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Soziale Kompetenz - Diagnose

Dieser Text ist ein leicht überarbeiteter Teil eines Artikels, der erstmals 1998 unter dem Titel
"Der Begriff der sozialen Kompetenz in der psychologischen Literatur"
im e-zine p@psych 3. Jg. erschienen ist, und in der Folge mehrmals überarbeitet wurde:
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/
PAEDPSYCH/SOZIALEKOMPETENZ/
(04-05-16)

Siehe dazu auch
Der Begriff der sozialen Kompetenz
und
Soziale Kompetenz aus pädagogischer Sicht

"Wie in allen Human- und Sozialwissenschaften spielt das Beobachtungs- (Beobachter-)Problem eine entscheidende Rolle für das Kompetenzverständnis und die Kompetenzmessung. Dabei bilden zwei Positionen die extremen Pole, zwischen denen sich reale Kompetenzcharakterisierung und Kompetenzmessung bewegt.

Die moderne qualitative Sozialforschung stellt heute ein großes Methodenarsenal bereit, um auch mit solchen subjektiven Einschätzungen gewonnene Daten verlässlich interpretieren und perspektivisch nutzen zu können (Erpenbeck & von Rosenstiel 2003, S. XIX; Hervorhebungen W.S.).

Ein erster einigermaßen überzeugender Ansatz zur Messung von Teilbereichen des Konstrukts bzw. zu dessen Operationalisierung liegt bei Rathus (1973) innerhalb seines "Rathus Assertiveness Schedule" vor. Sie ist aber wie auch der Ansatz von Saronson (1981) am trait-Modell orientiert und bleibt daher letztlich hinter älteren Ansätzen zurück. Vermutlich hat deshalb das Konstrukt innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie keine größere Verbreitung gefunden, da es wohl kaum angemessen operationalisiert werden kann. Eine eventuell über Fragebögen oder ähnliche Verfahren versuchte Erfassung eines solchen Konstruktes bliebe so weit hinter dem in der Psychologie schon seit vielen Jahren erreichten Kenntnisstand zur Erklärung menschlichen Verhaltens zurück. Der Einsatz projektiver oder situativer Verfahren ist aufgrund der Meßproblematik und des damit verbundenen Aufwandes für eine zufriedenstellende Quantifizierung vermutlich nicht zielführend. Der sich aus diesen Gründen innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie ergebende weitestgehende Verzicht auf das Konstrukt der sozialen Kompetenz ist daher wohl mehr als verständlich und nachvollziehbar.

Für die Entwicklung eines Instruments zur Erfassung sozialer Kompetenzen ergibt sich nach Bastians & Kluge (1998) aufgrund der Mehrdimensionalität des Konstruktes die Frage nach dem Abstraktionsniveau und der Situationsspezifität der zu ermittelnden Kompetenzen. Sie verstehen unter sozialen Kompetenzen in erster Linie Handlungsvoraussetzungen, "die zur Bewältigung definierter (und oftmals situationsabhängiger) Kommunikations- und Kooperationsanforderungen notwendig sind, um an gesellschaftlicher Interaktion teilzunehmen zu können. Interaktion wird hier in Abgrenzung von Kommunikation als Austausch von Beeinflussung (und nicht nur Austausch von Information) verstanden, dieser Begriff liegt also auf kausaler Ebene. Das sozial kompetente Individuum hat somit Möglichkeiten seinen Interaktionspartner zu manipulieren (wertfrei!), d.h. gesellschaftliche Realität zu kontrollieren. Soziale Kompetenzen werden einerseits durch relativ konsistente Personvariablen andererseits durch Mechanismen der Tätigkeitsregulation bestimmt. Letztere umfassen kognitive und motivationale Konzepte (z.B. Erfahrungen über die eigene Person, die soziale Realität usw.) und interpersonale Fertigkeiten des konkreten (operativen) Verhaltens. Diese Fertigkeiten werden durch das Instrument kaum erfaßt werden können, der Fokus liegt vielmehr auf den angesprochenen Mechanismen der Tätigkeitsregulation und den konsistenten Personvariablen. Die Konsistenz dieser Personvariablen soll hier nicht im Sinne eine Traits mißdeutet werden, sie bezieht sich vielmehr auf vergleichbare Situation, in denen ähnliche Anforderungen an die Interaktionspartner vorliegen. In diesem Sinne kann man auch von der "Modularität sozialer Kompetenzen" sprechen. (...) In diesem Sinne lassen sich zumindest theoretisch verschiedene Diagnosesysteme nach dem Abstraktionsniveau der ermittelten Kompetenzen unterscheiden. Am spezifischen Pol dieser Dimension finden sich einerseits Diagnoseverfahren, in denen molekulare Verhaltensweisen wie Lächeln, Fragen stellen, lautes Sprechen usw. diagnostiziert werden. Solche verbalen und nonverbalen Fertigkeiten sind zwar durchaus wichtig, lassen jedoch oftmals den Kontext außer Acht, in dem diese Verhaltensweisen angemessen oder unangemessen sind. (...). Am anderen Pol der Dimension steht die Diagnose sehr abstrakter Fähigkeiten, hierbei handelt es sich v.a. um eher kognitiv orientierte Systeme. Mit Hilfe dieser Systeme wird versucht, sehr allgemeine Strategien zu diagnostizieren, die auf möglichst viele Situationen anwendbar sind. Die diagnostizierten Fähigkeiten sind in diesem Fall jedoch so allgemein gehalten, daß wahrscheinlich nicht einmal zwischen sozialen und nicht-sozialen Situationen unterschieden werden kann. Diese Überlegungen sprechen für eine mittlere Spezifität der zu diagnostizierenden Kompetenzen. Eine Möglichkeit zur Erreichung dieses Ziels besteht darin, verschiedene Arten "sozialer Aufgaben" (Situationstypen) zu unterscheiden."

Für die Diagnose Sozialer Kompetenzen gilt nach Meinung der AutorInnen, daß soziale Interaktionen und damit auch der Anforderungsbereich nur unzulänglich durch Papier- und Bleistifttests erfaßt werden können und daß multimediale Testverfahren hier notwendig sind. "In der Methodendiskussion zu gegenwärtigen Personalauswahl- und Entwicklungsentscheidungen dominieren zwei stabile Ergebnisse: mangelhafte diskriminante und mangelhafte konvergente Validität, d.h. schlechte Konstruktvalidität auf der einen Seite, relativ hohe prognostische Validtät auf der anderen Seite. Ein Weg zur möglichst optimalen Gestaltung beider Validitätsarten besteht im Rahmen der Personalauswahl darin, Aufgaben miteinander zu kombinieren, die a) möglichst valide und b) möglichst wenig gemeinsame Varianz haben. Hierdurch könnte beruflicher Erfolg mit wenig Redundanz und in größtmöglichem Maße vorhergesagt werden.

Hemmecke (2003) berichtet von einer österreichischen Studie, in der 150 Führungskräfte befragt wurden, was sie unter sozialer Kompetenz verstünden. Die offenen Antworten wurden in drei Kategorien zusammengefasst: 1) Persönlichkeitseigenschaften, 2) Werthaltungen, 3) Wissen und Fertigkeiten. "Persönlichkeitseigenschaften gelten als über die Lebensspanne relativ stabil und resistent für Veränderungen und machen in unserer Studie 20 % der Nennnungen aus. Für die Schule von besonderer Relevanz ist die mittlere und größte Kategorie der Werthaltungen, die zwei Drittel aller Nennungen ausmacht, da diese inneren Einstellungen gegenüber anderen vorwiegend durch Sozialisation im Kindes- und Jugendalter erworben werden. In diese Metakategorie fallen folgende innere Werthaltungen: Empathie und gegenseitige Wertschätzung, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Kooperationsbereitschaft und Gerechtigkeit. Die dritte Metakategorie Wissen und Fertigkeiten erwies sich als die kleinste (14% der Nennungen), ist aber die, deren Veränderung die meisten Trainings sozialer Kompetenz anstreben. Fertigkeiten lassen sich durch Übung meist gut trainieren, Wissen lässt sich lernen. Allerdings sehen wir, dass Wissen und Fertigkeiten nur relativ marginal zur sozialen Kompetenz einer Person aus der praktischen Sicht von Führungskräften beiträgt" (Hervorhebungen von mir; W.S.). In einer weiteren Studie wurden berufsbezogene soziale Kompetenzen untersucht, indem 50 berufserfahrene Kundenberater eines österreichischen Finanzdienstleisters nach besonders kritischen Situationen für Erfolg in ihrem Beruf befragt wurden. "Die erfolgreichen als auch nicht erfolgreichen Situationen, die auf vorhandene bzw. mangelnde soziale Kompetenzen zurückgeführt wurden, ließen sich in drei Bereiche gliedern: 1) Situationen, in denen die Kundenbeziehung entscheidend für (Miss-)Erfolg war, 2) Situationen, in denen der Gesprächsverlauf die kritische Größe war und 3) Situationen, in denen außergewöhnliche Ereignisse die soziale Kompetenz der Kundenbetreuer herausforderte" (Hemmecke 2003).

Die von Goleman postulierte "Emotionale Intelligenz" - die häufig mit sozialer Kompetenz gleichgesetzt wird - erweckt aus der Perspektive der Diagnostik mit der Bezeichnung "EQ", angelehnt am testtheoretisch solide abgestützten IQ-Konzept, den Eindruck von Wissenschaftlichkeit. In Wirklichkeit liegen dem EQ keinerlei methodische Untersuchungen zu Grunde: "Er geht vielmehr auf ein naives Quiz in der Zeitung "USA Today" zurück, das im Internet vielfach kolportiert wird (zum Beispiel: www.utne.com/azEq2.tmpl) und Bände über den wissenschaftlichen Status des Konzeptes spricht. (…) Ein amerikanisches Psychologenteam, das die einschlägigen Fragebögen statistisch unter die Lupe nahm, zog vergangenes Jahr (2000; W.S.) pessimistisch Bilanz: "Von der Emotionalen Intelligenz bleibt wenig übrig, das einzigartig und testtheoretisch solide wäre." Die Fragebögen, die Persönlichkeitsmerkmale maßen, überschnitten sich stark mit längst etablierten Instrumenten, zum Beispiel der Verträglichkeits-Skala. Das heißt im Klartext, sie waren überflüssig. Jene Skalen, mit denen Fertigkeiten gemessen wurden, ließen dagegen jegliche Verlässlichkeit (Reliabilität) vermissen. Bei wiederholter Durchführung schnitt die gleiche Person immer anders ab" (Degen 2001). Siehe dazu auch "Emotionale Intelligenz für Kinder und Jugendliche".

Nicht eingegangen werden soll hier etwa auf den durchaus interessanten Ansatz Beckers (1994, S. 46ff), der soziale Kompetenz bzw. im speziellen den Zusammenhang von Selbstvertrauen und Selbstverantwortung und dem Umgang mit anderen in der Gegenüberstellung von biophilen und nekrophilen Verhalten hervorhebt, indem er alle sozial kompetenten Verhaltensweisen unter dem Begriff der Biophilie subsumiert.

Im Internet findet sich unter dem Titel "Soziale Kompetenz und Verträglichkeit" ein Test für Soziale Kompetenz und Verträglichkeit, der auf der 3-stufigen Skala (stimmt, manchmal stimmt, überhaupt nicht stimmt) folgende 15 Items zur Bewertung anbietet:

  1. Ich kann mich gut in andere hineinversetzen.
  2. Für Probleme anderer habe ich ein offenes Ohr.
  3. Meine Meinung äußere ich meist so, dass ich andere nicht verletze.
  4. Bei Konflikten kann ich mich auf einen Kompromiss einlassen.
  5. Ich respektiere die Meinung anderer Menschen, auch wenn ich ihr nicht zustimmen kann.
  6. Ich kann akzeptieren, dass andere Menschen einen anderen Arbeitsstil haben als ich.
  7. Ich kann anderen Menschen, die mich ungerecht behandelt haben, vergeben.
  8. Ich gebe anderen Menschen zunächst einen Vertrauensvorschuss.
  9. Über meine Leistungen und Erfolge verliere ich nicht viele Worte.
  10. Ich versuche, andere immer fair zu behandeln.
  11. Konflikte versuche ich zu lösen, denn ich habe gerne Harmonie und Frieden.
  12. Ich bin im Allgemeinen ein umgänglicher Mensch, mit dem die meisten Leute gut klarkommen.
  13. Wenn es anderen schlecht geht, zerbreche ich mir den Kopf, wie ich helfen kann.
  14. Ich glaube an Zusammenarbeit, nicht an Machtkampf, wenn man im Leben erfolgreich sein will.
  15. Wenn Not "am Mann" ist, bin ich gerne bereit, andere zu unterstützen.

Literatur



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