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Informationsverarbeitung und Lernprozesse im anatomisch noch nicht voll differenzierten Gehirn etwa bis zum Ende der Pubertät dienen nicht nur der Abspeicherung von Informationen, sondern gleichzeitig der optimalen Strukturierung von Neuronennetzen im Sinne von später noch ausbaubaren Fähigkeiten. Dabei werden im Cortex unter dem Einfluss erster Erfahrungen zunächst einmal viele der genetisch auf Verdacht angelegten synaptischen Verbindungen eliminiert, wenn sie bei neuronalen Kommunikationsprozessen keinen Sinn machen. Die verbleibenden Synapsen werden entsprechend der Erfahrung verstärkt oder abgeschwächt. Diese Prozesse ziehen in einer altersabhängigen Welle über den Cortex, denn zuerst werden Sinnesareale bereinigt, dann kognitive Areale. Diese Prozesse können als eine Optimierung für spätere höhere Funktionsanforderungen und Lernleistungen verstanden werden. Der wichtigste Zeitraum dieser Einflussnahme durch Informationsangebot liegt wahrscheinlich im Vorschul- und Grundschulbereich. Lern- und Gedächtnisprozesse im Erwachsenen-Gehirn laufen daher vorwiegend an diesen bereits vorhandenen Synapsen durch Modifikation ab, während die Neubildung sehr begrenzt ist. Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis können dann willentlich gefüllt werden und werden durch Überschreiben mit neuer Information wieder gelöscht. Nur eine geringe Teilmenge der im Tagesverlauf ständig wechselnden Informationen wird im synaptischen Langzeitgedächtnis verankert, wobei die entsprechenden Synapsen durch Genaktivierung und Proteinsynthese und -transport umgebaut werden müssen. Die Auswahl dieser Informationen unterliegt jedoch nicht einer bewussten Kontrolle, sondern hängt auch von der individuellen Sinnhaftigkeit ab, also der emotionalen oder kognitiven Bewertung. Das erklärt, warum unmotiviertes Lernen niemals nachhaltig und das Terminlernen etwa bei SchülerInnen und StudentInnen wenig effektiv ist. Die Verankerung im Langzeitgedächtnis benötigt dafür ein zeitliches Fenster von etwa 24 Stunden für den Umbau, wobei in diesem Zeitraum Wiederholung oder Vertiefung der einzuprägenden Information eine fördernde bzw. konkurrierende Informationen eine störende Rolle spielen.

Quelle: http://www.ne-na.de/superlernen-die-rattenf-nger-der-neuro-konomie-und-warum-gehirnjogging-unfug-ist
-wenn-die-birne-leuchtet-lernen-wir-nicht-besser-ein-profihirn-zeigt-wenig-aktivit-t/ (09-08-08)

Die Entwicklung des strategischen Gedächtnisses im Laufe der Grundschulzeit

Quellen:

Hünnerkopf, M., Kron-Sperl, V. & Schneider, W. (2009). Die Entwicklung des strategischen Gedächtnisses im Laufe der Grundschulzeit. Zusammenfassende Ergebnisse der Würzburger Längsschnittstudie. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 41 (1), S. 1 – 11.

Der Artikel fasst die Längsschnittstudie des Instituts für Psychologie der Universität Würzburg zum Thema Gedächtnisentwicklung in Bezug auf strategisches Verhalten zusammen. Die Ergebnisse der Untersuchungen bestätigen, dass sich die Aneignung und Verwendung von Organisations- und Wiederholungsstrategien bei Grundschulkindern mit ansteigendem Alter erhöhen. Die Studie beweist weiters die Effektivität des multiplen Strategieeinsatzen in Hinblick auf die Abrufleistung.

Ergebnisse der Studie

Die Längsschnittstudie, durchgeführt zwischen 2001 und 2005 bei 102 Kindern im letzten Kindergartenjahr bis zum Ende der vierten Grundschulklasse erhebt den Anstieg des strategischen Verhaltens im Laufe der Grundschulzeit. Bei insgesamt neun Messungen im Abstand von 6 Monaten wurde die Gedächtnisentwicklung im Bereich der Organisationsstrategie- und der Wiederholungsstrategieentwicklung aufgezeigt (vgl. Hünnerkopf, Kron-Sperl & Schneider, 2009, S. 1f).  

Des Weiteren wurden der Alterszeitpunkt und die Art des Strategieerwerbs erhoben. Bei der Sort-Recall-Aufgabe, der Aufgabe zur Ermittlung der Sortier- und Clusterstrategie, wurde belegt, dass mit dem Alter der Grundschulkinder die Fähigkeit zur Anwendung von strategischem Verhalten steigt und zugleich der Anteil der Kinder, die das strategische Verhalten nach einmaligem Einsatz wieder verlieren, sinkt. Das strategische Verhalten beim Sortieren und Clustern wurde getestet, indem den Kindern Bildkärtchen mit Namen und Bildern von Gegenständen, die sich in Vierergruppen sortieren ließen, vorgelegt wurden. Aufgabe der Kinder war das Wiedergeben der Objekte nach einer kurzen individuellen Einprägungsphase (vgl. Hünnerkopf et al. 2009, S. 6f).

Bei der Untersuchung der Wiederholungsstrategie, getestet durch die Serial Learning-Free-Recall-Aufgabe, zeigt sich ein ähnliches Bild. Mit zunehmendem Alter fällt die Zahl der strategielosen Kinder und steigt der Anteil derjenigen mit kumulativer Wiederholungsfähigkeit. Die Serial Learning-Free-Recall-Aufgabe beinhaltet das Aufnehmen und spätere Wiedergeben von nicht kategorisierbaren Begriffen. Den Kindern wurde dabei nahe gelegt die Technik das „overt rehearsal“ (Rundus & Atkinson zit. nach Hünnerkopf et al. 1970), d.h. laut zu lernen, anzuwenden (vgl. Hünnerkopf et al. 2009, S. 7).

Interessant ist das Ergebnis im Bezug auf die Art des Strategieerwerbs. Die Sort-Recall-Aufgabe zeigt einen hohen Anteil an Kindern mit sprunghaftem Strategieerwerb. Bei der Serial Learning-Free-Recall-Aufgabe gibt es hingegen kaum Abweichungen zwischen dem sprunghaften und dem graduellen Erwerb. Bei beiden Aufgaben ist der Anteil der dauerhaft unstrategischen Kinder höher als der der dauerhaft strategischen (vgl. Hünnerkopf et al. 2009, S. 8).

Die genauere Betrachtung der Längsschnittstudie zeigt folgende Ergebnisse. Knapp 85 % der getesteten Kinder im letzten Grundschuljahr verwenden Strategien. Davon zeigen 47,2 % ein strategisches Verhalten in einem Bereich und bei 37,1 % wurde eine multiple Strategieanwendung ermittelt. Die Kombination der beiden Strategien erweist sich als effektiv im Bezug auf die Abrufleistung und dem strategiespezifischen Wissen(vgl. Hünnerkopf et al. 2009, S. 8f).

Resumée

Studien zur Gedächtnisentwicklung bei Kindern werden bereits seit langem betrieben. Die Münchner LOGIK-Studie (Longitudinalstudie zur Genese individueller Kompetenzen) ist eine der wenigen Längsschnittstudien zur Strategieentwicklung bei Kindern. Die Würzburger Studie knüpft mit ihren Erhebungen und Ergebnissen an die LOGIK-Studie an und versucht zugleich deren Kritikpunkte zu beachten. Zusätzlich konnten anhand der Würzburger Studie zahlreiche neue Informationen über die strategische Gedächtnisentwicklung gewonnen werden. Nichtsdestotrotz besteht laut den Autoren weiterhin Forschungsbedarf im Bereich der Entwicklung des strategischen Verhaltens, vor allem in Bezug auf den multiplen Strategiegebrauch (vgl. Hünnerkopf et al. 2009, S. 9f).



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