[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Gewohnheit und Entscheidung

Literatur

Betsch, Tilmann (2005). Wie beeinflussen Routinen das Entscheidungsverhalten? Psychologische Rundschau, 56, 261-270.

Crego, Adam C.G., Što?ek, Fabián, Marchuk, Alec G., Carmichael, James E., van der Meer, Matthijs A.A. & Smith, Kyle S. (2020). Complementary control over habits and behavioral vigor by phasic activity in the dorsolateral striatum. The Journal of Neuroscience, doi:10.1523/JNEUROSCI.1313-19.2019.

Silver, Alex M., Stahl, Aimee E., Loiotile, Rita, Smith-Flores, Alexis S. & Feigenson, Lisa (2020). When Not Choosing Leads to Not Liking: Choice-Induced Preference in Infancy. Psychological Science, doi:10.1177/0956797620954491.

Stangl, W. (2011). Stichwort: 'Gewohnheit – Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik'. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

WWW: https://lexikon.stangl.eu/6140/gewohnheit (11-04-26)

Lernen im Vorübergehen!

Lernposter

Routinen sind sich wiederholende Entscheidungssituationen, die beeinflusst werden durch handlungsbezogenes Wissen und angelernte Gewohnheiten. Der Mensch findet alternative Lösungen für Entscheidungssituationen und -probleme oder greift auf seine Routine zurück, die er sich durch vorhergegangene Entscheidungen angeeignet hat. Die Wahl ob man auf eine Routine zurückgreift hängt einerseits von der Art des Informationsinputs und vom Zeitdruck ab jedoch auch wie stark ausgeprägt die Routinen des Einzelnen sind.

Die Rolle der Routine in der Entscheidungsforschung

Ab den 80er Jahren begann auch die Forschung sich immer mehr für dieses Thema zu interessieren. Eines der ersten Erkenntnisse war das Kontingenzmodell von Beach und Mitchel (1978), welches sagt, dass die Wahl der Strategie, welche wiederum zwischen Informationsinput und Entscheidungsregel unterscheidet, unter Berücksichtigung des Zusammenhangs (Kontexts) stattfindet. Bei den Modellen der Strategiewahl wurde auch die Handlungserfahrung nicht ganz außer acht gelassen, jedoch änderte sich erst mit Beginn der 90er Jahre die Rolle der Routine als zentrale Entscheidungsfindung (vgl. Betsch 2005, S.262f).

Die Wirkung von Routinen auf den Entscheidungsprozess

Neue Entscheidungsprozesse stellen uns vor das Problem der Lösung. Um diese zu erhalten müssen wir verfügbare Alternativen finden, diese vergleichen und bewerten um so eine Wahl treffen zu können. Bei routinierten Entscheidungen gehen wir jedoch von der Frage aus, ob wir unser bisheriges Verhalten beibehalten oder es verändern sollen. Weiterhin wird nach den Einflussfaktoren geforscht, die uns genau vor die Entscheidungen stellen, ob wir eine Routine benutzen oder uns für einen neuen Weg entscheiden (vgl. Betsch 2005, S.263).

Der Weg der Information zur Suchstrategie

Die Menge an Informationen vor der Entscheidung verringert sich mit zunehmender Routinisierung. Die routinierten Entscheidungen werden somit oft als oberflächlich bewertet und geben Anlass zu falschen Nachforschungen. So zeigte der Versuch von Betsch und Kollegen (Betsch, Glöckner, Haar & Fiedler, 2001, Exp. 2), dass Personen mit starker Routine zu Informationen in der Informationsbeschaffung greifen die ihre Routine bestärken und gleichzeitig Beweise gegen die alternativ angebotenen Lösungsvorschläge suchen (vgl. Betsch 2005, S.264).

Vergleich der Alternativen unter Zeitdruck

Zwischen kompensatorischen und non-kompensatorischen Suchkriterien wird gewechselt, wenn der Entscheidungsträger abhängig vom Zeitdruck ist. Unter geringem oder keinem Zeitdruck wird beim Entscheider eine eher kompensatorische Strategie angewandt. Das bedeutet, dass zu den einzelnen Alternativen unterschiedliche Eigenschaften mit den Vor- und Nachteilen gesucht werden um sein Gesamtbild über die Qualität der Alternative zu vervollständigen. Ist dieser Vorgang abgeschlossen, widmet er sich erst dann dem nächsten Vorschlag bis er am Schluss alle seine Ergebnisse vergleichen kann. Steht er jedoch unter Zeitdruck konzentriert er sich auf wenige Eigenschaften pro Alternative und vergleicht sie direkt. Zum Beispiel wird hier nur der Preis und nicht die Qualität der Produkte verglichen. Solche, unter Zeitdruck gefällten Entscheidungen, werden oftmals in der Routine getroffen, da die dagegensprechenden Kriterien nicht analysiert werden (vgl. Betsch 2005, S.265).

Neuartigkeit vs. Routine

Durch Betsch und Kollegen (Betsch et al., 2001) wurde bewiesen, das eine in der Vergangenheit häufig angewendete Routine gegenüber neuen, widersprechenden Informationen an Einfluss gewinnen.

Weiters haben Betsch, Fiedler und Birkenmann (1198) untersucht, dass bei der Neuartigkeit der Entscheidungssituation also bei unbekannten Situationen, ebenfalls in die Routine ausgewichen wird. Dieses Verhalten wird zusätzlich verstärkt, wenn auch noch Zeitdruck gegeben ist (vgl. Betsch 2005, S.265f).

Negative Erfahrungen

Negativ beeinflusst werden Routinen durch bereits gemachte negative Erfahrungen. Besonders trifft dies zu, wenn die Entscheidung für die Routine bereits mehrmals zu Misserfolgen geführt hat. Dies führt meistens zu der bewussten Entscheidung von einer Routine abzuweichen bzw. schaltet sich hier auch die Bildung ein, die uns dazu bringt, einen neuen Handlungskurs zu verfolgen (vgl. Betsch 2005, S.266).

Feedback

Durch die Konsequenzen ihrer Entscheidungen lernen Menschen aus ihren positiven oder negativen Erfahrungen. Wichtig ist hierfür auch ein Feedback der Umwelt des Entscheiders. Fehlt dieses oder ist dieses uneindeutig, so kann es zu einer Aufrechterhaltungen der negativen oder falschen Routine führen und in der Folge zu weiteren Fehlentscheidungen (vgl. Betsch 2005, S.267).

Präferenzen werden durch Entscheidungen geprägt

Es gibt zahlreiche Forschungen dazu, wie Präferenzen der Menschen durch ihre Entscheidungen geprägt werden, denn so haben Studien über kognitive Dissonanz gezeigt, dass Beobachter, die zwischen zwei gleich attraktiven Optionen wählen müssen, die nicht gewählte Option anschließend meiden, was darauf hindeutet, dass eine Nichtwahl einer Option dazu geführt hat, dass diese abgelehnte Option danach auch weniger gefällt. Silver et al. (2020) haben versucht, die entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln dieses Phänomens bei präverbalen Säuglingen zu entdecken. In einer Serie von sieben Experimenten mit einem Free-Choice-Paradigma fand man heraus, dass Säuglinge im Alter zwischen 10 und 20 Monaten eine wahlbedingte Präferenzveränderung ähnlich wie Erwachsene erleben. So boten man den Kindern etwa zwei Objekte zum Spielen an, wobei es sich um gleich helle und farbenfrohe Stoffklötze handelte, die beide gleich weit von einem Baby entfernt lagen, das entweder zu dem einen oder aber zu dem anderen krabbeln konnte. Danach gab man zwingend vor, mit welchem der Objekte die Babys spielen sollten, wobei sich dann keine Vorliebe mehr zeigte. Entfällt also die eigene Entscheidung, verschwindet das Phänomen, d. h., die Kleinkinder wählen tatsächlich nicht aufgrund von Neuheit oder tatsächlicher Vorliebe. Die Wahlmuster der Kleinkinder spiegelten demnach eine echte Präferenzveränderung wider. Offenbar prägt eine Auswahl die Präferenzen auch ohne umfangreiche Erfahrung in der Entscheidungsfindung und ohne ein gut entwickeltes Selbstkonzept. Dieses Verhalten gleicht demnach dem Verhalten Erwachsener, die ihre Wahlen in der Regel im Nachhinein rechtfertigen. Offenbar ist die Entwicklung einer Vorliebe aufgrund einer zuvor getroffenen Auswahl intuitiv und fundamental für menschliches Verhalten.

Neuronale Grundlagen von Gewohnheiten

Die Grundlage von Gewohnheiten sind Abläufe, die das Gehirn automatisiert durch eine Routine abruft, die in Chunkings zusammengefasst sind. Im Laufe eines Tages laufen eine Vielzahl von Routinen ab, vom Aufstehen am Morgen aus dem Bett über das Drücken der Zahnpasta aus der Tube, dem Zähneputzen, dem Kaffeekochen oder dem An- und Ausziehen am Morgen und Abend. Auch das Auto- oder Fahrradfahren sind erlernte Gewohnheiten, die anfangs noch herausfordernd waren und irgendwann Routinen werden, bei denen man nicht nachdenken muss, denn wenn man dann etwa das Rechtsabbiegen ganz bewusst machen möchte, kann es schon vorkommen, dass die Abläufe durcheinander geraten. Solche Routinen sind ein evolutionärer Vorteil, denn der Körper kann dadurch Energie sparen, und je weniger Anstrengung (kraftsparender Instinkt). Das Gehirn schließlich versucht, Routinen in Gewohnheiten umzuwandeln, um mit weniger Energie und Aufwand diese ablaufen zu lassen, damit ausreichend Energie zur Verfügung steht, um sich mental oder körperlich auf andere Dinge zu konzentrieren. Man geht davon aus, dass etwa die Hälfte der täglichen Handlungen eines Menschen auf Routinen und damit Gewohnheiten zurückzuführen sind, wobei auch zahlreiche Entscheidungen großteils auf solche in Routinen gespeicherten Informationen beruhen, die zu Gewohnheiten geworden sind. Je häufiger Menschen etwas wiederholen, umso tiefer wird dies abgespeichert und von einer bewussten Entscheidung oder Handlung ins Unterbewusstsein transferiert. Eine entscheidende Rolle hierbei spielen dabei die Basalganglien, denn diese entscheiden, wann das Gehirn die Kontrolle an eine Gewohnheit abgibt. Die Basalganglien sind auch die Strukturen, die aus einem konkreten Auslöser mit der Zeit eine routinemäßige Verhaltensweise werden lassen. Ob es eine nützliche oder eine eher schädliche Gewohnheit ist, spielt dabei keine Rolle, denn es kommt immer nur auf die Wiederholungen an (Stangl, 2011).

Nach einer Studie des University College in London dauert es durchschnittlich 66 Tage, bis sich eine neue Gewohnheit oder ein neues Verhaltensmuster etabliert hat. Crego et al. (2020) haben in einem Experiment mit Ratten zu ergründen versucht, was im Gehirn genau vor sich geht, wenn neue Gewohnheiten entstehen. Dazu mussten sich die Tier in einem Labyrinth bewegen, in dem immer an derselben Stelle eine Belohnung auf sie wartete. Da es, wie aus früheren Untersuchungen bekannt ist, mit einer neuronalen Aktivität im dorsolateralen Striatum zusammenhängt, wie gut die Tiere diese Aufgabe meistern, erhöhte oder dämpfte man daher die Aktivität dieses Areals mittels Optogenetik, bei der lichtempfindliche Proteine in die Neuronen eingebracht werden, sodass sich diese Zellen durch Lichtreize fernsteuern lassen. Regte man in dem Versuch das dorsolaterale Striatum der Ratten eine halbe Sekunde an, nachdem diese im Irrgarten losfgelaufen waren, bewegten sie sich zielstrebig auf die Position. Offenbar war es für die Ratten zur Gewohnheit geworden, immer an derselben Stelle abzubiegen. Blockierte man hingegen dieses Areal im Striatum, bewegten sie sich langsamer und anscheinend unschlüssig durch das Labyrinth. Vermutlich muss das Striatum gleich zu Beginn einer Handlung aktiv sein, damit das Gehirn ein gewohnheitsmäßiges Verhaltensmuster abspulen kann.

 



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