[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Die Alkoholszenen der Jugend

In der Studie "Jugendliche Alkoholszenen. Konsumkontexte, Trinkmotive, Prävention" von Eisenbach-Stangl, Bernardis, Fellöcker, Haberhauer-Stidl & Schmied (2008) wurden jugendlichen Alkoholszenen aus unterschiedlichen Perspektiven und mit qualitativen Methoden untersucht (face to face, Telefoninterviews, Beobachtungen, Gruppendiskussionen und Einzelgespräche). Ich fasse im Folgenden einige zentrale Merkmale dieser Studie verkürzend zusammen (Hervorhebungen von mir; W.S.).

Die jugendlichen Alkoholszenen sind demnach zum einen als von den jungen Menschen selbst organisierte Institutionen des Übergangs von der Kindheit zum Erwachsensein zu betrachten, als Gleichaltrigengruppe, in der Geschlechterrollen eingeübt werden. Dass der Alkoholkonsum hierbei eine wichtige Rolle spielt ist auch darauf zurückzuführen, dass sich die Geschlechterunterschiede durch den Substanzenkonsum gut markieren lassen und dass der Alkoholkonsum als Unterstützer bei der Aufnahme von geschlechtlichen Beziehungen gilt.

Der Übergang von der Kindheit zum Mann- und Frausein wird nicht erst heute von der Gleichaltrigengruppe gestaltet, doch fand in der Vergangenheit die selbstorganisierte Initiation unter Ausschluss der erwachsenen Öffentlichkeit statt. Angesichts des öffentlichen Charakters der derzeitigen Übergangsszenen ist anzumerken, dass die selbständige Teilhabe von Kindern und Jugendlichen an der Öffentlichkeit in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr gefördert wurde.

Die jugendlichen Alkoholszenen sind nicht nur als Übergangsszenen zu begreifen, sondern auch als Gruppen junger Menschen, die an bestimmten, zumeist öffentlichen Orten zusammentreffen, und dabei sichtbar und gegebenenfalls auch auffällig trinken und sich berauschen, oder auch: die mit ihrem Substanzenkonsum ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Szenen für andere sichtbar darstellen und dies gegebenenfalls in auffälliger Weise tun.

In der überwiegenden Mehrzahl der Szenen bleibt der Alkoholkonsum unauffällig und auch wenn er intensiv ausfällt, ist er nicht mit körperlichen Beeinträchtigungen oder Aggressionen verbunden. Nur in einer Minderheit der Szenen wird auffällig getrunken. Auffällige Alkoholszenen sind vor allem an Wochenenden zu beobachten, und sie finden sich im Umfeld von kommerziellen – zumeist auf junge Menschen ausgerichteten – Freizeitangeboten, die außer dem Verkauf preiswerter alkoholischer Getränke wenig anzubieten haben. Es handelt sich dabei vorwiegend um Lokale und (Freizeit)Veranstaltungen, wie auch um Supermärkte, Tankstellen und Reiseveranstalter.

Die Szenen unterscheiden sich auch nach dem Ort ihres Zusammentreffens und sie sind mit unterschiedlichen sozialen Milieus assoziiert, aber auch die Trinkmotive in den drei Szenentypen unterscheiden sich erheblich:

Bei allen drei der genannten Szenentypen finden sich (überwiegend) unauffällige, wie (seltene) auffällige Varianten.

Auf der Ebene von einzelnen Personen betrachtet, treten die genannten Szenentypen in den Hintergrund – die jungen Frauen und Männer trinken zumeist auf mehreren „Bühnen“. So stimmen sich Angehörige von Lokalszenen in einer privaten Wohnung, in einem Park, auf dem Parkplatz des Lokals auf den gemeinsamen Diskothekenbesuch mit zumeist günstig im Supermarkt erworbenen Getränken ein - Vorglühen - , so besucht ein Freundeskreis, der vor allem auf privaten Festen trinkt, auch gemeinsam ein Lokal oder trinkt bei schönem Wetter im Park und so wechselt eine Straßenszene nach dem gemeinsamen Alkoholkonsum im Hof einer Wohnanlage in ein Cafe.

Die Konsumgewohnheiten unterscheiden sich in den drei Arten von Szenen nur graduell: In den Straßenszenen wird vermutlich etwas häufiger intensiv – bis zur Berauschung – getrunken und häufiger zu „harten“ Getränken gegriffen als in den Lokalszenen. Eine Ausnahme bilden jene Straßenszenen, die von Angehörigen von Randgruppen gebildet werden, wie unter anderem von Punks: hier wird regelmäßig extrem getrunken. Doch nimmt auch der Alkoholkonsum von privaten Szenen zumindest bei besonderen Ereignissen – wie etwa Maturareisen – extreme Formen an. Der Konsum illegaler Substanzen bleibt mit wenigen Ausnahmen auf den sporadischen Gebrauch von „weichen Drogen“ – vor allem von Cannabis – beschränkt.

In allen jugendlichen Alkoholszenen kommt es im Zuge der, vor allem an den Wochenenden, beim „Ausgehen“ mehr oder minder regelmäßig stattfindenden – rituell anmutenden – Alkoholisierung immer wieder zu schwerwiegenden körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen. In den Straßenszenen sind zusätzlich Müllen, Lärmen und andere Belästigungen von PassantInnen und AnrainerInner zu beobachten, vereinzelt auch aggressive Handlungen. In den Lokalszenen kommt es zusätzlich vor allem zu Gewalttätigkeiten (Schlägereien) zwischen den jungen Männern, zu sexuellen Übergriffen gegenüber jungen Frauen und zu Vandalismus. Die Folgen der Alkoholisierung in privaten Szenen scheinen bei besonderen Trinkanlässen jenen in Lokalszenen zu ähneln.

In den jugendlichen Alkoholszenen werden aber nicht nur Regeln aufgestellt, die den intensiven Konsum fördern, es werden auch Maßnahmen entwickelt, um unerwünschten Folgen vorzubeugen. Die „präventiven Selbstkontrollen“ sind insbesondere bei den Straßenszenen entwickelt, die mehr als andere sich selbst überlassen bleiben. Doch werden zumindest ansatzweise in allen Szenen Konsum und Berauschung begrenzt, um den Anforderungen von Ausbildung und Arbeit nachkommen zu können und werden Freunde und Freundinnen gegebenenfalls darauf angesprochen. Kommt es zu Beeinträchtigungen und Konflikten, sucht man sie gemeinsam zu bewältigen und bringt alkoholisierte Freunde und Freundinnen an sichere Orte oder nach Hause.

Die jungen Männer stehen im Zentrum der „Szene“, und der Alkoholkonsum bildet einen wichtigen Bestandteil ihrer Auftritte: Mit dem Trinken lässt sich Stärke zeigen. Andere Anlässe für die Akteure sich „in Szene“ zu setzen, sind das Zahlen von (Trink)Runden und verschiedene Arten von „Trinkspielen“, die auf dem Wettkampf einzelner Burschen oder ganzer „Cliquen“ beruhen, wie auch die Schlägereien, die auf das „Wetttrinken“ und „Kampftrinken“ mit großer Regelmäßigkeit folgen. Mit körperlichen Beeinträchtigungen aller Art wird dabei gerechnet, wenn sie nicht gar als Bestandteil der Performance gelten. Neben der Einübung von Geschlechterrollen dienen die jugendlichen Alkoholszenen der Aufnahme von Kontakten mit dem anderen Geschlecht, und auch hierbei ist der Alkoholkonsum ein wichtiges Requisit. Unter dem Einfluss von Alkohol trauen sich die Burschen Mädchen anzusprechen, im Extremfall attackieren sie sie körperlich und verbal. Die jungen Frauen ihrerseits trinken mäßig, doch setzen auch sie den Alkohol als Unterstützer bei der Kontaktsuche zu jungen Männern ein. Komplementär zu den jungen Männern fürchten sich die jungen Frauen vor sexuellen Übergriffen und vor Gewalttätigkeiten.

Der erlaubte Alkoholkonsum ist ein Attribut des Erwachsenseins, das unter anderem durch die in den Jugendschutzgesetzen vorgegebene „Trinkmündigkeit“ bestimmt wird. Die jungen Männer und Frauen übertreten diese Vorgaben aktuell, und sie demonstrieren Eigenständigkeit, wenn sie vor Eintritt der Trinkmündigkeit in der Öffentlichkeit Alkohol mehr oder minder auffällig konsumieren. Doch orientieren sie sich zur gleichen Zeit am diffusen Altersrahmen, der für das Erwachsenwerden vorgegeben ist und erproben in den jugendlichen Alkoholszenen höchst traditionelle Geschlechterrollen. Der sichtbare Alkoholkonsum der Jugendlichen kann also als Anpassung und Abweichung, als Übernahme vorgegebener Muster und als deren Verwerfung zugleich gesehen werden. Nach Eintritt der „Trinkmündigkeit“, mit etwa 16 Jahren finden sich die jungen Menschen in Paaren. Die jungen Männer gehen dann zu einem mäßigeren, wie regelmäßigeren Alkoholgenuss über, zusammen mit ihren Partnerinnen, für die sie Verantwortung übernehmen und die sie ihrerseits kontrollieren.

Die jugendlichen Alkoholszenen sind mit unterschiedlichen und teils auch gegenläufigen Reaktionen und Eingriffen von Erwachsenen konfrontiert. Im Falle der Lokalszenen versuchen die Eltern – vor allem die Mütter – auf den Alkoholkonsum ihrer Kinder – vor allem ihrer Söhne – Einfluss zu nehmen, in dem sie etwa deren Ausgehzeiten beschränken. Ohne viel Erfolg: Die jungen Männer und Frauen gehen davon aus, dass man sie längerfristig nicht „wegsperren“ könne und dass es ohne Mühe möglich sei, sich Alkoholisches zu besorgen. Jugendliche aus unterprivilegierten Milieus erleben im Gegensatz dazu nur selten, dass Eltern versuchen in ihren Alkoholkonsum einzugreifen, obwohl sie gerne auf diese Thematik angesprochen würden. Der Unterschicht zurechenbare Eltern sind in einzelnen Fällen ihrerseits den Kontaktversuchen von JugendbetreuerInnen ausgesetzt, die mit dem (auffälligen) Alkoholkonsum ihrer Kinder in der Öffentlichkeit befasst sind und ihre Aufsichtspflicht einfordern.

In der Öffentlichkeit wurden die jungen Menschen zur Zeit der Untersuchung vor allem durch die konsumfördernden Maßnahmen der Gastronomie und des Handels angesprochen: sehr häufig in Form von Billigangeboten für alkoholische Getränke. Auf präventive Maßnahmen stießen sie nur gelegentlich, und aus der Sicht der jungen Männer und Frauen blieben diese so wirkungslos wie jene im privaten, familiären Bereich: So waren etwa die nur in einigen Lokalen und Geschäften durchgeführten Alterskontrollen leicht zu unterlaufen. In Lokalen wurden auch offensichtlich Alkoholisierte bedient, die im Extremfall – bei schwerer körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung oder bei Tätlichkeiten gegen Personen und Sachen – auf den Parkplatz oder die Straße gesetzt wurden. Um die Alkoholisierung ihrer Gäste auf diese Weise zu managen, waren in einigen großen Lokalen private Sicherheitskräfte eingestellt worden, die keine präventive Schulung erhalten hatten und nur im Dienst der Aufrechter-haltung der Ordnung im jeweiligen Lokal tätig wurden.

Die auf den Parkplatz oder die Straße gesetzten Angehörigen der Lokalszenen wurden gegebenenfalls von der Polizei aufgegriffen, die die Eltern verständigte oder die Jugendlichen nach Hause brachte. Wird die Sicherheitsexekutive beim Ausbruch von Gewalttätigkeiten in Lokale gerufen, oder ist sie – wie bei großen Veranstaltungen – von Beginn an vor Ort, wird sie natürlich früher und häufiger aktiv. Im Gegensatz zu den privaten Sicherheitsdiensten greift die Polizei also auch unter präventiven Vorzeichen ein, nicht zuletzt weil keine andere Berufsgruppe in diesem Sinne aktiv wird. Bei den Straßenszenen, auf die die Polizei bei Routinekontrollen trifft und zu denen sie etwa bei Lärmbelästigung von Anrai-nerInnen gerufen wird, ist die Polizei in geringerem Maße präsent. Die privaten Szenen schließlich sind von polizeilichen Eingriffen abgeschirmt, sie werden bestenfalls auf dem Weg zu und von ihren Zusammenkünften in der Öffentlichkeit sichtbar. Nur selten greifen andere Berufsgruppen als die Polizei und die privaten Sicherheitsdienste in den Alkoholkonsum der jugendlichen Freizeitszenen ein: zumeist handelt es sich um SozialarbeiterInnen, die auffällige Straßenszenen im Sinne leidensmindernder Maßnahmen betreuen. Erwachsene, die beruflich nicht mit Jugendlichen befasst sind, wie Lokal- und VeranstaltungsbesucherInnen, oder auch PassantInnen, ignorieren die trinkenden Jugendlichen wenn sie auf sie treffen, oder sie versuchen, ihnen auszuweichen. Und nur ausnahmsweise werden alkoholisierte Jugendliche in ein Spital eingeliefert: zumeist handelt es sich um junge Menschen, die im Umgang mit alkoholischen Getränken sehr unerfahren sind. Spitalseinlieferungen werden von den Jugendlichen sehr gefürchtet und von ihnen nur in äußersten Notfällen initiiert.

Quelle: Eisenbach-Stangl, I., Bernardis, A., Fellöcker, K., Haberhauer-Stidl, J. & Schmied, G. (2008). Jugendliche Alkoholszenen. Konsumkontexte, Trinkmotive, Prävention.
WWW: http://www.euro.centre.org/data/1225887864_72136.pdf (08-11-11)



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