Lernmotivation im Studium

Nachdem in den Grundschulen im Hinblick auf die Lernmotivation häufig ein Abstumpfungsprozess begonnen hat, da man dort Wissen lehrplanbestimmt präsentiert bekam, nach dem man überhaupt nicht gesucht hat, der sich oft in den weiterführenden Schulen noch verstärkt hat (vgl. Fend, 1997, Krapp & Weidenmann, 2001), wird an den Hochschulen und Universitäten in Massenveranstaltungen der vielleicht aufkeimende Rest vollends zerstört. Nicht wenige Studierende sehen bald ihre Ziele beim Besuch von Lehrveranstaltungen in erster Linie im Scheinerwerb, der das rasche Beenden des Studiums ermöglicht. Hier zeigt sich oft das Produkt einer zwölf- oder dreizehnjährigen schulischen Sozialisation.

Motivation und Studienverlauf sind aber eng miteinander verbunden und Untersuchungen zeigen, daß die Motivation in hohem Maße über Erfolg und Mißerfolg der Ausbildung entscheidet. Studenten mit einem klaren Berufsziel sind besser motiviert als solche, die studieren, weil es heutzutage üblich ist oder weil ihnen nichts besseres einfällt.

Motivationsprobleme bei StudentInnen

StudentInnen, die in eine psychologische Beratungsstelle kommen, sind mit ihrer Lebenssituation und ihrem Studium unzufrieden:

  • Sie fühlen sich unwohl, haben keine Freude am Studium
  • Sie finden keinen inneren Bezug zu Inhalten ihres Faches
  • Sie schieben ihre Studienaufgaben vor sich her
  • Sie sehen im Studium keinen Sinn mehr und auch keine Alternativen
  • Sie glauben nicht daran in ihrem Studium Qualifikationen erwerben und Perspektiven erarbeiten zu können
  • Sie sind zunehmend beunruhigt, sich für das falsche Studium entschieden zu haben
  • Sie können sich zwischen verschiedenen Studienmöglichkeiten nicht entscheiden
  • Sie sind unfroh, angespannt, gereizt und wollen nicht mehr über ihr Studium sprechen Sie gehen immer weniger an die Universität, verlieren den Kontakt zu ihren KommilitonInnen und isolieren sich Sie schämen sich, weil sie das Studium nicht "einfach durchziehen" können Sie entwickeln starke Selbstzweifeln oder sind depressiv verstimmt
  • Sie entwickeln Angst, das Leben nicht zu meistern

Was unterscheidet motiviertes Studieren vom Zweifeln daran, ob Sie das richtige Fach gewählt haben und in der richtigen Weise vorankommen? Was hat es damit auf sich, wenn Sie Ihre Aufgaben im Studium als zu langweilig oder zu anspruchsvoll empfinden? Oder wenn "es nicht klappt" mit der Anfertigung von Referaten und anderen Studienarbeiten?

Wenn man weiß, was man will, wenn sich das eigene Handeln in Übereinstimmung mit den Lebensperspektiven befindet, fühlt man sich wohl. Man ist bereit, Anstrengungen in Kauf zu nehmen und erlebt das Bewältigen von Aufgaben als befriedigend. Man sieht das Bild von sich durch konkrete Handlungen bestätigt. Das motiviert für weitere Arbeit. Verstärkt wird solch ein Gefühl durch die Erfahrung, mit Gleichgesinnten an ähnlichen Zielen zu arbeiten. Es hilft, die eigenen Handlungen einordnen und bewerten zu lernen.

Welche Motive sind im Studium besonders wichtig?

  • das Leistungsmotiv, mit den Extremen Hoffnung auf Erfolg/Furcht vor Mißerfolg,
  • das Anschlußmotiv, mit den beiden Polen Hoffnung auf Anschluß/Furcht vor Zurückweisung;
  • das Machtmotiv, mit den Extremausprägungen Hoffnung auf Kontrolle /Furcht vor Kontrollverlust;

Weitere wichtige Motive sind die

  • nach Aufrechterhaltung eines inneren Gleichgewichts,
  • nach Sicherheit und Vertrautheit (Familiarität),
  • nach Neugier und Abwechslung und
  • nach Selbstverwirklichung.

Vorübergehende Motivationsprobleme im Studium sind völlig normal. Wenn man sich auf ein Studienfach (oder mehrere) festgelegt hat, ist es nur natürlich, dass man manchmal an der Richtigkeit der Fachwahl zweifelt. Je mehr man über das Fach, seine Kultur und seine Lernerfordernisse erfährt, desto größer wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass man die damalige Entscheidung für das Fach noch einmal überdenken und vielleicht revidieren möchte. In solchen Phasen kann man nicht einfach ungestört weiterlernen und -arbeiten, als sei alles in Ordnung. Eine rechtzeitige Studienunterbrechung, ein Fachwechsel oder eine berufliche Neuorientierung sind jedoch subjektiv und objektiv befriedigender als ein lang verschlepptes, ungeliebtes oder wenig erfolgreiches Studium. Dauerhaftere Motivationsprobleme, auch nachdem Sie vielleicht schon einmal oder mehrere Male das Studienfach gewechselt haben, sind ernster zu nehmen. Sie haben häufig die folgenden Hintergründe:

  • Sie sind intellektuell überfordert;
  • Sie sind intellektuell unterfordert;
  • Sie erwarten eher Mißerfolge als Erfolge (Mißerfolgsmotivierte suchen sich, wenn sie eine Wahl haben, extrem leichte Aufgaben heraus oder extrem schwierige. Erfolgsmotivierte bevorzugen hingegen mittlere Aufgabenschwierigkeiten);
  • Sie schreiben Mißerfolge dauerhaft Ihren fehlenden Fähigkeiten zu, Erfolge hingegen dem Zufall;
  • Sie verfolgen mit dem Studium unklare oder widersprüchliche Ziele;
  • Ihre Fähigkeiten (Begabungen, Talente), Fertigkeiten (Kompetenzen), Interessen und Werte passen nicht zum Studienfach;
  • Sie haben emotionale Konflikte in anderen Lebensbereichen;
  • Ihnen fehlen grundlegende Studiertechniken oder Sie wenden ungeeignete Techniken an;
  • Sie haben eine zu geringe Toleranz für unvermeidliche Frustrationen und Durststrecken.

Was können Sie gegen Motivationsprobleme tun?

  • Finden Sie zunächst heraus, welche mutmaßlichen Ursachen Ihre Motivationsprobleme haben, ob sie vorübergehend auftauchen oder ständig vorhanden sind.
  • Finden Sie heraus, ob Sie eher erfolgs- oder misserfolgsorientiert sind.
  • Machen Sie sich Ihre Motive zum Studium überhaupt und zum jeweiligen Fach klar, Ihre Interessen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Werte und Ziele.
  • Decken Sie dabei Widersprüche auf.
  • Klären Sie Ihre emotionalen Probleme in anderen Lebensbereichen.

 

Gekürzt nach:
Rückert, Hans-Werner & Püschel, Edith (2000). Studieren ohne Lust und Ziel.
WWW: http://www.fu-berlin.de/
studienberatung/psychotexte/s
tudieren_ohne_lust_und_ziel.html (03-06-27)

Literatur:
Fend, H. (1997 ). Der Umgang mit der Schule in der Adoleszenz. Aufbau und Verlust von Lernmotivation, Selbstachtung und Empathie. Bern: Huber.
Krapp, A. & Weidenmann, B. (Hrsg) (2001). Pädagogische Psychologie. Ein Lehrbuch. Weinheim: Beltz.

In einer Studie (Wild 2000) wurde bestätigt, daß sich unterschiedliche Grade der Prüfungsrelevanz einzelner Stoffkapitel auf die Motivation von StudentInnen auswirkt, wobei sich insbesondere die Freiwilligkeit auf den betriebenen Lernaufwand auswirkte. Die Unterschiede zwischen prüfungsrelevanten und freiwilligen Kapiteln betrugen immerhin zwischen 20 und 50 Prozent. Daher sollte man als Dozent eher weniger auf das Prinzip der Freiwilligkeit bei der Auswahl von Studieninhalten bauen, sondern durch externe Kontrollen (Aufgabenstellungen, Prüfungsmodalitäten) dafür sorgen, daß alle Studierenden ihr Lernpensum erfüllen. Die Höhe des Lernaufwands in freiwilligen Bereichen hing in der Studie aber immer auch von der durchschnittlichen Höhe der intrinsischen Valenz des Stoffes ab, also auch von Merkmalen der Lerninhalte und didaktischen Aspekten des Unterrichts. Es wurde daher auch bestätigt, daß in nicht-prüfungsrelevanten Themengebieten thematische Interessen der StudentInnen die ausschlaggebenden Personmerkmale zur Motivierung des Lernverhaltens darstellen, Der Zusammenhang zwischen Interesse und Lernverhalten in den freiwilligen Bereichen lag durchgängig und substantiell höher, als in den obligatorischen Bereichen. Daher ist auch das Studieninteresse ein guter Prädiktor zur Vorhersage des Lernverhaltens.

Studentische Lernmotivation bei Stoffen unterschiedlicher Prüfungsrelevanz

 

Wild, K.-P. (2000). Lernstrategien im Studium. Münster: Waxmann.

Bedingungsmodell des Studienerfolges

Bedingungsmodell des Studienerfolges

Quelle:
Rindermann, H. & Oubaid, V. (1999). Auswahl von Studienanfängern durch Universitäten - Kriterien, Verfahren und Prognostizierbarkeit des Studienerfolgs. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 20, 172-191.

 

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