Klassenklima und schulbezogene Hilflosigkeit
Schulbezogene Hilflosigkeit ist ein psychologischer Zustand der subjektiven Unkontrollierbarkeit in schulischen Handlungssituationen. Als „hilflos“ wird ein Schüler bezeichnet, der durch wiederholte Erfahrungen die Vorstellung entwickelt hat, dass sein Bemühen nicht zu dem Erfolg führt, den er sich erhofft hat. Die Merkmale des Klassenklimas, wie zum Beispiel die Unterstützung der Schüler und eine individuelle Perspektive auf den einzelnen Schüler, wirken der Entwicklung schulbezogener Hilflosigkeit entgegen. Jedoch Merkmale des Klassenklimas, die die Unterschiede zwischen den Schülern betreffen, können zu schulbezogener Hilflosigkeit führen (König, 2009, S. 41f). Nach dem Konstrukts der erlernten Hilflosigkeit von Seligman (1986) ist dieses als Ergebnis eines Lernprozesses zu sehen, der in 3 Schritten erfolgt:
- 1. Schritt: Wahrnehmung, dass das Ergebnis nicht kontrolliert werden kann.
- 2. Schritt: Konsequenz aus dem 1. Schritt. Es bildet sich die Erwartung auf zukünftige erwünschte Ergebnisse.
- 3. Schritt: Die gebildete Erwartung beeinflusst die Motivation der Person. Die Motivation und das Bemühen sinken, wenn die Erwartungen nicht erreicht werden.
Die zentrale emotionale Störung ist die Depression, die auf Grund der erwarteten Sinnlosigkeit eigenen Handelns zustande kommt (König, 2009, S. 42). Die Ursachen des Misserfolgs sollte man nicht auf die eigenen Fähigkeiten zurückführen, sondern auf die mangelnde Anstrengung. Bei der individuellen Hilflosigkeit fühlt sich die Person selbst verantwortlich für die Unabhängigkeit zwischen eigenem Handeln und erwünschten Folgen. Bei der universellen Hilflosigkeit sind mehrere Personen betroffen und kann zum Beispiel auf die Aufgabestellung zurückgeführt werden (König, 2009, S. 42).
Das Klassenklima ist die Qualität der sozialen Beziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler und zwischen den Schülern untereinander. Es wird angenommen, dass die Verhaltensweise des Lehrers die schulische Hilflosigkeit beeinflusst. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem pädagogischen Engagement und den Einstellungen der Schüler. Konkurrenz und Zusammenhalt zwischen den Schüler entsteht aus den schulischen Prozessen, wie häufigen Leistungsrückmeldungen.
Die eigene Leistung wird immer als Teil der Klassenleistung gesehen, es steht nicht im Vordergrund, ob der Schüler seine Ziele erreicht hat oder nicht. Besteht ein scharfer Wettbewerb und immer die gleichen Schüler haben schulische Misserfolge kann das zu schulischer Hilflosigkeit führen (König, 2009, S. 42f). Individuelles Klima ist die Auseinandersetzung einer Person mit seinem Umfeld. Kollektives Klima ist das Klima um die ganze Klassengemeinschaft, nicht um eine einzelne Person. Zwischen dem individuellen Klima und der eigenen Lernmotivation ist ein engerer Bezug als beim kollektiven Klima. Bis jetzt wurde nur der Zusammenhang zwischen individuellen Klima und der schulischen Hilflosigkeit erforscht. Jedoch wird eine Mehrebenenanaylse gefordert, die die Zusammenhänge zwischen mehreren Organen des Schulsystem untersucht, nicht nur den Zusammenhang mit dem Klassenklima (König, 2009, S. 43f).
Ergebnisse einer Befragung
Es wurde eine Befragung in den 8. und 9. Schulstufen in Berlin
durchgeführt.
Mittelpunkt der Untersuchung war die Beeinflussung schulbezogener
Hilflosigkeit durch Merkmale des Klassenklimas.
Die globale, chronische und individuelle Hilflosigkeit wird als
schulbezogene Hilflosigkeit betrachtet.
Merkmale des Klassenklimas, die Fähigkeitsunterschiede zwischen
Schülern aufweisen, fördern die Entstehung schulbezogener Hilflosigkeit.
Jedoch Merkmale, die den Schüler in die Klassengemeinschaft einbinden,
unterbinden die schulische Hilflosigkeit (König, 2009, S. 46ff).
Der emotionale Faktor im Klassenzimmer: Wie die Gefühle von Lehrkräften den schulischen Erfolg steuern
Eine Untersuchung von Pfeifer et al. (2026) belegt eindrücklich, dass Lehren nicht bloß eine intellektuelle, sondern in hohem Maße eine emotionale Tätigkeit ist, bei der die Gefühle von Lehrkräften einen fundamentalen Einfluss auf die Lernmotivation, die Unterrichtsqualität und letztlich den gesamten Lernerfolg von Schülern und Schülerinnen ausüben. Im Rahmen der internationalen „Global Teaching InSights“-Studie wurden Daten von 679 Mathematiklehrkräften und über 17.500 etwa 15-jährigen Lernenden aus acht kulturell, ökonomisch und sprachlich völlig unterschiedlichen Ländern – namentlich Chile, China, Kolumbien, Deutschland, Japan, Mexiko, Spanien und Großbritannien – analysiert, um die Dynamiken zwischen Lehreremotionen, der wahrgenommenen Unterrichtsqualität und den Schülerleistungen bei einer standardisierten Einführung in quadratische Gleichungen zu untersuchen. Mittels mathematischer Strukturgleichungsmodelle und der „Teacher Emotions Scale“ konzentrierte man sich auf die Kernemotionen Freude und Ärger, da diese sich in Vorstudien als die prägnantesten psychologischen Treiber im Schulalltag erwiesen haben. Die Ergebnisse zeigten, dass Lehrkräfte, die während des Unterrichts primär Freude empfinden, eine signifikant höhere Unterrichtsqualität erbringen, was sich konkret in einer effektiveren Klassenführung, dem Aufbau tiefgehender, unterstützender Lehrer-Schüler-Beziehungen sowie der Anwendung kognitiv anregender Unterrichtsstrategien äußert. Diese qualitativen Indikatoren fungieren als direkte Vermittler, die das akademische Selbstvertrauen der Jugendlichen stärken, ihr fachliches Interesse wecken und zu nachweisbar besseren Ergebnissen in Leistungstests führen. Im Gegensatz dazu bewirkt die Frustration und der Ärger von Lehrenden das genaue Gegenteil, d. h., verärgerte Lehrkräfte zeigten in allen Dimensionen der Unterrichtsgestaltung schlechtere Werte, was unmittelbar mit Defiziten im Klassenmanagement sowie einer reduzierten kognitiven Aktivierung korreliert und messbar schlechtere Schülerleistungen nach sich zog. Aus diesen emotionalen Mustern entwickeln sich leicht psychologische, selbstverstärkende Kreisläufe, bei denen fröhliche Lehrkräfte durch den Erfolg ihrer Klassen in eine Aufwärtsspirale aus Stolz und Zufriedenheit geraten, während verärgerte Lehrende oft in einem destruktiven Teufelskreis versinken, in dem mangelndes Klassenmanagement zu schlechteren Schülerleistungen führt, was wiederum die Frustration der Lehrkraft weiter steigert. Eine wichtige Erkenntnis dieser globalen Erhebung liegt in der universellen kulturübergreifenden Konstanz dieser Mechanismen, die trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede weltweit bemerkenswert identisch ablaufen. Daraus folgert man, dass die emotionale Gesundheit und das Wohlbefinden von Lehrkräften kein optionaler Luxus oder bloßes Wohlfühlthema sind, sondern eine grundlegende Säule für ein Bildungssystem darstellen, sodass politische Entscheidungsträger und Schulen der Stressreduktion sowie der emotionalen Unterstützung von Lehrkräften sowohl in der Ausbildung als auch im Berufsalltag höchste Priorität einräumen sollten.
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Literatur
König, Johannes (2009). Klassenklima und schulbezogene Hilflosigkeit in den Jahrgangsstufen 8 und 9. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie. XX, 41-52.
Pfeifer, M. E., Lüdtke, O., Klusmann, U., & Frenzel, A. C. (2026). Linking teacher emotions, teaching quality indicators, and student outcomes in mathematics: Results from the Global Teaching InSights study. Journal of Educational Psychology, doi:10.1037/edu0001036.
Stangl, W. (2026, 2. Juni). Wie die Gefühle von Lehrerinnen und Lehrern den schulischen Erfolg steuern – Neuigkeiten aus der wissenschaftlichen Pädagogik.
https://paedagogik-news.stangl.eu/wie-die-gefuehle-von-lehrerinnen-und-lehrern-den-schulischen-erfolg-steuern.
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