Stufen
der sensumotorischen Intelligenz
(0 bis 1;6/2;0 Jahre)

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Das Verhalten in der sensumotorischen Phase entsteht
ausschliesslich durch das Zusammenspiel von
Wahrnehmungseindrücken und motorischer Aktivität.
Das Kleinkind verfügt also weder über eine
Vorstellungstätigkeit, noch über eine rationale
Einsicht.
Piaget verfolgt die sukzessive Entwicklung einer
Repräsentationsfunktion in jenen Aktivitäten, die
eine symbolische Darstellung einer Handlung beinhalten.
Piaget untersuchte dazu seine Töchter. Im 1. Lebensjahr
brachte das Öffnen und Schliessen einer
Streichholzschachtel keine Reaktion bei seiner Tochter
hervor. Mit 1 1/2 Jahren aber, als er die
Streichholzschachtel schloss und öffnete, öffnete
und schloss sie ihre Hand, langsam und systematisch. Dann,
ebenfalls systematisch und langsam, öffnete und schloss
sie den Mund. Dies ist eine symbolische Darstellung des
Öffnens und Schliessens der Streichholzschachtel.
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1. Stufe: Übung angeborener
Reflexmechanismen (erste Differenzierung von Reizen)
Das angeborene Verhaltensrepertoire (z.B. Saug-, Greif-,
Schluckreflex usw.) wird auf dieser ersten Stufe geübt,
was zur Konsolidierung der gegebenen Schemata und zu deren
Anpassung an die Umwelt (Differenzierung) führt. Das
Saugen an der Mutterbrust ist etwas anderes als das Saugen
an einer Flasche. Babys können schon im Alter von zwei
Tagen Blickkontakt erkennen
Teresa Farroni et al.
(Universität London) zeigten Neugeborenen Bilder von
Gesichtern, die direkt in die Kamera geblickt oder sich
leicht abgewandt hatten. Dabei wurden die frontalen Bilder
länger betrachtet als jene mit dem abgewandten Blick.
Dieser Reflex hilft den Säuglingen, das Erkennen von
Gesichtern zu erlernen, und ist somit für die soziale
Entwicklung bedeutsam. Beim Messen der Gehirnaktivität
von vier Monate alten Kleinkindern arbeitete jene Region
besonders stark, die bei Erwachsenen für das Erkennen
von Gesichtern verantwortlich ist (Proceedings of the
National Academy of Sciences).
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2. Stufe: primäre Kreisreaktionen (einfache
Reiz-Reaktionsmuster)
Eine Handlung, die zu einem angenehmen Ergebnis
geführt hat, wird wiederholt. Erste Gewohnheiten und
Fähigkeiten bilden sich heraus. Handlungsschemata wie
Greifen, Saugen und einen Gegenstand anblicken werden auf
immer mehr Gegenstände angewandt. Piaget nennt das
generalisierende Assimilation, (Einverleibung) von
Umweltgegebenheiten in die eigenen "Handlungsorgane".

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3. Stufe: sekundäre Kreisreaktionen (Mittel
zum Zweck)
Diese Stufe ist durch die Differenzierung zwischen.
Mittel und Zweck gekennzeichnet. Der Säugling (ca nach
dem 4. Lebensmonat) entdeckt, dass bestimmte Handlungsweisen
immer wieder zu einem Ergebnis führen, also ein Mittel
zur Erreichung eines bestimmten Zeckes sind.
Wie Daniel Stern anschaulich zeigt
(1997), hat bereits ein Neugeborenes Fähigkeiten, sich
aktiv mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Der kompetente
Säugling reagiert und agiert bereits in den ersten
Lebenswochen. Er bildet bereits für sich Vorstellungen
über kleine Abläufe, die eine emotionale Gestalt,
einen Verlauf von Spannung und Entspannung formen. Durch
sein eigenes Verhalten kann er diese Episoden
unterstützen modulieren, sie wieder hervorrufen und auf
eine Weise mitgestalten. Daniel Sterns Forschungen deuten
darauf hin, dass sich bereits Säuglinge Vorstellungen
über diese Abläufe machen, d.h., sie haben bereits
innere Bilder über Realitäten.
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4. Stufe: Koordination der erworbenen
Handlungsschemata und ihre Anwendung auf neue Situationen
(Versuch-Irrtum)
Hier findet eine systematische Anwendung mehrerer
Handlungsschemata auf den gleichen Gegenstand statt. Das
Kind verhält sich so, als wolle es ausprobieren, wozu
ein Gegenstand gut sei. Die Handlungsschemata werden den
Gegenständen angepaßt. Schemata werden
koordiniert (greifen u. werfen; an den Mund führen u.
beißen).
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5. Stufe: tertiäre Kreisreaktionen (es muß
auch anders gehen)
Die Entdeckung neuer Handlungsschemata durch aktives
Experimentieren. Z.B. systematisches Probieren einen Ball
auf andere Weisen zu werfen, mit einer-, mit zwei
Händen, aus geringer oder großer Höhe
etc.
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6. Stufe: Übergang vom sensumotorischen
Intelligenzakt zur Vorstellung (was wäre wenn?)
In der Mitte des 2. Lebensjahres kann ein Kind in der
Vorstellung die Ergebnisse seines Handelns antizipieren.
Praktisches Probieren ist nicht mehr notwendig, da
Handlungen innerlich vollzogen zu werden scheinen. Diese
Verinnerlichung von Handlungen charakterisiert den
Übergang zum Denken.
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Die sensumotorische Entwicklung ist hier noch nicht
abgeschlossen. Sie tritt vielmehr überall dort in
Erscheinung, wo es gilt neue Fertigkeiten (z.B. in Handwerk
und Sport) zu lernen. Sie kann also auch in späteren
Lebensabschnitten wirksam sein. Der Unterschied liegt darin,
das eine zu lernende Fertigkeit schon in der Vorstellung
antizipiert wird (mentales Training bei
Spitzensportlern).
Die für die sechste Stufe der sensumotorischen
Entwicklung charakteristischen Verinnerlichungsprozesse
beschreibt Piaget als Entwicklung einer
Repräsentations- oder Symbolfunktion. Er
unterscheidet Objektpermanenz, Nachahmungsverhalten und
Symbolhandlungen:
Objektpermanenz
(nicht mehr: aus den Augen, aus dem Sinn):Zwischen dem
sechsten und achten Monat beginnen Kinder, nach einem
versteckten Gegenstand (der vorher sichbar war) aktiv zu
suchen. Ein nicht sichtbares Suchziel muß innerlich
repräsentiert sein. Das Erreichen der Objektpermanenz
stellt für Piaget einen ersten Markstein dar. Am Ende
der sensumotorischen Phase begreifen Kinder, dass ein
Gegenstand auch dann noch weiter existieren kann, wenn er
nicht mehr sichtbar ist. Zeigt man jüngeren Kindern ein
interessantes Objekt, so weckt das deren Aufmerksamkeit.
Versteckt man dieses Objekt vor den Augen des Kindes unter
einem Kissen, scheint das Objekt seine Existenz zu
verlieren. Jüngere Kinder verfügen also offenbar
noch nicht über das Wissen, dass Objekte
unabhängig von der Wahrnehmung weiterexistieren. Erst
zwischen dem 6. und 7. Lebensmonat beginnen Kinder aktiv
nach einem versteckten Gegenstand zu suchen. Piaget schloss
daraus, dass sie nun über eine innere
Repräsentation dieses Gegenstandes verfügen: sucht
man nach einem unsichtbaren Gegenstand, so muss er als
Suchziel innerlich repräsentiert sein.
Der A-nicht-B-Fehler stellt ein weiteres wichtiges
Phänomen dar: Ein Spielzeug wird für das Kind
sichtbar auf den Tisch gestellt und mit einem Tuch
zugedeckt. Anschliessend wird das Spielzeug hervor genommen
und auf die andere Seite des Tisches gestellt, wo es dann
erneut zugedeckt wird. Die ursprüngliche Stelle wird
ebenfalls zugedeckt. Nun wird das Kind gefragt, unter
welchem Tuch sich denn das Spielzeug befinde. Das Kind zeigt
auf die ursprüngliche Stelle. Piaget erklärt
dieses Verhalten damit, dass Kinder zwischen ihrer
Wahrnehmung und ihrer motorischen Reaktion noch nicht
unterscheiden können. Der Fehler hat nach Piaget also
eine kognitive Ursache.
Gavin Bremner (Lancaster) zeigte
Kleinkindern Gegenstände, die er kurzzeitig hinter
einem Vorhang verschwinden ließ. Dazu bewegte er
verschiedene Gegenstände von links nach rechts und
ließ sie dabei kurz hinter einem in der Breite
veränderbaren Vorhang verschwinden. Aus den erstaunten
Blicken der Kleinen lässt sich erschließen, dass
zwei Monate alte Kinder auch bei einem schmalen Vorhang
nicht bemerkten, dass es sich um ein und denselben
Gegenstand handelte. Vier Monate alte Kinder erkannten das
Gezeigte schon wieder, wenn es erneut auftauchte, aber erst
mit sechs Monaten bereitete den Kindern selbst ein breiter
Vorhang keine Probleme mehr. Diese Ergebnisse
bestätigen die Vermutung, dass das Verständnis
für das Erkennen und Wiedererkennen von Dingen nicht
angeboren sondern erst durch Erfahrung erworben wird.
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Daniela Corbetta (Purdue University) beobachtet, dass bei
Kleinkindern, wenn sie etwas ganz Neues lernen wie etwa
Laufen, sich andere bereits erworbene Fähigkeiten
für eine Weile zurückentwickeln.
Kinder im Alter von sieben oder acht Monaten wurden in einem
Versuch vor einige handhabbare farbige Gegenstände
gesetzt, wonach diese ganz routiniert mit einer Hand allein
danach griffen, nachdem sie zuvor gelernt hatten, dass bei
kleinen Gegenständen eine Hand genügt. davor
greifen Kleinkinder automatisch mit beiden Händen nach
einem dargebotenen Gegenstand. Dies änderte sich,
sobald sie Laufen lernten, denn nun kehrten sie zur
beidhändigen Greifmethode zurück, die sie in einer
früheren Entwicklungsstufe angewandt hatten. Offenbar
werden die Arme für die Balance gebraucht, denn es ist
nicht ungewöhnlich, wenn Kinder dabei ihre Hände
in den ersten Wochen auf Schulterhöhe halten. Erst
nachdem sich die Balance verbessert und sie wieder
größere Kontrolle über die Motorik gewinnen,
werden die Arme wieder gesenkt. Vermutlich ist eine
kurzzeitige Rückkehr zu altvertrauten Techniken eine
sinnvolle Verarbeitungsstrategie, damit Neues aufgenommen
werden kann.
Wolfgang Mack (Frankfurt) setzte in einer Studie
zum intuitiven Zahlenverständnis
(abzählbare Mengen, die man mit einem Blick erfassen
kann) Erwachsenen und sieben Monate alte Kleinkinder vor
Bildschirme und zeigte ihnen kleine Punktemengen. Den
Erwachsenen wurden kurz paarweise Punktemengen zwischen eins
und acht gezeigt. Der Zeitbedarf für die richtige
Antwort war bis zu vier Punkten exakt gleich, ab fünf
stieg er deutlich an. Bei den Kindern wurde zunächst
die Blickdauer bei hintereinander gezeigten Bildern mit
gleicher Punktzahl gemessen. Nahm diese deutlich ab, hatten
sie sich an die Anzahl gewöhnt (habituiert), dann wurde
eine neue Punktemenge wiederholt gezeigt. Stieg die
Blickdauer bedeutsam an, kann man daraus schließen,
dass sie die Anzahl unterschieden können. Die Kinder
konnten eins von zwei, drei oder vier unterscheiden, aber
nicht mehr vier von fünf. "Subitizing" nennt der
Studienautor diese Fähigkeit, kleine Mengen zu
erkennen, ohne sie zu zählen. Dieses intuitive Erfassen
von Mengen bis vier ist offensichtlich ein Teil unserer
Wahrnehmung, während das Abzählen einer Menge
über vier eine logische Fähigkeit ist, die erst
gelernt werden muss.
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