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oder
Die Kunst der Ausrede, seine Lern- und Arbeitsgewohnheiten doch nicht zu ändern oder wissenschaftlich: Prokrastination

Eine nicht unwesentliche Rolle für das Beibehalten der Lerngewohnheiten bzw. für das Scheitern von Veränderungen des Arbeitsverhaltens von Studierenden spielen Ausreden. Zwar weiß man eigentlich alles, was man tun sollte, um sein Studium ökonomisch und planvoll zu absolvieren. Dennoch versucht ein kleines Teufelchen im Ohr zu allen Verbesserungsvorschlägen penetrant ein Ja-Aber zu soufflieren. Prokrastination (von procrastinare, auf morgen verlegen) ist eine massive Störung der Selbststeuerung, wobei Studien zeigten, dass heute StudentInnen etwa ein Drittel ihres Alltags mit Aufschiebetätigkeiten verbringen: E-Mails schreiben, im Internet surfen, telefonieren oder putzen, alles erscheint verlockender als konzentriertes Arbeiten. Wenn Aufschieben anhaltend und umfassend das Erreichen von Zielen verhindert, dann sind negative Folgen für das Studium, den Beruf und die Lebensgestaltung unvermeidlich. Bei Menschen, die gravierend unter Aufschieben leiden, stellen sich häufig massive Zweifel am eigenen Wert und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit ein, das eine ähnliche Stärke wie bei einer Depression erreichen kann.

Bei Untersuchungen in den USA, England und Australien bezeichneten sich etwa 20 Prozent der Bevölkerung als Prokrastinierer (Aufschiebe)r. Das Seltsame ist, dass Menschen motivierter sind, an etwas zu arbeiten, wenn sie dadurch einen Verlust vermeiden, anstatt einen finanziellen Gewinn zu erzielen. Nicht immer reichen Selbstüberwindung, Routinen und gute Tricks, um gegen die Prokrastination anzukommen, manchmal bedarf es psychologischer Unterstützung. Wissenschaftler haben mindestens zwei Arte von Aufschiebern identifiziert: Den “Erregungsaufschieber”, der meint, erst kurz vor der Deadline kreativ genug sein zu können und den “Vermeidungsaufschieber”, der Dinge aufschiebt, um eventuelle schlechte Ergebnisse später mit “Zu wenig Zeit!” zu erklären. Die Ursache im zweiten Fall ist zu einem guten Teil mangelndes Selbstbewusstsein, wobei Prokrastination manchmal auch durch übertriebenen Perfektionismus und schlechte Organisation verursacht wird. Ein Wort zum Perfektionismus:

Mehr Kraft- und Zeiteinsatz bringen nicht automatisch mehr Erfolg und Anerkennung, vor allem, wenn auch völlig nebensächliche Dinge mit höchster Perfektion erledigt werden. Man sollte daher bei jeder Tätigkeit überlegen, welchen Qualitätsstandard sie erfüllen muss: "perfekt" oder nur "gut genug"? Man muss daher darauf achten, dass Aufwand und Nutzen in einem guten Verhältnis stehen, und sich die Messlatte nicht zu hoch legen - weder bei sich, noch bei anderen. Man sollte sich einige unperfekte Vorbilder suchen, die trotzdem oder gerade deshalb erfolgreich sind. Man sollte jeden Tag ganz bewusst etwas nur unperfekt erledigen undd wir sehen: Es genügt auch so und man gewinnt kostbare Zeit für die schönen Dinge des Lebens.

Problematisch wird das Aufschieben immer dann, wenn man regelmäßig und ständig aufschiebt. Diese Prokrastination kann viele Gründe haben und auch eine unbewusste Strategie gegen eine vermeintliche Blamagen oder Kritik sein.

Satzanfänge mit "ja,aber" leiten in der Regel eine genaue Beschreibung des bisherigen Programms des Scheiterns ein. Man kann das selbst in Gesprächen beobachten: wenn man mit jemandem in einer angeregten Diskussion ist und für den eigenen Standpunkt eine Reihe guter Argumente vorgetragen haben, dann spürt man bei einem Ja-Aber-Einwand sehr schnell, ob der Gesprächspartner in plausible Gegenargumentationen oder gar alternative Lösungsvorschläge übergeht oder nur "am Problem kleben bleiben" möchte. Die von Siebert, Gröschner & Großkopf (2004) zusammengetragenen typischen Ja-Aber-Einwände von StudentInnen gehören zu der zweiten Kategorie.

Ja, aber ich verliere zu viel Zeit, wenn ich in die Universitätsbibliothek fahre - und zu Hause habe ich alles, was ich brauche.

Selten verfügen Studierende über den Luxus eines völlig separaten Arbeitszimmers innerhalb ihrer Wohnung. In den meistens Fällen spielt sich buchstäblich alles auf wenigen Quadratmetern ab: essen, schlafen, fernsehen, Musik hören, anziehen, umziehen, telefonieren - und "arbeiten". Sie haben also zu Hause nicht bloß einfach "alles, was Sie brauchen", sondern vor allem sehr vieles, was Sie nicht brauchen. Wir haben bereits weiter oben darauf hingewesen, dass eine Trennung von Lebens- und Arbeitswelt schon aus psychohygienischen Gründen geboten ist. Hinzu kommen in heimischer Umgebung die unbestreitbaren Verlockungen der verschiedensten Ablenkungsmöglichkeiten: Kühlschrank, Fernbedienung, Telefonhörer sind in Reichweite und selbst das Staubtuch oder der nicht erledigte Spül in der Küche haben angesichts der bevorstehenden Arbeit am Schreibtisch eine viel größere Anziehungskraft. Wir nennen dies Alibiverrichtungen. Stellen Sie nun den täglichen Zeitverlust durch solche Ablenkungen und Alibiverrichtungen dem Zeitaufwand für das Aufsuchen eines Arbeitsplatzes außer Haus gegenüber, wie sieht dann Ihre Entscheidung aus?

Ja, aber ich kann doch besser abends lernen

Unsere physiologischen Funktionen stehen - unabhängig von anderen Gewohnheiten - in Abhängigkeit von der Tageszeit. Dabei erreichen Puls- und Atemfrequenz, Körpertemperatur und Blutdruck Höchstwerte zwischen 8.00h und 10.00h vormittags und zwischen 16.00h und 18.00h nachmittags. Die Kurve der Leistungsbereitschaft macht einen Knick nach unten um die Mittagszeit zwischen 13.00h und 15.00h und nachts zwischen 22.00h und 6.00h morgens mit einem absoluten Tiefpunkt etwa zwischen 2.00h und 4.00h. Dennoch ist ein unter Student/innen weit verbreitetes Ammenmärchen, dass es sich am besten und effektivsten abends und nachts lernen/arbeiten ließe. Dass sich dieses Märchen so hartnäckig hält, verdankt es einem Effekt, den wir Selffulfilling Prophecy (sich selbst erfüllende Prophezeiung) nennen: Sie ignorieren morgens den Wecker, beginnen den Tag erst spät, vermeiden den Arbeitsbeginn, indem sie sich gerne den o.g. verschiedenen Alibiverrichtungen hingeben, spüren mit Einsetzen der Abenddämmerung ein unangenehmes Gefühl aufkommen (gelegentlich bezeichnet als schlechtes Gewissen), welches es Ihnen nicht zu erlauben scheint, den Tag zu beenden, ohne etwas für ihr Studium getan zu haben und verbringen dann zur Selbstbestrafung noch Stunden bis weit nach Mitternacht am Computer oder über Literatur. Der nächste Tag muss entsprechend später beginnen - und das Unheil nimmt seinen Lauf. Schließlich wird dann ein in solchen masochistischen Nachtschichten entstandenes Werk noch 9 unter den Kommilitonen als heroische Leistung verkauft: "Ich habe für mein Referat nächtelang durchgearbeitet!" - Und, bitte, was haben Sie tagelang getan? Folgendermaßen können Sie Ihre Hypothese (streng wissenschaftlich!) überprüfen: Wenn Sie über einen "repräsentativen" Zeitraum Ihren Tagesrhythmus zugunsten von Lernzeiten in den Vormittags- und Nachmittagsstunden verändert haben - ohne willkürliche Veränderung der Parameter im Verlauf des Experiments - und nach einer Überprüfung Ihrer Ergebnisse immer noch zu dem Schluss kommen: "Damals, nachts war (signifikant) alles besser...", dann dürfen Sie weiterhin im Brustton der Überzeugung die Physiologie auf den Kopf stellen!

Ja, aber 8 Stunden lernen halte ich nicht aus …

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit der leistungssteigernden Wirkung von Kurzpausen beschäftigen: Werden bei jeder Art von Arbeit, körperliche wie geistigschöpferische, über einen längeren Zeitraum keine restituierenden Pausen eingelegt, sinkt das Leistungsniveau stetig ab. Wenn Sie also versuchen, über 2-3 Stunden und mehr pausenlos zu lesen/schreiben/ rechnen /lernen, so wird Ihre Konzentration - zunächst noch unmerklich - schließlich einen solchen Tiefstand erreichen, dass es Ihnen auch mit einer längeren Erholungsphase nicht gelingen wird, Ihr vorheriges Leistungsniveau auch nur annähernd wieder zu erreichen. Wenn Sie dagegen nach etwa 45 bis spätestens 60 Minuten eine kurze Pause von 5-10 Minuten einlegen, können Sie Ihr Leistungsniveau über einen längeren Zeitraum fast gleichmäßig hoch aufrecht erhalten. Teilen Sie sich also Ihre Lerntage in 4:4 oder 5:3 etwa schulstündige Lerneinheiten mit einer Mittagspause von ca. 1 Stunde. Nutzen Sie die 4-5 Lerneinheiten am Vormittag nach Möglichkeit für die anspruchsvolleren Tätigkeiten und die Zeit am Nachmittag für weniger kreative "Fleißarbeit". Bei einem 8-Stunden-Tag kommen Sie so netto auf etwa nur 6-7 Arbeitsstunden, die aber dafür sehr effektiv sind! Sie sehen, niemand verlangt von Ihnen, 8 Stunden am Stück hochkonzentriert zu arbeiten. Im übrigen behauptet aber auch niemand, dass arbeiten nicht anstrengend ist. Etwas Frustration müssen Sie schon aushalten. Ihre Leistungsfähigkeit lässt sich durch Übung mit der Zeit steigern. Also: schlapp machen gilt nicht!

Ja, aber 40 Stunden reichen für mein Fach/meine Prüfungsvorbereitung nicht - ich brauche auch die Wochenenden …

Untersuchungen haben gezeigt, dass sich beim Menschen - und damit ganz im Gegensatz zur Maschine - die Tagesproduktion durch eine Verlängerung der Tages- oder Wochenarbeitszeit nicht beliebig steigern lässt. Ab einer bestimmten Tagesleistung, bei geistig oder körperlich anstrengender Tätigkeit i.d.R. nach ca. 8 Stunden, nimmt die Stundenleistung stetig ab, was sich auch nicht mehr durch Kurzpausen auffangen lässt. Stattdessen steigt die Fehlerrate und es schleicht sich das ein, was wir "maskierte Pausen" nennen: das Abschweifen des Blickes aus dem Fenster, das Recken, Strecken und Kratzen am Hinterkopf, häufigeres Naseputzen oder verstärktes Bedürfnis, immer wieder die Toilette aufzusuchen, um nur einige Beispiele zu nennen. Deshalb sollten Ihnen die Feierabende und Wochenenden (freie Tage) heilig sein. Selbstverständlich ist es möglich, kurz vor anstehenden Prüfungen einen Endspurt einzulegen und in dieser Phase die Tages-/Wochenarbeitszeit noch einmal zu erhöhen. Dies ist dann aber als Teil eines längeren und kontinuierlichen Lernprozesses zu verstehen und kann keinesfalls vorher Verbummeltes wettmachen. Ein Marathonläufer wird auch nach vielen Kilometern gleichmäßiger Kräfteverteilung auf den letzten Metern noch einmal alle Reserven mobilisieren, aber sicher nicht mehr die Strecken aufholen, auf denen er vorher nur gemütlich spazieren ging. Wenn Sie also der Auffassung sind, dass eine 40-Stunden-Woche für Ihr Studienvorhaben nicht ausreichend ist, dann stellen Sie sich bitte zunächst ganz selbstkritisch folgende Frage: Habe ich die zurückliegende Zeit (z.B. eine Arbeitswoche) wirklich effektiv und diszipliniert genutzt - oder hat das mit Arbeit verplante Wochenende 10 nur Selbstbestrafungsfunktion für zuvor Versäumtes?

Bücher zum Thema …

 

Ein Video zur Prokrastination


[Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=4P785j15Tzk]

Übrigens: Auch das Anschauen dieses Videos ist Prokrastination …


Verschiebe nichts auf morgen,
was genauso gut auf übermorgen verschoben werden kann.
Mark Twain

Verstecktes Aufschieben

Aufschieben hat nicht immer etwas mit Faulheit zu tun, denn auch tüchtige Menschen schieben auf, häufig jedoch auch für diese Menschen selbst kaum zu erkennen. Oft kommen besonders tüchtige Menschen natürlich wirklich nicht dazu, all das zu erledigen, was sie gerne anpacken würden. Selektives Aufschieben ist daher unauffällig möglich, wobei es verschiedene Formen der "versteckten Aufschieberitis":

Quelle: http://www.methode.de/am/zm/amzm004.htm (09-08-12)

Ja, aber ich kann nur unter Druck gut arbeiten …

Sie lesen gerade auf den Seiten der Psychosozialen Beratung Ausführungen zum Thema "Zeitmanagement im Studium". Wenn die oben getroffene Aussage wirklich auf sie zutrifft und Sie wirklich stets Zeit-Druck, den "Kick der letzten Minute" brauchen, um effektiv zu sein, dann werden Sie sicher nicht weiter lesen: Sie haben Ihr Rezept entwickelt, mit dem Sie zum Erfolg kommen. Falls sie dennoch weiter lesen, stellen wir folgende Hypothese auf: Sie sind mit Ihrer Arbeitshaltung nicht zufrieden und wollen künftig entspannter zum Ziel kommen. Eine Variante dieses Themas wurde bereits weiter oben im Zusammenhang mit "Nachtarbeit" beschrieben. Hier könnten wir also von "Saisonarbeit" sprechen. Das Prinzip ist das gleiche, ebenso die Überprüfung seiner Berechtigung Man kann es aber auch noch von einer anderen, als der zeitlichen Seite betrachten. Dazu bedienen wir uns einer Technik, die wir Psychologen "reframing" nennen: dann wäre der verlangte "Druck" der Aus-Druck eines Wunsches nach Verbindlichkeit. Wenn Sie sich mit jemandem um 9.00h an der UB verabreden, um gemeinsam zu lernen, wird Ihnen das aufstehen sicher leichter fallen, als wenn Sie die Verabredung nur "mit sich alleine" getroffen haben. Wenn Sie beim nächsten Gruppentreffen darlegen sollen, womit Sie die zurückliegende Zeit verbracht haben, dann wird es Ihnen wichtig sein, sich nicht als Faulpelz zu "outen". Und wenn Ihnen Ihr Dozent für die Abgabe einer Hausarbeit eine unverrückbare "deadline" setzt, dann stehen die Chancen, dass sie bis dahin fertig wird, um ein Vielfaches besser, als wenn er es vermeintlich nett meint und Ihnen "alle Zeit der Welt" lässt. Solche Art der Verbindlichkeit ist kein Widerspruch zu Individualität (= ja, aber das ist mir alles viel zu streng...), denn durch Verbindlichkeit fühlen wir uns als Individuen erst wirklich ernst genommen. Was wir tun, wird bedeutsam. Deshalb sollen wir uns auch nicht scheuen, sie selbst einzufordern, wo sie uns gut tut. Solche Absprachen schaffen dann das rechte Spannungsniveau (= auch eine Umdeutung von "Druck"), das für unsere Motivation beim Handeln notwendig ist.

Zahlreiche vergleichbar Formulierungen findet man häufig unter dem Namen "Killerphrasen", die in sozialen Situationen angewendet werden, um die Argumente des Anderen scheitern zu lassen.


Die Walt-Disney-Strategie - eine Strategie gegen Aufschieberitis?

Der Schöpfer von Mickey Mouse analysierte alle seine Projekte aus drei verschiedenen BlickwinkPerspektiveneln:

Siehe dazu im Detail Die Walt-Disney-Methode

Quelle: www.coaching-briefe.de: Seiwert-Coaching-Brief www.coaching-briefe.de (06-11-01)


Eine paradoxe Intervention: Abwarten und anfangen!

Wenn Sie mal wieder einfach keinen Anfang finden, versuchen Sie es mit diesem ungewöhnlichen Trick: Legen Sie alle Unterlagen bereit, die Sie für die Erledigung der aufgeschobenen Aufgabe brauchen, und räumen Sie alles andere beiseite. Setzen Sie sich hin, und stellen Sie einen Wecker oder Ihr Handy auf 15 Minuten. Bevor die nicht herum sind, dürfen Sie mit der Aufgabe nicht anfangen und auch nichts anderes tun. Wetten, dass Sie es nicht schaffen, ganze 15 Minuten tatenlos dazusitzen? Im Gegenteil: Sie werden es nicht abwarten können, endlich mit der unliebsamen Aufgabe anfangen zu dürfen.

Quelle: E-Newsletter No 35,09/2011 von Lothar Seiwert


 

Theorie und Erklärungsversuche

Procrastination ist für manche ein Fluch oder eine Krankheit, für andere eine Charaktereigenschaft oder gar eine Kunst: Die Kunst des Verschleppens und Verzögerns.

Aufschiebeverhalten, Aufschieberitis, Handlungsaufschub, Procrastination, Prokrastination ist eine Bezeichnung für das Verhalten von Menschen, welche regelmäßig das Erledigen ihnen wichtiger Dinge immer wieder in die Zukunft hinaus verschieben. Manche Menschen sind wesensbedingt erhöht motivationsabhängig, sie schaffen es nur unter großer Überwindung, Tätigkeiten, die als langweilig empfunden werden (und deren Gewinn erst sekundär oder zukünftig entsteht) in Angriff zu nehmen. Dabei sind sich die Betroffenen der ihnen durch das Verschieben entstehenden persönlichen Nachteile durchaus bewusst, was Unlust oder sogar Angst auslöst, die aber als Negativgefühle ihrerseits das In-Aktion-Treten erschweren oder gar verunmöglichen. Ein Teufelskreis entsteht: Die Betroffenen nehmen sich immer neu vor, diese unangenehmen Aufgaben zu einem bestimmten Zeitpunkt zu erledigen und lassen diese Zeitpunkte verstreichen, wodurch Angst, Scham und Druckgefühl stark anwachsen, die als Negativgefühle aber ihrerseits zusätzlich das in Aktion treten untergraben. Allein durch den immer neuen Vorsatz sich zu bessern (mehr Selbstdisziplin) lässt sich das Problem des Aufschiebens oft nicht lösen. Psychologische Beratung ist häufig notwendig und geboten. Auch eine medikamentöse Behandlung zur Anhebung des Selbstregulationsniveaus kann in Betracht gezogen werden. Bei einer Umfrage in den USA (ca. 1999) gaben 40% der Befragten an, dass ihnen wegen ihres Aufschiebens bereits Nachteile entstanden sind, 25% litten sogar unter chronischem Handlungsaufschub. Man schätzt, dass diese Zahlen unter Studenten deutlich höher liegen. In diesem Zusammenhang etablierte Eliyahu M. Goldratt in seinem Buch Die kritische Kette für das Phänomen des Aufschiebeverhaltens und der schlechten Arbeitsplanung den Begriff "Studentensyndrom". Er übertrug damit seine Theory of Constraints auch auf das Projektmanagement.

Die unangenehmen Gefühle, welche den Betroffenen von einer Aufgabe abhalten, entstehen u. a. durch unklare Prioritätensetzung, schlechte Organisation, Impulsivität, mangelnde Sorgfalt, Abneigung gegen Aufgaben durch Langeweile, Ängste und Perfektionismus. Kognitiv gesehen findet häufig eine dysfunktionale Verzerrung beim Betroffenen statt: Schlechte Einschätzung von Zeiten, Überschätzen der Wirkung zukünftiger emotionaler Zustände, Unterschätzen des Zusammenhanges zwischen einer Aufgabe und den Gefühlen, die zu dieser in Verbindung stehen. Oder der Betroffene denkt sich, dass Arbeit nur etwas bringe, wenn man in der „richtigen Stimmung“ sei. Betrachtet man die emotionale Seite genauer, lassen sich weitere Erklärungsmöglichkeiten finden. Gründe sind zum Beispiel mangelnde Aufmerksamkeit und Impulsivität. Diese können dazu führen, dass der Betroffene auf der Suche nach Reizen bzw. Erregung ist, sich nicht durch Hinweisreize beeinflussen lässt oder unfähig ist Belohnungen aufzuschieben. Es besteht also ein Mangel an Selbstkontrolle, Motivation und Organisiertheit. Des Weiteren spielen Versagensängste und Neurotizismus eine große Rolle, die sich u. a. in Discomfort anxiety (Angst davor, dass das eigene Wohlbehagen gefährdet ist), Mangel an Self-Efficacy und Selbstachtung, External-variable Attribution von Erfolg und Vermeiden von Feedback und Selbsterkenntnis äußern.

Außerdem gibt es noch ein psychodynamisches Erklärungsmodell. Dieses sieht das Aufschieben als Symptom von Persönlichkeitsstörungen und neurotischen Konflikten in den Bereichen Angst (vor Versagen, Erfolg, Alleinsein, Nähe, Ablehnung), Ärger/Wut, Perfektionismus, Abhängigkeit/Ohnmacht, Scham und Selbstwert. Weitere Erklärungsmöglichkeiten liefern noch die PSI-Theorie (Kuhl) oder das Vorhandensein von ADS/ADHS.

Die Wissenschaft hat zwei grundlegende Aufschiebe-Typen identifiziert:

Der arousal procrastinator (Erregungsaufschieber) behauptet von sich, erst im letzten Moment kreativ sein zu können. Er genießt den Rausch, in den er kurz vor (oder nach) der Deadline gerät, und schwört Stein und Bein, dass er zwei Wochen früher keinen sinnvollen Gedanken hätte fassen können. Hans-Werner Rückert erkennt darin das Prinzip der Autosuggestion: "Wenn man sich das oft genug gesagt hat, gibt es Gehirnprozesse, die dafür sorgen, dass einem zwei Wochen vorher tatsächlich kein vernünftiger Satz einfällt. Die Qualität geplanter Arbeit ist - zumindest im akademischen Bereich - höher. Aber wir glauben es nicht. Weil uns nach diesen Druckphasen das Adrenalin aus den Ohren läuft, haben wir ein Hochgefühl, das nur durch diese gehäufte Arbeit zu kriegen ist.2

Der avoidance procrastinator (Vermeidungsaufschieber) drückt sich nicht nur vor Unangenehmem, sondern auch vor allen Aufgaben, deren Ergebnis ihm oder seiner Umgebung minderwertig erscheinen könnte. Mit dem verspäteten Arbeitsbeginn spannt er sich ein Sicherheitsnetz - für alle Fälle. "Er zieht es vor, dass die anderen glauben, es habe ihm an Anstrengung gemangelt statt an Fähigkeit", sagt Joe Ferrari. "Es wirkt weniger negativ, sich zu wenig angestrengt zu haben. Wenn die Fähigkeiten nicht ausreichen, ist es egal, wie sehr man sich bemüht - man würde es nie schaffen. So kann man sagen: Ich hätte das gekonnt - ich hatte nur zu wenig Zeit! Ich war nicht schuld."

Aufschieben als Selbstschutz

Die ständige Informationsflut stört nicht nur die Konzentration, sondern siie bringt Menschen vermehrt dazu, Arbeitsprozesse abzubrechen und Aufgaben immer weiter aufzuschieben. Das Phänomen der Prokrastinationist vermutlich sogar eine Zwangsläufigkeit im Gebrauch neuer Medien, denn statt eine Denkpause einzulegen, wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, beantwortet der moderne Mensch lieber neu empfangene E-Mails oder surft im Internet. Danach kehrt er erst sehr viel später oder auch gar nicht zu seiner ursprünglichen Aufgabe zurück. Nach einer Studie der DePaul University (Chicago) leidet etwa jeder Fünfte so stark an den Folgen der Aufschieberei, dass eine Therapie nötig wäre.


Manche Arbeiten muss man dutzende Male verschieben,
bis man sie endgültig vergisst.
Peter Ustinov

Zehn konkreten Tipps gegen Aufschieberitis nach Blatter (2009)


Seminare gegen Aufschieberitis

Fred Rist (Universität Münster) fand bei einer Untersuchung mit fast 1000 Studenten aus 45 Fächern zwischen zehn und 20 Prozent Betroffene, sodass fünfwöchige Kurse für StudentInnen mit dieser Arbeitsstörung eingerichtet wurden. Bei den wöchentlichen Treffen lernen die Betroffenen wieder, Arbeit und Freizeit zu trennen, bei denen ihnen zu Beginn der Aufttreg gegeben wird, dass sie in der ersten Woche nur eine halbe Stunde pro Tag effektiv lernen dürfen. Dann gibt es einen großen Aufschrei, denn viele sagen, dass sie auf diese Weise niemals ihre Hausarbeit fertig bekommen. Sie vergessen dann, dass sie in den Monaten zuvor auch nicht mehr geschafft haben, auch wenn sie tagelang am Schreibtisch saßen. Deshalb dürfen die notorischen Aufschieber zunächst nur eine halbe Stunde effektiv arbeiten und sollen den Rest des Tages bewusst als Freizeit nutzen. Das Wichtigste dabei ist, dass die Betroffenen ihren Tagesablauf protokollierten, denn dann steht am Ende des Tages schwarz auf weiß, was sie tatsächlich getan haben. Woche für Woche wird dann das Arbeitspensum aufgestockt. Planen, pünktlich beginnen und protokollieren sind dabei das A und O. Viele StudentInnen, die sich seit Monaten mit dem Aufschieben quälen, denken, sie sind die Einzigen, die das Studium nicht geregelt bekommen, und in der Gruppe sehen sie dann, dass auch andere große Probleme haben. In der Gemeinschaft sind sie nicht der Loser, sondern einer, der Tipps bekommt, aber auch Ratschläge erteilt.
Quelle: http://www.welt.de/die-welt/wissen/article10038949/Was-du-heute-morgen-uebermorgen-kannst-besorgen.html (10-10-04)

Zehn einfache Tipps gegen Aufschieberitis für den Alltag

Das Problem

Die Lösung

Verschleppte Anträge

Bitten Sie jemanden, Anträge für Sie auszufüllen, beispielsweise gegen eine Erfolgsbeteiligung oder im Tausch dagegen, dass Sie seine Anträge ausfüllen.

Stapel von Mahnungen, Rechnungen, Verfahrensandrohungen

Öffnen Sie Kreditkartenabrechnungen und Kontoauszüge immer sofort! Bestellen Sie nicht auf Rechnung. Erteilen Sie, wo es geht, Einzugsermächtigungen.

Überraschende Steuernachzahlungen in Kombination mit mangelnder Ausgabendisziplin

Zahlen Sie notfalls freiwillig Steuern im Voraus, auch wenn Ihr Steuerberater unverständig den Kopf wiegt. So kommen Sie nicht in Versuchung, das benötigte Geld auszugeben und erhalten vielleicht sogar mal eine Rückzahlung. Reduzieren Sie den Dispokredit oder schaffen Sie ihn ab.

Chaos und Dreck in der Wohnung

Engagieren Sie eine Putzfrau und / oder einen Wegwerfberater. Hamstern Sie nicht, sondern kaufen Dinge in der richtigen Menge und zum richtigen Zeitpunkt ein - Knappheit oder Not herrschen hierzulande derzeit nicht! Entsorgen Sie Papierstapel. Geben Sie Kleidung, die Sie nie tragen, in die Altkleidersammlung. Spenden oder versteigern Sie Bücher, die Ihnen unwichtig sind und die Sie doch nie (wieder-) lesen werden.

Ärger über vergebens gezahlte Fitnessstudiobeiträge

Fangen Sie etwas besseres mit dem Geld an oder kündigen Sie Ihr Jahresabo und schließen stattdessen Monatsabos nach Bedarf ab. Die Wahrscheinlichkeit, Monatsabos verfallen zu lassen ist Studien zufolge viel geringer.

Sich verzetteln und dadurch Zeit mit wirklich unangenehmen und überflüssigen Tätigkeiten verschwenden

Stehen Sie bloß nicht extra früh auf! Mehr schlafen führt zu höherer Produktivität und besserer Entscheidungsfähigkeit. Zudem steigert es das Wohlbefinden und hilft außerdem Übergewicht zu vermeiden - besser als unlustig aufgeschobener Sport.

Aus heiterem Himmel verärgerte Freunde und Verwandte

Nutzen Sie einen Onlinekalender, in den Sie Geburts- und sonstige wichtige Tage eintragen.

Immer wieder verschobene Tätigkeiten und Abgaben

Bitten Sie Chefs oder Auftraggeber um ernstzunehmende Deadlines. Je ernster, desto besser: Am besten ist es, die ganze Mühe ist für die Katz, wenn Sie diesen Termin verpassen. Planen Sie Ihr Zeitbudget knapp - keine Pufferzeiten! Sorgen Sie für sozialen Druck, indem Sie andere von Ihrem Vorhaben wissen lassen.'

Wenn auch die Frist es mal nicht bringt – und Sie es sich nicht mit allen verderben wollen.

Sagen Sie rechtzeitig ab – so früh es eben geht. Wer sich auf einen verlässt, hat so eine Chance für Ersatz zu sorgen. Gaukeln Sie keine äußeren Zwänge vor – reden Sie sich nicht auf Termine und Arbeit heraus. Versprechen Sie nur, was Sie wirklich halten werden. Achten Sie darauf, keine Außenstehenden mit hineinzuziehen: Lassen Sie niemanden für sich lügen. Warnen Sie Mitmenschen vor, die Ihnen arglos etwas ausleihen möchten.

Probleme, an die man erst denkt, wenn es zu spät ist – die aber unangenehm bis existenzgefährdend sind

Schließen Sie eine Haftpflichtversicherung ab. Auch eine Rechtschutzversicherung erweist sich oft als hilfreich und kostensparend - Mietrechtsschutz sollte enthalten sein.

Literatur
Passig, Kathrin & Lobo, Sascha (2008). Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin. Berlin: Rowohlt Verlag,

Quellen: Stichwort Aufschieben. http://de.wikipedia.org/wiki/Procrastination (07-02-02)
Siebert, Annett, Gröschner, Alexander & Großkopf, Steffen (2004). Techniken wissenschaftlichen Arbeitens in der Erziehungswissenschaft. Friedrich Schiller Universität Jena.
WWW: www.kstw.de/kstw/seitenframe/beratung/lernag/Unternehmen%20Lernkick.pdf (05-12-12)
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2006/03/Aufschieberitis.xml (08-11-02)
http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/psychologie/tid-13038/
informationsflut-leiden-der-modernen-mediengesellschaft_aid_360263.html (09-02-02)
Blatter, I. (2009). Hilfe gegen die Aufschieberitis.
WWW: http://imgriff.com/2009/07/30/prokrastination-hilfe-gegen-die-aufschieberitis/ (09-08-03)

 



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