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Carl Gustav Jung

Jung war der Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse, denn während Freud vieles vom Sexualtrieb ableitete und Adler den Machttrieb in den Vordergrund stellte, sah der humanistisch denkende und in protestantischer Tradition aufgewachsene Schweizer Jung das Individuum in Verbundenheit mit den "Ahnen", also durchaus heidnisch als magisches Wesen. Er lebte mit dem Bewusstsein, in eine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Visionäre verstand: der eine Großvater war Geistlicher und hatte tatsächlich mit "Geistern" Kontakt, der andere war Freimaurer und ein Hoch-Eingeweihter in esoterischen Praktiken. Er galt als ein unehelicher Sohn Goethes. Jung war sich dessen sicher und betonte zeitlebens die Abstammung von dem Dichterfürst. Seine Mutter fiel regelmäßig in Trance und gab dann seltsame Worte und Töne von sich, sie verkehrte in diesen Zuständen ebenfalls mit Geistern und blieb dem Sohn immer ein rätselhaft, geheimnisumwittertes Wesen. Zwar Mutter, aber doch auch Fremde - anziehend und furchteinflößend schrecklich zugleich.

In der Jungschen bzw. Analytischen Therapie gilt der Traum als der wichtigste Wegweiser zum Unbewussten. Hier findet die Begegnung mit den Archetypen statt, die durch die Traumbilder zu uns sprechen. Einer der wichtigsten Aspekte jeder Therapie liegt für Jung daher in der Individuation, in der Selbstwerdung, in der Begegnung mit "dem Göttlichen in uns selbst".  Jungs Reise ins Reich der Mythen und Symbole hat zu einer materialreichen Sammlung geführt, die zum Gegenstand philosophischer und anthropologischer Forschung geworden ist. Vor allem in sinnsuchenden und literarischen Kreisen traf und trifft seine Weltanschauung auf Interesse. Ausgangspunkt und einziges Erkenntnismittel im Hinblick auf die Erforschung der psychischen Realität ist für C.G. Jung die "Erfahrung", wobei damit vor allem die "innere" Erfahrung gemeint ist, also das Bewusstwerden seelischer Inhalte. Jung greift dabei auf persönliche Erfahrungen, Erfahrungen seiner Analysanden und auf den Niederschlag gesamtmenschheitlicher Erfahrungen in der Geistesgeschichte zurück und gewinnt so seinen empirischen Zugang zur Seele. Im Gegensatz zu Freud begreift Jung das Unbewusste neben dem Aspekt des persönlichen Unbewussten noch in einem kollektiven Sinne. Nach seinem Verständnis haben die aus allen Kulturen überlieferten Mythen und Märchen ihre Wurzeln in individuellen Träumen und Visionen, die zugleich stellvertretenden Charakter haben.

Seine Haupttätigkeit besteht darin, Tatsachenmaterial zu sammeln, dieses zu beschreiben und dann zu erklären. Die sich daraus ergebenden Ansichten betrachtet Jung selbst "als Vorschläge und Versuche zur Formulierung einer neuartigen naturwissenschaftlichen Psychologie, welche sich in erster Linie auf die unmittelbare Erfahrung am Menschen gründet". So versteht Jung sein Theoriegebäude weder als ein in sich abgeschlossenes System noch als ein zur Wissenschaft erhobenes Dogma. Grundthese und Ausgangsbasis aller Jungschen Überlegungen ist die Annahme der "Wirklichkeit der Seele". Als leibseelisches Wesen hat der Mensch Anteil an der seelischen Wirklichkeit. Damit fragt Jung nicht nach der Seele des Menschen, sondern nach der Qualität der Beziehung des Menschen zur seelischen Wirklichkeit. 


Die analytische Psychologie steht im Spannungsfeld zwischen der Freud'schen Tiefenpsychologie und der Psychologie dessen Schülers Adler. Während Freud und Adler nur sehr spezielle psychische Antriebe betrachteten, versuchte Jung mit seiner Ganzheitspsychologie, den Menschen gesunden zu lassen und ihm ein ausgeglichenes Leben zu ermöglichen. Der zentrale Begriff der menschlichen Psyche ist das Selbst. Dieses Selbst ist die Ganzheit der menschlichen Psyche und umfasst bewusste und unbewusste Persönlichkeitsteile und strebt eine Harmonisierung der Psyche an. Bewusst ist lediglich das Ich-Bewusstsein und ist somit lediglich ein winziger Teil dessen, was die menschliche Persönlichkeit ausmacht. Die Arbeitsmittel des Ichs sind Sinneswahrnehmung und Denken, Fühlen und Intuition. Je nach dem, welches Begriffspaar dem ICH näher liegt, handelt es sich um einen introvertierten Menschen oder einen extravertierten Menschen. Wesentlich umfangreicher als das Ich-Bewusstsein ist der unbewusste Teil des Menschen, der sich aufspaltet in das persönliche Unbewusste und das kollektive Unbewusste Zum persönlichen Unbewussten. gehört die Summe aller verdrängten Verhaltensweisen und Gefühle, dem Schatten. Ein spezieller Aspekt dieses Schattens sind die verdrängten, gegengeschlechtlichen Verhaltensweisen: Animus oder Anima. Das kollektive Unterbewusste ist eine Instanz, die sämtliche gemein-menschlichen Erfahrungen beinhaltet, die sich und in Bildern zeigen.

Das Unterbewusstsein ist der Sammelbegriff für alle Ursachen, die zwar auf unser Handeln wirken, aber durch das Ich-Bewusstsein nicht wahrgenommen werden können. Dabei handelt es sich bei dem persönlichen Unterbewussten beispielsweise um Vergessenes, Verdrängtes, um unterschwellig Wahrgenommenes, abgewehrte Triebe, Fixierungen und Programmierungen, um eingespielte Verhaltensabläufe, frühkindliche Prägungen und latente Begabungen. Das kollektive Unterbewusste ist ein Sammelbegriff für die genetisch verankerten Voraussetzungen des psychologischen Funktionierens und die Gesamtheit der allgemeinen Erfahrungs-, Verhaltens, und Entwicklungsmöglichkeiten. Es ist für den Menschen recht einfach festzustellen, wann das Unterbewusstsein Impulse zum Handeln gibt. Wann immer es nach außen durchbricht, wird die ICH-Bewußtseins-Kontinuität gestört. Das bedeutet. dass der Mensch in diesem Augenblick selbst ein diskontinuierliches Handeln fühlt. Dies ist nicht verwunderlich, da der plötzliche Handlungsimpuls nicht von ihm selbst kommt. Wenn also in einem Gespräch ein bestimmtes Wort fällt, auf welches man plötzlich unangemessen emotional reagiert, so kann man unter Umständen davon ausgehen, dass hier das Unterbewusstsein reagierte; offenbar wurde durch das Wort ein wunder Punkt angesprochen. In der analytischen Psychologie wird eine solche Abweichung des Verhaltens als Komplex bezeichnet. Die Erforschung der Komplexe ist der Königsweg zum Unterbewussten

Komplexe entstehen dadurch, dass fördernde oder hemmende Reaktionen der Umwelt auf die Verhaltensweisen des Menschen wirken und so bestimmte, wertneutrale Bedürfnisse, Verhalten oder Gefühle als angenehm oder unangenehm, als richtig oder falsch erscheinen lassen. Dementsprechend werden einige Aspekte der Persönlichkeit und Welterfahrung positiv, andere negativ "aufgeladen". Die Person, die in diesem Augenblick ein komplexbehaftetes Verhalten zeigt, hat keine Möglichkeit, dieses Verhalten zu unterbinden, da diese Handlung einer willensmäßigen Kontrolle unzugänglich ist.

Es lassen sich zwei verschiedene Komplexebenen unterscheiden:

Da komplexbehaftetes Handeln weite Bereiche von positiven Lebensmöglichkeiten ausschließt, ist es ein konstruktives Ziel, diese störenden Handlungsweisen auszuschalten. Der Weg dorthin führt unter anderem über die genaue Beobachtung der ICH-Bewußtseins-Kontinuität. Das Unterdrücken bestimmter Persönlichkeitsteile führt zur Entwicklung von Teilpersönlichkeiten, die die unterdrückten Persönlichkeitsteile aufnehmen müssen. Die erste Teilpersönlichkeit ist der sogenannte Schatten. Er umfasst häufig Geiz, Egoismus, Aggressivität, Triebhaftigkeit, Neid, Habgier, usw.. Die zweite Teilpersönlichkeit umfasst ausschließlich die gegengeschlechtlichen Schattenaspekte. Bei dem Mann wird diese Teilpersönlichkeit Anima genannt, bei der Frau ist es der Animus. Die Anima symbolisiert folgende unterdrückte, weibliche Handlungsweisen: Kommunikationsfähigkeit hinsichtlich persönlicher Belange, Einfühlungsvermögen, Beziehungsfähigkeit, der Zugang zu seinem Körper und seinen Gefühlen, Anpassungsfähigkeit. Der Animus symbolisiert unterdrückte, männliche Eigenschaften, wie Aggression, Triebhaftigkeit, Mut, Risikobereitschaft, Eigeninitiative, geistige Selbständigkeit, Innovation. Da diese Inhalte aber nicht vollkommen zu unterdrücken sind, kehren sie nach außen über Projektionen auf andere Personen und Gegenstände zurück. In dem Maße, in dem man sich mit sich selbst versöhnt, versöhnt man sich also auch mit seiner Umwelt.

Komplexe, die allen Menschen auf der Erde gemeinsam sind, nennen sich Archetypen. Sie bestehen seit der Existenz des Bewusstseins. Archetypen existieren, weil sowohl physisch, als auch psychisch in der Struktur des Menschen feste Gesetze bestehen, denen alle Menschen gehorchen. Blickt man zurück in die Vergangenheit, so wird man feststellen, dass sich alle Menschen zu allen Zeiten immer mit einer gleichen Basis von Problemen beschäftigten: Dem Verhältnis zu den Naturmächten, dem Umgang mit Trieben und anderen Grundbedürfnissen, dem Problem von Gut und Böse, der Beziehung zwischen den Geschlechtern, den Problemen verschiedener Lebensalter, dem Umgang mit Unglück und Tod, der Beziehungen zum Transpersonalen und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Jede Gesellschaft und jeder Mensch sieht sich mit diesen archetypischen Problemen konfrontiert. Wenn man in solch einer Problematik verstrickt ist, so wird man nicht nur feststellen, dass die Problematik alt ist, sondern auch die Lösung Generationen vorher prinzipiell immer die Gleichen war. Das kollektive Unterbewusste ist der Teil in unserer Psyche, den wir haben, weil wir Menschen sind, und als solche bestimmte Grundfunktionen haben.

Das ICH ist jene Instanz der Persönlichkeit, die der Träger des Bewusstseins. von Außen-, und Innenwelt und der eigenen Identität ist. Obwohl uns das ICH am vertrautesten ist, ist nichts so schwierig, wie das ICH zu verstehen. Das ICH versucht, sich in dieser Welt zu orientieren; dies geschieht besonders durch vier Hauptfunktionen: Sinneswahrnehmung, Denken, Fühlen, Intuieren. In der Regel hat ein Individuum nur eine oder zwei Grundfunktionen ausreichend ausgebildet, so dass die Persönlichkeit unausgereift bleiben muss. Menschen, die besonders den Sinneswahrnehmungen und dem Denken verhaftet sind, bezeichnet Jung als extrovertierte Menschen. Die gegenteiligen Menschen, die Introvertierten, basieren hauptsächlich auf Fühlen und Intuition. Eine Bewusstseinserweiterung ist demnach immer eine Differenzierung und Ausgestaltung der bisher verkümmerten Funktionen. Des Weiteren wird das ICH von zwei anderen grundlegenden Fähigkeiten gebildet: der ICH-Stabilität und der ICH-Flexibilität. Die ICH-Stabilität dient der Abgrenzung, Ausschließung und Unterscheidung. Sie kann Überhand nehmen in ICH-Verkrampfung und ICH-Starre. Die ICH-Flexibilität ist für die Offenheit gegenüber neuen Einflüssen verantwortlich, um sich wandeln zu lassen. Eine Übersteigerung endet in ICH-Desorientierung und ICH-Auflösung.

Das Selbst ist das Zentrum der ganzen Persönlichkeit und somit die zentrale Steuerungsinstanz, die mit dem Augenblick der Befruchtung der Eizelle wirksam wird und alle Entwicklungsprozesse strukturiert. Die Entwicklungsmöglichkeiten, die im Selbst als Potenz angelegt sind, hängen in ihrer Realisierung von Umwelt und Gesellschaftsverhältnissen ab, besonders aber von der Beschaffenheit des Ich-Bewusstseins. Von seiner Fähigkeit, sich dem Selbst gegenüber zu öffnen, hängt der Verlauf dessen Entwicklung ab. Das Ich ist der bewusste Vertreter des Selbst, sein Auge, mit dessen Hilfe das Selbst sich selbst erkennen kann. Das Selbst kann sich identifizieren mit Tieren, Kristallen und den Sternen. Es ist der Gott in uns.

Individuation heißt, zu dem zu werden, der man wirklich ist, und meint einen Differenzierungsprozess, der die Entfaltung aller Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten eines Individuums durch stufenweise Bewusstwerdung und Realisierung des Selbst zum Ziel hat.

Bei der Ich-Werdung liegt der Schwerpunkt auf der Differenzierung der individuellen Persönlichkeit. Bei der Geburt trennt sich das ICH vom Selbst. Dieser Zustand der Trennung wird im Leben des Menschen zunächst dadurch überwunden, dass er sein Selbst in andere Menschen hineinprojeziert. Sei es beispielsweise die Mutter, der Klassenlehrer oder der Nationsführer. Das Selbst in seiner vorgeburtlichen Einheit wird bei der Geburt in seine polaren Gegensätze aufgespalten, meist ohne die Aussicht, im Laufe des Lebens auch wieder vollständig integriert zu werden. Denn in seiner Entwicklung ist der Mensch immer gezwungen, sich seiner sozialen Umgebung anzupassen; dies geht immer auch auf Kosten von sehr positiven Anlagen, die aber in der Außenwelt nicht gewürdigt oder toleriert werden. Um seine Entwicklung zu schützen, werden die von außen unerwünschten, aber zum Selbst gehörenden, Anlagen negativ "geladen" und ab diesem Zeitpunkt gemieden und abgewehrt.

Im Laufe der Pubertät versuchen die jungen Menschen, sich auf das allgemeine Geschlechtsideal einzustellen. Dabei kommt es zwangsläufig zu einer überstarken Ablehnung der geschlechtsfremden Charaktereigenschaften. Im Normalfall werden diese Menschen im Erwachsenenleben die übertrieben geschlechtsspezifischen Handlungen weiterführen, und so einen gegengeschlechtlichen Schatten aufbauen: Die Anima beim Mann und den Animus bei der Frau. Obige Lernvorgänge entsprechen der Bildung der Komplexe und des Schattens.

Was der Mensch nach außen zeigt, wird seine Persona genannt. Eine gesunde Persona ist für das Leben in der Gesellschaft dringend erforderlich. Die Persona und auch das Ich-Bewusstsein sollten in der Lebensmitte (35. - 40. Lebensjahr) ausgereift sein.

Für viele Menschen ist mit der ICH-Verwirklichung das Ende der psychischen Entwicklung erreicht. Das Leben spielt sich nur noch in gesellschaftlich vorgegebenen Bahnen ab, das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung steigert sich. Nur wenige Menschen stellen sich in der Lebensmitte oder danach, meist aufgerüttelt durch eine Krise oder Not, die bange Frage nach dem, wie es jetzt weitergehen soll.

Die Individuation, also die Selbst-Verwirklichung und die Frage nach dem Lebenssinn sind die eigentlichen Anliegen Jungs. Während dieses Vorgangs wird die bisherige Entwicklung der Psyche weitergeführt, wenn auch mit einem umgekehrten Vorzeichen: Es geht nicht mehr darum, mehr und mehr eigene Wesensarten auszuschließen, damit man der Umwelt angenehm ist, es geht vielmehr darum, diesen Vorgang wieder rückgängig zu machen. Das ICH setzt sich nun mit all den ehemals unterdrückten Persönlichkeitsmerkmalen auseinander und versucht sie wieder in einer Person zu integrieren. Dies bedeutet im Einzelnen: Bewusstmachen unbewusster Komplexe, Auseinandersetzung mit der Persona und dem eigenen Schatten und die Herstellung einer Beziehung zum inneren Geschlecht (Animus/Anima). Das große Problem dabei ist folgendes: Die Bewusstmachung des Selbst erzeugt nun gerade jene Konflikte, die man durch ihr Unbewussthalten zu vermeiden versucht hatte. Das Ich-Bewusstsein geht den leidvollen Weg der Kreuzigung des Ausgespanntseins zwischen den Polaritäten der Psyche. Nun ist es sich der Gegensätze im Leben voll bewusst Deshalb können die mit einer Individuation auftretenden Leiden nicht vermieden werden. Der Mensch muss. die Spannung so lange aushalten, bis eine Vereinigung der Polaritäten auf höherer Ebene möglich wird. Im Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit, Schwäche und Ausgeliefertheit kommt das ICH zu einer demütigen Haltung, in der es sich den schöpferischen und Gegensatz vereinigenden Impulsen des Selbst öffnet. Ziel ist es, die innere Mitte zu finden, einen von Konflikten der Gegensätze unberührte Region der Stille. Dieser Zustand hat nichts überwältigend Großes, Bedeutungsvolles, Heiliges, sondern findet seinen Ausdruck viel eher in schlichten, einfachen Worten: heitere Gelassenheit, Frieden mit sich selbst, in sich ruhen können, das Leben so nehmen, wie es ist. Das Einlassen auf den Individuationsprozess vermittelt dem Menschen einen Lebenssinn und Lebensfülle.

C. G. Jung unterscheidet in "Psychologische Typen" vier Bewusstseinsfunktionen, nämlich Denken, Fühlen, Empfindung und Intuition. Bei jedem Menschen dominiert in der ersten Lebenshälfte eine der vier Funktionen. Mit der dominierenden Funktion richtet sich der Mensch im Leben ein. C. G. Jung nennt sie "superiore Bewusstseinsfunktion". Diese wird unterstützt durch eine auxiliäre Funktion. Die beiden anderen Funktionen sind mehr oder weniger unbewusst. Sie bilden daher die unbewusste Disposition zu den beiden bewussten Funktionen und werden minore Funktionen genannt. C. G. Jung unterscheidet zwischen wertenden und wahrnehmenden Bewusstseinsfunktionen. Wertend sind Denken und Fühlen. Denken wertet in Begriffen richtig und falsch, Fühlen nach "angenehm" und "unangenehm". Demgegenüber werten Empfindung und Intuition nicht sondern nehmen wahr. Die Empfindung nimmt mit den Sinnesorganen die Welt wahr wie sie ist, die Intuition die verborgenen Möglichkeiten, die in den Dingen liegen. C. G. Jung unterscheidet aber nicht nur unter vier Bewusstseinsfunktionen sondern auch zwischen zwei Bewusstseins-Einstellungen, zwischen Extraversion und Introversion. Der extravertierte Mensch orientiert sich in erster Linie an der Aussenwelt, an den äußeren Bedingungen und Normen, am Zeitgeist, an dem, was gerade "in" ist, der introvertierte Mensch primär an seinen psychischen Bedingungen, an seiner Innenwelt mit ihren Bildern und Symbolen. Daraus ergibt sich eine differenzierte Klassifizierung inextravertiertes Denken, extravertiertes Fühlen, extravertierte Empfindung, extravertierte Intuition, introvertiertes Denken, introvertiertes Fühlen, introvertierte Empfindung, introvertierte Intuition.

C.G. Jung wird am 26. Juli 1875 in Kesswil am Bodensee, im Kanton Thurgau, geboren. Er ist der Sohn des evangelisch-reformierten Pfarrers Johann Paul Achilles Jung und von Emilie Jung, geborene Preiswerk aus Basel. Die väterlichen Vorfahren kamen ursprünglich aus Deutschland, bis der Großvater als Chirurgieprofessor an der Universität Basel in die Schweiz übersiedelte. Mehrere Verwandte mütterlicherseits und zwei Brüder des Vaters waren Theologen. Der Einfluss von Medizin und Religion, von Naturwissenschaft und Glaube hatte in der Familie immer eine Rolle gespielt. 

Carl Gustav Jung charakterisiert seinen Vater, einen promovierten Arabisten als guten unkomplizierten Menschen, dessen dogmatischer Glaube ihm jedoch leer, schematisch und leblos erscheint. Dies zeigt sich insbesondere in den Auseinandersetzungen, Fragen und Zweifeln des Sohnes, die vom Vater lediglich mit lehrmäßigen Inhalten beantwortet werden, ohne das Anliegen des Sohnes zu erfassen und nachzuvollziehen. Zwar assoziiert Jung in bezug auf seinen Vater Zuverlässigkeit, gleichzeitig jedoch auch Ohnmacht. Enttäuschungen in der Ehe, sehnsüchtige Erinnerungen an die Studentenzeit und immer stärker werdende Glaubenszweifel führen zu schlechter Laune und chronischer Gereiztheit, bis die Glaubenskrise schließlich laut Jung für den frühen Tod des Vaters verantwortlich wird. "Ich verstand erst einige Jahre später, dass mein armer Vater nicht denken durfte, weil er von inneren Zweifeln zerrissen war. Er war auf der Flucht vor sich selber und insistierte deshalb auf dem blinden Glauben, den er erkämpfen musste und mit krampfhafter Anstrengung erzwingen wollte." 

In völlig anderer Hinsicht übte die Mutter auf Carl Gustav Jung eine tiefe Prägung aus. Er beschreibt sie als gespaltene Persönlichkeit, die einerseits manchmal überkommene Meinungen äußerte, diese jedoch andererseits von ihrem unkonventionellen, anderen Ich sogleich widerlegte. Nicht immer sagte sie, was sie eigentlich dachte - so der Eindruck des Jungen. Diese Tatsache lässt ihn die Mutter zum einen als liebende Mutter mit einer großen "animalischen Wärme", Gemütlichkeit und Redseligkeit erleben, zum anderen erscheint sie ihm unheimlich, archaisch und ruchlos. Der Sohn vertraut ihr deshalb nur bedingt - was ihn ernstlich beschäftigt, teilt er ihr nicht mit. Diese zwiespältige Haltung gegenüber der Mutter wird bereits von einem Erlebnis in der frühesten Kindheit genährt. Als er drei Jahre alt ist, muss die Mutter für mehrere Monate in ein Krankenhaus in Basel. Der Knabe reagiert auf dieses Verlassensein mit Ekzemen, und ihre lange Abwesenheit macht ihm schwer zu schaffen. Später sieht Jung das Leiden der Mutter im Zusammenhang mit Eheschwierigkeiten der Eltern. "Seit jener Zeit war ich immer misstrauisch sobald das Wort "Liebe" fiel. Das Gefühl, das sich mir mit dem "Weiblichen" verband, war lange Zeit: natürliche Unzuverlässigkeit und Ohnmacht. Ein halbes Jahr nach der Geburt des Sohnes Carl Gustav zieht die kleine Familie für vier Jahre nach Laufen bei Schaffhausen. Dort, oberhalb des Rheinfalls, wächst der Kleine auf dem Lande auf - im Umkreis von Pfarrhaus, Kirche und Friedhof. Dort macht er auch seine ersten Erfahrungen mit der ihm nicht ganz einsichtigen Gestalt des "Her Jesus". Dieser sollte einerseits Schutz vor den Gefahren der Nacht geben, wie ihn das Abendgebet der Mutter lehrte, andererseits stand er in dunklem Bunde mit den Vorgängen auf dem Friedhof, wenn der Vater im schwarzen Talar von ebenfalls schwarz gekleideten und finster blickenden Männern, die eine schwarze Kiste trugen, begleitet wurde: "Ich fing an, dem her Jesus zu misstrauen." Dem Jungen gelingt es auch später trotz aller Bemühungen nicht, ein positives Verhältnis zum verkündigten Jesus Christus der Kirche zu gewinnen. Der Religionsunterrricht langweilt ihn, und in die Kirche geht er - mit Ausnahme am Weihnachtstag - höchst ungern. 

Demgegenüber fasziniert ihn die Welt der Natur: Pflanzen, Tiere Steine - die Welt des Geheimnisvollen. Der vierjährige Carl Gustav zieht 1879 mit seiner Familie nach Kleinhüningen, das damals noch ein Dorf am Rande von Basel war. Als er neun Jahre alt ist, wird seine Schwester Gertrud geboren, eine Tatsache, die sein Misstrauen gegenüber den Eltern verstärkt, denn er hatte vom Verlauf der Schwangerschaft nichts bemerkt, und seine anschließenden Fragen werden mit der unglaubwürdigen Geschichte vom Storch, der das Kind gebracht habe, beantwortet. Mit elf Jahren fängt für den Jungen die Gymnasialzeit in Basel an. Anstelle der ländlichen Spielgenossen tritt die Bekanntschaft mit Kindern aus der sogenannten "großen Welt". Jung erkennt die Armut seiner Familie, und das verändert den Blick für die Sorgen und Kümmernisse seiner Eltern. Zur gleichen Zeit beginnt ihn die Gottesfrage zu interessieren. Gott verbindet sich langsam mit seiner Welt des Geheimnisvollen. Ein weiteres Erlebnis im zwölften Lebensjahr eröffnet dem Jungen eine Erkenntnis, die ihn sein Leben lang prägen und begleiten wird. Während er auf einen Schulkameraden wartet, wird er von einem anderen Jungen gestoßen, so dass er unglücklich mit dem Kopf auf den Randstein des Trottoirs fällt. Ohnmachtsanfälle sind die Folge, die insbesondere auftreten, als er wieder in die mit Langeweile und Angst besetzte Schule gehen soll. Aufgrund der rätselhaften Krankheit bleibt er nun länger als ein halbes Jahr dem schulischen Leben fern und widmet sich in der freien Zeit der viel interessanteren Welt des Geheimnisvollen, der Natur und der Bibliothek des Vaters. 

Plötzlich aber wird ihm bewusst, dass er mit seinem Verhalten vor sich selbst und vor den Anforderungen der Wirklichkeit flieht. Diese Erkenntnis macht ihn zu einem ernsthaften Kind, das von da an konzentriert lernt und zu einem guten Schüler wird. Etwas später wird ihm die Ahnung zu Gewissheit, in Wirklichkeit zwei verschiedene Personen zu sein. die eine Persönlichkeit - so der Eindruck des Jungen, ist für die Wirklichkeitserfahrung der Aussenwelt zuständig, während die andere Persönlichkeit mit Weisheit und Reife eine zentrale Rolle spielt. Dieser Persönlichkeit gibt Jung in seinem Leben schließlich den Vorrang. Allerdings hat sie wenig mit den Vorstellungen kirchlicher Frömmigkeit zu tun und steht gar im Widerspruch derselben. An einem schönen Sommertag drängt sich dem zwölfjährigen Jungen, der in Basel vor dem Münster steht, plötzlich ein angstvoller Gedanke auf. Er hat den Eindruck, nicht weiterdenken zu dürfen, weil sonst etwas Furchtbares geschehe. Vielleicht begehe er die Sünde wider den Heiligen Geist und wäre damit auf ewig in die Hölle verbannt. All seine Bemühungen richtet er krampfhaft darauf, nicht an den lieben Gott und das schöne Münster zu denken. Diese Spannung hält er zwei Tage lang aus, sogar ohne den Eltern etwas zu erzählen, in der dritten Nacht jedoch wird die Qual so groß, dass er sich trotz aller Angst entschließt, den Gedanken zu Ende zu denken, er fühlt sich von ihm überwältigt: "Ich fasste allen Mut zusammen, wie wenn ich in das Höllenfeuer zu springen hätte, und ließ den Gedanken kommen: Vor meinen Augen stand das schöne Münster, darüber der blaue Himmel, Gott sitzt auf goldenem Thron, hoch über der Welt, und unter dem Thron fällt ein ungeheures Exkrement auf das neue bunte Kirchendach, zerschmettert es und bricht die Kirchenwände auseinander. Das war es also. Ich spürte eine ungeheure Erleichterung und eine unbeschreibliche Erlösung. An Stelle der erwarteten Verdammnis war Gnade über mich gekommen und damit eine unaussprechliche Seligkeit, wie ich sie nie gekannt hatte. Ich weinte vor Glück und Dankbarkeit, dass sich mir Weisheit und Güte Gottes enthüllt hatten, nachdem ich Seiner unerbittlichen Strenge erlegen war. Das gab mir das Gefühl, eine Erleuchtung erlebt zu haben." 

Der Konfirmationsunterricht des Vaters ist ihm maßlos langweilig, und die für den Sohn einzig interessante Frage nach der Dreieinigkeit Gottes übergeht jener mit dem Hinweis, davon verstehe er selbst nichts. Diskussionen, die der erwachsene Sohn später mit seinem in Glaubenszweifel verstrickten, gesundheitlich schwachen Vater hat, führen zu keiner für beide Seiten hilfreichen Auseinandersetzung. Die Distanz zur kirchlichen Theologie vergrößert sich. Die Art, in der in der Kirche von Gott gepredigt wird, empfindet er als schamlos, weil dort in aller Öffentlichkeit der Wille Gottes verkündet wird, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass das Geheimnis der Gottesoffenbarung in den persönlichen Bereich innerster und innigster Gewissheit gehört. Jung kommt zum Schluss, dass anscheinend nicht einmal der Pfarrer um das Gottesgeheimnis weiß, denn sonst würde er es nicht wagen, dieses so öffentlich weiterzugeben und "die unsäglichen Gefühle mit abgeschmackten Sentimentalitäten zu profanieren". 

Die intensive Auseinandersetzung mit inneren Ereignissen seines Lebens, gibt Jung über weite Strecken seines Weges das Gefühl großer Einsamkeit. Das Wissen um innerseelische geheimnisvolle Vorgänge, die die Spielkameraden anscheinend nicht kennen, bewirkt, dass Jung sich bereits als Kind als Outsider empfindet. Zeitweilig wird die Beschäftigung mit den inneren Erfahrungen so intensiv, dass sie zu Depressionen führt, die erst nachlassen, als er sich um eine bewusste Realitätserfassung bemüht. "Meine ganze Jugend kann unter dem Begriff des Geheimnisses verstanden werden. Ich kam dadurch in eine fast unerträgliche Einsamkeit, und ich sehe es heute als eine großes Leistung an, dass ich der Versuchung widerstand, mit jemandem davon zu sprechen. So war damals schon eine Beziehung zur Welt vorgebildet, wie sie heute ist: auch heute bin ich einsam, weil ich Dinge weiß und andeuten muss, die die anderen nicht wissen und meistens auch gar nicht wissen wollen", sagt er in seiner Autobiographie im Alter von über 80 Jahren.

1895, also im Alter von zwanzig Jahren, beginnt Jung sein Studium an der Universität Basel. Nach langen unsicheren Überlegungen, in denen er zwischen Natur- und Geisteswissenschaft schwankt, entscheidet er sich für Medizin weil dieser Studiengang naturwissenschaftliche Fächer, gleichzeitig aber auch vielfältige Möglichkeiten wissenschaftlicher Betätigung offenlässt. Ein halbes Jahr nach Studienbeginn stirbt der Vater, was für die Familie schwerwiegende finanzielle Probleme mit sich bringt. In der Folge wird Jung zum Familienoberhaupt und bringt dank verwandtschaftlicher Unterstützung und einer Unterassistentenstelle Mutter und Schwester durchs Leben. Ab Ende des zweiten Semesters beginnt er sich mit spiritistischer Literatur zu beschäftigen. Später nimmt er an Séancen teil. Das Medium, Helene Preiswerk, war gerade fünfzehn Jahre alte und stammte aus Jungs. Die Aufzeichnungen über diese Versuche inspirieren Jung dazu, seine Dissertation zum Thema "Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene" zu schreiben. Das Mädchen setzt er dabei als Instrument ein. Über ihre Erlebnisse wird später ein Buch veröffentlicht. Im Anschluss an sein Studium wird Jung Assistent an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sein Lehrer ist Eugen Bleuler, Professor für Psychiatrie. Ausschlag für die Wahl dieser Fachdisziplin gibt während der Vorbereitung auf das Staatsexamen die Einführung im "Lehrbuch der Psychiatrie" von Krafft-Ebing. Die Psychose, eine "Krankheit der Person" - so Krafft-Ebing -, steht in ihrer Erforschung und Behandlung immer in engem Zusammenhang mit der Persönlichkeit des Arztes und der Objektivität seiner Erfahrungen." Dieser Gedanke zieht Jung in seinen Bann. 1902 hört er ein Semester bei Pierre Janet in Paris, um seine Kenntnisse in der Psychopathologie zu vertiefen. Anschließend geht er wieder an die Burghölzli-Klinik unter Leitung von Bleuler. 1903 heiratet er Emma Rauschenbach, die Tochter eines Industriellen aus Schaffhausen. Zur Familie gehören später ein Sohn und vier Töchter. Die wissenschaftlichen Untersuchungen an der Klinik führen nach einem Jahr zur Publikation über eine von Jung eingeführte Methode, das "Assoziations-Experiment". 

1905 kann er sich habilitieren und außerdem die Funktion eines Oberarztes übernehmen. Er wird im gleichen Jahr Privatdozent für Psychiatrie an der Universität Zürich und es folgen vielfältige Einladungen zu Vorlesungen im Ausland, insbesondere in den USA. Im Laufe seines Lebens erhält Jung mehrere Ehrendoktorate. Ab 1909 unterhält er neben allen Verpflichtungen eine Privatpraxis in seinem Haus in Küsnacht am Zürichsee, seine Kliniktätigkeit gibt er zugunsten dieser Praxis auf. 

In das Jahr 1907 fällt die erste persönliche Begegnung mit dem um 19 Jahre älteren Sigmund Freud, ausgelöst durch die Lektüre des Buches "Die Traumdeutung". Sie führt zu einer tiefen Beschäftigung mit den Lehren der Psychoanalyse, die Jung auf dem Wege seiner bisherigen Forschungen und Ergebnisse innerhalb der experimentellen Psychopathologie entscheidend bestätigt. Das Bekenntnis zu dieser Beschäftigung mit den damals äußerst umstrittenen Gedanken Freuds ist im Hinblick auf die wissenschaftliche Öffentlichkeit gewagt, doch Jung nimmt das Risiko auf sich. Freuds Wertschätzung gegenüber Jung geht so weit, dass er ihn "förmlich als ältesten Sohn adoptierte" und in ihm damit seinen "Nachfolger und Kronprinzen" sieht. Die Eigenständigkeit der Jungschen Gedankenwelt führt jedoch bald zu Differenzen mit Freud und schließlich zum Bruch. Insbesondere kann Jung die Betonung und Verabsolutierung des Freud'schen Libido-Verständnisses nicht nachvollziehen. Libido darf Jungs Meinung nach nicht exklusiv im sexuellen Sinn verstanden werden, sondern gilt ihm viel umfassender als seelische Energie überhaupt. Als ihm Freud bereits 1910 in Wien sagt: "Mein lieber Jung, versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben. Das ist das Allerwesentlichste. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk", kann Jung nur mit der Empfindung reagieren: "Es war ein Stoß, der ins Lebensmark unserer Freundschaft traf. Ich wusste, dass ich mich damit nie würde abfinden können. 

1913 trennt sich Jung endgültig von Freud und der psychoanalytischen Gruppe und geht seinen eigenen Weg. Bereits ein Jahr vorher erscheint Jungs Auseinandersetzung mit der Lehre Freuds, sein Buch "Wandlungen und Symbole der Libido", später umgearbeitet in "Symbole der Wandlung". Jungs Wurzeln für die Erkenntnisse seiner Gedanken liegen neben seiner Persönlichkeit in den Studien anderer Kulturen. Er unternahm mehrere Reisen und Expeditionen zu primitiven Völkern, um deren Psychologie zu studieren. Dabei stellt er "frappante Analogien zwischen den Inhalten des Unbewussten eines modernen Europäers und gewissen Manifestationen der primitiven Psyche und ihrer Mythen- und Sagenwelt" fest. Er dehnt die ethnologischen religionspsychologischen Forschungen weiter aus und wendet sich der philosophischen und religiösen Symbolik des Fernen Ostens zu.

In diese Zeit fällt die Begegnung mit dem Sinologen Richard Wilhelm, dem Direktor des Frankfurter China-Institutes. Gemeinsam publizieren sie 1930 einen alten taoistischen Text, "Das Geheimnis der goldenen Blüte". Ebenso kommt es zur Zusammenarbeit mit dem deutschen Indologen Heinrich Zimmer und dem ungarischen Mythenforscher Karl Kerényi. Die Deutsche Gesellschaft für Psychotherapie wird mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach deren Prinzipien reorganisiert. Ihr Präsident, Ernst Kretschmer tritt von seinem Posten zurück. Eine internationale Gesellschaft für Psychotherapie wird auf Jungs Impuls hin gegründet und Jung fungiert als deren Präsident. Er versteht seine Rolle als Beschützer und Helfer verfolgter deutscher Psychologen. Aber es wird ihm Antisemitismus vorgeworfen. Die Anklage stützte sich auf Zitate aus Jungs Artikel "Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie" aus dem Jahre 1934. Auch in andern Artikeln sind zweideutige Aussagen zu finden. In den 40er Jahren erfährt Jung breite Anerkennung diverser akademischer Kreise. Ehrendoktorate und die Berufung als ordentlicher Professor für Medizin mit besonderer Berücksichtigung der Psychotherapie der Universität Basel gehören zu den davon zeugenden Auszeichnungen. Wegen schwerer Krankheit tritt Jung jedoch nach zwei drei Vorlesungen von seinem Amt zurück. Er entwickelt nach langer Selbstversenkung die Analytische Psychologie, die auch heute noch viele Interessenten hat.


Das weltweite Vorkommen ähnlicher Märchenmotive (Hexen, Drachen, Höhlen, Zauberer, magische Fähigkeiten wie Fliegen, Verlust von Vertrautem, Rätselaufgaben, um erlöst zu werden etc.), die C. G. Jung noch als Teil eines "kollektiven Unterbewussten" gedeutet hat, kann die moderne Säuglingsforschung (Alison Gopnik, Daniel N. Stern, Martin Dornes et al.) exakter erklären. So sieht das Baby in den ersten Monaten nur im Bereich von zirka 20 bis 25 Zentimetern scharf, das übrige Blickfeld ist in ein rundes, unscharfes Hell-Dunkel getaucht - wie in einer Höhle mit Lichtreflexen. Wird ein noch nicht gehfähiger Säugling getragen, so hat er Reit- und Flugerlebnisse. Um den fünften Monat kommt es zu einer dramatischen Veränderung. Die Sehschärfe weitet sich, das Kind beginnt, auch entfernte Objekte und Details zu erkennen; insbesondere an seiner Mutter: deren Gesicht, Figur und Augen. Das Baby muss. sich also von der bislang unscharfen und primär greifbaren "alten" Mutter trennen, um gleichsam seine "neue Mutter" zu entdecken.

Diese Trennung erzeugt Angstgefühle, ist auch ein Kampf. Überhaupt lebt das Baby in den ersten Monaten "wie in einer endlosen Zaubervorführung", so Alison Gopnik in ihrem Buch "Forschergeist in Windeln". Nach etwa 18 Monaten ist diese vorsprachliche, "magische" Phase abgeschlossen und versickert in den Kanälen unseres Unterbewusstseins, lebt aber in unseren Träumen fort, auch als Erinnerung an ein Land, in dem man fliegen konnte und wo Dinge von einem Ort zum anderen zu wirbeln schienen, wenn sie nicht gerade auf unerklärliche Weise verschwanden. Es bleibt aber auch die Erinnerung an einen Ort der Finsternis zurück, an die Angst vor der Dunkelheit, in der Kämpfe überstanden werden mussten. Gegen Ende des zweiten Lebensjahres beginnt die Logik der: Sprache, auch die Ge- und Verbotswelt der Eltern, die Wahrnehmung des Kindes stärker zu bestimmen.

 


Jung heute

14 Jung'sche TherapeutInnen haben in einem Buch ("Lieber C.G. Jung - Was ich Ihnen schon immer sagen wollte", Walter Verlag) an Jung teils persönliche, teils wissenschaftliche Briefe geschrieben. Sie, die zweite Schüler-Generation, hat inzwischen seine Konzepte vertieft und erweitert. Jung selbst hat vor Jungianern gewarnt. "Ich kann nur hoffen und wünschen, dass niemand 'Jungianer' wird. Ich vertrete ja keine Doktrin, sondern beschreibe Tatsachen." (Briefe II, Seite 9) Die erste Generation der Jung-Schüler arbeitete noch ganz im Bann und zum Teil in Fixierung auf C.G. Jung. Die zweite Generation setzt sich auch mit seinen Schwächen, Fehlern und Schattenseiten auseinander. Jung selbst hat darauf hingewiesen, dass, wo viel Licht, notwendigerweise auch viel Schatten ist. Gegenüber den Nazis war er - bis 1936 zumindest - politisch nicht nur naiv, sondern aus heutiger Sicht beinahe unverzeihlich leichtfertig. In seiner Auseinandersetzung mit dem Juden Freud zeigt sich der christliche Tiefenpsychologe Jung nicht frei von antisemitischen Vorurteilen.

 

Unterschied zu Freud

Die materialistisch orientierte Freud'sche Psychoanalyse wird heute zunehmend in Frage gestellt und stellt sich selbst in Frage, während die spirituell inspirierte analytische Psychologie C.G. Jungs an Bedeutung gewinnt. Freud, der in den meisten Konflikten nicht verarbeitete Triebprobleme sieht, ist wohl eher der Psychologe der ersten Lebenshälfte. Seine Psychologie ist retrospektiv. Jungs Tiefenpsychologie ist eher perspektivisch. Jung hat erkannt, dass die meisten Probleme seiner PatientInnen über 35 im Grunde religiöser Natur sind. Er ist der Psychologe der Lebensmitte und der zweiten Lebenshälfte. Freud verfolgt die Probleme der Erwachsenen zurück in die Kindheit. Freud schaut fast immer zurück. Jung blickt nach vorn. Freud ist regressiv, Jung progressiv. Freud will langwierige seelische Tiefenbohrungen und landet fast immer bei Mutter- und Vaterkomplexen; und das bei therapeutischen Behandlungen, die vier bis fünf Jahre und noch länger dauern. Jung hingegen und seine SchülerInnen wollen möglichst rasch "Individuation", Emanzipation, Selbständigkeit und geistige Widerstandskraft mobilisieren. Jung zeigt einen Weg vom Ich der ersten Lebenshälfte zum Selbst der zweiten Lebenshälfte. Eine Jung'sche Therapie dauert im Schnitt 18 Monate. Das Ziel der Jungschen "Individuation" ist die Entfaltung des Selbst. Das Selbst ist die psychische Ganzheit des Menschen, der tiefste innerste Bereich der Persönlichkeit: "Was die Jugend außen fand und finden musste, soll der Mensch des Nachmittags innen finden." (Gesammelte Werke, Band 7, Seite 81). Seine Lehre ist wie viele andere auch geprägt von der eigenen Biographie. Viele Jahre nach seinem "Vatermord" am älteren und lange von ihm bewunderten Sigmund Freud in den Jahren 1911/12 hat er erst seinen eigenen Weg der Seelenforschung gefunden - nach einer klassischen und schmerzhaften Krise in der Mitte seines Lebens. Jung bedauerte, dass es keine staatlichen Schulen für die zweite, die entscheidende Lebenshälfte gibt. Aber Jung zeigte uns dafür die Schulen in uns: die individuellen seelischen Entwicklungswege, die Träume, das Unbewusste.

Religion und Psychologie

Religion ist nach Jung die Möglichkeit, die Seele zu entdecken; Freud sieht in der Religion zuerst die Möglichkeit, dass Seelische zu verdrängen. Religion ist für Freud wie für Marx Opium, für Jung psychische Energie. Nach Jung krankt jeder in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat (Gesammelte Werke, Band 11, Seite 362). Die heutige Psychologie - maßgeblich beeinflusst von Freud - ist fast gottlos und die heutige Theologie - maßgeblich von der Aufklärung beeinflusst - ist fast seelenlos. Jungs Weg ist der Weg der Ganzheit und Selbstverwirklichung über Selbsterkenntnis. Was alle Menschen aller Zeiten und aller Kontinente miteinander verbindet, das ist der religiöse Kern unserer Existenz. Das heißt: jeder Mensch hat eine Seele. Religionen und Psychologie sind nicht dasselbe, aber beide sorgen sich um die menschliche Seele. Unsere Periode der Menschheitsgeschichte ist von Technik und Ökonomie geprägt. Technisch sind wir Weltmeister, psychisch aber infantil geblieben. Es ist grotesk, dass wir auf den Mond fliegen, den Atomkern und den Zellkern spalten können, aber immer noch nicht wirklich in uns hinein hören wollen und auf die Signale achten, die wir von dort Nacht für Nacht über unsere Träume empfangen. Jung lehrt, dass Heilung nur von innen kommen kann, nicht aus dem Medikamentenschrank - für den Einzelnen, für die Gesellschaft, für die Menschheit. Die wichtigste politische Einsicht, die wir Heutigen von C.G. Jung lernen könnten: Die drohenden Katastrophen um uns sind das Ergebnis der Katastrophen in uns. Auch die zweite Schüler-Generation Jungs ist sich dieser Zusammenhänge, die C.G. Jung gesehen hat, nicht ausreichend bewusst. Sonst wären die Jungianer insgesamt politischer. Sie beschäftigen sich aber zu sehr mit der Pflege der privaten Seelen-Gärtlein und übersehen häufig die Krankheitsursachen von außen. Unpolitische Menschen können nicht gesunden. Keiner lebt für sich allein. Aber auch umgekehrt gilt: Die ganze Welt wird sauber, wenn jeder und jede vor der eigenen Haustür kehrt.

Siehe die in der Tradition Jungs stehende Imago-Therapie

Quellen:
http://www.wissen.de/lernen/Sozialwissenschaften/Psychologie/13_freud_sigmund.html (00-06-07)
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/PsychologieSchulen.html
http://www.4real.ch/psy-thrp.html (01-11-17)
http://www.ngfg.com/texte/nv067.htm (02-03-05)
http://www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,C.+G.+Jung+heute,34,a11743.html (09-02-12)

Bildquelle:
http://www.oana.de/cgjung.JPG (02-11-30)



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