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Selbstverletzendes Verhalten

Für viele Menschen ist es unverständlich, dass es andere Menschen gibt, die sich selbst Schmerzen zufügen, wobei das häufig im Jugendalter beginnt. Wenn diese in der Pubertät sich selbst verletzten, ist nicht der Schmerz das Warnsignal, sondern ihr Verhalten, denn oft ist es ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Selbstverletzendes Verhalten ist keine Seltenheit, wobei die meisten Betroffenen weiblich und zwischen zwölf und sechzehn Jahren alt sind. Oft bleibt es bei einigen Schnitten und hört nach kurzer Zeit wieder auf, doch manchmal nimmt es den Charakter einer Sucht an. Sie schneiden sich mit Rasierklingen oder Messern oberflächlich in die Haut (Ritzen), andere verletzen sich mit spitzen Gegenständen wie Scheren oder Scherben und dringen sogar bis in die Muskulatur vor. Seltener sind Brandverletzungen, die durch glimmende Zigaretten herbeigeführt werden, die sie auf der Haut ausdrücken. Nach Ansicht von Experten riskieren die Jugendlichen bleibende Narben, weil dadurch der körperliche Schmerz einen psychischen Schmerz überlagert. Vor allem emotional instabile Persönlichkeiten neigen zu solchem Verhalten, und wird manchmal zu einem Massenphänomen in Schulklassen, wo es manchmal nur ein vorübergehendes Phänomen darstellt, das durch schulinterne Faktoren ausgelöst worden sein kann. Bei Jugendlichen, die bei Selbstverletzungen bleiben, kann das Ritzen ein Hinweis auf schlechte Stressregulation sein und dann ein Symptom für Leistungsdruck, Überforderung oder extrem kontrollierendem Verhalten durch die Eltern darstellen. Viele der Betroffenen kämpfen mit einem geringen Selbstwertgefühl, aber auch massive Bindungsstörungen, familiäre Zerwürfnisse oder Missbrauch können Auslöser sein. Betroffenen schaffen es erst durch den körperlichen Schmerz ihre Emotionen zu regulieren und den inneren Druck abzubauen, wobei die Jugendlichen häufig von ihrem Körpergefühl merkwürdig getrennt sind. Die Selbstverletzung wird dabei zu einem Ventil, über das die Jugendlichen wieder Zugang zu ihrem Körper bekommen, das Schneiden ist befreiend und bringt ihnen ein Gefühl der Erleichterung (Walter, 2019).

Begriffsdefinition

Literatur

Stangl, W. (2007). Selbstverletzung. WWW: https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ EMOTION/A-Selbstverletzung.shtml (10-04-22)

Stetina, B. Maihofer, E. & Kryspin-Exner I. (2009). Die dunkle Seite des Cyberspace: Nebenwirkungen und Schattenseiten des Internets und ihre Bedeutung für die Intervention. Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin, Heft 3/2009, S. 280-301. Online im internet: http://www.wisonet.de/ (10-04-22)

Walter, Tanja (2019). Warum Jugendliche sich selbst verletzen.
WWW: https://rp-online.de/leben/gesundheit/psychologie/wenn-jugendliche-sich-ritzen_aid-38903277 (19-06-09)

Warschburger, P. & Kröller, K. (2008). Selbstverletzendes Verhalten. In H. Scheithauer, T. Hayer & K. Niebank, (Hrsg.), Problemverhalten und Gewalt im Jugendalter (S. 209-224). Stuttgart: Kohlhammer.

 

Für die Problematik selbstverletzenden Verhaltens (kurz SVV) gibt es verschiedene Definitionen. Es werden auch Begriffe wie Autoaggression, Automutilation, Parasuizid, Selbstbestrafung oder Selbstverletzung verwendet, allerdings stehen diese für verschiedene Aspekte der Thematik. Eine mögliche Definition beinhaltet die gezielte und bewusste Verletzung oder Beschädigung des eignen Körpers ohne sich aber töten zu wollen, wobei dieses Verhalten sozial nicht akzeptiert ist und zum Abbau psychischer Spannungen durchgeführt wird. Damit können Verletzungen durch Piercings, Tätowierungen und Ähnliches hier nicht dazugezählt werden, da diese kulturell akzeptiert sind und hier das Schmücken des Körpers im Vordergrund steht. Auch risikoreiches Verhalten wie Drogenkonsum, Raserei oder das Ausüben von riskanten Sportarten zählen laut vorgenannter Definition nicht zum selbstverletzenden Verhalten (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 210).

Selbstverletzendes Verhalten ist kein eigenständiges Störungsbild aber ein klinischpsychiatrisch relevantes Symptom (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 210), das häufig gemeinsam mit Erkrankungen wie

auftritt (vgl. Stangl 2007).

Nach Warschburger & Kröller (2008, S. 210ff) ist die Einteilung nicht einfach und kann beispielsweise nach den diagnostischen Leitlinien für psychische Störungen geschehen. Insofern kann nach schwerwiegendem, stereotypem und impulsivem selbstverletzendem Verhalten differenziert werden:

Eine weitere Betrachtungsweise erlaubt die Unterscheidung von Selbstverletzung als offene Selbstverletzung, artifizielle Störung und Simulation (vgl. Stangl 2007):

Diese Selbstverletzungen haben teilweise für die Betroffenen einen rituellen Charakter, wobei es dazu schon kommt, wenn nur das jeweils eingesetzte Instrument gesehen wird. Die Betroffenen spüren dabei den Schmerz nicht so stark und berichten manchmal sogar über angenehme Gefühle. Die Handlungen wirken entlastend, es kommt zu einem verminderten Spannungsgefühl und somit zu einer Stimmungsverbesserung. Erst später treten Schuldgefühle und Scham auf, die wiederum zu neuen Selbstverletzungen führen können (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 212).

Erscheinungsformen

SVV äußert sich nach Stangl insbesondere durch die Erscheinungsformen sich ritzen, schneiden, verbrennen, verbrühen, verätzen, kratzen, sich beißen, sich schlagen, Haare ausreißen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, sich (versuchen) die Knochen brechen, die Wundheilung verhindern etc. (vgl. Stangl 2007).

Als häufigste Form der Selbstverletzung werden Schnitte in die Haut mit scharfen Gegenständen (Rasierklingen, Scherben, Skalpelle oder Messer) beobachtet, die vor allem Extremitäten wie Arme und Beine beschädigen (vgl. Stangl 2007).

Bei heimlicher Selbstschädigung bzw. beim Vortäuschen von Erkrankungen sind die Verletzungen bzw. Erkrankungen sehr unterschiedlich und reichen von oberflächlichen bis hin zu schweren Verletzungen. Die offene Selbstschädigung tritt im Zusammenhang mit verschiedenen Störungen, wie geistiger Behinderung, Entwicklungsstörungen, Missbildungssyndromen oder psychotischer Störungen auf und auch hier sind die Verletzungen sehr unterschiedlich (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 212f).

Eine Art der Selbstverletzung geschieht bei Personen mit Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen, Zwangsstörungen, Depressionen oder Störungen des Sozialverhaltens. Betroffene dieser Störungen können oft ihre Impulse nicht kontrollieren und die Folge sind leichtere oder mittelschwere Verletzungen (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 213).

Man muss das selbstverletzende Verhalten aber klar vom suizidalen Verhalten abgrenzen, bei dem die Tötungsabsicht und nicht die wiederholte Schädigung des Körpers im Vordergrund steht (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 213f).

Auftreten

Untersuchungen zu Folge, sind 2% bis 15% der Jugendlichen von SSV betroffen. Es tritt meist im Alter zwischen 13 und 15 Jahren auf, der Höhepunkt liegt im Jugendalter und nimmt mit zunehmendem Alter wieder ab. Es wurde vielfach widerlegt, dass Mädchen bzw. Frauen stärker betroffen sind, jedoch wurde festgestellt, dass Jugendliche in stationärer psychiatrischer Behandlung oft selbstverletzende Handlungen ausführen. Bei bestimmten Störungsbildern wie Essstörungen, Persönlichkeitsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens, Delinquenz und aggressivem Verhalten kommt selbstverletzendes Verhalten auch besonders oft vor (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 215).

Diagnosemöglichkeiten

Beim selbstverletzenden Verhalten müssen die Umweltbedingungen (z.B. sozioökonomischer Hindergrund), biologische (z.B. verringerte Schmerzsensibilität), kognitive sowie emotionale und verhaltensbezogene Faktoren miteinbezogen werden, wobei diese auch untereinander in Verbindung stehen. Durch standardisierte Fragebögen, Interviews und Beobachtungen kann eine Erkrankung festgestellt werden. Welches Instrument angewandt wird, hängt davon ab, ob es sich um eine offene, heimliche oder vorgetäuschte Selbstschädigung handelt. Von großer Wichtigkeit ist auch die Mitarbeit der Betroffenen selbst, die allerdings oftmals nicht in der Lage sind (z.B. aufgrund von Amnesie) Informationen zu geben (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 215f).

Mit Hilfe verschiedener Instrumente werden die auslösenden Faktoren, Gedanken und Gefühle sowie die Folgen ermittelt und dienen als Ansatz für eine Therapie. Auch suizidale Gedanken sollte hier ausgeschlossen werden. Weiters werden mit dem Verhalten in Verbindung stehende Störungen oder Grunderkrankungen diagnostiziert. Können oder wollen die Betroffenen nicht mitarbeiten, werden Eltern und andere Bezugspersonen miteinbezogen. Dies ist allerdings nicht einfach, da diese meistens über das selbstverletzende Verhalten oder deren Häufigkeit nicht Bescheid wissen, da es meist heimlich gemacht wird. Beobachtungen können erste Hinweise sein, jedoch ist mit dem Betroffenen zu sprechen um diesen nicht im Vorhinein zu verurteilen. Auch mit abwehrendem Verhalten ist zu rechnen, da sich die Betroffenen wegen ihrer Erkrankungen schämen und oftmals nicht darauf angesprochen werden wollen (vgl. Warschburger & Kröller, 2008, S. 216f).



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