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Kann man Moral mit Magnetresonanz messen?

 

Die Bremsen haben versagt: Der Straßenbahnwaggon rollt dem Abgrund entgegen. Fünf Menschen darin schreien um ihr Leben. Die einzige Chance, sie zu retten: schnell eine Weiche stellen und den Waggon umleiten! Allerdings: Auf dem neuen Gleis steht eine Person, die durch das rasende Gefährt unweigerlich getötet würde.

Ist es "moralisch", die Weiche zu stellen und damit einen Menschen für fünf zu opfern? Die meisten Befragten sagen ja.

Das gleiche Szenario, leicht verändert: Es gibt keine Weiche. Die einzige Chance zur Rettung der fünf ist, einen zufällig bei den Schienen stehenden Fußgänger mit Gewalt vor den Waggon zu stoßen und diesen so zu bremsen. Ist das zu rechtfertigen? Hier entscheiden sich die meisten Befragten für nein.

Gewalt oder Schicksal?

Wieso? Eine mögliche Erklärung: Wer eine Person gewaltsam in den Tod stößt, beraubt diese aktiv ihrer Entscheidungsfreiheit und ihres Lebens. Im ersten Dilemma bewegt man dagegen primär ein Objekt (die Schiene) und überläßt es so dem "Schicksal" (respektive den Naturgesetzen), die Person zu töten. Doch ein wesentlicher Unterschied dürfte sein, daß Dilemma Nummer zwei durch die involvierte Gewalt größere emotionale Beteiligung auslöst, auch wenn es nur durchdacht wird und gar keine reale Ent-scheidung ansteht.

Ein Team aus Philosophen, Psychologen und Hirnforschern an der Princeton University hat nun mittels der Magnetfeldresonanzmethode versucht, zu ergründen, was sich im Gehirn von Personen abspielt, die sich solche Dilemmata überlegen (Science 293, S. 2105). Dabei wurden drei Sorten von Szenarien präsentiert. Erstens völlig "amoralische", zweitens "moralisch-persönliche" Szenarien, etwa das erwähnte, bei dem der Mann vor die Schrenen gestoßen wird, aber auch etwa Organraub an einer Person, um fünf zu retten. Drittens "moralisch-unpersönliche" Szenarien wie das obige mit der Weiche oder rein quantitativ ähnliche Beispiele aus der Gesundheitspolitik.

Emotionale Färbung

Ergebnis: Einige mit Emotionen befaßte Teile des Gehirns, etwa der Gyrus angularis, sind bei den "persönlichen" Szenarien deutlich aktiver als bei den "unpersönlichen". Auch brauchen Personen, die sich bei "persönlichen" Szenarien für die Tötung des einen (zur Rettung der fünf) entscheiden, deutlich länger für die Entscheidung.

Ein No-na-Ergebnis, werden viele sagen: Natürlich sind solche Entscheidungen, auch wenn sie nur theoretisch überlegt werden, emotional gefärbt. Doch für Philosophen der im weitesten Sinn kantianischen Tradition, die darauf bestehen, daß moralische Entscheidungen auf der (praktischen) Vemunft basieren (müssen), ist das nicht selbstverständlich. Die Autoren plädieren abschließend für einen "Mittelweg zwischen traditionellem Rationalismus und neuerem Emotionalismus in der Moralpsychologie".

Fazit: Nach den Evolutions- und Spieltheoretikern, die eine "biologische Grundlage der Moral" suchen, mischen sich nun auch Hirnphysiologen ein. Manche Philosophen scheinen damit einverstanden - wohl wissend, daß es in ihrer Gilde bis heute -naturgemäß? - nicht zu einer Einigung über eine Erklärung der geschilderten Dilemmata gekommen ist.

tk in "Die Presse" 3.11.2001 S. VIII

Siehe auch Die moralische Entwicklung



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