[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Von der Adoleszenz ins Erwachsenenalter

Die Jugend wäre eine noch viel schönere Zeit,
wenn sie etwas später im Leben käme.
Charles Chaplin

Die Jugendzeit gilt heute als Zeit des Aufbruchs, als Lebensabschnitt, dem die Älteren oft nachweinen, weshalb diese Entwicklungsphase mit Klischees, Wünschen und Vorurteilen überfrachtet ist. Das war nicht immer so, sondern entstand erst mit der Moderne, denn die Industrialisierung erforderte eine breitere Berufsausbildung, was eine "Freistellung" der nachwachsenden Generation aus dem täglichen Arbeitsleben verlangte, aus der der Zwischenstatus der Jugend entstand. Diese Zuordnung war zunächst zweideutig besetzt, denn zum einen gab es das christlich-bürgerliche Konzept des "hoffnungsvollen Jünglings", zum anderen jenes der gefährdeten, unreifen Personen. Ihnen wurden Tendenzen zur Trunksucht, Verwahrlosung, Kriminalität und Empfänglichkeit für sozialistisches Gedankengut unterstellt. Gemeint waren damit männliche Vertreter der Arbeiterklasse zwischen 13 und 18 Jahren. Für Mädchen war in diesen Konzepten kein Platz, sie kamen schlicht und einfach nicht vor. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog sich ein Bedeutungswandel, später bauten die Nationalsozialisten die Idee der Jugend als Motor der Geschichte weiter aus. Was wir also heute unter Jugend verstehen, ist ein relativ junges Phänomen.

In der Phase der Adoleszenz bzw. Pubertät kommt es zu deutlichen Änderungen in der Selbstwahrnehmung und der Gestaltung der Beziehungen des Einzelnen zur Umwelt.

Änderung der Objektbeziehungen
  • Kritik, wenn auch verhaltene, am Vater und seiner Einstellung zur Familie
  • Ablösung von der Familie (Gefühl des Abschiednehmens)
  • Rebellion gegen christliche Sexualnormen
Gefühlslabilität
  • Ambivalenz zwischen sexueller Erregung und Schamgefühl
  • Zerrissenheit bei Entscheidungen
  • Ups and downs
  • Übertriebene Selbstkritik
  • Empfindlichkeit
Änderung des Körperbildes
  • Verstärktes Schamgefühl
  • Gesteigerte Selbstwahrnehmung
  • Pubertärer Wachstumsschub
Änderung der sozialen Kontakte
  • Freundschaften mit gleichgeschlechtlichen Gleichaltrigen
  • Peergroup-Orientierung
  • Kontakt mit Mädchen
Änderung der Ideale
  • Anerkennung der Ideale der Gruppe
  • Abgrenzung von Werten und Normen der älteren Generation
Aufbau einer eigenen Identität
  • Zunahme der Urteilsfähigkeit
  • Häufig idealistische Berufsvorstellungen
  • Elterliche Scheinheiligkeit wird durchschaut und angeprangert.
  • Omnipotenzgefühle (=Allmachtphantasien) und dem Wunsch nach Grenzerfahrungen
Soziale Integration
  • Übernahme von gesellschaftlichen Rollenangeboten
  • Einnahme einer Berufsrolle

[nach Mutz, Ingomar D. & Scheer, Peter J. (1997). Pubertät und Adoleszenz.
WWW: http://paedpsych.jku.at:4711/LEHRTEXTE/MutzScheer97.html]


1. Körperliche und sozial-emotionale Entwicklung

Bei der Entwicklung zum Erwachsenenalter geschieht ein Wachstumsschub. Dieser ist in dieser Entwicklungsphase sehr ausgeprägt und kommt ansonsten nur in den ersten beiden Lebensjahren in dieser Größe vor. Der Beginn der Adoleszenz soll das Ende der Kindheit und der damit verbundenen Veränderungen signalisieren (vgl. Mietzel 2002, S. 351).
Dabei verändern sich einige körperliche Merkmale, welche mit der Pubertät beginnen. Die Körpergröße und das Gewicht nehmen zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr noch einmal vermehrt zu. Bei den Mädchen geschieht dies meist im Alter von 10 Jahren. Sie wachsen durchschnittlich neun Zentimeter in 12 Monaten. Bei den Burschen erfolgt der Wachstums­schub etwas später, meistens im Alter zwischen 12 und 13 Jahren. Sie wachsen jährlich ungefähr zehn Zentimeter und sind trotz dieser Zeitverzögerung am Ende der Wachstumsphase größer als Mädchen, da sie im Jahr um mehrere Zentimeter wachsen. Weiters wächst nicht jeder Körperteil gleich schnell und aus diesem Grund sieht der Körper auch oft unförmig aus. Dies gibt sich am Ende ganz von alleine wieder und jeder hat eine harmonische Körpergröße (vgl. Mietzel 2002, S. 354).
Die Jugendlichen bekommen langsam eine Körperbehaarung im Genitalbereich, in den Achseln, und Burschen auch im Gesicht und auf der Brust. Weiters entwickeln sich in dieser Zeit die Brüste bei den Mädchen und bei den Burschen wachsen die Hoden in den Hodensack (vgl. Mietzel 2002, S. 352).
Wenn bei den Mädchen die extreme Wachstumsphase vorüber ist, bekommen sie das erste Mal die Regelblutung. Dies hat zur Folge, dass der Körper seine Voraussetzungen für eine mögliche Empfängnis abgeschlossen hat. Der erste Eisprung erfolgt jedoch erst 12 bis 18 Monate später und so verhindert der junge Körper eine zu frühe Schwangerschaft. Bei dem ersten Samenerguss bei Burschen ist es nicht bekannt ob Geschlechtszellen enthalten sind, die eine Eizelle bereits befruchten können (vgl. Mietzel 2002, S. 354).
Es bestehen nicht nur Unterschiede während der Wachstumsphase zwischen Jungen und Mädchen, sondern auch beim gleichen Geschlecht kann die Pubertät zu unterschiedlichen Zeiten eintreten. Dies kann zusammenhängen mit:
Genetischen Einflüssen: Die Vererbung des Metronoms spielt bei der Pubertät eine große Rolle(vgl. Mietzel 2002, S. 354 f).
Umwelteinflüssen: Sie wirken verzögernd auf die Geschlechtsreife. Es handelt sich hierbei um z.B. mangelnde Ernährung, permanenten Stress und Kindesmisshandlungen. Bei Mädchen, welche zu Hause keine Ruhe und Harmonie vorfinden, ist der Menstruationseintritt meist früher als bei Mädchen, die in harmonischen Familienverhältnissen leben. Weiters trägt eine Gewichtszunahme bei Mädchen zu einer früheren Menstruation bei, da der Körper mindestens aus 17 Prozent Fett bestehen muss, damit eine Monatsblutung eintreten kann. Wenn dieser Fettanteil, aus welchen Gründen auch immer, unterschritten wird, dann bleibt die Blutung aus (vgl. Mietzel 2002, S. 355).
Die Rolle der Hormone: Das Gehirn ist der zentrale Steuerungsmechanismus, welcher durch Hormone geregelt wird. Nach neuesten Forschungen sorgt der Botenstoff Neurokinin B im Gehirn dafür, dass mehrere Hormone kaskadenartig freigesetzt werden, die dann die Entwicklung zur Geschlechtsreife auslösen. Türkische und britische Forscher untersuchten vier türkische Familien, deren Kinder heranwuchsen, ohne je in die Pubertät zu kommen. Genetische Untersuchungen zeigten dann, dass bei ihnen entweder ein Gen defekt ist, das den Hirnbotenstoff Neurokinin B bildet, oder ein Gen, das eine Andockstelle für diesen Hirnbotenstoff darstellt. Das Zwischenhirn sendet Nervenimpulse an die Hirnanhangsdrüse und diese wiederum sendet Nachrichten an die Geschlechtsorgane. So produzieren die Eierstöcke vermehrt Östrogene und die Hoden Androgene und Testosteron (vgl. Mietzel 2002, S. 355 f). Aufgrund dieser Freisetzung von Sexualhormonen aus der Hirnanhangsdrüse wird bei Frauen der Menstruationszyklus in Gang gesetzt, bei Männern die Bildung von Spermien ausgelöst.
Da sich der Körper in dieser Wachstumsphase sehr stark verändert, ändert sich auch das äußere Erscheinungsbild der Jugendlichen. Sie bekommen ein starkes Interesse am eigenen Aussehen. Die Jugendlichen machen sich bewusst Gedanken über ihren Körper und sehen sich vermehrt in den Spiegel. Es treten durch die Hormonumstellung Hautprobleme auf und die Figur und das Gewicht spielen eine zentrale Rolle im Leben der Jungen und Mädchen. Weiters wird das Aussehen kritisch betrachtet, da Vorbilder z.B. aus Filmen eine wichtige Rolle im Leben der Heranwachsenden spielen. Der Gruppendruck wächst und wenn man sich nicht danach richtet, riskiert man eine soziale Zurückweisung (vgl. Mietzel 2002, S. 357 ff).
In der Adoleszenz ist die Hinwendung zu Gleichaltrigen sehr hoch. Durch die Entwicklung der Jugendlichen entsteht ein Loslösen und Unabhängig werden. Damit ist gemeint, dass die Mädchen und Jungen sich vom Elternhaus ein wenig entfernen und die Gleichaltrigen in Problemsituationen und bei Entscheidungsfindungen gebraucht werden. Weiters ist die Möglichkeit zum Verhaltens- und Gefühlsvergleich unter Gleichaltrigen gegeben und somit auch das Erlernen von sozialen Fertigkeiten wie z.B. dem Teilen. Das gemeinsame Unter­nehmen mit Gleichaltrigen wird immer wichtiger und es bilden sich Freundschaften, die für intime Gespräche und Vertrauen sehr wichtig sind (vgl. Mietzel 2002, S. 362 ff).
Die Erfahrung der Sexualität in der Adoleszenz ändert sich gegenüber der frühen Kindheit indem anfangs das eigene Geschlecht genau betrachtet wird. Später liegt die Konzentration am anderen Geschlecht und es werden „Doktorspiele“ gemacht, um das andere Geschlecht genauer unter die Lupe zu nehmen und kennen zu lernen. Danach, in der Adoleszenz, experimentieren die Jugendlichen mit ihrer Sexualität um die ersten Erfahrungen zu sammeln. Es ist laut Umfragen anzunehmen, dass die meisten Jugendlichen einen heterosexuellen Kontakt vor dem 15ten Lebensjahr hatten. Reife Sexualität ist erst im Laufe der Adoleszenz erreicht. Hierbei müssen die Partner aufeinander eingehen können. Das unterschiedliche Alter beim ersten sexuellen Kontakt kann einerseits von Peergruppen und andererseits vom Einfluss der Familie abhängig sein. Durch die Peergruppen entsteht der Druck und es kommt meist schon früher zu heterosexuellen Erfahrungen als ohne Gruppenzwang. Bei der Beeinflussung durch die Familie ist es ausschlaggebend, wer mit den Kindern über das Thema der Sexualität spricht. Bei einem Gespräch mit dem Vater ist eine frühere Neigung zur Sexualität erkennbar als bei einem Gespräch mit der Mutter. Das Alter des ersten Geschlechtsverkehrs der Eltern und die Einstellung der Eltern zur Sexualität spielt eine weitere Rolle bei der sexuellen Aktivität der Jugendlichen. Wenn die Mutter z.B. sehr jung beim ersten Mal war, dann ist die Tochter meist auch sehr früh sexuell tätig. Wenn die Eltern geschieden sind wird das Kind meist auch früher sexuell tätig, als wenn es geregelte Familienverhältnisse gibt (vgl. Mietzel 2002, S. 372 ff).

2. Entwicklung der kognitiven Identität

Identität kann sich laut Oerter, Dreher (2002, S. 295) innerhalb kurzer Zeit drastisch verändern und zudem kann Identität nicht mit Hilfe von stabilen Merkmalen wie bei der Selbstkonzeptmessung beschrieben werden, sondern eher als „umfassende Konstruktion des Selbst in seiner jeweiligen Erfahrungswelt“. Identitätsfindung beginnt bereits in der frühen Kindheit und kann zudem nach jedem kritischen Lebensereignis wieder neu aufgenommen werden (vgl. Mietzel 2002, S. 390).
Zur Einteilung der verschiedenen Identitätsentwicklungs-Stufen entwickelte James Marcia 1966 bzw. 1980 zum Thema Identitätsentwicklung ein Modell (vgl. Krampen 2002, S. 691).
Nach Marcia sind „die beiden taxonomischen Bestimmungsstücke für den Identitäts­entwicklungs-Status einer Person

  1. ihre Bemühungen, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und –alternativen zu erkunden – kurz: Exploration, und
  2. ihre innere Verpflichtung, ihr persönliches Engagement und ihre Involviertheit bei der Bewältigung von Entwicklungsherausforderungen – kurz: Verpflichtung" (Krampen 2002, S. 691).

Oerter, Dreher (2002, S. 295) fügen diesen beiden Dimension noch die dritte Dimension Krise hinzu. Krise beinhaltet die Unsicherheit oder Rebellion, welche mit der Auseinandersetzung mit verschiedenen Lebensbereichen verbunden ist.
Diese genannten Fragen stehen im Mittelpunkt beim „Identity Status Interview“, welches die persönlichen Entwicklungsaussichten einer Person und den Stand der Entwicklung darstellt (vgl. Krampen 2002, S. 691)
James Marcia teilte die Identitätssuche in vier verschiedene Kategorien ein, die folgendermaßen benannt wurden:

Die Zugehörigkeit zu einer Kategorie ist davon abhängig, ob der Jugendliche eine Phase der Identitätserkundung durchlaufen hat und ob er verbindliche Entscheidungen gemacht hat, beispielsweise in den Bereichen Partnerschaft, Politik usw. (vgl. Mietzel 2002, S. 390).

Ziel der Identitätsfindung

Das ideale Ziel der Identitätsentwicklung ist, dass ein Mensch nach einer gewissen Zeit des Nachdenkens und Experimentierens, in welcher es oft zu Unsicherheit kommt, Entschei­dungen für sich getroffen hat und Klarheit über seine Wertvorstellungen und religiösen Überzeugungen hat. Diesen Status, welcher als erarbeitete Identität bezeichnet wird, erreichen die Menschen zumeist erst während des entstehenden Erwachsenenalters, jedoch frühestens in der späten Adoleszenz.
Hierzu soll auch erwähnt werden, dass Menschen kaum in allen Lebensbereichen die erarbeitete Identität erreichen können. So hat zum Beispiel ein ausgelernter Handels­angestellter den Status im Bereich der Berufsbildung erreicht, jedoch muss er diesen nicht schon unbedingt in religiöser oder politischer Hinsicht gewonnen haben (vgl. Mietzel 2002, S. 390).
Nun werden die vier Identitätszustände erläutert:

Übernommene Identität

Dieser Status ist geprägt von Werten und Entscheidungen, die von jemand anderem stammen. Meist sind es die Meinungen bzw. die Entscheidungen der Eltern, die ausgewählt werden. Der kognitive Stil dieser Menschen ist meist wenig komplex, eher etwas impulsiv. Sie sind ruhig, wohlerzogen und glücklich (vgl. Oerter, Dreher 2002, S. 297).
Jugendliche können auch im Status der übernommen Identität „hängen bleiben“, wobei ihnen einerseits die Identitätssuche weitgehend erspart bleibt, auf der anderen Seite der Endpunkt der Identitätsentwicklung eine massive Einschränkung der Möglichkeiten des jungen Menschen bedeutet (vgl. Mietzel 2002, S. 392).

Diffuse Identität

Jugendliche in diesem Alter können sich noch für keinen Beruf entscheiden, legen sich keine Werte selber fest und machen sich allgemein wenig Gedanken über die eigene Zukunft. Außerdem lassen sich diese Menschen extern kontrollieren, sind zurückgezogen und fühlen sich von den Eltern wenig verstanden. Daher kommt den Peer und externen Autoritäten viel mehr Gehör zu (Mietzel 2002, S. 390 f). Der Identitätsstatus der Diffusion ist von Verun­sicherung gekennzeichnet, daher wollen Jugendliche in diesem Alter „normal“ sein, da man dann nicht auffällt.

Moratorium

Jugendliche, die sich im Moratorium befinden, sind dabei, sich mit beruflichen und sonstigen Wertfragen auseinander zu setzen und befinden sich daher in einer Übergangsphase mit offenen Lösungsalternativen, wodurch auch Entwicklungsveränderungen entstehen können (vgl. Krampen 2002, S. 691).
Man kann diesen Status als Erkundung mit unverbindlichem Charakter bezeichnen – die Jugendlichen probieren verschiedene Identitäten und Rollen ohne sich verbindlich für eine entscheiden zu müssen (vgl. Mietzel 2002, S. 390 f).
Menschen im Moratorium sind in der Lage tiefer Beziehungen einzugehen, welche sie auch intensiv anstreben. Sie haben einen kognitiv komplexen Stil und ihr Selbstwertgefühl ist hoch (vgl. Oerter, Dreher 2002, S. 297).

Erarbeitete Identität

Nach der Erprobung verschiedener Rollen im Status Moratorium kann der Jugendliche schließlich aufgrund seiner Erfahrungen Entscheidungen treffen. Es ist dabei am wichtigsten, dass die Rolle selbst entschieden wird, es geht dabei nicht so sehr um die Rolle, für die man sich entscheidet. Mit dieser Entscheidung des „eigenen Ich“ geht hohe Zufriedenheit einher (vgl. Mietzel 2002, S. 392).
Das Selbstwertgefühl ist hier wiederum sehr hoch, sie können tiefe Beziehungen eingehen, kontrollieren sich selber internal und können sich für andere ohne Eigennutzen einsetzen (vgl. Oerter, Dreher 2002, S. 297).

3. Egozentrismus in der Adoleszenz

Egozentrismus ist eine Haltung, die wir aus den Entwicklungsstufen von Kleinkindern kennen. Egozentrik leitet sich aus dem Lateinischen “ego”= ich und “centrum”= Mittelpunkt ab. Die Ichbezogenheit = Egozentrismus ist eine Haltung, die alle Erfahrungen auf das eigene Ich hin ordnet. Sie ist im Unterschied zum Egoismus nicht auf das Handeln, sondern auf die Auffassung und Verarbeitung des Erlebten ausgerichtet. (vgl. Der Brockhaus)

3.1. Wiedererblühen des Egozentrismus

Gelingt es dem Vorschulkind nicht immer, seine subjektive Wahrnehmung zu korrigieren, indem es Sichtweisen anderer mit einbezieht, so gilt das auch für erwachsene Menschen zum Teil. Alles, was wir wahrnehmen, nehmen wir aus unserer eigenen Perspektive wahr. Sich in andere Sichtweisen hineinzuversetzen stellt, je nach eigener Betroffenheit, eine mehr oder weniger schwierige Aufgabe dar. Den eigenen Standpunkt völlig auszuschalten ist für uns nicht möglich.
Diese Aussage betrifft alle Lebensalter. Dennoch geht Mietzel (2002, S. 338) davon aus, dass gerade im Jugendalter eine neue Form egozentristischen Denkens entsteht. „Da für den jungen Menschen das eigene Denken immer häufiger zum Gegenstand seiner Betrachtung wird, geht er davon aus, dass andere sich ebenso Gedanken über ihn machen wie er über sich selbst.“ (Mietzel 2002, S. 338). Dies ist der wesentliche Punkt der Egozentrik in der Adoleszenz: Jugendliche sind der Überzeugung, dass sie stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer stehen und dass ihre Erfahrungen, Vorstellungen und Gefühle einmalig sind.
Es besteht ein Zusammenhang zwischen Egozentrik und der Suche nach Identität. Nach O´Connor (vgl. Mietzel 2002, S. 338) erklärt sich dieser folgendermaßen: Jugendliche werden immer selbstbewusster, da sie sich in einem Lebensabschnitt befinden in dem sie sich verstärkt mit der Frage beschäftigen, wer sie selbst sind. Junge Menschen gehen davon aus, dass sie von anderen beobachtet werden, um Anzeichen für die hervortretende Individualität zu finden. Schließlich wird zunehmende Individualität in diesem Alter von den Erwachsenen erwartet.

3.2. Folgen für das Verhalten

Die Frage nach den Folgen für das Verhalten egozentrischen Denkens lässt sich nach David Elkind (vgl. Mietzel, 2002, S. 339) folgendermaßen beantworten: Er sieht vor allem Aus­wirkungen im Altersbereich zwischen 12 und 15 Jahren. Elkind machte die Beobachtung, dass sich Angehörige dieser Altersgruppe häufig so verhalten als stünden sie ständig unter Beobachtung eines Publikums. Situationen, in denen man sich beobachtet fühlt, kennen auch Erwachsene. Dies trifft besonders dann zu, wenn ein Missgeschick passiert. Was Erwachsenen nur selten auffällt ist nach Elkind aber ein grundlegendes Kennzeichen jugendlichen Denkens.
Diese Art des Denkens und die Vorstellung eines omnipräsenten Publikums hat natürlich Folgen für den Wert der äußeren Erscheinung. Laut einer Untersuchung zeigen Menschen generell nur mit Ausnahme der ersten Lebensjahre eine gewisse Scheu davor, sich der Öffentlichkeit zu stellen, wenn sie den Eindruck haben, ihr Erscheinungsbild sei nicht in Ordnung. Das kann mit der Kleidung, der Frisur, Hautunreinheiten etc. zusammenhängen. Diese Scheu ist besonders hoch in den Jahren der frühen Adoleszenz. Gerade Schüler zwischen 13 und 15 Jahren zeigen besonders hohe Neigung, sich der Öffentlichkeit zu entziehen bei vermeintlichen äußeren Unpässlichkeiten. (vgl. Mietzel 2002, S. 340)
Modische Unangepasstheiten Jugendlicher erklärt Elkind (vgl. Mietzel 2002, S. 340) damit, dass Jugendliche oft nicht ausreichend zwischen dem eigenen und dem Geschmack anderer unterscheiden können. Ein weiterer Grund kann allerdings auch das Bemühen sein, Unab­hängig­keit von den Erwachsenen zu erlangen und durch extravagantes Aussehen Eigen­ständigkeit zu zeigen. Zudem erscheint es Jugendlichen unverständlich, wie Erwachsene ihr Aussehen missbilligen können.
Mit zunehmendem Alter verringert sich die Vorstellung, ständig von einem Publikum umgeben zu sein. In der späteren Adoleszenz ist sie schon wesentlich geringer ausgeprägt. Das liegt vermutlich daran, dass Jugendliche wiederholt die Erfahrung machen, dass sie für viele der Mitmenschen gar nicht so bedeutend sind, wie sie dachten. Völlig verschwindet die Vorstellung des beobachtet Werdens allerdings nie.
Als eine weitere Folge egozentristischen Denkens im Jugendlichenalter lässt sich der Glaube an die Einzigartigkeit und Unverwundbarkeit identifizieren. In diesem Zusammenhang entstehen Fragen wie: Warum lassen sich Jugendliche vermehrt zu Drogenkonsum verführen? Warum stellen Jugendliche einen hohen Anteil von Verkehrsunfallverursachern? Warum treten vermehrt ungewollte Schwangerschaften auf?
David Elkind (vgl.Mietzel 2002, S. 341) beantwortet eben diese Fragen folgendermaßen: Jugendliche überschätzen ihre Einzigartigkeit und ihre Besonderheit. Jugendlicher Ego­zentrismus kann sich so auswirken, dass junge Menschen denken, die wären vor Schaden besonders geschützt. Vor allem in Berichten Drogenabhängiger findet sich diese Art der Erklärung häufig: Wer denkt beim ersten Versuch schon daran, dass man auch selbst süchtig werden kann, obwohl das Wissen über die Sucht vorhanden ist?
Jugendliche zeigen eine gewisse Bereitschaft zum Risikoverhalten, obwohl sie die Gefährdung beim Konsum von Drogen oder ungeschützten sexuellen Aktivitäten genauso realistisch sehen wie Erwachsene. Hier drängt sich die Frage nach den Gründen für dieses Risikoverhalten auf. Mietzel (2002, S. 341) sieht sie darin, dass Jugendliche vor allem von Gleichaltrigen anerkannt werden wollen und aus diesem Grund „Mutproben“ vor anderen ablegen. Auch Zimbardo & Gerrig meinen:„Weil Peers zu einem immer wichtigeren Ausgangspunkt sozialer Unterstützung werden, nimmt auch die Angst vor möglicher Zurückweisung zu.“ (Zimbardo & Gerrig, 1999, S. 495)
Eine weitere Begründung für Risikoverhalten ist, dass Jugendliche vor der Aufgabe stehen, ihre Unabhängigkeit zu erhöhen und dies kann auch dadurch erreicht werden, dass sie sich merklich von den Verhaltensweisen der Eltern absetzen. Damit lässt sich auch die traditionelle Auffassung erklären, dass das Jugendalter eine wildbewegte Phase ist, die durch unberechenbares, problematisches Verhalten gekennzeichnet ist. (vgl. Zimbardo & Gerrig 1999, S 493).
Nach Mietzel (2002, S. 343) spricht sehr viel dafür, dass Jugendliche vor risikovollen Taten eine Art Kosten- Nutzen- Abwägung machen. Demnach überlegen sie genau, welche Vorteile eine mögliche Tat hat und welche Risiken damit verbunden sind. Eine Tat wird nur dann gesetzt, wenn der Nutzen die Kosten überwiegt.
Risikoverhalten kann nicht nur den einzelnen Jugendlichen, sondern auch die Gesellschaft schädigen. Dennoch gibt es kaum Maßnahmen, um dieses Verhalten zu reduzieren. Ziel des Risikoverhaltens ist es in erster Linie sich vor sich selbst und den anderen zu bestätigen und die Grenzen des eigenen Tuns auszuloten.
Ein weiteres Kennzeichen jugendlichen Denkens ist ihre Orientierung an Idealvorstellungen. Jugendliche stehen der Welt oft sehr kritisch gegenüber, da sie erkennen, dass die Wirklichkeit hinter ihren Idealvorstellungen zurückbleibt. Aus diesem Grund sehen sie sich herausgefordert, an der Beseitigung von Missständen mitzuwirken und entwickeln mitunter ein erstaunliches Engagement.
Allerdings gibt es Beispiele, die erkennen lassen, dass sich Jugendliche sehr widersprüchlich verhalten. So können zum Beispiel dieselben Jugendlichen, die sich über Verschmutzung durch andere beklagen, selbst gegen die eigenen Ziele handeln. Junge Menschen vergessen leicht, dass Forderungen nicht nur für andere sondern auch für sie selbst gelten müssen (vgl. Mietzel 2002, S. 344)
Das ist wohl einer der Gründe, warum sich Jugendliche oft nicht gerade beliebt machen. Dennoch ist es angesichts der vielen Veränderungen, die sie sowohl körperlich als auch geistig durchleben müssen nur verständlich, dass Jugendliche in vielen Bereichen nicht den Ansprüchen Erwachsener an sie gerecht werden können.

Verwendete Literatur

Krampen, Günter (2002). Persönlichkeits- und Selbstkonzeptentwicklung. In Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 675-710). Weinheim: Beltz.

Mietzel, Gerd (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie. Kindheit und Jugend. Weinheim: Beltz.

Oerter, Rolf & Dreher, Eva (2002). Jugendalter. In Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.), Entwicklungspsychologie (S. 258-317). Weinheim: Beltz.

Zimbardo, Philip G. & Gerrig, Richard J. (1999). Psychologie. Berlin, Heidelberg, New York: Springer.



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