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Wettsucht bei Sportwetten

Wettsucht ist eine typische Form der Glücksspielsucht, wobei im Allgemeinen Männer anfälliger für Spielsucht sind als Frauen, was auch für das Wetten gilt und teilweise kulturell bedingt ist. Bei Männer ist das sensation seeking stärker ausgeprägt, sodass sie beim Wetten auch relativ hohe Summen einsetzen, denn sie wollen dabei Abenteuer und Aufregung erleben. Dieses höhere Risiko bildet die Grundlage für starke Emotionen, die im Gehirn die Ausschüttung des Hormons Dopamin fördern. Bei Frauen dient die Spielsucht eher zum Ablenken von Alltagssorgen, wobei es etwa in England ältere Frauen gibt, die ihr ganzes Gelb beim Bingo einsetzen, wobei es ihnen hauptsächlich darum geht, über das Spielen Sozialkontakte zu pflegen. Gerhard Meyer und Tobias Hayer (Universität Bremen) haben in einer mehrstufig angelegten Studie das Gefährdungspotenzial und das Suchtrisiko von Lottospielen und Sportwetten untersucht. Befragt wurden insgesamt 489 Glücksspieler, die eine ambulante oder stationäre Hilfeeinrichtung aufgesucht hatten. Meyer und Hayer leiten aus ihren Ergebnissen einen hohen Bedarf an präventiven Maßnahmen ab. Die folgenden Ausführungen greifen einige Aspekte heraus, die insbesondere im Hinblick auf Kinder und Jugendliche von Bedeutung sind.

Ätiologisch lässt sich das problematische Glücksspielverhalten in der Adoleszenz wie im Erwachsenenalter als das Ergebnis eines dynamischen und komplexen Zusammenwirkens einer Vielzahl von Faktoren verstehen, die das Individuum, sein Umfeld sowie die spezifischen Eigenschaften des Glücksspiels betreffen (Modell der "Suchttrias: Rauchen, saufen, kiffen"). Die empirische Befundlage deutet die Existenz einer mehr oder minder großen Gruppe von Spielern an, die psychosoziale Belastungen im Zusammenhang mit Sportwetten erleben. Der Anteil der Spieler mit sportwettenbezogenen Problemen, die Kontakt zu Spieler-Versorgungseinrichtungen aufsuchen, wächst mit dem Verfügbarkeitsgrad und der Attraktivität der vorhandenen (legalen wie illegalen) Sportwettenangebote an, von Buchmacher- bzw. Festquotenwetten geht in Relation zu Totalisatorwetten sogar eine stärkere Anziehungskraft und damit ein größeres Suchtpotenzial aus, wobei einige soziodemographische Merkmale wie Alter und Geschlecht das Risiko erhöhen, psychosoziale Belastungen im Zuge des Sportwettverhaltens zu entwickeln.

Zahlreiche empirische Befunde zeigen, dass ein beträchtlicher Anteil der Minderjährigen Geld für kommerzielle Glücksspiele ausgibt oder an selbstorganisierten Spielen um Geld mitwirkt. Wenngleich die Teilnahme an Lotterien für Kinder und Jugendliche in den meisten Ländern unter 16 bzw. 18 Jahren verboten ist, bestätigen zahlreiche empirische Befunde einen frühen und zumeist illegalen Erstkontakt mit Glücksspielent. Diese Erkenntnis verdient gerade vor dem Hintergrund der augenscheinlichen Anfälligkeit von Minderjährigen und jungen Erwachsenen für die Entwicklung eines (spiel-)süchtigen Verhaltens besondere Aufmerksamkeit. Nach Meinung von Experten bestehen wenig Zweifel daran, dass für die Gruppe der Jugendlichen ein erhöhtes Risiko besteht, wenigstens temporär ein problematisches Spielverhalten (nicht nur in Bezug auf Lotterien) zu entwickeln. Unabhängig von der Glücksspielform belegen verschiedene Studien einen (korrelativen) Zusammenhang zwischen dem Alter beim Erstkontakt mit einem Glücksspiel und der Wahrscheinlichkeit, im späteren Entwicklungsverlauf glücksspielbezogene Belastungen zu erfahren. So berichteten pathologische Spieler im Durchschnitt von einem Erstkontakt mit Glücksspielen im Alter von 9,7 Jahren. Demgegenüber fand die erste Begegnung mit einem Glücksspiel für nicht-pathologische Spieler "erst" im Alter von durchschnittlich 11,6 Jahren statt (vgl. Griffiths 1990, nach Mayer & Hayer 2005).

Zwei unmittelbar aufeinander bezogene Bedingungsfaktoren problematischen Sportwettverhaltens sind wesentlich: Sportbegeisterung als emotionale Komponente und fachliche Kompetenz als kognitive Komponente. Die aktive Einbindung des Spielteilnehmers und die vielfältige Auswahl an Spiel- und Einsatzmöglichkeiten suggeriert, dass es lediglich von den "richtigen" Entscheidungen des Spielteilnehmers abhängt, ob ein Geldgewinn erzielt wird. Demnach neigen die Problemwetter dazu, den eigenen Einfluss auf das Spielgeschehen zu überschätzen und die Überzeugung zu hegen, mit individuellen, wohldurchdachten und sich ständig verfeinernden Spielstrategien die Gewinnwahrscheinlichkeit erhöhen zu können (Phänomen der illusionären Kontrollüberzeugung). Es erfolgt eine Intensivierung der gedanklichen Beschäftigung mit dem Sport im Allgemeinen und dem Sportwetten im Speziellen. Selektive Informationsverarbeitungsprozesse und verzerrende kognitive Mechanismen wie das Wegdiskutieren von Verlusten inklusive der Suche nach plausiblen post-hoc-Erklärungen für die Fehlprognosen, aber auch das übermäßige Betonen von Gewinnerlebnissen sowie eine ausgesprochen optimistische Erwartungshaltung wirken wie eine Triebfeder und führen zu einer zumeist schleichenden Verfestigung des Wettverhaltens. Zudem geben gelegentliche Gewinnerfahrungen – insbesondere zu Beginn der "Spielerkarriere" - ein Gefühl der Selbstbestätigung, was wiederum die Wahrscheinlichkeit des Weiterspielens erhöht. Der Spielteilnehmer lernt somit, dass die Verknüpfung von Sportbegeisterung und Sportwetten nicht nur mit einer erhöhten Spannung einhergeht, sondern darüber hinaus die eigenen Kompetenzen profitabel sein und in Geld umgesetzt werden können.

Glücksspieler sind übrigens in Sportvereinen sehr häufig anzutreffen, denn es nimmt etwa jedes zweite Mitglied an Sportwetten teil, während in der Bevölkerung nur etwa jeder Zwanzigste tippt. Bei den Vereinsmitgliedern zeigen nach einer Studie von Meyer et al. (2013) mehr als fünf Prozent ein problematisches Spielverhalten, weitere 3,5% leiden eindeutig unter einer krankhaften Glücksspielsucht. Man vermutet, dass die Neigung zum Glücksspiel im Zusammenhang mit der wettbewerbsorientierten Einstellung der Athleten und ihrer generellen Neigung zu risikoreichem Verhalten steht. Es handelt sich dabei um Eigenschaften, die auch mit glücksspielbezogenen Problemen in Verbindung gebracht werden. Zusätzlich scheint die soziale Bindung im Kontext von Mannschaftssportarten eine Spielteilnahme zu fördern, denn Athleten von Mannschaftssportarten nehmen signifikant häufiger an Glücksspielen teil als Athleten von Individualsportarten, wobei junge Männer als besonders gefährdet gelten. Zusätzlich erhöhen ein niedriger Bildungsabschluss, ein Migrationshintergrund und Arbeitslosigkeit außerdem das Risiko für ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten. Bekanntlich dürfen Spieler und ihre Angehörigen meist keine Wetten auf die eigene Mannschaft abschließen, doch die Wissenschaftler bezweifeln die Sinnhaftigkeit des Verbots, denn solange Sportwetten auf Fußballspiele im Amateurbereich durch einzelne Anbieter vorgehalten werden, sind Wettverbote auf Grund der hohen Affinität in den vorhandenen Risikogruppen in Sportvereinen kaum zielführend, wobei insbesondere süchtige Spieler besonders anfällig für Spielmanipulationen sind, da ein hoher Geldbedarf zur Befriedigung des Suchtverhaltens besteht.

Livewetten haben ein besonders hohes Suchtpotenzial

Live-Sportwetten bergen ein besonders großes Suchtpotenzial, wobei vor allem Ereignis-Wetten, bei denen ein Spieler während eines Fußballspiels auf Vorkommnisse wie die erste gelbe Karte Geld setzen, sind äußerst riskant, denn der Spieler ignoriert dabei völlig den Zufall des Spiels und überschätzt sein eigenes Wissen zu möglichen Ereignissen während des Spiels und zu dessen Ausgang.

Merkmale süchtigen Wettverhaltens

Aus der Vielzahl an Einzelbefunden von Mayer & Hayer (2005) können vier ausgewählte Aspekte diesen Sachverhalt verdeutlichen:

Die beiden Autoren zeichnen folgendes Profil eines problembehafteten Sportwetters:

Bereits vergleichsweise früh nach Erstkontakt entwickelt der Spielteilnehmer zum Teil bedingt durch Gewinne in der Anfangsphase der „Spielerkarriere“ eine zunehmende Fixierung auf das Sportwetten, die in progressiver Weise die Lebensbezüge einengt und alternative Interessen unwichtig erscheinen lässt. Über unterschiedliche, sich zum Teil gegenseitig bedingende Prozesse kommt es im Zuge der „Spielerlaufbahn“ zu einer in der Regel schleichenden Dosissteigerung, beispielsweise über die Abgabe zusätzlicher Wettscheine, die Zusammenstellung einer größeren Gesamtquote oder die Erhöhung des Wetteinsatzes, was bis zum Hasardieren oder einem totalen Verlust der Handlungskontrolle reichen kann. Um die gewünschte psychotrope Wirkung zu erzielen, benutzt der Problemwetter die vorhandenen Spielmöglichkeiten derart, dass Spielabfolgen zunehmend verkürzt und infolgedessen Verluste durch ein Weiterspielen schnell kompensiert werden können. In Kombination mit den in Aussicht gestellten Gewinnmöglichkeiten keimt die Hoffnung auf, bei der nächsten Wettteilnahme auf einen Schlag die entstandenen Verluste auszugleichen. Trotz negativer psychischer, sozialer und finanzieller Folgen und starker Beeinträchtigung in verschiedenen Lebensbereichen ist die Abstinenz oder zumindest eine Reduzierung des Wettverhaltens nicht mehr möglich. Am Ende der „Zockerlaufbahn“ steht ein unkontrolliertes Spielverhalten (z. B. lassen sich die Problemspieler gewöhnlich keine Gewinne mehr auszahlen, sondern setzen diese Beträge umgehend wieder ein), um das ein Geflecht von Lügen und Verheimlichungen aufgebaut und die Abgabe der Wettscheine „zur Sicherheit“ auf verschiedene Annahmestellen verteilt wird. Für einige Spielteilnehmer mündet dieser fehlangepasste Entwicklungsverlauf in Beschaffungskriminalität als letzten Ausweg, um die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu sichern.

Die Forschungsbefunde verweisen darauf, dass im Zusammenhang mit den Glücksspielformen Zahlenlotto und Festquotenwetten ein Bedarf an präventiven Maßnahmen besteht. Diese neuartige Glücksspielform verlangt nach einer strukturellen Verankerung von Spielerschutzmaßnahmen, die grundsätzlich an den Prinzipien der Proaktivität und Nachhaltigkeit ausgerichtet sein sollte und sowohl von staatlicher als auch von privater Anbieterseite einzufordern ist (Meyer & Hayer 2005, S. 165).

Siehe dazu auch Glücksspielsucht

Quellen

Meyer, G. & Hayer, T. (2005). Das Gefährdungspotenzial von Lotterien und Sportwetten - Eine Untersuchung von Spielern aus Versorgungseinrichtungen. Abschlussbericht. Universität Bremen.

Literatur

Breen, R.B. & Zuckerman, M. (1999). ‚Chasing’ in gambling behavior: Personality and cognitive determinants. Personality and Individual Differences, 27, 1097-1111.

Griffiths, M.D. (1990). The acquisition, development and maintenance of fruit machine gambling. Journal of Gambling Studies, 6, 193-204.

Hayer, T. & Meyer, G. (2004). Die Prävention problematischen Spielverhaltens – Eine multidimensionale Herausforderung. Journal of Public Health/Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 12, 293-303.

Meyer, G., Meyer, J., Zielke, M. & Hayer, T. (2013). Verbreitung von Sportwetten und glücksspielbezogenem Suchtverhalten in Sportvereinen - Eine Pilotstudie. Praxis - Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation, 92, 189-196.



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