur Kreativität. Mitarbeiter, die mäßig prokrastinierten, erhielten von ihren Vorgesetzten höhere Kreativitätsbewertungen als Mitarbeiter, die viel oder wenig prokrastinierten, vorausgesetzt, die intrinsische Motivation bzw. der Kreativitätsbedarf der Aufgabe war hoch. Diese Ergebnisse haben nach Meinung der Forscher theoretische und praktische Implikationen für das Zeitmanagement, die Förderung von Kreativität und Motivation in Organisationen.


Bücher zum Thema …


Literatur

Blatter, I. (2009). Hilfe gegen die Aufschieberitis.
WWW:  http://imgriff.com/2009/07/30/prokrastination-hilfe-gegen-die-aufschieberitis/ (09-08-03)

Shin, J. & Grant, A. (2020). When Putting Work Off Pays Off: The Curvilinear Relationship Between Procrastination and Creativity Academy of Management Journal, doi: 10.5465/amj.2018.1471.

Siebert, Annett, Gröschner, Alexander & Großkopf, Steffen (2004). Techniken wissenschaftlichen Arbeitens in der Erziehungswissenschaft. Friedrich Schiller Universität Jena.
WWW: www.kstw.de/kstw/seitenframe/beratung/lernag/Unternehmen%20Lernkick.pdf (05-12-12)

http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/03/Aufschieberitis.xml (08-11-02)

http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/tid-13038/
informationsflut-leiden-der-modernen-mediengesellschaft_aid_360263.html (09-02-02)

Stichwort Aufschieben. http://de.wikipedia.org/wiki/Procrastination (07-02-02)

 



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