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Lernen im Erwachsenenalter


Das menschliche Gehirn bleibt auch im fortgeschrittenen Alter trotz zahlreicher Abbauprozesse leistungsfähiger, als WissenschaftlerInnen bislang dachten.

Trotz der hohen interindividuellen Variabilität von Entwicklung im Erwachsenenalter lassen sich gesetzmäßige Veränderungen auf verschiedenen Ebenen beobachten, wobei sich eine Differenzierung zwischen physiologischer und psychologischer Alterskurve anbietet, die einander überschneiden. Während im Alter im physiologischen Bereich eher Verluste in den Vordergrund treten, sind im psychologischen Bereich durchaus noch Entwicklungsprozesse im Sinne von Wachstum möglich.

Es kommt im Alter zu einer Verringerung der biologischen Kapazität und Funktionstüchtigkeit, eine Abnahme der Adaptationsfähigkeit und eine Zunahme der Vulnerabilität des Organismus erkennbar, jedoch weisen der Beginn und die Geschwindigkeit von biologischen Altersprozessen große interindividuelle Unterschiede auf. In Bezug auf das Lernen sind vor allem Veränderungen in den kognitiven Leistungen nachgewiesen worden, im speziellen eine Abnahme der fluiden Intelligenz (d.h. der Fähigkeit zur Lösung neuartiger Probleme) und auch eine Verlangsamung kognitiver Prozesse, während zunehmende Lebenserfahrungen sowie bereichsspezifische Wissenssysteme eine Kompensation ermöglichen. Durch Training von basalen kognitiven Fertigkeiten lassen sich auch Intelligenz-und Gedächtnisfunktionen positiv beeinflussen. Als wichtige individuelle Voraussetzung von Leistung wird Intelligenz betrachtet, also die Gesamtheit der verfügbaren Dispositionen für kognitive Prozesse, die es ermöglichen, die für das Leben bedeutsamen Anforderungen geistig aber auch praktisch zu beherrschen. Während in der fluiden Intelligenz schon ab dem Erwachsenenalter Einbußen erkennbar sind, findet sich in der kristallisierten Intelligenz ein deutlich höheres Maß an Stabilität, denn werden im Erwachsenenalter Erfahrungen ausgebaut und Wissenssysteme weiterentwickelt, so kann die kristallisierte Intelligenz weiter zunehmen. Im Alter bewirken Schädigungen im zentralen Nervensystem, dass neuronale Prozesse störanfälliger werden, wodurch die Plastizität des neuronalen Systems verringert ist, kognitive Flexibilität, Infoverarbeitungsgeschwindigkeit und Kapazität des Arbeitsgedächtnisses reduziert erscheinen. Manchmal kommt es auch zu einem Verlust der Fähigkeit zur Lösung von abstrakten Problemen und einer geringeren Tiefe der Informationsverarbeitung im Alter.

Einschlägige Befunde weisen darauf hin, dass altersbedingte Unterschiede beim Lernen auch durch Veränderungen in jenen neuronalen Systemen des Gehirns zustande kommen, die feststellen, wie viel aus Veränderungen in der Umwelt gelernt werden soll. Studien belegen nämlich, dass jüngere Erwachsene mehr lernen, wenn Erwartungen über die Umgebung unsicher sind, wenn es zu überraschenden Ereignissen kommt oder wenn sich die Umgebung häufig ändert. Darüber hinaus sind jüngere Erwachsene in der Lage, ihre Lernrate flexibel entsprechend dieser Faktoren anzupassen, sodass vermutet wird, dass die drei Faktoren Unsicherheit, Überraschung und Veränderungsrate auch über unterschiedliche neuronale Mechanismen gesteuert werden. Manche Lernbeeinträchtigungen entstehen bei älteren Menschen daher vermutlich auch durch ein spezifisches Defizit in der Fähigkeit, Unsicherheit zu repräsentieren und das zum Lernen zu nutzen.

Oft steigt bei zunehmender Schwierigkeit eines Problems die Bearbeitungszeit, aber auch die Fehleranzahl im Vergleich zu jüngeren Personen. Bildungskarriere, sozioökonomischer Status, anregende oder einschränkende Umweltbedingungen, Kohortenunterschiede und Lebensstile sind Erklärungen der Unterschiede im kognitiven Altersprozeß. Merkmale wie Aktivität im sozialen Bereich und in der Freizeit, die Einstellung zur Zukunft und zu anderen Menschen, der Berufserfolg oder das Streben nach Ausweitung des Interessenhorizontes können ausschlaggebend für die Erhaltung und Erhöhung des intellektuellen Leistungsniveaus auch im höheren Alter sein. Schwierigkeiten beim Erwerb neuer Lerninhalte sowie beim Erinnern des Gelernten werden häufig als Zeichen des Alters gewertet, wobei vor allem die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses im Alter ab nimmt, die Lernprozesse störanfälliger sind, kurzfristig Gelerntes schlechter erinnert wird, während früher gelernte Inhalte oft überraschend gut abrufbar sind. Lern und Gedächtnisleistungen, die in früheren Lebensjahren erbracht worden sind, wirken oft bis ins hohe Alter fort. Menschen, die im Laufe der Entwicklung keine effektiven Lernstrategien erwerben konnten, zeigen im Alter auf Grund mangelnder Übung im effektiven Umgang und mit der Organisation und Strukturierung neuer Wissensinhalte. Oft geht auch schlechtes Erinnern auf einen Mangel effektiver Strategien zurück, denn oft werden bei der Enkodierung keine zusätzlichen Informationen mit aufgenommen, die einen Abruf erleichtern könnten bzw. das Material wurde generell schlecht strukturiert. Altere Menschen schneiden im Wiedererkennen gespeicherten Wissens fast genauso gut ab wie jüngere, sind aber im freien Erinnern häufig schlechter. Auch bei den Stützfunktionen des Lernens gibt es Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Menschen. So führen Pausen in der Übungsphase oft zur Verbesserung der Lernleistung Jüngerer, doch Verschlechterung Älterer. Auch sind ältere Menschen benachteiligt, wenn sie verschiedene Informationen gleichzeitig speichern und noch andere Aufgaben ausführen müssen, denn die Verteilung der Aufmerksamkeit fällt vielen älteren Menschen schwer. Ältere Menschen lernen unter Zeitdruck schlechter, arbeiten aber bei der Möglichkeit, das Lerntempo selber zu bestimmen, aber auch genauer.

Siehe auch Lerntipps für Senioren

Literatur & Quellen

Kruse, A. & Rudinger, G. (1997). Lernen und Leistung im Erwachsenenalter. In F. Weinert & H. Mandl. (Hrsg.), Psychologie der Erwachsenenbildung. Enzyklopädie der Psychologie, Bd. 4, (S. 45-85). Göttingen: Hogrefe.
https://idw-online.de/de/news654260 (16-06-12)



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